{"id":9623,"date":"2009-11-01T00:00:06","date_gmt":"2009-10-31T22:00:06","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9623"},"modified":"2022-07-26T14:14:39","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:39","slug":"die-beschleunigung-der-zeit-trat-ein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/11\/die-beschleunigung-der-zeit-trat-ein\/","title":{"rendered":"&#8222;Die Beschleunigung der Zeit trat ein&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Bernd Dr\u00fccke (BD): In den 80er Jahren hat Oberstleutnant Zeiseweis von der Bezirksverwaltung Berlin eine Akte \u00fcber unseren Interviewpartner angelegt.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ich zitiere: <em>&#8222;R. <\/em>[R\u00fcddenklau]<em> ist zweifellos ein eingeschworener Feind unserer Gesellschaft, insofern ist eine Zielstellung, Straftaten gem\u00e4\u00df \u00a7\u00a7 219 oder 220 StGB nachzuweisen, ein Verniedlichen der feindlichen Grundposition des R. ; wir sollten alles unternehmen, den Staatsfeind R. zu enttarnen und zu beweisen.<\/em> <\/strong><\/p>\n<p><strong><em>R. und seines gleichen lassen sich schwer einsperren. Unser erstes Ziel sollte sein, ihn als Feind politisch unwirksam zu machen. Seine <\/em><\/strong><strong><em>Machtambitionen,<\/em><\/strong><strong> <em>Herrschsucht,<\/em><\/strong><strong> <em>Anarchistische Position,<\/em><\/strong><strong> <em>Unbeherrschtheit,<\/em><\/strong><strong> <em>Homo- oder Bisexualit\u00e4t,<\/em><\/strong><strong> <em>Desinteresse an Umweltfragen usw. <\/em><\/strong><em><strong>bieten Angriffspunkte gegen ihn.&#8220;<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Hallo Wolfgang. <\/strong><\/p>\n<p><em>Wolfgang R\u00fcddenklau (WR):<\/em> Hallo.<strong><\/strong><\/p>\n<p><strong>Bernd Dr\u00fccke (BD): Das ist ein Hammerzitat. Gefunden habe ich es im Internet, wo sich einiges zu deiner Person findet und wo du auch eine eigene Homepage &#8211; <a href=\"http:\/\/www.belfalas.de\/wolfgang.htm\">www.belfalas.de\/wolfgang.htm<\/a> &#8211; hast. Zeiseweis war kein Mitarbeiter des Verfassungsschutzes, sondern der Staatssicherheit der DDR, der Stasi. Wolfgang R\u00fcddenklau war in den 80er Jahren Redakteur der <em>Umweltbl\u00e4tter<\/em> und sp\u00e4ter des <em>telegraph<\/em>. Das waren die wichtigsten Oppositionsbl\u00e4tter in der DDR. Er ist au\u00dferdem Mitbegr\u00fcnder der Umweltbibliothek, die ein wichtiger Treffpunkt und ein Mobilisationsort der basisdemokratischen Oppositionsbewegung in der DDR war.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wolfgang, wie wurdest du zum &#8222;eingeschworenen Feind unserer Gesellschaft&#8220; und zum &#8222;Staatsfeind&#8220;?<\/strong><\/p>\n<p><em>Wolfgang R\u00fcddenklau (WR):<\/em> Das fing fr\u00fch an. Ich war Sohn eines evangelischen Pfarrers.<\/p>\n<p>Das war in der DDR dann nat\u00fcrlich der Sohn des &#8222;Staatsfeindes&#8220;, weil die Religion ja, wie Marx es sagte, das &#8222;Opium f\u00fcr das Volk&#8220; sei. So war ich die Geisel in der Schule, nachdem sich mein Vater 1961, als wir im Westen waren, entschlossen hatte, in die DDR zur\u00fcckzugehen, um seine Gemeinde nicht im Stich zu lassen. Das waren mein Bruder und ich, und mein Bruder hat da noch etwas schwerer drunter gelitten als ich. Aber ich habe es eben auch schwer genug gehabt.<\/p>\n<p>Dann kam der Zeitpunkt, wo ich, sozusagen aus meinem Leiden, aus der Situation in der Schule und dergleichen, mir etwas zurechtdenken musste.<\/p>\n<p>Das ist in den 70er Jahren gewesen, nachdem ich zum ersten Mal in der 12. Klasse bei Stasis gewesen war: Ich wurde auf der Autobahn festgenommen. Sie holten mich aus einem Westlaster heraus, mit dem ich getrampt bin. Bl\u00f6derweise hatte ich Texte von diesem verbotenen Dichter Wolf Biermann dabei. Das war wirklich eine Dummheit. Drei Tage und drei N\u00e4chte haben die mich vernommen, vom Karfreitag bis zum Ostersonntag &#8211; sehr pikant, in der Untersuchungshaft des Staatssicherheitsdienstes in Erfurt. Ein Riesending und \u00fcbel, als das Tor da zuging &#8211; so ein dumpfer, metallischer Schlag, den man h\u00f6rte, und da denkt man: &#8222;Jetzt biste drinne.&#8220;<\/p>\n<p>Das war f\u00fcr mich \u00fcbel, zugleich aber ein wichtiger Ansto\u00df. Da war dieser Stasi-Mann, der sagte: &#8222;Also wissen Sie, was Sie mir hier anbieten so an Positionen, das ist f\u00fcr mich gar nichts, da fang ich gar nicht an zu diskutieren. Das ist doch Bl\u00f6dsinn.&#8220;<\/p>\n<p>Das fand ich auch. Ich hatte zun\u00e4chst nur ein mieses Gef\u00fchl bei der ganzen Geschichte.<\/p>\n<p>Dass die Theorie in sich stimmt, das war mir schon irgendwie klar, aber irgendwo war der b\u00f6se Punkt, und das habe ich dann versucht, in den 70er Jahren herauszukriegen. Ich hatte mir in der Zeit in der Schule und danach einen b\u00f6sen \u00d6dipus zugezogen, das hei\u00dft, ich konnte mit keiner Autorit\u00e4t klarkommen und war von daher aus allen Ausbildungen herausgefallen, nicht nur als Pastorensohn, sondern auch deshalb, weil ich immer widersprechen musste. So habe ich dann in solchen Jobs gearbeitet wie Pf\u00f6rtner, Wachmann und dergleichen, wo man viel Zeit hat zum Lesen &#8211; und ich habe immer sehr darauf geachtet, dass ich einen Betrieb hatte, der eine gute Bibliothek hatte -, und mir Sachen zusammengelesen. Es war ja ziemlich viel in Giftschr\u00e4nken in der DDR Sperrliteratur, an die man schlecht herankam, aber man konnte es halt umgehen. Ich habe die ganzen Memoiren gelesen, aus dem 19. Jahrhundert sehr viel, Geschichte der deutschen Demokratie, Anarchismus, Geschichte der russischen Revolution und dergleichen mehr. Dadurch habe ich die Ausgangskenntnisse gehabt, mit denen ich in den 80er Jahren dann diese Zeitschriften machen konnte. Das war sozusagen eine exakte Vorbereitung, ohne dass ich das so genau wissen konnte.<\/p>\n<p><strong>BD: Auf deiner Homepage steht, dass du von Pjotr Kropotkin und Gustav Landauer beeinflusst warst. Gab es in der DDR \u00fcberhaupt eine M\u00f6glichkeit, an Schriften von diesen, von den Staatssozialisten als &#8222;kleinb\u00fcrgerlich pseudorevolution\u00e4r&#8220; geschm\u00e4hten Anarchisten zu kommen? Die waren praktisch als Feinde der autorit\u00e4ren Form des &#8222;Sozialismus&#8220; verp\u00f6nt.<\/strong><\/p>\n<p><em>WR:<\/em> Sie hatten Ende der 40er, Anfang der 50er Jahre eine gro\u00dfe &#8222;Ausrottungswelle&#8220; gegen die verbliebenen Anarchistinnen und Anarchisten gemacht. Und Anarchismus gab es als Ideologie, als Weltanschauung nicht mehr richtig. Von da her hielten sie das weitgehend f\u00fcr ungef\u00e4hrlich &#8211; diese B\u00fccher lagen vergessen in irgendwelchen Archiven herum. Gerade an Landauer und Kropotkin konnte man relativ gut herankommen. Erich M\u00fchsam hatten sie sogar versucht, zur eigenen Figur zu machen. Der hatte ja zum Schluss dann noch in den fr\u00fchen 30ern die KPD unterst\u00fctzt und sich da ganz f\u00fcrchterlich geirrt. Er hat immerhin seine Frau Zenzl gewarnt, auf keinen Fall nach Moskau zu gehen, aber das hat sie dann doch getan. Da war sie dann bis zum Schluss in so einer halben Gefangenschaft. Aber sie haben eben versucht, den M\u00fchsam so umzuschreiben, dass er als eine ihrer Galionsfiguren gelten konnte. Dass man es mit ihm machen konnte, ist traurig.<\/p>\n<p>Gerade Landauer und Kropotkin waren f\u00fcr mich wichtig, aber ich bin auch fasziniert gewesen von dieser deutschen Volkspartei, dem radikalen Fl\u00fcgel der deutschen Demokratie im 19. Jahrhundert, namentlich von einem gewissen Johann Jacoby &#8211; ein K\u00f6nigsberger Arzt, der zu verschiedenen Zeiten wichtige Sachen gesagt hat. Beispielsweise 1866 vor dem Norddeutschen Reichstag, dass &#8222;die Einheit eines Volkes allein kein so hoher Wert ist, dass sie um jeden Preis umgesetzt werden muss, auf keinen Fall auf Kosten der Freiheit&#8220;.<\/p>\n<p><strong>BD: Du hast dann 1986 die <em>Umweltbl\u00e4tter<\/em> und die Umweltbibliothek mit gegr\u00fcndet.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Kannst du erz\u00e4hlen, wie es dazu gekommen ist, und auch die Geschichte der <em>Umweltbl\u00e4tter<\/em> darstellen?<\/strong><\/p>\n<p><em>WR: <\/em>Das ist nicht ganz einfach. Da m\u00fcsste man die Voraussetzungen der DDR kennen. Ich merke es manchmal bei Gespr\u00e4chen mit Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern, wenn man versucht, es zu erkl\u00e4ren. Es gab in den 80er Jahren zunehmend ein paar Freir\u00e4ume, die unter anderem daher kamen, dass die evangelische Kirche mit der SED einen Vertrag gemacht hatte, der innerkirchliche Druckerlaubnis, Veranstaltungsfreiheit und dergleichen sicherte &#8211; sozusagen die einzige unabh\u00e4ngige Institution innerhalb dieses Staates und selbst f\u00fcr Ostblockverh\u00e4ltnisse eigentlich einmalig.<\/p>\n<p>Es haben dann viele aus alten Oppositionskreisen der 70er Jahre, das waren kleine illegale Zirkel gewesen, das Thema gewechselt und sich kirchlichen Friedenskreisen angeschlossen bzw. solche gegr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Wir haben das 1984 auch getan und einen Friedens- und Umweltkreis gegr\u00fcndet. Wir hatten von Anfang an vor, die beiden Themen zu verbinden, denn beide sind machtrelevant, beide h\u00e4ngen miteinander zusammen: Frieden wird gest\u00f6rt durch Macht und Umwelt wird zerst\u00f6rt durch Machtaus\u00fcbung. Wir waren dann recht aktionistisch drauf und haben unser Anliegen vor Ort immer recht gut illustrieren k\u00f6nnen. Wir sind ins Erzgebirge gefahren und haben uns diese f\u00fcr europ\u00e4ische Verh\u00e4ltnisse einmalig schlimmen Verh\u00e4ltnisse dort angeguckt &#8211; ganze W\u00e4lder, die da blo\u00df noch als so eine Art Streichholzwald standen, also blo\u00df noch die Baumruinen, die hat man gelassen, damit die Erde da nicht runter geschwemmt wird. Dann haben wir uns die Gegend um Bitterfeld mit der Chemie angeguckt &#8211; wo dann ein Freund sagte, der da sp\u00e4ter eine Firma gegr\u00fcndet hat, um das zu beseitigen, das w\u00e4ren Chemiemischungen, die man eigentlich eher auf anderen Planeten erwartet h\u00e4tte. Alles, was da in der DDR schief lief und weitgehend unbeachtet blieb, haben wir in die \u00d6ffentlichkeit gezerrt mit Diavortr\u00e4gen in kirchlichen Veranstaltungen.<\/p>\n<p>1986 mussten wir dann die Kirchengemeinde wechseln, da es ein Pfarrer geschafft hatte, uns da heraus zu treiben.<\/p>\n<p>Aber wir fanden in der Zionskirchgemeinde einen Pfarrer, den Pfarrer Simon, der sehr viel mehr bereit war, Leute machen zu lassen. Der stellte uns seine Kellerr\u00e4ume zur Verf\u00fcgung und wir haben dann ein altes Projekt der Opposition verwirklicht &#8211; die Umweltbibliothek. Das hei\u00dft, wir haben dann die B\u00fccher, die bisher in Privathaushalten verteilt waren &#8211; staats- und umweltkritische B\u00fccher, B\u00fccher zu politischen Themen, ma\u00dfgeblich aus dem Westen -, zusammengef\u00fchrt und erstmals einer kleinen \u00d6ffentlichkeit zur Verf\u00fcgung gestellt.<\/p>\n<p>Es gab den Paragraphen &#8222;Verbreitung von Schmutz- und Schundliteratur&#8220;: Es sind sehr viele Leute, die solche B\u00fccher geliehen oder verliehen haben, die solche B\u00fccher gelesen haben und dabei erwischt wurden, eingesperrt worden. Wir haben versucht, dies unter dem Schutz der evangelischen Kirche zu machen, im Keller dieses Pfarrhauses. Das ist uns gelungen. Wir haben immer auf \u00d6ffentlichkeit gebaut.<\/p>\n<p>Dann kam auch diese Zeitschrift dazu. Das hatte ich von Anfang an immer vor &#8211; eine Zeitschrift zu machen, die sich nat\u00fcrlich nicht eine solche nennen durfte. Da stand drauf: &#8222;Nur zur innerkirchlichen Information&#8220;.<\/p>\n<p>Aber durch die Aktion des Staatssicherheitsdienstes wurde das dann nach dem November 1987 DDR-weit bekannt und es wurde dann das Nachrichtenblatt der Opposition (vgl. GWR 340). Eigentlich eine ziemlich verbreitete Angelegenheit, wenn auch eine sehr kleine Auflage. Wir hatten alte Wachsmatrizenmaschinen, mit denen wir das vervielf\u00e4ltigten. Die bringen halt nicht so sehr viel.<\/p>\n<p>Andererseits kann man durch Handarbeit alles das ersetzen, was andere mit viel Geld realisieren m\u00fcssen. Es war also vergleichsweise billig einerseits, aber relativ geringe Auflagen, andererseits waren die Umweltbl\u00e4tter so begehrt, dass sie landesweit erschienen &#8211; jede Ausgabe durfte bestimmt 20 bis 40 Leserinnen und Leser gehabt haben und viele haben es dann mit Schreibmaschinen abgeschrieben, mit so und so viel Durchschl\u00e4gen, und dann weiterverbreitet. Es war erstaunlich weit verbreitet.<\/p>\n<p><strong>BD: 1986, nach Tschernobyl, habt ihr Strahlenwerte ver\u00f6ffentlicht. <\/strong><\/p>\n<p><em>WR: <\/em>Ja, wir hatten diesen Strahlentelex aus Westberlin, der regelm\u00e4\u00dfig eingeschmuggelt wurde. Wir hatten es bis 1986 nicht gewagt, das Thema Atomkraft anzupacken. Das war ein hei\u00dfes Thema, der absolute Sicherheitsbereich des Staates.<\/p>\n<p>Aber nach Tschernobyl gerieten sie mit dem R\u00fccken an die Wand und wir haben dann direkt in der Umweltbibliothek ein Seminar gemacht &#8211; &#8222;Morsche Meiler&#8220; -, wo wir alle Kenntnisse rund um Atomkraft popularisiert haben, was im Westen an Kenntnissen vorlag, was unsere eigenen Leute hatten, Alternativ-Energien und dergleichen. Das haben wir dann permanent mitgetragen in unserer Zeitschrift.<\/p>\n<p><strong>BD: Du bist gerade schon kurz auf den November 1987 eingegangen. Kann man sagen, dass das, was da passiert ist, die Zeitenwende in der DDR und in der Oppositionsbewegung eingeleitet hat?<\/strong><\/p>\n<p><em>WR:<\/em> Was die Zeitenwende eingeleitet hat, dar\u00fcber streiten sich die Gelehrten. Es war ein starker Ansto\u00df. 1987 versuchte die Staatssicherheit, uns beim Drucken einer Zeitschrift zu erwischen, die noch illegaler war als unsere, dem <em>Grenzfall<\/em>.<\/p>\n<p>Das ging dann furchtbar in die Hose: Die sind nachts bei uns eingedrungen und haben uns gl\u00fccklicherweise nicht beim Drucken des <em>Grenzfall<\/em> erwischt &#8211; weil so ein 14-J\u00e4hriger da war, den wir nicht reinziehen wollten. Wir wollten dann sp\u00e4ter damit anfangen. Damit standen sie sozusagen vor dem Nichts. Der seinerzeitige Generalstaatsanwalt der DDR, Gl\u00e4sner, meinte sp\u00e4ter nach der &#8222;Wende&#8220; in einem Artikel, es w\u00e4re &#8222;lieblos ermittelt worden&#8220;.<\/p>\n<p>Diese Zusammenstellung fand ich in der Tat erstaunlich.<\/p>\n<p>Die haben also verschiedenes einfach nicht gecheckt. Sie hatten dann zwar die Grenzfall-Maschine gefunden, hatten aber das Ersatzger\u00e4t, das dazu diente, die zum Drucken zu bringen, die Druckerschw\u00e4rzepumpe, vergessen. Die lag dann immer noch im Keller herum. Sie mussten dann feststellen, dass das Ding nicht druckf\u00e4hig ist.<\/p>\n<p>Das w\u00e4re in den fr\u00fcheren Jahren kein Problem gewesen, weil sie nie was nachweisen mussten. Sie konnten einfach immer behaupten und mussten keine R\u00fccksicht nehmen auf westliche Medienmeldungen.<\/p>\n<p>Eben das war pl\u00f6tzlich notwendig. Alle aus den Oppositionsgruppen haben sich in einer Nachtsitzung entschlossen, als wir verhaftet worden waren, auf \u00d6ffentlichkeit und Protest zu setzen und auch auf Westmedien. Es gab eine relativ gro\u00dfe Resonanz, sowohl in der DDR, wo f\u00fcr DDR-Verh\u00e4ltnisse erstaunliche Aktionen zustande kamen, meistens Mahnwachen, zum Beispiel in der Zionskirche, auch schon kleine Demonstrationen, als auch in den westlichen Medien, deren Unterst\u00fctzung wir hatten. Die fanden es unverst\u00e4ndlich, Leute sozusagen wegen B\u00fcchern oder Zeitschriften zu verhaften &#8211; sie f\u00fchlten sich dann auch ein bisschen mit ihrer Pressefreiheit angesprochen.<\/p>\n<p>Also, das lief gut und schwappte dann auch in die amerikanische Presse her\u00fcber.<\/p>\n<p>Das war der Zeitpunkt, wo Honecker nicht mehr mitkonnte. Die Sache war ohnehin in die Hose gegangen, insofern, als eben die Hauptforderung von Mielke, seit die DDR so f\u00fcrchterlich pleite ging, n\u00e4mlich westliche \u00d6ffentlichkeit zu vermeiden, nicht erreicht worden war. Und als das in die amerikanische Presse her\u00fcber schwappte, sah Honecker seinen geplanten USA-Besuch in Gefahr und hat dann pers\u00f6nlich befohlen, dass wir aus der Untersuchungshaft herausgelassen werden. Das dauerte noch ein paar Tage bzw. Wochen, ehe sie auch die Ermittlungsverfahren fallen lie\u00dfen, aber da doch immer gedroht wurde mit der Fortsetzung der Mahnwachen und das auch wohl relativ glaubw\u00fcrdig f\u00fcr sie war, haben sie, das Ministerium f\u00fcr Staatssicherheit, tats\u00e4chlich in dieser \u00d6ffentlichkeit zum ersten Mal eine f\u00fcrchterliche Niederlage einstecken m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Das war eine Show, als wir dann aus dem Stasi-Knast herauskamen: F\u00fcr die ARD sind wir vom Gemeindehaus zur Kirche gelatscht, f\u00fcr das ZDF zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Damit war sozusagen vor aller Augen, die DDR-B\u00fcrgerinnen und -B\u00fcrger guckten alle Fernsehen, klar, dass man ungebrochen da herauskommen kann, dass die keine richtig scharfen Z\u00e4hne mehr haben, dass die nicht mehr richtig zubei\u00dfen k\u00f6nnen, dass der Kaiser nackt ist.<\/p>\n<p>Das war ein gro\u00dfes Erlebnis f\u00fcr alle und eine Ermunterung f\u00fcr all das, was sp\u00e4ter passierte.<\/p>\n<p>Das System versuchte immer zur\u00fcckzuschlagen. Man merkte aber, sie waren aufgrund unterschiedlicher Gr\u00fcnde &#8211; wirtschaftliche Situation, Gorbatschow in Russland, der sich auf keinen Fall an der Niederschlagung eines Aufstands beteiligen wollte, innere L\u00e4hmung der SED &#8211; nicht in der Lage, die Terroraktionen durchzuf\u00fchren, die sie in fr\u00fcheren Jahren bei solchen Situationen f\u00fcr angemessen hielten.<\/p>\n<p>Wir haben dadurch quasi einen Freiraum bekommen, der von der \u00d6ffentlichkeit garantiert war. Wir haben dadurch die Opposition in eine gr\u00f6\u00dfere \u00d6ffentlichkeit f\u00fchren k\u00f6nnen und sozusagen Voraussetzungen f\u00fcr die &#8222;Wende&#8220; schaffen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Christoph Krebber (CK): Ich habe eine Frage zur Umwelt-Bibliothek. Ich habe gelesen, dass die Kellerr\u00e4ume nicht nur als Redaktionsb\u00fcro dienten, sondern dass dort auch K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstlern ein Freiraum geboten wurde. Ist das richtig, dass auch Skulpturen oder Bilder ausgestellt wurden?<\/strong><\/p>\n<p><em>WR: <\/em>Das geh\u00f6rte zum Konzept. Das waren dann nicht nur die Kellerr\u00e4ume, sondern das war ein Gemeinderaum in dieser Zionskirchgemeinde, da machte man dreimal in der Woche die sogenannte &#8222;UB-Galerie&#8220;. Und da gab es dann Ausstellungen von K\u00fcnstlern, ziemlich spektakul\u00e4res Zeugs, n\u00e4mlich Sachen, die staatlich unterdr\u00fcckt waren und keinen Ort fanden. Ich denke da an die Punk-Art-Ausstellung von Ingo Tatschke, wundersch\u00f6nes Zeug im Raum mit Punk-Art gef\u00fcllt, alles auf Packpapier aufgeklebt, die bizarrsten Geschichten.<\/p>\n<p>Wir haben auch Schriftstellern und Dichtern, die \u00e4hnliche Probleme hatten und keine R\u00e4ume fanden, Raum gegeben. Und die M\u00f6glichkeit, ihre Sachen vorzutragen, durchaus durchmischter Qualit\u00e4t. Das Problem ist ja, wenn in einem Staat alles verboten ist, was irgendwie staatsfeindlich ist oder zu sein scheint oder was irgendwie aus dem Rahmen herausf\u00e4llt, dann stellen sich auch alle m\u00f6glichen Hochstapler ein, die ihre Dinge dann vortragen, unter dem Vorzeichen, dass es verboten ist. Das war dann auch gelegentlich ziemlich mieses Zeug, aber oft auch wirklich gute Dinge.<\/p>\n<p><strong>CK: Das gilt dann wahrscheinlich auch f\u00fcr Musikerinnen und Musiker? Konzerte gab es auch?<\/strong><\/p>\n<p><em>WR<\/em>: Ja.<\/p>\n<p><strong>CK: \u2026 Seminare, wie du sagtest.<\/strong><\/p>\n<p><em>WR: <\/em>Damals vor allem Liedermacher, die noch nicht so vergr\u00e4tzt und unbeliebt waren wie heutzutage. Man konnte sich das durchaus anh\u00f6ren, ohne gleich mit den Augen zu rollen.<\/p>\n<p>Ich habe neulich einen Zeichentrickfilm gesehen, da bestand die H\u00f6lle daraus, dass man sich mit einem Liedermacher die Zelle teilen musste. Ich wei\u00df nicht, ob sich an den Liedermachern etwas ge\u00e4ndert hat oder an unseren Empfindungen bez\u00fcglich solcher Sachen.<\/p>\n<p><strong>BD: Die <em>Umweltbl\u00e4tter<\/em> haben eine ganz andere \u00d6ffentlichkeit, eine Gegen\u00f6ffentlichkeit hergestellt. Ihr habt schon lange vor der &#8222;Wende&#8220; \u00fcber Nazi\u00fcbergriffe auf Punks, Langhaarige und Vietnamesen in der DDR berichtet, viele Informationen verbreitet, die ansonsten nirgendwo zu finden waren.<\/strong><\/p>\n<p><em>WR: <\/em>Es war eine geradezu ideale Atmosph\u00e4re f\u00fcr einen Journalisten. Im Lande wurde unheimlich viel verschwiegen, es war viel verdeckt, aber letztlich ziemlich leicht zu entdecken.<\/p>\n<p>Wir haben das dann ver\u00f6ffentlicht, immer mit einer gewissen Vorsicht. Man musste aufpassen, dass man nicht in die Grube f\u00e4llt, dass man sozusagen den Bogen nicht \u00fcberspannt. Aber wir sind dann doch zunehmend frecher geworden und haben die unterdr\u00fcckten Nachrichten der DDR ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>Das war unser Konzept. Wir wurden sozusagen das Beschwerdebuch des Landes.<\/p>\n<p>Wir haben gar nicht soviel recherchiert, sondern bekamen die Informationen von \u00fcberall aus dem Lande her, die Leute wollten gerne, dass das und das und das ver\u00f6ffentlicht wird. Und das haben wir dann gemacht. Ein bisschen problematisch vielleicht, weil wir vieles nicht \u00fcberpr\u00fcfen konnten. Wir haben immer versucht, Probesonden zu machen. Also, das kennt man, dar\u00fcber wei\u00df man Bescheid, das ist im Bereich des Wahrscheinlichen, aber ab und zu ist es dann auch mal in die Hose gegangen.<\/p>\n<p>Das war also z.B. diese Situation, als in der &#8222;Luxemburg-Aff\u00e4re&#8220; &#8211; als Krawczyk, Klier und viele andere wegen Beteiligung an einer staatsoffiziellen Demonstration zu Rosa Luxemburg mit eigenen Transparenten verhaftet wurden &#8211; jemand die Nachricht brachte, in Templin h\u00e4tte am Stasi-Geb\u00e4ude gestanden &#8222;Freiheit f\u00fcr Krawczyk und Klier&#8220;. Und wir haben das auch ver\u00f6ffentlicht. Das stimmte aber nicht, wie sich dann zeigte. Das Bl\u00f6de war, indem wir das ver\u00f6ffentlicht haben, war das dann so, als h\u00e4tte es dran gestanden. Die DDR-Medien waren ja absolut unglaubw\u00fcrdig. Das ist ein merkw\u00fcrdiger Effekt, der mir ein schlechtes Gewissen gemacht hat, wo dann eine Mutter aus dem Erzgebirge schrieb, die <em>Umweltbl\u00e4tter<\/em> sind wie eine Mutter, und eine Mutter darf ihre Kinder nicht bel\u00fcgen.<\/p>\n<p>Das ist ein Problem, wenn man in einem zum Schweigen verurteilten Land zu den Wenigen geh\u00f6rt, die die Chance haben, die Wahrheit zu ver\u00f6ffentlichen, dann unterlaufen einem ab und zu Dinge, die peinlich sind. Man ist halt irgendwie in einer Position eines Gottes, kann und will es aber nicht sein.<\/p>\n<p><strong>BD: Wie waren eure Kontakte in den Westen? Kannst du dazu etwas sagen?<\/strong><\/p>\n<p><em>WR: <\/em>Es gab traditionell Kontakte zu verschiedenen unabh\u00e4ngigen Gruppen, die Graswurzler waren die einen. Die Gr\u00fcnen waren eine andere Gruppe, die hatten relativ viele M\u00f6glichkeiten, indem die Bundestagsabgeordneten unkontrolliert in den Osten einreisen konnten und ab und zu direkt mit Honecker verhandelten. Dadurch war ein guter Hebel geschaffen worden. Diese Kontakte waren f\u00fcr uns wichtig.<\/p>\n<p>Ab 1988 hatten wir zum Umweltzentrum M\u00fcnster Kontakt. Die kamen bei uns vorbei. Es gab Beratung und Austausch. &#8222;Wie kann man Promotion machen?&#8220;, war dann sp\u00e4ter das Thema, als wir an den Westen angeschlossen wurden. Aber vorher haben wir uns \u00fcber verschiedene, jeweils eigene, sowie gemeinsame Probleme unterhalten und ausgetauscht. Das war wichtig.<\/p>\n<p><strong>BD: In M\u00fcnster haben wir im Umweltzentrum Ende der 80er Jahre zum Beispiel den <em>Atomkraft Nein!-Kalender<\/em> produziert. Der wurde euch auch gebracht. Ich habe die <em>Umweltbl\u00e4tter<\/em> damals regelm\u00e4\u00dfig im Umweltzentrum gelesen. <em>taz<\/em>, <em>Graswurzelrevolution<\/em>, <em>Interim<\/em> und <em>Schwarzer Faden<\/em> haben Texte aus den <em>Umweltbl\u00e4ttern<\/em> nachgedruckt. Die <em>Umweltbl\u00e4tter<\/em> erm\u00f6glichten auch uns Libert\u00e4ren im Westen einen bewegungsnahen Blick auf die Realit\u00e4t in der DDR. Ihr habt sie 1989 in <em>telegraph<\/em> umbenannt. Wie ist es dazu gekommen, warum habt ihr das umbenannt, was hat sich dann entwickelt? <\/strong><\/p>\n<p><em>WR: <\/em>Na ja, der Kulturhistoriker Jakob Burckardt spricht in seinen &#8222;Weltgeschichtlichen Betrachtungen&#8220; vom Zeitalter der Revolutionen so, dass man es daran merkt, dass sich die Zeiten beschleunigen. Zuerst \u00e4ndern sich Sachen, die sich innerhalb von 20 Jahren nicht ver\u00e4ndert haben, innerhalb von Jahren, dann innerhalb eines Jahres, dann innerhalb von Monaten, schlie\u00dflich innerhalb von Tagen und Stunden. Zum Schluss sogar innerhalb von Sekunden. Genau diese Beschleunigung der Zeit trat ein.<\/p>\n<p>Noch im Sommer 1989, kann ich mich erinnern, krakelte Reinhard Schulz rum \u00fcber diejenigen, die sich einbildeten, hier herrsche eine revolution\u00e4re Situation. Aber genau das war tats\u00e4chlich eingetreten: eine revolution\u00e4re Situation. Und die brauchte ein schnelles Organ, ein relativ rasch herzustellendes und relativ schnell erscheinendes Blatt. Das war dann dieser telegraph. Das war jedenfalls die Zeitschrift, die bis in den Januar 1990 praktisch das einzige Blatt war, das weiter erschien. Wir machten weiter. Alle anderen setzten sich an irgendwelche Runden Tische und machten diese oder jene Organisation oder Partei.<\/p>\n<p>Wir empfanden es als unsere Pflicht, diese Information weiterzuf\u00fchren. Das war f\u00fcr uns die Aufgabe, fanden wir. Allerdings war das nicht besonders bequem, in einer Situation, in der alle m\u00f6glichen Leute alles m\u00f6gliche anders machten.<\/p>\n<p><strong>BD: Ihr habt den <em>telegraph<\/em> zeitweise mehrmals w\u00f6chentlich herausgebracht.<\/strong><\/p>\n<p><em>WR: <\/em>Ja, alle zwei bis drei Tage, je nach Ereignissen. Sp\u00e4ter dann jede Woche einmal, dann alle 14 Tage, dann monatlich, als sich die Welle dann zunehmend zur\u00fcckzog.<\/p>\n<p><strong>CK: Mit was f\u00fcr einer Auflage?<\/strong><\/p>\n<p><em>WR: <\/em>Ich glaube, 6.000 bis 7.000 St\u00fcck. Allerdings haben wir mehrmals nachgedruckt. Ich kann es nicht genau sagen. Die Situation kann man sich nicht vorstellen. Also, in der Gethsemane-Kirche und an anderen Orten, wo Veranstaltungen waren, wo Demonstrationen waren, wurden uns diese Dinger aus der Hand gerissen.<\/p>\n<p>Wir nahmen, glaube ich, eine Ostmark pro Exemplar. Wir bekamen dann Bescheid, in Gethsemane w\u00fcrden mehrere S\u00e4cke Geld stehen, wir sollen die endlich abholen. Das war Kleingeld, aber das war eindrucksvoll, da so ganze Plastikt\u00fcten mit Geld zu schleppen, so Riesendinger. Das war eine erstaunliche Zeit. Gustav Landauer sagt ja so sch\u00f6n, dass die Revolutionen die Tr\u00e4ume im Leben der V\u00f6lker seien, dass man eigentlich in diesen Zeiten versuchen m\u00fcsste, soviel wie m\u00f6glich zu erreichen, weil die sp\u00e4tere Zeit dann eben nur R\u00fcckschritte br\u00e4chte. Aber leider haben wir dann nicht sehr viel erreicht.<\/p>\n<p><strong>BD: Na ja, immerhin habt ihr einen Staat abgeschafft. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Obwohl der dann sozusagen annektiert wurde. Das war ja nicht das, was ihr wolltet. Ihr wolltet einen freiheitlichen Sozialismus, etwas in der Art? Oder was war eure Utopie? <\/strong><\/p>\n<p><em>WR: <\/em>Diese Diskussionen hatten praktisch erst angefangen. Wir waren in den letzten DDR-Jahren immer noch sehr durchdrungen von der Aussichtslosigkeit unseres Kampfes. Wir wollten kleine Spielr\u00e4ume schaffen, weiter ging unser Wunsch erst einmal gar nicht, soviel wie m\u00f6glich Freiheitsspielr\u00e4ume und die verteidigen, das war sozusagen unser Anliegen. Solche Diskussionen, was kann man denn tun, wenn man die M\u00f6glichkeit erh\u00e4lt, und unter welchen Bedingungen erh\u00e4lt man die M\u00f6glichkeit, das hatte gerade erst begonnen.<\/p>\n<p>Wir kamen praktisch ab der &#8222;Zions-Aff\u00e4re&#8220; 1987 nicht mehr aus den Aktionen heraus. Da kam ein Schlag nach dem anderen, da kam eine staatliche Aktion nach der anderen, eine Reaktion unsererseits darauf nach der anderen. Wir kamen praktisch nicht mehr richtig zum Diskutieren. Und als dann die Situation da war, da waren wir dann eigentlich sehr unvorbereitet.<\/p>\n<p>Weit verbreitet war die Vorstellung, dass die Enteignung der Wirtschaft an sich gar nicht so ein schlechter Vorgang war, dass man blo\u00df dazu kommen m\u00fcsste, diese staatseigenen Betriebe zu vergesellschaften, denen eine andere, eine demokratische Basis zu geben. Nur, dass diese Wirtschaft v\u00f6llig am Ende war.<\/p>\n<p>Morton von der englischen Botschaft meinte, wir m\u00fcssten in der DDR eine revolution\u00e4re Identit\u00e4t finden. F\u00fcr einen englischen Konservativen war das ein ganz sch\u00f6n hei\u00dfer Spruch. Die Engl\u00e4nder waren zwar gegen die Wiedervereinigung, hatten aber eben auch nicht das Geld, uns das Land zu reparieren. Immerhin h\u00e4tten wir die westdeutsche Regierung mit Fl\u00fcchtlingszahlen f\u00f6rmlich erpressen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>BD: Ich kann mich erinnern an eine <em>telegraph<\/em>-Ausgabe, die direkt, nachdem die Mauer gefallen und die Grenze ge\u00f6ffnet worden war, erschien, da hattet ihr kritisiert, dass das eben auch wieder ein Akt von oben gewesen sei, um sozusagen ein Ventil zu \u00f6ffnen, aber eben nicht von unten durchgesetzt.<\/strong><\/p>\n<p><em>WR: <\/em>Ja doch, also, das eigentlich schon. Die Leute hatten sich gesammelt. Es war \u00fcber das Fernsehen und auch \u00fcber die Westmedien gekommen, dass die Mauer ge\u00f6ffnet w\u00e4re, und zwar sofort, hatte Schabowski gesagt. Eine Reiseregelung, dass man das Land sofort ohne Visum und dergleichen verlassen kann. Daraufhin hatte sich eine irrsinnige Masse von Leuten gesammelt, an der Bornholmer Stra\u00dfe waren es Zehntausende, die sich da die Stra\u00dfe herunter stauten. Dadurch entstand ein ungeheurer Druck.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich w\u00e4re das in den 60er und 70er Jahren kein Problem gewesen. Dann h\u00e4tten sie halt das Milit\u00e4r eingesetzt. Aber als die DDR pleite und auch auf das Wohlwollen des Westens angewiesen war, und zudem noch der Russen, war das eine nicht l\u00f6sbare Situation. Also, insofern haben die Leute schon die Grenze \u00fcberrannt. Die Fragestellung ist blo\u00df die, ob das nicht in irgendeiner Weise vorbereitet war, ob das wirklich eine Panne war, dar\u00fcber spekulieren ja immer noch die Leute. Tatsache ist, dass man das eigentlich h\u00e4tte absehen k\u00f6nnen, dass man eigentlich eine Voraussetzung h\u00e4tte schaffen m\u00fcssen, beispielsweise eine Zollgrenze. Also gut, in Zeiten der Revolution wird kein Zoll gezahlt. Das war dann einfach das \u00dcberrennen dieser Hindernisse, dieser Betonmauer, das war schon sehr eindrucksvoll. Also, ich fand das schon toll, dass die Leute das geschafft haben.<\/p>\n<p><strong>BD: Auf jeden Fall. Also, ich kann mich noch erinnern, als dann die Mauer gefallen ist. Es gab in M\u00fcnster das Themroc, das war urspr\u00fcnglich ein reines Anarcho-Zentrum, dann hat sich das Anfang 1989 ge\u00f6ffnet und jeder Tag wurde von einer anderen Gruppe gemacht. Mittwoch war der &#8222;Anti-Imp-Tag&#8220;, das waren sozusagen die autonomen Kommunisten. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Als Anarcho, <em>Kopfsprung<\/em>&#8211; und <em>Umweltbl\u00e4tter<\/em>-Leser habe ich den Umbruch in der DDR als positiv gesehen. Da haben wir Libert\u00e4ren gedacht, jetzt entwickelt sich ein Freiraum in der DDR, vielleicht sogar ein freiheitlicher Sozialismus.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Das war nat\u00fcrlich blau\u00e4ugig. Ich bin dann am &#8222;Anti-Imp-Tag&#8220; ins Themroc gegangen und alle Kommunisten dort waren niedergeschlagen, weil sie gedacht haben, der Sozialismus sei am Ende. Ich bin dann da rein gegangen und habe gesagt: &#8222;Ich schmei\u00df ne Runde auf den Niedergang des Staatskapitalismus. Ein Staat weniger!&#8220; <\/strong><\/p>\n<p><strong>Das hat die Anti-Imps auf die Palme gebracht. <\/strong><\/p>\n<p><em>WR: <\/em>Das Furchtbare ist ja, es sind entsetzliche Dinge passiert in diesem ganzen Zeitraum, 25 bis 30 Millionen Menschen waren Opfer des Stalinismus und auch danach noch furchtbare Dinge &#8211; und das nehmen die dann sozusagen als Kosten der Geschichte in Kauf. Sie brauchen diese Kosten ja nicht zu tragen. Die m\u00fcssen dann die anderen tragen. Das konnte ich nie nachvollziehen. Das konnte keiner von uns nachvollziehen, weil wir da drinnen sa\u00dfen, im Bauch des Ungeheuers. Und da kann man dann auch erz\u00e4hlen vom Niedergang des Sozialismus. Ich wei\u00df nicht, ich kann mich dieser Art von Betrachtungsweise nicht anschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Russland war ja mitnichten ein industrialisiertes Land, wenn man schon von Marx ausgehen will, sondern ein halbb\u00e4uerliches Land. Und dass gerade sich in Russland diese Art von Verstaatlichung der Industrie durchsetzt, das sollte man mehr als Fortsetzung der russischen Staatsgeschichte im Sinne der &#8222;Geheimdiplomatie des 18. Jahrhunderts&#8220; von Marx ansehen, anstatt als irgendeine sozialistische Entwicklung im Sinne seiner Sozialismustheorie.<\/p>\n<p>Ich glaube, dass sich da gezeigt hat, dass Marx mit seinen Kategorien der Kompliziertheit des Geschehens in keiner Weise gerecht wird. Sie konnten nat\u00fcrlich diese Nummer benutzen, dieses Pr\u00e4dikat &#8222;Sozialismus&#8220;, aber mit dem, was Leute getr\u00e4umt haben oder geglaubt haben vom Sozialismus, hat das eben \u00fcberhaupt nichts zu tun gehabt. Wenn man diese f\u00fcrchterlichen Dinge kennt, die da in Sibirien und anderswo passiert sind, das ist wirklich unverzeihlich.<\/p>\n<p><strong>BD: Im Grunde k\u00f6nnte man ja auch sagen, dass Bakunin posthum Recht behalten hat. Ein Streit zwischen Bakunin und Marx war, dass Bakunin gesagt hat, jede Diktatur f\u00fchre letztlich zur Sklaverei und nicht zur Freiheit. Und die marxistische &#8222;Diktatur des Proletariats&#8220; sei letztlich nur die Diktatur der Partei. &#8222;Gib dem gr\u00f6\u00dften Revolution\u00e4r Macht und er wird zum Tyrannen&#8220;, hat Bakunin 1869 formuliert. Das hat sich in der Geschichte immer wieder bewahrheitet. Es war geradezu prophetisch. <\/strong><\/p>\n<p><em>WR: <\/em>Ich kann mich da an ein Zitat erinnern: &#8222;Ich appelliere an unsere Br\u00fcder, die manchmal feindlichen Br\u00fcder, die Staatssozialisten: Traut euren F\u00fchrern nicht. Mit ihren Interessen wird sich auch ihr Bewusstsein ver\u00e4ndern. Sie werden nicht l\u00e4nger eure Interessen vertreten. Wie schon der Dichter des Maha Bharata sagt: \u201aDer Mensch, der im Wagen f\u00e4hrt, wird niemals der Freund dessen sein, der zu Fu\u00df geht.'&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernd Dr\u00fccke (BD): In den 80er Jahren hat Oberstleutnant Zeiseweis von der Bezirksverwaltung Berlin eine Akte \u00fcber unseren Interviewpartner angelegt. Ich zitiere: &#8222;R. 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