{"id":9625,"date":"2009-11-01T00:00:49","date_gmt":"2009-10-31T22:00:49","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9625"},"modified":"2022-07-26T14:24:09","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:09","slug":"auf-messers-schneide","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/11\/auf-messers-schneide\/","title":{"rendered":"Auf Messers Schneide"},"content":{"rendered":"<h3>Die Rechtslage<\/h3>\n<p>Das Dritte US-Bundesberufungsgericht (direkt unterhalb des US                 Supreme Court) hatte Mumia Abu-Jamal am 27. M\u00e4rz 2008 die Entscheidung                 eines niedrigeren Bundesgerichts von 2001 best\u00e4tigt, dass das                 Todesurteil gegen ihn aufzuheben sei, den Schuldspruch der Jury                 in seinem Verfahren vom 17. Juni bis zum 3. Juli 1982 aber ebenfalls                 best\u00e4tigt. <\/p>\n<p>Daraufhin machten sowohl die Verteidigung als auch die Staatsanwaltschaft                 Gebrauch von ihrer M\u00f6glichkeit, sich mit Antr\u00e4gen auf Anh\u00f6rung                 ihrer jeweiligen Anliegen an den US Supreme Court zu wenden.<\/p>\n<p>Dabei argumentierte die Verteidigung, die Aufhebung des Todesurteils                 sei beizubehalten, aber das Oberste Gericht m\u00fcsse au\u00dferdem ein                 neues Verfahren anordnen, in dem festgestellt w\u00fcrde, ob Abu-Jamal                 \u00fcberhaupt schuldig sei. <\/p>\n<p>Die Argumentation des Antrags der Staatsanwaltschaft zielte auf                 das genaue Gegenteil ab: Mumia Abu-Jamal d\u00fcrfe <i>kein<\/i> neuer                 Prozess gew\u00e4hrt werden, und dar\u00fcber hinaus m\u00fcsse das <i>Todesurteil<\/i>                 gegen ihn &#8211; im Widerspruch zu den Entscheidungen der beiden niedrigeren                 Bundesgerichte &#8211; wieder in Kraft gesetzt werden.<\/p>\n<p>Aufgrund der Tatsache, dass sich der Supreme Court nur mit 1                 bis 2 Prozent der unter <i>writ of certiorari<\/i> eingereichten                 F\u00e4lle besch\u00e4ftigt, r\u00e4umten viele BeobachterInnen des Falles allen                 beiden Antr\u00e4gen nur wenige Chancen ein, ein Ausgang, der schon                 f\u00fcr sich genommen schlimm genug f\u00fcr Abu-Jamal gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Die statistisch zu 98 bis 99 Prozent zu erwartende Nichtbefassung                 des Supreme Court mit <i>beiden<\/i> Antr\u00e4gen h\u00e4tte bedeutet, dass                 das Todesurteil gegen Abu-Jamal aufgehoben bleibt, die Staatsanwaltschaft                 aber berechtigt ist, innerhalb von 180 Tagen nach Rechtskraft                 dieser Entscheidung ein neues Verfahren zu beantragen, bei dem                 es nicht um die Schuldfrage, sondern nur um die H\u00f6he der Strafe                 gehen w\u00fcrde: lebensl\u00e4nglich ohne M\u00f6glichkeit einer vorzeitigen                 Entlassung oder erneut der Tod.<\/p>\n<p>Bei Erscheinen dieser <i>graswurzelrevolution<\/i>-Ausgabe wird                 der Supreme Court m\u00f6glicherweise schon \u00fcber einen Todesstrafenfall                 entschieden haben, dessen Rechtsfragen denen in Abu-Jamals Fall                 \u00e4hnlich sind.<\/p>\n<p>Im Jahr 2006 hatte das 6. US-Bundesberufungsgericht das Todesurteil                 gegen den gest\u00e4ndigen Mehrfachm\u00f6rder Frank G. Spisak zum Teil                 mit Gr\u00fcnden aufgehoben, die mit der Begr\u00fcndung der Aufhebung des                 Todesurteils gegen Abu-Jamal durch ein anderes Bundesgericht im                 Dezember 2001 fast identisch waren.<\/p>\n<p>Daraufhin akzeptierte der US Supreme Court den Widerspruch der                 Staatsanwaltschaft in Sachen Spisak und wies das 6. Bundesberufungsgericht                 an, seine Entscheidung zu \u00fcberpr\u00fcfen. Nachdem dieses Gericht seine                 eigene Entscheidung im Jahr 2008 f\u00fcr korrekt befand und best\u00e4tigte,                 zog die Anklage erneut vor den Supreme Court, der den Antrag im                 Februar 2009 zur Beratung annahm, sich am 13. Oktober in einer                 m\u00fcndlichen Anh\u00f6rung der Parteien damit befasst hat und vielleicht                 sehr bald auch schon einen Beschluss dazu f\u00e4llen wird.<\/p>\n<p>Dass der Supreme Court sich nun schon zum zweiten Mal mit der                 Frage besch\u00e4ftigt, ob die Aufhebung des Todesurteils gegen Spisak                 rechtens gewesen sei, ist ein schlimmes Omen f\u00fcr Abu-Jamal und                 hat seine weltweiten Unterst\u00fctzerInnen zu Recht alarmiert. Und                 es ist ein entsetzliches Omen nicht nur f\u00fcr ihn, sondern f\u00fcr zahlreiche                 andere Gefangene.<\/p>\n<p>Es geht um die Interpretation einer Entscheidung des Supreme                 Court von 1988, mit der dieser das Todesurteil gegen einen Gefangenen                 aufhob, weil das Juryformular und die Juryanweisungen den Geschworenen                 h\u00e4tte nahe legen k\u00f6nnen, nur solche Milderungsgr\u00fcnde f\u00fcr den Angeklagten                 zu erw\u00e4gen, \u00fcber die sich alle Geschworenen einig waren. <\/p>\n<p>Aber in der Folge f\u00fchrte das Urteil <i>Mills vs. Maryland<\/i>                 auch zur Aufhebung von Todesurteilen in einer Reihe von anderen                 Staaten, in denen die Juryformulare und -anweisungen zwar \u00e4hnlich                 waren, aber eine solche Einstimmigkeit &#8211; laut dem laufenden Einspruch                 der Ankl\u00e4ger Spisaks vor dem Supreme Court, dem sich andere Staaten                 angeschlossen haben &#8211; letztlich doch nicht suggerierten.<\/p>\n<p>S\u00e4mtliche betroffenen Todesh\u00e4ftlinge schweben jetzt ebenso wie                 Abu-Jamal in h\u00f6chster Gefahr.<\/p>\n<h3>Massive Anti-Mumia-Kampagne im Vorfeld der Entscheidung<\/h3>\n<p>Abu-Jamals Fall ist, nicht zuletzt aufgrund seiner starken politischen                 Komponente, besonders prominent, und dementsprechend macht nicht                 nur die Solidarit\u00e4tsbewegung f\u00fcr Mumia Abu-Jamal mobil, sondern                 auch die Gegenseite, angef\u00fchrt von der \u00fcber 300.000 Mitglieder                 starken Polizeikorporation Fraternal Order of Police (FOP).<\/p>\n<p>Hauptsprecher und effizientester Vertreter der Kampagne ist der                 rechtslastige Talkshowmaster Michael Smerconish in Philadelphia,                 der dort Zugang zu allen gro\u00dfen Medien wie den beiden gr\u00f6\u00dften                 Tageszeitungen <i>Philadelphia Inquirer<\/i> und <i>Philadelphia                 Daily News<\/i> hat.<\/p>\n<p>Er ist au\u00dferdem Anwalt der Witwe des angeblich von Abu-Jamal                 get\u00f6teten Polizisten, Maureen Faulkner, mit der zusammen er im                 Dezember 2007 das Buch <i>Ermordet von Mumia. Lebensl\u00e4nglich verurteilt                 zu Verlust, Schmerz und Ungerechtigkeit<\/i> (<i>Murdered by Mumia<\/i>)                 ver\u00f6ffentlichte, das seinerzeit allein aus Vorverk\u00e4ufen 170.000                 US-Dollar Gewinn einbrachte.<\/p>\n<p>Das Buch war Anlass einer heftigen Medienkampagne f\u00fcr die Hinrichtung                 Mumia Abu-Jamals. Im <i>Philadelphia Inquirer<\/i> erschien ein                 dreiteiliger Auszug, es gab Lesungen und Autogramm-Events in der                 gesamten Region, und Smerconish interviewte etliche prominente                 Exekutionsbef\u00fcrworter f\u00fcr seine Show, darunter den obersten f\u00fcr                 die Anklage gegen Abu-Jamal verantwortlichen, damaligen Bezirksstaatsanwalt                 Philadelphias und jetzigen Gouverneur Pennsylvanias Ed Rendell                 und den Ankl\u00e4ger in Abu-Jamals Mordprozess Joseph McGill.<\/p>\n<p>Angesichts der dieses Jahr eingetretenen rechtlichen Konstellation                 haben die &#8222;Fry-Mumia&#8220;-Fans offensichtlich Blut geleckt und intensivieren                 ihre Anstrengungen.<\/p>\n<p>Teil dieser Bem\u00fchungen ist mittlerweile auch der Film des schwarzen                 Filmemachers Tigre Hill mit dem Titel <i>The Barrel of a Gun<\/i>                 (<i>Aus dem Gewehrlauf<\/i>), der im Dezember 2009 zum 28. Jahrestag                 der Abu-Jamal vorgeworfenen Erschie\u00dfung des Polizisten Daniel                 Faulkner Premiere haben soll. <\/p>\n<p>Der Trailer zum Film (<a href=\"http:\/\/www.thebarrelofagun.com\/\">http:\/\/www.thebarrelofagun.com\/<\/a>)                 zeigt deutlich, wohin die Reise gehen soll. Urspr\u00fcnglich sollte                 der Film &#8222;13th and Locust&#8220; hei\u00dfen, nach der Kreuzung, an der am                 9. Dezember 1981 der Polizist Daniel Faulkner starb und Mumia                 Abu-Jamal durch einen Schuss in die Brust lebensgef\u00e4hrlich verletzt                 wurde.<\/p>\n<p>Der neue Titel orientiert sich an der These, die bei Abu-Jamals                 Mordprozess im Pl\u00e4doyer von Staatsanwalt McGill f\u00fcr die Todesstrafe                 eine zentrale Rolle spielte und nach der Abu-Jamal gegen Faulkner                 nicht zuletzt deshalb zum Polizistenm\u00f6rder geworden sei, weil                 er sich den Slogan Mao Zedongs, nach der &#8222;politische Macht aus                 den Gewehrl\u00e4ufen kommt&#8220;, zu eigen gemacht habe. Die angeblich                 von Abu-Jamal auf den wehrlosen Faulkner abgefeuerten t\u00f6dlichen                 Sch\u00fcsse seien nichts weiter als die Umsetzung dieser Philosophie                 in die Praxis gewesen.<\/p>\n<p>Was McGill dabei allerdings unterschlug, war eine Tatsache, auf                 die Abu-Jamal bei seinem Prozess vergeblich aufmerksam zu machen                 versuchte: Er hatte Mao Zedongs Spruch urspr\u00fcnglich im Januar                 1970 im Interview mit einem Zeitungsreporter zitiert, nicht um                 seine eigene Philosophie oder die der Black Panther Party, der                 er damals angeh\u00f6rte, zu charakterisieren, sondern um das Vorgehen                 der US-Polizei und des US-Staatsapparats zu gei\u00dfeln, die einen                 Monat vorher in Chicago ein f\u00fchrendes Mitglied der Partei, Fred                 Hampton, und dessen Leibw\u00e4chter Mark Clark brutal ermordet hatten.<\/p>\n<p>Nichtsdestotrotz wird McGill, wie es scheint, in diesem neuen                 Film ausgiebig Gelegenheit bekommen, diese These weiter breitzutreten,                 wie er es bereits in seinem Interview mit Michael Smerconish 2007                 getan hatte.<\/p>\n<p>Dabei ist der neueste Dreh der Mumia-HasserInnen, Abu-Jamal habe                 Daniel Faulkner zusammen mit seinem Bruder Billy Cook, der von                 Faulkner vor den verh\u00e4ngnisvollen Sch\u00fcssen einer Verkehrskontrolle                 unterzogen worden war, bewusst in eine Falle gelockt, um endlich                 einmal einem der ihm so widerw\u00e4rtigen Polizisten zu zeigen, wo                 der Hammer h\u00e4ngt und an ihm &#8222;politische Macht aus dem Gewehrlauf&#8220;                 zu exekutieren.<\/p>\n<p>Dieselbe Verlogenheit, mit der die VerfechterInnen einer Hinrichtung                 Abu-Jamals seine damalige Aussage entstellen und in ihr Gegenteil                 verdrehen, zeigt sich auch in allen anderen Verlautbarungen McGills                 in seinem Interview mit Smerconish, die sich, wenn der Trailer                 auch nur ein ungef\u00e4hrer Indikator f\u00fcr den Film ist, eins zu eins                 im Film wieder finden werden. <\/p>\n<p>Dabei geht McGill von b\u00f6swilliger Spekulation direkt zu offenen                 L\u00fcgen \u00fcber.<\/p>\n<h3>Die falschen Beweise f\u00fcr Abu-Jamals Schuld<\/h3>\n<p>Solch nachweislich falsche Behauptungen wie die, Abu-Jamal habe                 den am Boden liegenden Polizisten mit beiden H\u00e4nden am Revolver                 &#8211; &#8222;so, wie man es so oft im Fernsehen sieht&#8220; &#8211; erschossen (die                 von McGill selbst befragten Anklagezeugen sagten im Prozess das                 Gegenteil), oder er habe sich, bevor McGill ihn zu dem Mao-Zedong-Zitat                 befragte, hartn\u00e4ckig geweigert, in den Zeugenstand zu treten und                 damit erneut seine Missachtung des Gerichts unter Beweis gestellt                 (in der Verfahrensmitschrift ist nichts dergleichen vermerkt),                 sind dabei noch Petitessen.<\/p>\n<p>Richtig zu Tage tritt die regelrecht kriminelle Energie, mit                 der McGill die Verurteilung Abu-Jamals erwirkte und mit der er                 sie jetzt zu rechtfertigen versucht, wenn man sich seine Schilderung                 des Tathergangs im Prozess ansieht, an der er bis heute ohne Abstriche                 festh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Laut McGill schoss Abu-Jamal den aufgrund der Verkehrskontrolle                 in eine Konfrontation mit Abu-Jamals Bruder verwickelten Polizisten                 zuerst in den R\u00fccken. <\/p>\n<p>Der Beamte, so McGill weiter, sei noch in der Lage gewesen, sich                 umzudrehen und selbst einen Schuss in Abu-Jamals Brust zu feuern,                 und sei dann hinterr\u00fccks auf den B\u00fcrgersteig der Locust Street                 gefallen. Abu-Jamal habe sich daraufhin \u00fcber ihn gestellt und                 aus n\u00e4chster N\u00e4he mindestens drei, vielleicht auch vier Sch\u00fcsse                 auf ihn abgefeuert, von denen einer, ohne ihn zu treffen, durch                 die Schulterpartie seiner Polizeijacke gegangen und einer ihn                 in die Stirn getroffen und sofort get\u00f6tet habe.<\/p>\n<p>Es gibt mittlerweile mindestens acht Fotos vom Tatort, die unzweideutig                 belegen, dass diese Behauptung falsch ist, eine Tatsache, die                 McGill, einem aufmerksamen Beobachter aller Ereignisse um den                 Fall Mumia Abu-Jamal bis zum heutigen Tag, nicht entgangen sein                 kann. Diese Fotos demonstrieren, dass die von McGill propagierte                 Tatversion <i>gar nicht stimmen kann<\/i> und dass die drei Zeugen                 daf\u00fcr, die sie vor Gericht pr\u00e4sentierten &#8211; eine wegen der damaligen                 Strafbarkeit ihres Gewerbes erpressbare Prostituierte, ein auf                 Bew\u00e4hrung in Freiheit befindlicher Taxifahrer, der ohne F\u00fchrerschein                 unterwegs war, und ein 25 Meter von den Ereignissen entfernter                 Autofahrer, der nach eigenem Bekunden getrunken hatte &#8211; <i>zu                 ihren Aussagen entweder manipuliert, gen\u00f6tigt oder gezwungen worden                 waren<\/i>.<\/p>\n<p>Das nebenstehende Foto zeigt Fundort und Lage der Leiche von                 Daniel Faulkner, das Oval die Stelle, wo sein Kopf zu liegen kam,                 und der Punkt die Stelle, wo die Kugel, die durch sein Jackett                 drang, h\u00e4tte aufschlagen m\u00fcssen &#8211; aber tats\u00e4chlich gibt es auf                 s\u00e4mtlichen Fotos weder von dieser noch von den ein bis zwei anderen                 Kugeln, die sich nach der Version McGills und der angeblichen                 Tatzeugen dort finden m\u00fcssten, auch nur die geringste Spur.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Diskussion weiterer, wichtiger Unwahrheiten und L\u00fcgen                 McGills zum Tathergang, darunter der Behauptung, Abu-Jamal habe                 Faulkner heimt\u00fcckisch in den R\u00fccken geschossen, verweise ich die                 LeserInnen dieses Artikels auf meinen ausf\u00fchrlicheren englischen                 Artikel &#8222;The Fantasies of Joe McGill&#8220;:- <a href=\"http:\/\/abu-jamal-news.com\/docs\/schiff-on-hill.pdf\">http:\/\/abu-jamal-news.com\/docs\/schiff-on-hill.pdf<\/a>.<\/p>\n<p>Allein die Tatsache, dass die zentrale Behauptung der Anklage                 \u00fcber den Tathergang mittlerweile durch die vorliegenden Beweise                 widerlegt wurde und die zentralen Anklagezeugen damit der Unwahrhaftigkeit                 \u00fcberf\u00fchrt sind, m\u00fcsste unter normalen Umst\u00e4nden Grund f\u00fcr die                 Anordnung eines neuen Prozesses um die Umst\u00e4nde des Todes des                 Polizeibeamten Faulkner sein &#8211; und f\u00fcr eine Untersuchung \u00fcber                 die Zust\u00e4nde im Justizapparat Philadelphias, die es erlauben,                 dass Menschen aufgrund so offenkundiger Falschaussagen verurteilt                 werden.<\/p>\n<p>Stattdessen sitzt Mumia Abu-Jamal nicht nur weiter in Haft, sondern                 ist gezwungen, aus dem Todestrakt heraus um sein nacktes Leben                 zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<h3>Auch in Deutschland: Stimmungsmache versus Solidarit\u00e4t<\/h3>\n<p>Auch in Deutschland sind Fall und Person Mumia Abu-Jamals wieder                 in den Blickpunkt ger\u00fcckt. Zum einen gibt es seit etwa drei Jahren                 einen merklichen Aufschwung der Solidarit\u00e4tsbewegung. <\/p>\n<p>Zum anderen berichten jetzt auch gr\u00f6\u00dfere Medien wieder \u00f6fter                 \u00fcber Abu-Jamal, wobei diese Sorte von Echo jedoch geteilt ist                 und von einer teilweise deutlichen Sympathie bis hin zur Stimmungsmache                 f\u00fcr eine Hinrichtung des angeblichen Delinquenten reicht.<\/p>\n<p>Beispiele hierf\u00fcr sind l\u00e4ngere oder k\u00fcrzere Abu-Jamal neutral                 bis freundlich gegen\u00fcberstehende Artikel in der <i>taz<\/i>, zuletzt                 am 13. Oktober \u00fcber die jetzige Situation, abf\u00e4llige Bemerkungen                 wie die Behauptung &#8222;Der Journalist und Politaktivist Mumia Abu-Jamal,                 der 1981 mit h\u00f6chster Wahrscheinlichkeit einen Polizisten erschossen                 hat, genie\u00dft seit Jahren eine unglaubliche Unterst\u00fctzung in k\u00fcnstlerischen                 Kreisen&#8220; in einem Artikel \u00fcber Roman Polanski in der <i>ZEIT<\/i>                 Anfang Oktober, doch leider vor allem ein f\u00fcnfseitiger Artikel                 im <i>Spiegel <\/i>von einer der US-Korrespondentinnen des Magazins,                 Cordula Meyer (<i>Spiegel<\/i> Nr. 35\/2009).<\/p>\n<p>Dabei war es der <i>Spiegel-<\/i>Autorin im Vorfeld ihres Artikels                 offenbar gelungen, das Vertrauen von Mumia Abu-Jamals Hauptanwalt                 Robert R. Bryan und seines Klienten zu gewinnen und l\u00e4ngere Gespr\u00e4che                 mit beiden zu f\u00fchren. <\/p>\n<p>Gedankt hat sie es ihnen mit einem Artikel, der voller Entstellungen                 und Halbwahrheiten ist, fast gar nicht die Hintergr\u00fcnde beleuchtet,                 die den Prozess gegen Abu-Jamal so unfair gemacht haben, und vor                 allem die vielen Hinweise auf eine systematische F\u00e4lschung von                 Beweisen durch die Anklage und auf Abu-Jamals Unschuld unterschl\u00e4gt,                 obwohl diese der Autorin (u.a. durch mich selbst) zug\u00e4nglich waren.<\/p>\n<p>F\u00fcr einige liberale MedienarbeiterInnen ist es offenbar nicht                 mehr schick, das allgemeine Lippenbekenntnis zur Opposition gegen                 die Todesstrafe mit einer weitergehenden Enth\u00fcllung der grotesken                 Ungerechtigkeiten des Systems der US-Justiz zu verbinden &#8211; nach                 dem Motto: Klar, wir sind gegen die archaische Todesstrafe, aber                 gestehen wir es uns doch ein &#8211; die sind doch eh so gut wie alle                 schuldig.<\/p>\n<p>Doch unabh\u00e4ngig davon, was der <i>Spiegel<\/i> zu diesem Thema                 bringen mag, k\u00f6nnte sich anderes als viel bedeutender erweisen.                 Im Kontext einer haupts\u00e4chlich vom Berliner Free Mumia B\u00fcndnis                 und der Roten Hilfe organisierten Mumia-Info-Tour haben sich in                 zahlreichen St\u00e4dten der Bundesrepublik neue Mumia-Solidarit\u00e4tsgruppen                 gebildet oder neu formiert, so u.a. in Bremen, Frankfurt, Hannover,                 K\u00f6ln, M\u00fcnchen und Oldenburg. <\/p>\n<h3>Die in den neunziger Jahren so machtvolle Mumia-Bewegung ist                 wieder da, und sie w\u00e4chst.<\/h3>\n<p>Einige dieser Gruppen haben bereits Kundgebungen f\u00fcr Mumia Abu-Jamal,                 teilweise vor US-Einrichtungen, gemacht, und das ist auch der                 Plan f\u00fcr die n\u00e4chste Zukunft. <\/p>\n<p>Es gibt mittlerweile auch einen &#8222;3+12&#8220; Notfallplan, der besagt,                 dass am dritten Tag nach der Bekanntgabe einer etwaigen endg\u00fcltigen                 Best\u00e4tigung des Todesurteils gegen Mumia Abu-Jamal durch den US                 Supreme Court in den jeweiligen Orten dezentrale Protestaktionen                 stattfinden sollen. <\/p>\n<p>\u00c4hnliche Aktionen wird es auch auf internationaler Ebene geben,                 und die Vernetzung zwischen den verschiedenen Pl\u00e4nen wird immer                 intensiver.<\/p>\n<p><b>Falls das Schlimmste eintritt &#8211; die Anordnung eines neuen                 Hinrichtungstermins &#8211; wird am Samstag vor diesem Termin in Berlin                 eine bundesweite Demo zur dortigen US-Botschaft stattfinden (Ausgangspunkt:                 Oranienplatz).<\/b><\/p>\n<p>Noch ist es nicht so weit. Noch haben wir Zeit, den Rat des Schauspielers                 und langj\u00e4hrigen Unterst\u00fctzers Mumia Abu-Jamals und anderer Gefangener                 Rolf Becker zu beherzigen, der Abu-Jamal gerade erst besucht hat                 und gegen\u00fcber einer Vertreterin des Berliner Mumia-B\u00fcndnisses                 sagte, Mumia begreife die Bedrohlichkeit seiner Situation sehr                 genau, da es anders als bei den ihn betreffenden Hinrichtungsbefehlen                 1995 und 1999 nun keine Einspruchsm\u00f6glichkeit mehr geben wird.<\/p>\n<p>Gerade deshalb, so Becker, m\u00fcssen wir JETZT etwas tun, nicht                 erst, wenn ein Hinrichtungsbefehl da ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Rechtslage Das Dritte US-Bundesberufungsgericht (direkt unterhalb des US Supreme Court) hatte Mumia Abu-Jamal am 27. M\u00e4rz 2008 die Entscheidung eines niedrigeren Bundesgerichts von 2001 best\u00e4tigt, dass das Todesurteil gegen ihn aufzuheben sei, den Schuldspruch der Jury in seinem Verfahren vom 17. Juni bis zum 3. Juli 1982 aber ebenfalls best\u00e4tigt. Daraufhin machten sowohl die &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/11\/auf-messers-schneide\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Auf Messers Schneide - graswurzelrevolution","description":"Die Rechtslage Das Dritte US-Bundesberufungsgericht (direkt unterhalb des US Supreme Court) hatte Mumia Abu-Jamal am 27. 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