{"id":9608,"date":"2009-10-01T00:00:42","date_gmt":"2009-09-30T22:00:42","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9608"},"modified":"2022-07-26T13:05:56","modified_gmt":"2022-07-26T11:05:56","slug":"kritische-theorie-und-tierrechte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/10\/kritische-theorie-und-tierrechte\/","title":{"rendered":"Kritische Theorie und Tierrechte"},"content":{"rendered":"<p>Da seit Erscheinen von R\u00fcdiger Haudes &#8222;Anti-Speziesismus? Schmeckt                 mir nicht!&#8220;-Artikel in der GWR 340 auf den LeserInnenbriefe-Seiten                 der Graswurzelrevolution eine Diskussion um Tierausbeutung und                 Speziesismus\/Antispeziesismus tobt, sei hier zur konstruktiven                 Weiterf\u00fchrung ein bereits vor zwei Jahren erschienenes Buch empfohlen.               <\/p>\n<p>Susann Witt-Stahl ist Mitbegr\u00fcnderin der Tierrechts-Aktion-Nord                 (TAN, seit 1987), die nach 2000 besondere Erfolge mit direkten                 Aktionen im Rahmen einer Kampagne gegen Pelze erzielen konnte.                 Die von ihr in diesem Buch zusammengetragenen Beitr\u00e4ge gingen                 aus einem Kongress der TAN im Jahr 2006 hervor und wurden noch                 erg\u00e4nzt. <\/p>\n<p>Sie bewegen sich, von Ausnahmen abgesehen, auf hohem Niveau und                 zeigen, dass gro\u00dfe Teile der Tierrechtsszene weit entfernt sind                 von unreflektiertem Aktionismus und regressivem oder rechtem Denken                 &#8211; Intellektuelle wie Moshe Zuckermann wissen das. Zuckermann erinnert                 in seinem Vorwort an Horkheimers\/Adornos Fragment &#8222;Mensch und                 Tier&#8220; aus der <i>Dialektik der Aufkl\u00e4rung<\/i>, d.h. an deren Kritik                 der westlichen Anthropologie, die seit 2.000 Jahren mit der angeblichen                 Unvernunft der Tiere die Menschenw\u00fcrde beweisen wolle &#8211; ein Ausgangspunkt                 f\u00fcr viele Beitr\u00e4ge im Buch.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst n\u00e4hern sich orthodox-marxistische Ans\u00e4tze einer Theorie                 der Tierbefreiung. So findet sich u.a. ein Marx-&#8222;Kapital&#8220;-Kurs                 von Michael Sommer wieder (S. 70-97), der Tiere als eigene Kategorie                 nicht erw\u00e4hnt. Er glaubt, im Wiederholen der Dialektik des Mensch-Natur-Verh\u00e4ltnisses                 und ihrer Vermittlung mittels gesellschaftlicher, also menschlicher                 Arbeit den entscheidenden Unterschied zum b\u00fcrgerlichen (wahlweise:                 &#8222;idealistischen&#8220;, oder metaphysischen) Dualismus zwischen Mensch                 und Natur (unverbunden, dadurch ausbeutbar) gefunden zu haben.                 Das f\u00e4llt hinter die \u00f6kologische Kritik einer Affirmation der                 entfesselten Produktivkraftentwicklung bei Marx und Lenin zur\u00fcck                 (etwa bei Otto Ullrich: &#8222;Technik und Herrschaft&#8220;). <\/p>\n<p>Obwohl auf Natur- und Menschengeschichte bedacht, schlie\u00dft Sommer                 jegliche Reflexion marxistischen Denkens auf die Geschichte des                 20. Jahrhunderts, etwa die Sowjetunion und ihre unhinterfragte                 Fortsetzung von Tierausbeutung und industrieller Fleischproduktion,                 aus. Andere Beitr\u00e4ge argumentierten differenzierter und k\u00f6nnen                 als konstruktive, aber wohl minorit\u00e4re Beitr\u00e4ge aus neomarxistischer                 Sicht zu einer Theorie der Tierbefreiung betrachtet werden. <\/p>\n<p>Horkheimer, Adorno und Marcuse gelten vielen AutorInnen als eine                 Art &#8222;kopernikanische Wende&#8220; im marxistischen Denken mit Blick                 auf die Tiere, weil nun die Schattenseiten der Aufkl\u00e4rung ins                 Blickfeld r\u00fccken.<\/p>\n<p>Besonders gut gefallen hat mir Gunzelin Schmid Noerrs Beitrag                 zur Anwesenheit von Schopenhauer und seiner Mitleid-Kategorie                 in der kritischen Theorie von Horkheimer\/Adorno.<\/p>\n<p>Entgegen einer orthodox-marxistischen Unterordnung aller ethisch-moralischen                 Werte unter die Notwendigkeit der Geschichte, der gegen\u00fcber jeder                 ahistorische Wert als b\u00fcrgerlich oder metaphysisch ausgegrenzt                 und diffamiert wird, haben Horkheimer\/Adorno das &#8222;Widerspiel des                 Mitleids&#8220; der &#8222;b\u00fcrgerlichen K\u00e4lte&#8220; (S. 61) gerade entgegengesetzt.               <\/p>\n<p>Durch die Einbeziehung der Psychoanalyse entdeckte die Kritische                 Theorie die naturgeschichtliche Unterdr\u00fcckung des &#8222;inneren Tiers&#8220;,                 der Triebe im Menschen. Eingedenk der eigenen, menschlichen Naturgeschichte                 sagen Horkheimer\/Adorno deshalb, dass der herrschenden Praxis                 von Kulturindustrie, Faschismus und Wissenschaftsgl\u00e4ubigkeit nicht                 die Natur als solche gef\u00e4hrlich wird, sondern &#8222;dass Natur erinnert                 wird&#8220;. <\/p>\n<p>Interessant sind daran anschlie\u00dfende Beitr\u00e4ge im Buch, die etwa                 in Tieren einen &#8222;Kunsttrieb&#8220; (Esther Leslie &#038; Ben Watson), also                 F\u00e4higkeiten zu sch\u00f6pferischer T\u00e4tigkeit (vom Bauen eines Spinnennetzes                 bis zur Wahrnehmung von Musik) erkennen; oder die, wie die Feministin                 Mieke Roscher (S. 233-253), darauf bestehen, dass fr\u00fche Frauenbewegungen                 und ihr starkes Engagement gegen die Vivisektion (z.B. Frances                 Power Cobbe im 19. Jh.) oder der j\u00fcngere \u00d6kofeminismus nicht aus                 der Geschichte des Feminismus als &#8222;essentialistisch&#8220; verbannt                 werden d\u00fcrfen, weil sie zwar die patriarchale Setzung einer N\u00e4he                 der Frau zur Natur \u00fcbernahmen, dabei aber gleichzeitig die Natur                 als sch\u00f6pferisch neu definierten und sie und die Tiere aufwerteten                 &#8211; was der dekonstruktivistische Feminismus bis hin zu Butler v\u00f6llig                 vergisst, wodurch deren Kritik vor der Folie einer passiv verstandenen                 Natur vorgetragen wird.<\/p>\n<p>Das Buch schlie\u00dft mit zwei inspirierenden Beitr\u00e4gen zur Begr\u00fcndung                 des individuellen Widerstandsrechts von Menschen f\u00fcr Tiere (Melanie                 Bujok, S. 310-343) und einer Kritik von G\u00fcnther Rogausch (S. 344-373)                 an utilitaristischen (an der Abw\u00e4gung individuellen Nutzens\/Interesses                 orientierten) Theorien zur Tierethik von Peter Singer und Tom                 Regan, die er auf die rationalistische Rechtstheorie des Liberalen                 Jeremy Bentham zur\u00fcckf\u00fchrt und f\u00fcr die Tierbefreiung als unbrauchbar                 ablehnt: &#8222;Moral selbst ist nicht rationalisierbar. Moralische                 Ph\u00e4nomene sind nur dann moralisch, so Zygmunt Baumann, \u201awenn sie                 jeglichen Zweck\u00fcberlegungen und Gewinn-\/Verlustrechnungen vorausgehen,                 sie passen nicht ins Zweck-Mittel-Schema.&#8216;.&#8220; (S. 367) <\/p>\n<p>Am Ursprung aller Tierethik steht daher nach Rogausch der &#8222;moralische                 Impuls&#8220; f\u00fcr die Leidensf\u00e4higkeit der Kreatur. F\u00fcr mich ist das                 identisch mit dem Ma\u00dfstab der Gewaltlosigkeit, der sich ad absurdum                 f\u00fchren w\u00fcrde, wenn er nicht auch Gewalt gegen Tiere bek\u00e4mpfen                 w\u00fcrde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da seit Erscheinen von R\u00fcdiger Haudes &#8222;Anti-Speziesismus? 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