{"id":9613,"date":"2009-10-01T00:00:13","date_gmt":"2009-09-30T22:00:13","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9613"},"modified":"2022-07-26T14:24:09","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:09","slug":"ein-spanisches-geheimnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/10\/ein-spanisches-geheimnis\/","title":{"rendered":"Ein spanisches Geheimnis"},"content":{"rendered":"<p>Gro\u00dfe und machtvolle anarcho-syndikalistische Bewegungen gab                 es schlie\u00dflich auch anderswo: z.B. in Argentinien, in Frankreich,                 in Deutschland.<\/p>\n<p>Aber nur in Spanien war seit der Mitte des 19. Jahrhunderts der                 Anarchismus die dominierende Str\u00f6mung innerhalb der Arbeiterbewegung,                 und er blieb es bis zum blutigen Untergang der Republikanerinnen                 und Republikaner im Spanischen B\u00fcrgerkrieg (1936-1939).<\/p>\n<p>Es ist im Laufe der Jahre viel Tinte \u00fcber diese Frage geflossen.                 Nicht nur Anarchistinnen und Anarchisten, sondern auch weltber\u00fchmte                 Historiker wie Am\u00e9rico Castro wollten lange Zeit im Anarchismus                 so etwas wie die rebellische Substanz des &#8222;wahren Spaniers&#8220; gespiegelt                 sehen: seinen \u00fcbersteigerten Individualismus, seine unbedingte                 Freiheitsliebe und &#8211; warum nicht? &#8211; seine angeborene Gewaltt\u00e4tigkeit.               <\/p>\n<p>Die aktuelle Forschung mag von solch essentialistischen Formeln                 nicht mehr viel wissen.<\/p>\n<p>Sie weist lieber auf das (relative) Scheitern des spanischen                 Staates hin, sich im 19. Jahrhundert als soziale Ordnungsmacht                 zu etablieren und dadurch \u00e4rmere Schichten in das Projekt einer                 &#8222;nationalen Gemeinschaft&#8220; einzubinden. <\/p>\n<p>Andere sehen in der unmittelbaren Handlungsaufforderung des Anarchismus                 sein eigentliches Erfolgsgeheimnis: Das Elend in den spanischen                 Arbeitervierteln und (vor allem) auf dem Lande sei einfach zu                 gro\u00df gewesen, als dass irgendeine Ideologie h\u00e4tte verfangen k\u00f6nnen,                 die die Armen dazu aufforderte, mit dem Umsturz zu warten, bis                 die Wirtschaft einen bestimmten Entwicklungsstand erreicht habe.                 All dies ist zweifellos richtig &#8211; aber gen\u00fcgt es zur Erkl\u00e4rung                 des bemerkenswerten Siegeszugs des Anarchismus in Spanien? <\/p>\n<p>Der schottische Anarchist Stuart Christie stellt in seinem (eher                 durchwachsenen) Buch \u00fcber die <i>Federaci\u00f3n Anarquista Ib\u00e9rica<\/i>                 [&#8218;Iberische Anarchistische F\u00f6deration&#8216;] (FAI) fest: <i>&#8222;Der Anarchismus                 zog die Aufmerksamkeit eines wesentlichen Teils der spanischen                 Arbeiterbewegung auf sich, weil er Werte, Lebensweisen und soziale                 Beziehungen spiegelte und artikulierte, die an der Basis der spanischen                 Gesellschaft existierten.&#8220;<\/i> So einfach war das? In der Tat:                 So einfach <i>k\u00f6nnte<\/i> es gewesen sein&#8230;<\/p>\n<h3>Die Gemeinschaft der Armen<\/h3>\n<p>Spanien ist bis heute, vor allem in seinen zentralen und s\u00fcdlichen                 Regionen, ein hartes und unwegsames Land &#8211; &#8222;la piel del toro&#8220;                 [&#8218;Die Haut des Stieres&#8216;], wie die Spanierinnen und Spanier sagen.                 Unwirtliches Klima und extreme Armut machten es fr\u00fch n\u00f6tig, dass                 sich Menschen zusammenschlossen, um zu \u00fcberleben. Die Regeln des                 Zusammenlebens waren darauf ausgerichtet, den Fortbestand der                 Gemeinschaft zu sichern. Es entwickelte sich, mit dem britischen                 Historiker Edward P. Thompson gesprochen, eine &#8222;moralische \u00d6konomie&#8220;,                 in der zum Beispiel individuelle Bereicherung auf Kosten anderer                 ein todesw\u00fcrdiges Verbrechen sein konnte &#8211; schlicht, weil es das                 \u00dcberleben der anderen gef\u00e4hrdete. Solche Strukturen sind nichts                 typisch Spanisches, und zur Kl\u00e4rung der oben genannten Frage tr\u00e4gt                 ihre Existenz zun\u00e4chst wenig bei: In Griechenland etwa, in dem                 die Lebenssituation der Landbev\u00f6lkerung in vielem der Spaniens                 glich, blieb der Anarchismus bis ins 20. Jahrhundert hinein nur                 eine Randerscheinung.<\/p>\n<p>Dennoch bildeten diese Strukturen gleichsam den Boden, in dem                 der Anarchismus in Spanien Wurzeln schlagen konnte. Denn schon                 im 18. Jahrhundert entwickelten sich unter der armen Bev\u00f6lkerung                 kollektive Strukturen, die kaum oder gar keine Ber\u00fchrung mit der                 Staatsgewalt hatten; Notgemeinschaften, die man sich keinesfalls                 als idyllische Veranstaltungen vorstellen darf. <\/p>\n<p>Der \u00dcberlebenskampf auf dem Land blieb auch im 19. Jahrhundert                 m\u00f6rderisch &#8211; nicht zuletzt unter den Mitgliedern der Gemeinschaft                 selbst; vielleicht gerade, <i>weil<\/i> die kulturellen &#8222;Codes&#8220;,                 die das Zusammenleben der Menschen bestimmen sollten, \u00fcberlebenswichtig                 waren. Jos\u00e9 Garc\u00eda Pradas, w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs verantwortlicher                 Redakteur der Gewerkschaftszeitung <i>CNT<\/i> und 1910 in der                 Region Castilla y Le\u00f3n geboren, erinnerte sich 1973 an den &#8222;colectivismo                 agrario [&#8218;Agrarkollektivismus&#8216;], [&#8230;] <i>den ich in meinem heimatlichen                 Valle de Losa &#8211; im Norden der Provinz Burgos &#8211; gesehen habe, als                 ich ein Kind war. Mir wurde klar, dass man dort ohne diese Grundlage                 gar nicht leben konnte&#8220;<\/i>.<\/p>\n<p>Vom sich entwickelnden Nationalstaat hatten das verarmte Landproletariat                 und die an Zahl nun stetig zunehmenden Industriearbeiter in Sevilla,                 Barcelona, Valencia oder Bilbao wenig Hilfe zu erwarten &#8211; und                 das nicht allein aus mangelndem Willen. Ende des 19. Jahrhunderts                 von einem ausl\u00e4ndischen Journalisten befragt, wie weit sein Einfluss                 reiche, f\u00fchrte ein spanischer Minister ihn auf die Stra\u00dfe vor                 dem Ministerium, wies auf den Rinnstein und sagte: &#8222;Bis dorthin&#8220;.                 Die beiden einzigen landesweit funktionierenden Einrichtungen                 in Spanien waren, so der Historiker und Soziologe Santos Juli\u00e1,                 jahrzehntelang die katholische Kirche &#8211; und die Guardia Civil.                 Unter diesen Umst\u00e4nden verwundert es wenig, dass sich auch in                 den Industriest\u00e4dten der Peripherie, wie Pere Gabriel nachgewiesen                 hat, im proletarischen Milieu solidarische Strukturen entwickelten,                 die <i>neben<\/i> den staatlichen bestanden und &#8211; das Industrieproletariat                 entstammte ja zum gro\u00dfen Teil den armen l\u00e4ndlichen Regionen &#8211;                 in vielem dem <i>comunismo agrario<\/i> des S\u00fcdens glichen. <i>&#8222;Ich                 verstand sehr gut den Satz, den meine Mutter st\u00e4ndig wiederholte&#8220;<\/i>,                 erinnert sich der Anarchist Joan Ferrer: <i>&#8222;&#8218;Wenn wir, die Armen,                 uns nicht helfen, dann hilft uns niemand&#8216;.&#8220;<\/i><\/p>\n<h3>Gegenseitige Hilfe als \u00dcberlebensgrundlage<\/h3>\n<p>Die solidarische Art des Zusammenlebens setzte in keiner Weise                 ein politisches Bewusstsein voraus &#8211; geschweige denn eine sozialrevolution\u00e4re                 Gesinnung. Sie war eine t\u00e4gliche Notwendigkeit, eine Regel, an                 die man sich hielt und die bei Verst\u00f6\u00dfen Sanktionen nach sich                 ziehen konnte. Der Anarchismus best\u00e4tigte und politisierte eine                 Kultur, die seit langem Bestand hatte und zu ihrem Fortbestehen                 seiner eigentlich gar nicht bedurfte. <\/p>\n<p>Ein Erfolgsgeheimnis des Anarchismus in Spanien wird gewesen                 sein, dass er der armen Bev\u00f6lkerung gerade <i>nichts<\/i> spektakul\u00e4r                 Neues mitzuteilen hatte. Er ver\u00e4nderte und erweiterte &#8222;nur&#8220; den                 Horizont, vor dem sie ihr t\u00e4gliches Leben wahrnahm. Dass er, als                 ideologische Option, wie man so sch\u00f6n sagt, &#8222;zur rechten Zeit                 am rechten Ort war&#8220;, mag in der Tat nichts weiter gewesen sein                 als ein historischer Zufall. Die Tatsache aber, dass er sich in                 Windeseile auch und gerade in Teilen der Bev\u00f6lkerung verbreiten                 konnte, die (noch) nichts mit intellektueller Reflexion oder politischen                 Umtrieben zu schaffen hatten, l\u00e4sst sich mit blo\u00dfem Zufall nicht                 erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Die arme Bev\u00f6lkerung Spaniens erkannte die Ziele des Anarchismus                 in ihrer gelebten Praxis wieder. Warum h\u00e4tte sie &#8211; meist kaum                 gebildet und mit nur sehr begrenzten Kenntnissen \u00fcber die Zust\u00e4nde                 im \u00fcbrigen Spanien (zumal auf dem Lande) &#8211; zum Beispiel Zweifel                 daran haben sollen, dass ihr Modell des solidarischen Miteinander                 auch anderswo und in gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfstab funktionieren konnte? Es                 hatte sich in ihrer <i>comunidad<\/i> doch bew\u00e4hrt&#8230;<\/p>\n<p>Betrachtet man die Struktur des Zusammenlebens in den Arbeitervierteln                 Barcelonas oder einzelnen l\u00e4ndlichen <i>comunidades<\/i> genauer,                 so f\u00e4llt auf, wie viel von dem, was die Anarchistinnen und Anarchisten                 als revolution\u00e4re Ziele formulierten, dort &#8211; aus bitterer Not                 geboren &#8211; bereits umgesetzt wurde: Gegenseitige Hilfe, G\u00fctergemeinschaft,                 soziale Absicherung, &#8222;Verbot&#8220; von Ausbeutung und \u00fcberm\u00e4\u00dfiger Bereicherung.<\/p>\n<p>Federico Arcos, der seine Kindheit im proletarischen Barcelona                 verbrachte, erinnert sich an den Zusammenhalt seines Viertels                 im Krankheitsfall: <i>&#8222;Wenn jemand krank wurde &#8211; es gab ja weder                 Krankenversicherungen noch sonstige Hilfen &#8211; kam ein Nachbar,                 der etwas Geld gespart hatte, und legte es auf den Tisch. Es gab                 keine Vertr\u00e4ge, keine schriftlichen Vereinbarungen, nicht einmal                 einen H\u00e4ndedruck. Wenn der Kranke dann wieder zu Kr\u00e4ften kam und                 zur Arbeit gehen konnte, zahlte er das Geld zur\u00fcck, C\u00e9ntimo f\u00fcr                 C\u00e9ntimo. Das war einfach eine Sache des Prinzips und der Moral.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>Claude G. Bowers, w\u00e4hrend der II. Republik und des B\u00fcrgerkriegs                 US-Botschafter in Spanien und alles andere als ein Freund der                 Anarchisten, erz\u00e4hlt in seinen Memoiren: <i>&#8222;In S\u00fcdspanien fragte                 ich einen Freund, warum so viele anst\u00e4ndige Bauern der Region                 Anarchisten seien. &#8218;Ich glaube, ich kann es mir denken&#8216;, sagte                 er. &#8218;Diese Leute sind entsetzlich arm und ungebildet, aber freundlich                 und hilfsbereit. Wenn die Brotkiste des einen leer ist, macht                 ein Nachbar seine auf. Sie kommen aufs Freundlichste miteinander                 aus. Sie haben den Eindruck, dass, w\u00fcrde man sie nur in Frieden                 lassen, sie keinerlei Probleme h\u00e4tten. Aber die Regierung erl\u00e4\u00dft                 Gesetze, die ihnen das Fischen verbieten. Die Guardia Civil setzt                 diese Gesetze r\u00fccksichtslos durch. Andere Regierungen verbieten                 ihnen ihre Produkte, unter dem einen oder anderen Vorwand, und                 schlie\u00dflich kommen sie in ihrem einfachen Gem\u00fct zu dem Schluss,                 dass sie gl\u00fccklicher w\u00e4ren, wenn es keine Regierung g\u00e4be&#8216;.&#8220;<\/i>               <\/p>\n<h3>&#8222;Und wer erzieht die Kinder..?&#8220;<\/h3>\n<p>Selbst die Rolle der Frau unterschied sich von jener in der den                 Anarchisten so verhassten b\u00fcrgerlichen Ehe. Der Gender-Forscher                 Robert W. Connell hat darauf hingewiesen, dass durch \u00f6konomischen                 Zwang im historischen (und gegenw\u00e4rtigen) Arbeitermilieu &#8211; trotz                 eines zuzeiten aggressiv herausgestellten M\u00e4nnlichkeitsgebarens                 &#8211; faktisch mehr progressive Experimente mit Alternativen zur traditionellen                 Rollenaufteilung zwischen Mann und Frau vorgenommen wurden als                 in b\u00fcrgerlichen Familien. Connell spricht w\u00f6rtlich von <i>&#8222;<\/i>[&#8230;]                 <i>der wirtschaftlichen Logik, die gleichberechtigten Haushalten                 zugrundeliegt&#8220;<\/i>. Die in einem solchen Milieu Heranwachsenden                 machten also unter Umst\u00e4nden ganz konkrete Erfahrungen mit &#8222;starken                 Frauen&#8220; und &#8222;alternativen Erziehungsmethoden&#8220;.<\/p>\n<p>Die anarchistische Forderung (h\u00f6chst halbherzig umgesetzt) nach                 einer Emanzipation der Frau hatte f\u00fcr sie nichts Abwegiges oder                 Phantastisches. War eine Familie beispielsweise so arm, dass beide                 Elternteile arbeiten mussten, war an Kindeserziehung im &#8222;herk\u00f6mmlichen                 Sinne&#8220; nicht zu denken. Stattdessen entwickelten sich wiederum                 kollektive Strukturen: <i>&#8222;Es gab so etwas wie die universale                 Familie&#8220;<\/i>, erinnert sich Aurora Molina, ehemalige Aktivistin                 der <i>Mujeres Libres:<\/i> <i>&#8222;In den Arbeitervierteln machten                 wir es so, dass wir abwechselnd auf die Kinder aufpassten<\/i>                 [&#8230;].<i>&#8222;<\/i> <\/p>\n<p>Ironischer weise waren es w\u00e4hrend der 1970er Jahre gerade die                 alternden spanischen Anarchafeministinnen, die von Experimenten                 wie kollektiver Erziehung und Aufl\u00f6sung der Familie rein gar nichts                 wissen wollten. Die Sozialstrukturen waren in diesem Fall sogar                 fortschrittlicher als die revolution\u00e4re Ideologie. <\/p>\n<h3>Der Fluch der Solidarit\u00e4t<\/h3>\n<p>Unter diesen Umst\u00e4nden verwundert es wenig, dass das vielleicht                 schwerwiegendste Vergehen, das die anarchistische Bewegung w\u00e4hrend                 der 1930er Jahre kannte, jenes der <i>Entsolidarisierung<\/i> mit                 k\u00e4mpfenden Genossinnen und Genossen war. Sie lebte von der Solidarit\u00e4t.                 Ihre Strukturen waren auf sie angewiesen, zumindest dort, wo nicht,                 wie in den Gewerkschaftssektionen der CNT, noch andere, verbindliche                 Regeln bestanden.<\/p>\n<p>1934, w\u00e4hrend der &#8222;spanischen Oktoberrevolution&#8220;, wurde Francisco                 Ascaso, immerhin ein Drittel des ber\u00fchmten &#8222;Kleeblatts&#8220; (mit Buenaventura                 Durruti und Juan Garc\u00eda Oliver) und damals Sekret\u00e4r des katalanischen                 Regionalkomitees der CNT, aus dem Amt gejagt, weil ein von ihm                 beauftragter Bote (!) in einer Radioansprache den revolution\u00e4ren                 Streik in Asturien f\u00fcr illegitim erkl\u00e4rt hatte. Umgekehrt nutzten                 militante Gruppen (wie &#8222;Los Solidarios&#8220; [&#8218;Die Solidarischen&#8216;]                 oder &#8222;Nosotros&#8220; [&#8218;Wir&#8216;]) geschickt den &#8222;moralischen Kodex&#8220; der                 Bewegung und brachten die CNT mit gewaltt\u00e4tigen Aktionen in Zugzwang,                 die schwerste staatliche Repressionen zur Folge hatten.<\/p>\n<p>Sich einfach von diesen Gruppen zu distanzieren, kam f\u00fcr die                 Spitze der CNT nicht in Frage &#8211; auch wenn sie es gelegentlich                 vielleicht gerne getan h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Solidarit\u00e4t, ohnehin ein Grundwert der Arbeiterbewegung, war                 f\u00fcr die Anarchistinnen und Anarchisten zum konstitutiven Merkmal                 ihrer Bewegung geworden: Sie vertrauten weit mehr den individuellen                 Qualit\u00e4ten des Einzelnen als einer Organisationsstruktur, die                 Menschen zu blo\u00dfen Funktionstr\u00e4gern &#8222;herabw\u00fcrdigte&#8220; und das freiwillige                 Miteinander durch Regeln bestimmen wollte.<\/p>\n<p>Als nach dem Sieg Francos der bewaffnete Widerstand gegen das                 neue Regime zunahm, offenbarte sich dies in der Art, wie Kommunisten                 und Anarchisten ihren Kampf organisierten. Wer zum klandestinen                 Netzwerk der Kommunisten geh\u00f6rte, kannte von seinen Kontaktleuten                 in der Regel nur die Decknamen.<\/p>\n<p>Sonst wusste er, geh\u00f6rte er nicht zum eng begrenzten F\u00fchrungskreis,                 nichts. Fiel er der Polizei in die H\u00e4nde, konnte er, selbst unter                 Folter, nichts verraten. Die anarchistischen Gruppen dagegen setzten                 sich h\u00e4ufig aus Aktivistinnen und Aktivisten zusammen, die sich                 seit ihrer Kindheit kannten. Schlugen Kommunisten \u00fcber diese &#8222;Unverantwortlichkeit&#8220;                 die H\u00e4nde \u00fcber dem Kopf zusammen, pflegten die Anarchisten zu                 antworten: &#8222;Verr\u00e4tst Du einen Freund?&#8220;.<\/p>\n<p>Solidarit\u00e4t hatte f\u00fcr Anarchistinnen und Anarchisten nichts Abstraktes.                 Als politische Forderung war sie die Ausweitung ihres gelebten                 Miteinanders auf die Gesellschaft; der Wandel einer (\u00fcber)lebenswichtigen                 Notl\u00f6sung zur sozialen Utopie.<\/p>\n<p>Dass ein solcher Wandel nicht ohne weiteres m\u00f6glich ist, dass                 die Anarchistinnen und Anarchisten f\u00fcr ihr Menschenvertrauen einen                 hohen Preis bezahlen mussten und dass das Fehlen verbindlicher                 Regeln zu heillosem politischen Wirrwarr f\u00fchren konnte, braucht                 hier nicht diskutiert zu werden. Es mag allerdings sein, dass                 die Existenz kollektiver, solidarischer Strukturen &#8211; und mit ihnen                 einhergehend einer Vielzahl von kollektiven Identit\u00e4ten lange                 vor dem Aufkommen des Anarchismus &#8211; ihre Rolle dabei gespielt                 hat, dass diese, und nicht irgendeine andere Str\u00f6mung, die revolution\u00e4re                 Arbeiterbewegung in Spanien pr\u00e4gte wie nirgends sonst.^<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gro\u00dfe und machtvolle anarcho-syndikalistische Bewegungen gab es schlie\u00dflich auch anderswo: z.B. in Argentinien, in Frankreich, in Deutschland. Aber nur in Spanien war seit der Mitte des 19. Jahrhunderts der Anarchismus die dominierende Str\u00f6mung innerhalb der Arbeiterbewegung, und er blieb es bis zum blutigen Untergang der Republikanerinnen und Republikaner im Spanischen B\u00fcrgerkrieg (1936-1939). 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