{"id":9592,"date":"2009-10-01T00:00:11","date_gmt":"2009-09-30T22:00:11","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9592"},"modified":"2022-07-26T14:24:09","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:09","slug":"vom-massada-komplex-zum-samson-syndrom","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/10\/vom-massada-komplex-zum-samson-syndrom\/","title":{"rendered":"Vom Massada-Komplex zum Samson-Syndrom"},"content":{"rendered":"<p>Nachdem die 60-Jahr-Feiern des Staates Israel vor\u00fcber sind und                 der j\u00fcdische Staat mittlerweile bereits 61 geworden ist, bekommt                 man Moshe Zuckermanns Gedanken hierzu und seine Theorie von der                 Genesis einer politischen Krise des Zionismus nachgereicht. <\/p>\n<p>Diese Krise tritt in verschiedenen Aspekten zu Tage, stellt Israel                 jedoch nun, wie Zuckermann es nennt, vor eine &#8222;historische Weggabelung&#8220;.                 Israel m\u00fcsse sich entscheiden, die Gebiete, die es im Krieg von                 1967 erobert und besetzt hat, mit all seinen Siedlungen zu r\u00e4umen                 oder die Besatzung fortzuf\u00fchren &#8211; das sind die zwei Optionen,                 die Zuckermann sieht. <\/p>\n<p>Geschieht ersteres, ist ein veritabler B\u00fcrgerkrieg zwischen der                 Armee und tausenden radikalen j\u00fcdischen SiedlerInnen, der all                 die Konfliktlinien in der so heterogenen und labilen israelischen                 Gesellschaft aufbrechen lie\u00dfe, zu bef\u00fcrchten, denn eine eventuelle                 R\u00e4umung der Westbank ist in vielerlei Hinsicht mit jener des Gazastreifens                 2005 nicht vergleichbar. <\/p>\n<p>Entscheidet sich die israelische Regierung gegen eine solche                 R\u00e4umung und setzt die Besatzung und den Siedlungsbau fort &#8211; schiebt                 eine echte Zwei-Staaten-L\u00f6sung also weiter auf -, so werden auf                 lange Sicht die Mehrheitsverh\u00e4ltnisse in dem von Israel kontrollierten                 Gebiet kippen, eine nicht-j\u00fcdische Mehrheit und binationale Strukturen                 entstehen, was nicht weniger als das Ende des zionistischen Traums                 bedeuten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Wie man sieht, sind beide Optionen f\u00fcr Israel nicht einladend.                 Viele argumentieren hierbei, dass deshalb in der Westbank die                 Barriere gebaut wird, um sich vor diesen Entscheidungen zu dr\u00fccken                 und eine dritte Option zu erm\u00f6glichen, was Moshe Zuckermann in                 seinem Buch leider nicht diskutiert.<\/p>\n<p>Der Autor hat zu einer F\u00fclle von Themen seine Gedanken niedergeschrieben,                 die in kurz gehaltenen Kapiteln abgehandelt werden. Zum Beispiel                 diskutiert er die ambivalente Haltung der zionistischen Bewegung                 zur Diaspora und dem Judentum als Religion inklusive einem eigenen                 Teil zu den sich daraus herleitenden Sprachdisputen &#8211; Jiddisch                 versus Hebr\u00e4isch. <\/p>\n<p>Spannend sind viele seiner \u00dcberlegungen zum Antisemitismus, der                 Rezeption der <i>Shoah<\/i> in Israel und das damit einhergehende                 Sicherheitsbed\u00fcrfnis.<\/p>\n<p>Hier sieht er eine &#8222;permanente Selbstvergewisserung <i>ex negativo<\/i>&#8222;,                 welche sich &#8222;in vielen anderen Bereichen der innergesellschaftlichen                 Konsolidierung Israels nachweisen [l\u00e4sst], allen voran in der                 prononciert ideologischen Funktion, die \u201aSicherheit&#8216; in der politischen                 Kultur des Landes mittlerweile erf\u00fcllt: Da die israelische Gesellschaft                 von gro\u00dfen Konflikten, Gegens\u00e4tzen, Widerspr\u00fcchen und Zerrissenheiten                 gebeutelt ist, wird ihre Koh\u00e4sion durch die immerfort pr\u00e4sente                 Bedrohung von au\u00dfen garantiert.&#8220; (S. 28f.)<\/p>\n<p>Bei der Auseinandersetzung mit den Thesen mancher PolitikerInnen                 und antideutscher TheoretikerInnen zum Antisemitismus schreibt                 er sich schon fast in Rage: &#8222;Was aber hat die Pogromnacht von                 1938 [&#8230;] mit dem heutigen Antisemitismus zu tun? Will man allen                 Ernstes behaupten, es bestehe eine von der \u201aReichskristallnacht&#8216;                 \u00fcber Auschwitz bis zum Antisemitismus heutiger Couleur f\u00fchrende                 lineare Verbindung? Will man wirklich suggerieren, die Verbrennung                 israelischer Fahnen durch Hamas- und Hisbollah-Anh\u00e4nger lie\u00dfe                 sich auch nur entfernt mit den Exzessen vom November 1938 vergleichen?<\/p>\n<p>Wei\u00df man in Deutschland wirklich nicht, da\u00df der Rassenantisemitismus                 der NS-Faschisten, der in Deutschland fortwesende Antisemitismus                 im Jahre 2008 und der (eventuell auch antisemitisch durchsetzte)                 Antizionismus der Hamas und der Hisbollah aus grundverschiedenen                 historischen Konstellationen und Kontexten erwachsen sind? <\/p>\n<p>Ist man mit der Banalisierung von Auschwitz [&#8230;] inzwischen                 schon so weit, da\u00df der aktionistische Politfurz einer Verbrennung                 der (israelischen) Nationalfahne zum Kriterium gedenkender Geschichtserinnerung                 erhoben wird, welches sogar in eine staatsoffizielle Resolution                 gegen Antisemitismus Eingang finden soll?&#8220; (S. 160f.) <\/p>\n<p>Behandelt wird auch die so oft gestellte Frage, was denn aus                 den Kibbuzim geworden sei.<\/p>\n<p>Zuckermanns Fazit hierzu ist ern\u00fcchternd, denn von den sozialistischen                 Idealen ist kaum noch was auszumachen und er schlie\u00dft mit der                 Bemerkung, dass &#8222;in sp\u00e4testens einem Jahrzehnt [&#8230;] dieser ehemals                 verhei\u00dfungsvollste Versuch im 20. Jahrhundert, sozialutopische                 Emanzipation historische Wirklichkeit werden zu lassen, endg\u00fcltig                 Geschichte geworden sein [d\u00fcrfte]&#8220;. (S. 91)<\/p>\n<p>Das Buch ist keine Lekt\u00fcre \u201af\u00fcr Zwischendurch&#8216;, sondern bewegt                 sich sprachlich und inhaltlich auf einem sehr hohen Niveau. Die                 kompliziert und fein s\u00e4uberlich ausformulierten, mit vielen Fremdw\u00f6rtern                 versetzten und manchmal endlos scheinenden Schachtels\u00e4tze sind                 nicht immer leicht zu verstehen.<\/p>\n<p>Neben den hier angerissenen inhaltlichen Stationen gibt es im                 Buch noch eine F\u00fclle weiterer Themen, denen sich Zuckermann manchmal                 ganz spezifisch &#8211; wenn er z.B. Zeitungsanzeigen w\u00e4hrend der Zweiten                 Intifada analysiert &#8211; n\u00e4hert.<\/p>\n<p>Besonders f\u00fcr eine deutsche LeserInnenschaft ist interessant,                 dass er mehrmals auf den deutschen Diskurs und die Rolle Deutschlands                 im gesamten Konflikt eingeht.<\/p>\n<p>Moshe Zuckermann behauptet mit seinem neuen Buch erneut seine                 Stellung als einer der gewichtigsten und lesenswertesten nonkonformistischen                 Intellektuellen Israels.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem die 60-Jahr-Feiern des Staates Israel vor\u00fcber sind und der j\u00fcdische Staat mittlerweile bereits 61 geworden ist, bekommt man Moshe Zuckermanns Gedanken hierzu und seine Theorie von der Genesis einer politischen Krise des Zionismus nachgereicht. 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