{"id":9595,"date":"2009-10-01T00:00:18","date_gmt":"2009-09-30T22:00:18","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9595"},"modified":"2022-07-26T14:14:40","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:40","slug":"schlosser-mechaniker-revolutionar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/10\/schlosser-mechaniker-revolutionar\/","title":{"rendered":"&#8222;Schlosser, Mechaniker, Revolution\u00e4r&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Ich habe durch die gro\u00dfen philosophischen Gedanken von einem Mann wie Malatesta, die pazifistisch waren, die \u00fcberzeugen wollten, erkannt, wie wichtig es ist, sich einer Autorit\u00e4t des Staates zu verweigern, um eigene Wege zu gehen.&#8220;<\/p>\n<p>So wird der Filmemacher Peter Lilienthal auf dem Backcover der &#8222;Ungeschriebenen Autobiografie&#8220; Errico Malatestas zitiert.<\/p>\n<p>Jetzt werden sich vor allem j\u00fcngere LeserInnen fragen, wer denn dieser Malatesta war. Lassen wir ihn diese Frage pers\u00f6nlich beantworten. Bei einer Gerichtsverhandlung 1884 antwortete Malatesta auf die Frage, ob er Schlosser von Beruf sei: &#8222;Schlosser, Mechaniker, Chemiker, Revolution\u00e4r, wie es euch beliebt; von allem ein wenig&#8220; (S. 31).<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich entsprach der wohl bis heute einflussreichste italienische Anarchist in keiner Weise dem Klischee des &#8222;anarchistischen Bombenlegers&#8220;, das schon zu seinen Lebzeiten (1853-1932) in den K\u00f6pfen vieler unwissender B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger spukte.<\/p>\n<p>Malatesta distanzierte sich von dem seinerzeit auch in Italien verbreiteten individuellen Terror, den kleine Teile der anarchistischen Bewegung aus\u00fcbten. Stattdessen propagierte der Theoretiker und Praktiker effektivere kollektive Kampfformen.<\/p>\n<p>Aufgewachsen als Sohn verm\u00f6gender Eltern in der italienischen Provinz Caserta, engagierte er sich schon als Jugendlicher politisch. Zum ersten Mal verhaftet wurde er 1867, als 14-J\u00e4hriger, weil er sich in einem Brief an K\u00f6nig Viktor Emanuel II. \u00fcber die Ungerechtigkeiten der Beh\u00f6rden beschwert hatte.<\/p>\n<p>Sein Medizinstudium war nur von kurzer Dauer. 1871 warf man den 18-J\u00e4hrigen wegen Teilnahme an einer Demo von der Hochschule.<\/p>\n<p>Er trat der italienischen Sektion der Internationale bei, traf 1872 erstmals den libert\u00e4ren Agitator Michail Bakunin und in den folgenden Jahren auch Pjotr Kropotkin, Rudolf Rocker, Emma Goldman und viele weitere historische Pers\u00f6nlichkeiten des Anarchismus. Malatesta widmete sein Leben der sozialen Revolution.<\/p>\n<p>Er entwickelte sich schon zu Lebzeiten zu einer Legende, nicht zuletzt weil der Agitator von der Polizei in vielen L\u00e4ndern Europas gesucht, \u00fcberwacht, verhaftet, ausgewiesen oder inhaftiert wurde.<\/p>\n<p>Als er nach Jahren im Londoner Exil zur\u00fcck nach Italien kam, war ihm der Mythos, der sich um ihn entwickelt hatte, unangenehm. W\u00e4hrend des <em>biennio rosso<\/em>, als die Begeisterung \u00fcber seine R\u00fcckkehr &#8222;wahnhafte&#8220; Ausma\u00dfe angenommen hatte, musste er selbst versuchen, dem Grenzen zu setzen, denn, &#8222;einen Menschen zu verherrlichen, ist politisch gef\u00e4hrlich und sowohl f\u00fcr den Verherrlichten wie f\u00fcr die Verherrlicher moralisch verderblich.&#8220; (S. 39)<\/p>\n<p>Malatestas Abneigung gegen\u00fcber jeglichem Personenkult fu\u00dfte darauf, dass dieser die Gem\u00fcter f\u00fcr die Erm\u00e4chtigung anderer empf\u00e4nglich macht und sie von der \u00dcbernahme eigener Verantwortung abh\u00e4lt. Das Vorhandensein eines <em>leader<\/em>, selbst eines revolution\u00e4ren, ist der erste Schritt zur Schaffung der Autorit\u00e4t. (ebd.)<\/p>\n<p>Mit Malatestas &#8222;Anarchie&#8220;-Buch, das um 1900 im englischen Exil entstanden ist, bin ich erstmals Mitte der 1980er Jahre in Ber\u00fchrung gekommen. Ein durch und durch gro\u00dfartiges Werk. Damals wurde es auch als Raubdruck des Buchs aus dem Karin Kramer Verlag f\u00fcr zwei D-Mark unter die Leute gebracht.<\/p>\n<p>Malatesta hat 1919 die erste anarchistische Tageszeitung <em>Umanit\u00e0 Nova <\/em>gegr\u00fcndet und war lange Zeit auch verantwortlicher Redakteur dieses heute noch erscheinenden Organs der italienischen AnarchistInnen.<\/p>\n<p>Er war ein bescheidener Mensch und hat nie eine Autobiographie geschrieben.<\/p>\n<p>Wie kann es also eine &#8222;ungeschriebene&#8220; Autobiografie geben?<\/p>\n<p>Die Anarchismusforscher Piero Brunello und Pietro Di Paolo haben jahrelang recherchiert, Dokumente gesichtet, Briefe, Zeitungen und B\u00fccher zusammengetragen. Im November 2003 erschien dann unter dem Titel &#8222;Autobiografia mai scritta. Ricordi (1853-1932)&#8220; ihr Buch in Italien. Seit Mai 2009 liegt es nun in deutscher \u00dcbersetzung vor.<\/p>\n<p>Die &#8222;Ungeschriebene Autobiografie&#8220; liest sich wie ein spannender Abenteuerroman. Sie ist klasse, bietet viele Neuigkeiten und \u00dcberraschungen. Die Texte Malatestas sind durchweg mitrei\u00dfend.<\/p>\n<p>Anders als an dem oben erw\u00e4hnten &#8222;Anarchie&#8220;-Klassiker, muss ich an diesem Buch aber einiges beanstanden. Die Herausgeber leiten die Originale jeweils mit einer historischen Einordnung ein, was durchaus sinnvoll ist. Zu oft wiederholen sie aber die dann im Original zu lesenden Malatesta-Passagen.<\/p>\n<p>Das ist unn\u00f6tig.<\/p>\n<p>Nervig ist auch die Froschperspektive, aus der sie allzu oft Errico Malatesta beschreiben. \u00c4u\u00dferlichkeiten, z.B. wie er sich gekleidet, dass er keinen gro\u00dfen Wert auf sein \u00c4u\u00dferes gelegt und selten in den Spiegel geguckt habe, werden penetrant wiederholt und zu sehr hervorgehoben.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re gut gewesen, h\u00e4tte der Verlag solche Nebens\u00e4chlichkeiten und Wiederholungen herausgek\u00fcrzt.<\/p>\n<p>Der Edition Nautilus ist zu danken, dass sie diese Flugschrift \u00fcber das gelebte Leben eines der sympathischsten Anarchisten herausgebracht hat.<\/p>\n<p>Zu hoffen ist, dass es nun auch hierzulande eine &#8222;Malatesta-Renaissance&#8220; geben wird, in der zum Beispiel die im Karin Kramer Verlag erschienenen, aber l\u00e4ngst vergriffenen Malatesta-B\u00fccher neu aufgelegt und die vielen noch gar nicht \u00fcbersetzten Malatesta-Schriften ins Deutsche \u00fcbersetzt werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Ich habe durch die gro\u00dfen philosophischen Gedanken von einem Mann wie Malatesta, die pazifistisch waren, die \u00fcberzeugen wollten, erkannt, wie wichtig es ist, sich einer Autorit\u00e4t des Staates zu verweigern, um eigene Wege zu gehen.&#8220; So wird der Filmemacher Peter Lilienthal auf dem Backcover der &#8222;Ungeschriebenen Autobiografie&#8220; Errico Malatestas zitiert. 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