{"id":9597,"date":"2009-10-01T00:00:28","date_gmt":"2009-09-30T22:00:28","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9597"},"modified":"2022-07-26T13:56:43","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:43","slug":"wer-lies-sich-zum-widerstand-anstiften","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/10\/wer-lies-sich-zum-widerstand-anstiften\/","title":{"rendered":"Wer lie\u00df sich zum Widerstand anstiften?"},"content":{"rendered":"<p>ADRESSAT UNBEKANNT ist erstmals 1938 als Fortsetzungsgeschichte                 im &#8222;Story Magazine&#8220; New York erschienen und 2002 in Deutschland.               <\/p>\n<p>Ich halte das Buch f\u00fcr einen wichtigen Beitrag in der Bearbeitung                 des Widerstandes im Nationalsozialismus. Es ist packend.<\/p>\n<p>Die Geschichte entsteht in einem Briefwechsel zwischen zwei erfolgreichen                 Kunsth\u00e4ndlern. Martin kehrt in den 30er Jahren nach Deutschland                 zur\u00fcck, um zun\u00e4chst eine Filiale zu er\u00f6ffnen, Max bleibt in Amerika.                 Beide Familien sind zus\u00e4tzlich durch Freundschaft und eine heimliche                 Aff\u00e4re verbunden. Sie entzweien sich. Am Ende liefert Max mit                 seinen Briefen Martin ans Messer der Faschisten.<\/p>\n<p>ADDRESS UNKNOWN (Originaltitel) war 1938 eine Anstiftung zum                 Widerstand. Wer hat die Geschichte damals gelesen und sich zu                 Herzen genommen? Der oder die schreibe mir bitte.<\/p>\n<p>Ist es nun nur trickreich, Widerstand oder sogar gewaltfreier                 Widerstand, jemanden durch unsinnige Briefe in ein falsches Licht                 zu r\u00fccken? Max setzt auf die funktionierende Zensur im Unrechtsstaat.                 Den macht er sich zum Handlanger. Es scheint zumindest berechtigt                 zu sein, auf diesem Wege ein Unrechtsregime zu perforieren. Die                 Diskussion um den Diktatorenmord findet hier auf einer anderen                 Ebene erneut statt. Sollen sich nun die Mitl\u00e4ufer gegenseitig                 ermorden? Das f\u00fchrt nicht in die gewaltfreie Gesellschaft, h\u00e4lt                 aber vielleicht die Opferzahl niedrig.<\/p>\n<p>In meinem Politikstudium besuchte ich ein Seminar zu einem Werk,                 in dem begr\u00fcndet wurde, warum die Juden sich im &#8222;Dritten Reich&#8220;                 nicht gewehrt h\u00e4tten. Das hat mich sehr ge\u00e4rgert. Ich habe das                 Buch verschenkt und den Titel vergessen.<\/p>\n<p>Heute sind viele Widerst\u00e4ndische gegen das &#8222;Dritte Reich&#8220; bekannt,                 darunter auch Juden. Dass Widerstand geleistet und erfolgreich                 geleistet wurde, wurde und wird von den Besatzungsm\u00e4chten und                 der Bundesregierung nur bedingt oder gar nicht verbreitet. Zuzugeben,                 dass Widerstand erfolgreich gewesen ist, wom\u00f6glich antiautorit\u00e4re                 Strukturen gegen das &#8222;Dritte Reich&#8220; Erfolg gehabt haben, stellt                 die Ergebnisse der Besatzer und die Notwendigkeit vom Aufbau neuer                 autorit\u00e4rer Strukturen in Frage. Also wurde alles Widerst\u00e4ndische                 verschwiegen oder verniedlicht.<\/p>\n<p>Heute scheint mir ADRESSAT UNBEKANNT hinter dem Kenntnisstand                 zur\u00fcckzubleiben. Als Schullekt\u00fcre f\u00fcr Politik w\u00fcrde ich es nicht                 gerne nehmen, weil sich eine moralische Diskussion um Fiktives                 entwickelt. Lieber n\u00e4hme ich ein historisches Beispiel. <\/p>\n<p>Als Schullekt\u00fcre f\u00fcr Literaturwissenschaft w\u00fcrde ich diese verwirrende                 und bewegende Geschichte hingegen gerne nehmen. Wir halten mit                 diesem Briefwechsel quasi die Tatwaffe in der Hand und es lohnt                 sich, das wahrzunehmen und zu analysieren. <\/p>\n<p>Der Wert des Buches bestand 1938 darin, dass die amerikanische                 \u00d6ffentlichkeit der Gedanke erreichte, dass Gegenwehr gegen die                 Nationalsozialisten m\u00f6glich und n\u00f6tig w\u00e4re. Heute ist ADRESSAT                 UNBEKANNT ein Beitrag, der das &#8222;Nicht wehren der Juden&#8220; als Mythos                 kennzeichnet, wird aber auch als eine gute Anregung f\u00fcr heutige                 Auseinandersetzungen um Rassismus gesehen.<\/p>\n<p>Es ist besser, das Vorwort erst am Schluss zu lesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ADRESSAT UNBEKANNT ist erstmals 1938 als Fortsetzungsgeschichte im &#8222;Story Magazine&#8220; New York erschienen und 2002 in Deutschland. Ich halte das Buch f\u00fcr einen wichtigen Beitrag in der Bearbeitung des Widerstandes im Nationalsozialismus. Es ist packend. Die Geschichte entsteht in einem Briefwechsel zwischen zwei erfolgreichen Kunsth\u00e4ndlern. 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