{"id":9589,"date":"2009-10-01T00:00:27","date_gmt":"2009-09-30T22:00:27","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9589"},"modified":"2022-07-26T14:14:40","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:40","slug":"seit-30-jahren-fur-arbeiterinnen-uninteressant-fau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/10\/seit-30-jahren-fur-arbeiterinnen-uninteressant-fau\/","title":{"rendered":"Seit 30 Jahren: F\u00fcr ArbeiterInnen Uninteressant (FAU)?"},"content":{"rendered":"<p>Nach der Bundestagswahl wird die neue Regierung uns noch viel ungehemmter als vorher wegnehmen, was sie bisher Banken und Konzernen gegeben hat. Die Drangsalierung von Erwerbslosen und abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten wird ebenfalls deutlich zunehmen.<\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnen Erfahrungen bisheriger betrieblicher K\u00e4mpfe weitergegeben und Mut, Entschlossenheit und Zuversicht den verzagten bundesdeutschen DurchschnittsarbeitnehmerInnen vermittelt werden?<\/p>\n<p>Dies ist eine Mammutaufgabe, an der sich in der Vergangenheit schon unz\u00e4hlige sozialistische Gruppen die Z\u00e4hne ausgebissen haben. Welche Impulse k\u00f6nnte die kleine anarchosyndikalistische Freie ArbeiterInnen Union (FAU) da geben?<\/p>\n<p>Die erstaunlich vielf\u00e4ltigen Aktivit\u00e4ten der FAU werden in dem ansprechend gestalteten Buch von verschiedenen AutorInnen detailliert und durch mehrere hundert Fotos und Abbildungen sehr anschaulich dargestellt.<\/p>\n<p>Hierzu geh\u00f6ren zuallererst die betrieblichen und sozialen Auseinandersetzungen, in denen die FAU eine Rolle gespielt hat.<\/p>\n<p>Die Mitarbeit in Libert\u00e4ren Zentren, Kultureinrichtungen und Zeitungen, internationaler Solidarit\u00e4tsarbeit und Vernetzungsaktivit\u00e4ten, Boykottkampagnen und Interventionen bei verschiedenen Demonstrationen der Linken werden ausf\u00fchrlich gew\u00fcrdigt. Auch die Darstellung der einzelnen Etappen des Organisationsaufbaus gew\u00e4hrt einen interessanten Einblick in die Arbeitsweise der FAU.<\/p>\n<p>Die Geschichte des Anarchosyndikalismus in Deutschland seit 1878 wird in einem eigenen Kapitel skizziert.<\/p>\n<p>In einer autorit\u00e4tsfixierten, mehrheitlich recht unterw\u00fcrfigen ArbeiterInnen-&#8222;Bewegung&#8220; haben es rebellische BasisgewerkschaftlerInnen zwangsl\u00e4ufig schwer.<\/p>\n<p>Hinzu kommt, dass die FAU bei einigen Anarchos immer wieder als Ersatz f\u00fcr eine anarchistische F\u00f6deration herhalten musste.<\/p>\n<p>Die Betriebsarbeit kam deswegen besonders in der Anfangsphase manchmal zu kurz. Die unz\u00e4hligen Probleme bei der Organisierung der Gegenwehr, das wird in dem Buch an vielen Stellen deutlich, f\u00fchren oft zu einer gewissen Verbissenheit der FAU-AkteurInnen w\u00e4hrend der Auseinandersetzungen.<\/p>\n<p>Das Buch beschreibt oft recht deutlich, dass innerorganisatorische, kleinkarierte Erbsenz\u00e4hlerei und Ellenbogenmentalit\u00e4t zwischen verschiedenen Fraktionen und Personen nicht nur im vielgeschm\u00e4hten DGB vorkommen. Insofern ist es stellenweise sehr ehrlich. Wom\u00f6glich unfreiwillig, weil einigen BeitragschreiberInnen die grunds\u00e4tzliche Untragbarkeit derartiger Verhaltensweisen kaum bewusst zu sein scheint.<\/p>\n<p>Die FAU konnte in den bisher 32 Jahren ihrer Existenz nur bei wenigen sozialen Konflikten zeitlich und \u00f6rtlich begrenzte Kontakte zu bewussteren Teilen der ArbeiterInnenschaft aufbauen. Sie war ebenfalls nicht in der Lage, in nennenswertem Umfang kritische DGB-Mitglieder oder unabh\u00e4ngige Basisgruppen in ihre Organisation zu integrieren. Eine Ursache war sicher auch der ruppige Umgangston im Umfeld der FAU, der in dem Buch an mehreren Stellen konkret benannt wird. Die vollmundige, besserwisserische Verbalradikalit\u00e4t einiger Mitglieder, die stellenweise das Buch durchzieht, kommt bei vielen Menschen nicht gut an und wirkt absto\u00dfend.<\/p>\n<p>Auff\u00e4llig ist, dass die FAU kaum in den klassischen Gro\u00dfbetrieben (Ausnahmen gab es in K\u00f6ln und Duisburg), sondern eher in Bereichen wie z.B. Biobranche, Alternativbetrieben, Uni und Gastst\u00e4tten verankert war.<\/p>\n<p>Die ausf\u00fchrliche Darstellung der Zerw\u00fcrfnisse und Fehden im Bereich internationaler Beziehungen zur internationalen Dachorganisation IAA zeigt, dass sich viele innerhalb der FAU lange von dem Agieren verschiedener engstirniger Revolutionsw\u00e4chterInnen beeindrucken lie\u00dfen und sich nur langsam undogmatischeren internationalen Kooperationsformen \u00f6ffneten.<\/p>\n<p>Dieses Grund\u00fcbel scheint mir schon in der Gr\u00fcndungszeit der FAU ab 1977 angelegt zu sein. Genau in jener Zeit, in der das gro\u00dfe Vorbild CNT in Spanien nach einem euphorischen Neuaufschwung (besser: Strohfeuer) den Gro\u00dfteil ihrer Anh\u00e4ngerInnen in k\u00fcrzester Zeit wieder verlor, hingen in der BRD die anarchistischen AktivistInnen an den Lippen ihrer noch in abgehobenen Revolutionsphantasien schwelgenden CNT-GenossInnen.<\/p>\n<p>Diese fr\u00fche Pr\u00e4gung hat ihnen den Zugang zur kritischen Gewerkschaftsbewegung am Rande oder au\u00dferhalb des DGB in Deutschland erschwert.<\/p>\n<p>Das eine gute Dutzend der beschriebenen Arbeitskonflikte mit FAU-Beteiligung stellte in der bundesrepublikanischen Wirklichkeit w\u00e4hrend dieser 30 Jahre die Ausnahme dar. Zwar hatte die FAU im Wesentlichen die von Rudolf Rocker ausgearbeitete Prinzipienerkl\u00e4rung der alten FAUD \u00fcbernommen, doch das der Erkl\u00e4rung zugrunde liegende selbstkritische Reflexionsverm\u00f6gen blieb in der Praxis der FAU offensichtlich etwas unterentwickelt.<\/p>\n<p>Die obskuren &#8222;ML&#8220;-Abspaltungen von der FAU waren im Vergleich mit dem Original nicht so sonderlich verschroben und abwegig, wie es das Buch Glauben machen will. Sie waren Fleisch vom Fleische. Eine Verwechslungsgefahr bestand tats\u00e4chlich.<\/p>\n<p>Wenn die FAU heute, nach 30 Jahren nicht mehr 57 Mitglieder wie im Gr\u00fcndungsjahr, sondern, sagen wir mal, 257 h\u00e4tte, w\u00e4re das angesichts vieler Millionen unter Druck stehender ArbeitnehmerInnen und Erwerbsloser ein Erfolg? Die im Gefolge der Hartz IV-Gesetze aufkommenden Montagsdemonstrationen er\u00f6ffneten gro\u00dfe Chancen, die nur unzureichend genutzt wurden. An dem Abflauen der Mobilisierungen waren &#8222;nicht zuletzt&#8220; verschiedene &#8222;linke Parteien schuld&#8220;, die &#8222;die Reste der Bewegung unter Kontrolle&#8220; bekommen wollten, steht im Text. Warum haben in vielen St\u00e4dten die AktivistInnen gegen Hartz IV und Sozialraub oft lieber die WASG aufgebaut, anstatt sich der FAU anzuschlie\u00dfen? Diese wichtige Frage wird nicht ernsthaft er\u00f6rtert.<\/p>\n<p>Im Anhang befinden sich noch einige einf\u00fchlsame Portraits von ehemaligen FAUD-Mitgliedern, von denen insbesondere der vielseitig interessierte Hans Spaltenstein hervorzuheben ist, der &#8222;gro\u00dfsprecherischen Verbalradikalismus&#8220; ablehnte und damit die neue FAU in Hannover mitpr\u00e4gte. Es geht also auch anders.<\/p>\n<p>Dieses Buch l\u00e4sst nach seiner Lekt\u00fcre zwei grunds\u00e4tzlich verschiedene Sichtweisen und Schlussfolgerungen zu. F\u00fcr die einen ist es eine beachtliche Erfolgsbilanz einer kleinen Gewerkschaftsgruppierung.<\/p>\n<p>F\u00fcr die anderen liefert es gen\u00fcgend Begr\u00fcndungen, sich im Gewerkschaftsbereich doch (wo)anders zu organisieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach der Bundestagswahl wird die neue Regierung uns noch viel ungehemmter als vorher wegnehmen, was sie bisher Banken und Konzernen gegeben hat. Die Drangsalierung von Erwerbslosen und abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten wird ebenfalls deutlich zunehmen. Wie k\u00f6nnen Erfahrungen bisheriger betrieblicher K\u00e4mpfe weitergegeben und Mut, Entschlossenheit und Zuversicht den verzagten bundesdeutschen DurchschnittsarbeitnehmerInnen vermittelt werden? 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