{"id":9587,"date":"2009-10-01T00:00:51","date_gmt":"2009-09-30T22:00:51","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9587"},"modified":"2022-07-26T14:14:40","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:40","slug":"anleitung-zur-selbstermachtigung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/10\/anleitung-zur-selbstermachtigung\/","title":{"rendered":"Anleitung zur Selbsterm\u00e4chtigung"},"content":{"rendered":"<p>Wahrscheinlich ist die Debatte um die anarchistische Antip\u00e4dagogik deshalb nicht sehr weit \u00fcber die 1980er Jahre hinaus gekommen: Sie konnte das Dilemma nicht l\u00f6sen, das darin besteht, niemandem etwas vorschreiben und gleichzeitig anderen die eigenen politischen Vorstellungen vermitteln zu wollen. Weg und Ziel sollten sich nicht widersprechen und blockierten sich so gegenseitig.<\/p>\n<p>Von dieser Blockade handelt auch das Buch von Nora Sternfeld. Zwar geht es darin nicht um Anarchismus, aber das problematische Verh\u00e4ltnis von P\u00e4dagogik und Politik trieb schlie\u00dflich auch andere um.<\/p>\n<p>Zum Beispiel den kommunistischen Kulturtheoretiker und Parteivordenker Antonio Gramsci und die franz\u00f6sischen Philosophen Michel Foucault und Jacques Ranci\u00e8re.<\/p>\n<p>Dieses etwas ungew\u00f6hnliche, da ziemlich unterschiedlichen theoretischen Str\u00f6mungen zugeh\u00f6rige Dreigestirn macht Sternfeld zu ihrer eigenen philosophisch-p\u00e4dagogisch-politischen Triangel. Es geht ihr um eine &#8222;politische Theorie als P\u00e4dagogik, eine p\u00e4dagogische Politik als Theorie und eine theoretische P\u00e4dagogik als Politik&#8220;. Was hei\u00dft das? Ranci\u00e8re lehnt die Verbindung von P\u00e4dagogik und Politik ab, denn ihm zufolge kann das Grundproblem einer kritischen Erziehung nicht gel\u00f6st werden: Befreiender P\u00e4dagogik, das haben schon die AnarchistInnen beschrieben, kann es nur um Selbsterm\u00e4chtigung gehen, aber eine Anleitung zur Selbsterm\u00e4chtigung kann es nicht geben. Sie ist ein Widerspruch in sich. Sternfeld l\u00e4sst Ranci\u00e8re &#8211; und damit auch dem Anarchismus &#8211; diese Aussichtslosigkeit aber nicht durchgehen.<\/p>\n<p>Da kommt Gramsci ins Spiel: Was schon Ranci\u00e8re festgestellt hatte, dass Lernen und Lehren immer ein Wechselverh\u00e4ltnis ist, dass also auch die Lehrenden lernen, macht der um kulturelle Hegemonie besorgte Kommunist zum Programm.<\/p>\n<p>Selbstentfaltung kann sich demnach nicht individuell, sondern nur in einem kollektiven Prozess vollziehen.<\/p>\n<p>Damit sind die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse gemeint, und damit ist auch ein prinzipieller Unterschied zwischen &#8222;linker&#8220; und &#8222;rechter&#8220; P\u00e4dagogik genannt: Es geht nicht nur um den Austausch der einzufl\u00f6\u00dfenden Inhalte, sondern um eine Form des Austausches selbst, um ein gleichberechtigtes Verh\u00e4ltnis zwischen Lehrenden und Lernenden, F\u00fchrenden und Gef\u00fchrten.<\/p>\n<p>Diese Gleichberechtigung &#8211; und das ist der Einsatz Michel Foucaults &#8211; muss erst hergestellt werden. Sie ist nicht schon immer da, als prinzipielle &#8222;Gleichheit&#8220; (Ranci\u00e8re) oder als Effekt des &#8222;Alltagsverstandes&#8220; (Gramsci). Da Foucault bekanntlich auch die Vorstellung des autonomen Subjekts in Frage stellt, die sowohl Ausgangspunkt (LehrerIn) als auch Ziel (Sch\u00fclerIn) aufkl\u00e4rerischer Bildung ist, ergibt sich laut Sternfeld eine interessante Konstellation: Gehe man von dieser radikalen In Frage Stellung des Subjekts aus, &#8222;dann durchziehen Regierungsdiskurse Lehrende gleicherma\u00dfen wie Lernende, dann k\u00f6nnen Widerstand und Ver\u00e4nderung \u00fcberall im Klassenraum entstehen&#8220;.<\/p>\n<p>So wie die P\u00e4dagogik seit mehr als zweihundert Jahren zwischen Normierung und Repression auf der einen und Kritik und Erm\u00e4chtigung auf der anderen Seite hin und her pendelt, so k\u00f6nnen jedenfalls die Lehrenden nicht mehr nur als ExekutorInnen des Status Quo interpretiert werden.<\/p>\n<p>Aber mehr noch: Das Verh\u00e4ltnis zwischen Lehrenden und Lernenden selbst &#8211; ob die einen nun als diejenigen imaginiert werden, die das Wissen haben, das die anderen brauchen, oder ob sie als sich gegenseitig Austauschende vorgestellt werden &#8211; m\u00fcsse hinterfragt werden. Stattdessen: Ein Unverh\u00e4ltnis.<\/p>\n<p>Dessen Beschreibung allerdings f\u00e4llt in Sternfelds letztem Kapitel etwas knapp aus.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr ist das &#8222;Unverh\u00e4ltnis&#8220; der Faden, der sich durch den gesamten \u00dcberblick \u00fcber die Diskussionen um P\u00e4dagogik und Gesellschaftskritik zieht, dezent, kaum sichtbar, aber dennoch so gerade gezogen, wie es sich mit einem Faden eben machen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Bei Ranci\u00e8re gibt es den Begriff des &#8222;Unvernehmens&#8220; im Gegensatz zum Einvernehmen.<\/p>\n<p>Das Unvernehmen sprengt die einvernehmliche Verteilung von Ressourcen zwischen Besitzenden auf, es bringt die Anspr\u00fcche derer zur Geltung, deren Stimmen bislang nicht geh\u00f6rt oder nur als Rauschen wahrgenommen wurden. Auf einen solchen Bruch l\u00e4uft wohl auch das Unverh\u00e4ltnis hinaus.<\/p>\n<p>Nicht nur die Frage, wer wem Wissen und Werte vermittelt, sondern ihre Produktionsverh\u00e4ltnisse selbst stehen auf dem Spiel.<\/p>\n<p>Sternfelds Buch geh\u00f6rt so gesehen nicht blo\u00df unbedingt in die B\u00fccherregale der Philosophischen Fakult\u00e4ten auf der einen und jener der Freien Schulen und Kinderl\u00e4den auf der anderen Seite. Auch die anarchistische Debatte k\u00f6nnte es wieder in Schwung bringen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wahrscheinlich ist die Debatte um die anarchistische Antip\u00e4dagogik deshalb nicht sehr weit \u00fcber die 1980er Jahre hinaus gekommen: Sie konnte das Dilemma nicht l\u00f6sen, das darin besteht, niemandem etwas vorschreiben und gleichzeitig anderen die eigenen politischen Vorstellungen vermitteln zu wollen. Weg und Ziel sollten sich nicht widersprechen und blockierten sich so gegenseitig. 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