{"id":9658,"date":"2009-11-01T00:00:32","date_gmt":"2009-10-31T22:00:32","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9658"},"modified":"2022-07-26T14:14:39","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:39","slug":"kein-malender-anarchist-sondern-ein-anarchistischer-maler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/11\/kein-malender-anarchist-sondern-ein-anarchistischer-maler\/","title":{"rendered":"&#8222;Kein malender Anarchist, sondern ein anarchistischer Maler&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Auf dem gro\u00dfen Wannsee unterhalb des d\u00e4nischen L\u00f6wen und neben dem Haus der Wannseekonferenz. Gegen\u00fcber von Schwanenwerder, wo Goebbels wohnte. Auf dem mutma\u00dflichen Holzsegelboot eines ehemaligen Innenministers und vormaligen RAF-Verteidigers mit einem Rettungsring von der ehemaligen Staatsjagd der DDR. Umzingelt von Staat sozusagen &#8230; es herrscht Flaute, wir d\u00fcmpeln. Der Mast der etwas ramponierten Yacht k\u00f6nnte ein umgedrehter \u00fcberdimensionaler Malerpinsel sein, der \u00fcber uns steht.<\/strong><\/p>\n<p><em>Sigurd Wendland:<\/em> Da kann man nur eins machen: dagegenhalten. Das kann man auch mit Kunst machen.<\/p>\n<p><strong>Ralf G. Landmesser: Auch bei Flaute?<\/strong><\/p>\n<p>S: Eigentlich male ich mehr bei Flaute als bei Sturm. Die Bilder sind dann der Sturm.<\/p>\n<p><strong>R: Der Sturm bekommt dir arbeitsm\u00e4\u00dfig nicht so gut?<\/strong><\/p>\n<p>S: Wenn du malst, dann ist das so eine Art Trance. Du merkst das gar nicht. Du malst irgendwie vor dich hin, und hinterher wird man wach und sieht dann, was man gemacht hat. Das finden viele K\u00fcnstler toll und deswegen versuchen sie, diesen Zustand auch ohne Farben, manchmal mit Drogen wieder so herzuholen. Aber der kommt einfach, nur durch das Arbeiten. Ich glaube, es gibt bestimmt auch Handwerker, die so etwas kennen.<\/p>\n<p><strong>R: Brauchst du eher Ruhe oder Phasen, wo du aufgew\u00fchlt bist?<\/strong><\/p>\n<p>S: Beides. Ich mache das ja so, dass ich morgens ins Atelier gehe und da meine Stunden verbringe und sage, um soundsoviel Uhr gehe ich nach Hause; und manchmal gehe ich nachts wieder ins Atelier. Also ganz kontinuierlich, egal bei welcher Stimmung, da wird dann runtergemalt, was gerade zu machen ist. Das Bild muss fertig werden. Und das Schlimme ist: w\u00e4hrend des Malens habe ich meistens schon Ideen f\u00fcr das n\u00e4chste Bild. Wenn man dem aber nachgibt, wird das erste nie fertig. Also muss man das zuende machen, bevor man ans n\u00e4chste dran geht.<\/p>\n<p><strong>R: Du malst also auch bei Kunstlicht?<\/strong><\/p>\n<p>S: Ja, ich mach da Sachen, die nicht wichtig sind. Hautt\u00f6ne w\u00fcrde ich nie bei Kunstlicht machen. Ich habe zwar Tageslichtlampen, die 100% dem Sonnenlichtspektrum entsprechen, aber ich habe gemerkt, wenn ich damit nachts was mache, am n\u00e4chsten Morgen gef\u00e4llt mir das farblich nicht. Nuancen male ich bei Tageslicht. So grobe Sachen kann man bei dem Kunstlicht malen.<\/p>\n<p><strong>R: Was verbindet dich noch mit deiner Heimatstadt M\u00fcnster? Da gibt es ja diese Lamberti-Kirche, wo die aufst\u00e4ndischen &#8222;Wiedert\u00e4ufer&#8220; dran hochgezogen worden sind und in den K\u00e4figen hingen, bis sie die Raben fra\u00dfen.<\/strong><\/p>\n<p>S: Wenn man \u00fcber fr\u00fche mittelalterliche Philosophie liest, gibt es bereits Anarchisten. Und diese Anarchisten sind die &#8222;Wiedert\u00e4ufer&#8220;, sie werden bereits Anarchisten genannt, weil sie davon ausgingen, dass jeder gleich ist und dass jeder gleich vor Gott ist und man also alles ohne ein h\u00f6heres Wesen auf Erden regeln k\u00f6nne. Das finde ich bemerkenswert und m\u00f6chte zu dem Thema jetzt etwas machen. Hab mir viel Literatur besorgt und bin an den &#8222;Wiedert\u00e4ufern&#8220; dran.<\/p>\n<p><strong>R: Hat dich das damals in deiner Entwicklung irgendwie beeinflusst, dass diese Pr\u00e4senz da war?<\/strong><\/p>\n<p>S: Ich fand das immer furchtbar. Ich habe mir vorgestellt, wie da oben Menschen in diesen K\u00e4figen h\u00e4ngen. Diese Pr\u00e4senz des Katholizismus ist furchtbar in M\u00fcnster. Da geh\u00f6rt jedes dritte Haus dem Erzbistum. Wir wissen ja auch, dass die Geschichtsschreibung von den Siegern gemacht wird. Somit ist die \u00dcberlieferung \u00fcber die &#8222;Wiedert\u00e4ufer&#8220; wahrscheinlich in keiner Weise richtig. Nichts davon stimmt und man muss die Quellen ganz anders angehen.<\/p>\n<p>Was mich allerdings etwas irritiert, ist die Beliebtheit der &#8222;Wiedert\u00e4ufer&#8220; bei Touristen im Moment. M\u00fcnster macht richtig Geld mit seinen T\u00e4ufern. Fr\u00fcher wollten sie damit nichts zu tun haben. Als ich ein kleiner Junge war: &#8222;Guck mal, das da oben, das ist von diesen schlimmen M\u00e4nnern gewesen und die sind von den Raben gefressen worden!&#8220;, und inzwischen ist das ein Kassenmagnet.<\/p>\n<p><strong>R: Das haben die Eltern also schon erz\u00e4hlt?<\/strong><\/p>\n<p>S: Ja klar!<\/p>\n<p><strong>R: War das ein Druckmittel gegen Kinder?<\/strong><\/p>\n<p>S: Nein, denn sie wurden ja eher als Irre dargestellt, die ein riesiges Blutbad in M\u00fcnster angerichtet haben, wobei das Blutbad eher vom Erzbischof angerichtet wurde.<\/p>\n<p><strong>R: Du hast schon immer gut<\/strong> <strong>malen k\u00f6nnen, auch als Sch\u00fcler?<\/strong><\/p>\n<p>S: Seit Kindheit an war das f\u00fcr mich klar, dass ich so etwas werden will. F\u00fcr meine Eltern war klar, dass ich so etwas nicht werden soll, weil man damit kein Geld verdienen kann. Mein Vater meinte, dass ich damit Lehrer werden k\u00f6nne oder Werbegrafiker. Dann gab es aber zwei Grundsemester und nach dem ersten durfte ich bereits in eine Malklasse wechseln &#8211; was eine riesige Ehre auf der Hochschule war. Da konnte mein Vater nicht nein sagen. Damit hatte ich ihn dann irgendwie &#8222;umschifft&#8220; und war dann in einer Malklasse.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich wie du war ich auch auf Privatschulen und Internaten. Das war in meiner Familie schon immer so. Die Evangelen waren alle auf dem &#8222;Grauen Kloster&#8220;.<\/p>\n<p><strong>R: Wie hat sich das bei dir thematisch mit der Malerei entwickelt?<\/strong><\/p>\n<p>S: Wo ich angefangen habe zu studieren, das war die Zeit der RAF. Diese Zeit hat mich politisch gepr\u00e4gt. Anfang bis Mitte der 70er Jahre, wo pl\u00f6tzlich Kneipen abgeriegelt wurden und ne Polizeirazzia losging.<\/p>\n<p>Ich fahr mit dem Fiat, dass ich nicht mehr dr\u00fcber nachgedacht habe, was jetzt politisch korrekt ist, sondern einfach auf die Leinwand gemalt habe, was im Kopf drin war.<\/p>\n<p>Manchmal ist mir auch nicht bewusst, was ich genau male &#8211; daf\u00fcr erz\u00e4hlen mir aber andere hinterher, was in dem Bild alles drin ist. Das finde ich gut. Es ist nicht mehr so, wie ein Mathematiker da ran geht: also, wenn das drauf ist, muss auch das drauf sein und ums politisch korrekt zu machen, m\u00fcsste die und die Sache auch noch mit drauf sein. Das ist mir schnurzpiepegal. Eigentlich ist mir auch egal, ob das den Leuten gef\u00e4llt oder nicht. Ich male das einfach. Da m\u00fcssen die mit leben &#8211; und ich auch. Und da das ja kein kommerzieller Erfolg ist, was ich da mache, kann das schon sein, dass ich auf dem falschen Dampfer bin &#8230;<\/p>\n<p><strong>R: Aber doch wohl nur kommerziell?!<\/strong><\/p>\n<p>S: Es geht f\u00fcr mich nicht anders. Ich k\u00f6nnte mir nichts Anderes vorstellen zu tun. Es entwickeln sich Sachen. Du kommst irgendwo hin oder redest mit jemandem und stellst das in einen bestimmten Zusammenhang. Und schon kommt wieder ne Bildidee zustande.<\/p>\n<p><strong>R: Du hast viele Bilder gemacht, die Sexualit\u00e4t in allen m\u00f6glichen Formen thematisieren. Wie bist du zu diesen Darstellungsformen gekommen?<\/strong><\/p>\n<p>S: Es war schon immer so, dass sich K\u00fcnstler gerne des Aktes annehmen. Im Mittelalter ben\u00f6tigten sie Vorw\u00e4nde daf\u00fcr und haben antike oder biblische Geschichten rausgesucht, wo man Sexualit\u00e4t oder nackte K\u00f6rper zeigen durfte. Akte selber sind wahrer, sind etwas Unverh\u00fclltes und nicht vordergr\u00fcndig Modisches.<\/p>\n<p><strong>R: Bei dir sind es aber weniger die klassischen Akte, sondern exstatischen Szenen.<\/strong><\/p>\n<p>S: Das ist das erz\u00e4hlerische Prinzip. Ich habe eine bestimmte Geschichte im Kopf und versuche, sie mit Modellen darzustellen. Die m\u00fcssen sich dann z.T. gruppenweise im Atelier so verrenken, bis ich das verwenden kann.<\/p>\n<p>Wenn ich Modelle habe, halte ich bewusst Abstand zu ihnen. Also keinerlei k\u00f6rperlichen Kontakt und die wissen genau, was da passiert. Die m\u00fcssen wie Schauspieler f\u00fcr mich etwas darstellen. Das ist noch schwieriger, weil es nicht lustvoll ist.<\/p>\n<p>Es geht nicht darum, mich anzuregen, sondern ich nutze sexuell Aussehendes, um bestimmte politische Inhalte oder Geschichten zu erz\u00e4hlen. Ein Journalist hat mal gesagt, dass das ein bisschen &#8222;s\u00fc\u00dflich&#8220; sei, was ich male. Aber ehe man sich versehen w\u00fcrde, h\u00e4tte man den Widerhaken schon im Fleisch.<\/p>\n<p>Ich glaube schon, dass ich das male, was mir Spa\u00df macht. Ja, ich male gerne Leute, sehe sie auch gerne ausgezogen. Es gibt auch nur ganz bestimmte Typen, die ich aussuche. Nie Kinder ausgezogen, sondern etwas \u00e4ltere M\u00e4nner oder Frauen, die f\u00fcr mich Modell stehen.<\/p>\n<p>J\u00fcngere Leute haben noch so wenig gelebtes Leben im Gesicht. Michael Rutschky sagte mal \u00fcber die Sch\u00f6nheit von Frauen: &#8222;Damit Frauen sch\u00f6n sind, muss das Sterben schon etwas begonnen haben. An einem jungen, glatten K\u00f6rper rutschen einem die Augen aus.&#8220; Aber ich habe auch mit sch\u00f6nen Modellen gearbeitet.<\/p>\n<p>Eine lustige Geschichte, ich war vor einiger Zeit in Nordwyk und da kam ein dort ans\u00e4ssiger Galerist, der fragte f\u00fcnf ausgew\u00e4hlte K\u00fcnstler, ob sie nicht eine Freundin von ihm am Strand portraitieren k\u00f6nnten. Ich sah dann die junge Frau, wie sie sich auszog, und sie war furchtbar sch\u00f6n und dann habe ich gesagt, in zehn Jahren w\u00fcrde ich sie malen, und bin wieder gegangen. Und dann habe ich ihm hinterher gesagt: &#8222;Du, deine Freundin, die konnte ich nicht malen: die sieht ja aus wie &#8217;n Covergirl.&#8220; &#8222;She is a covergirl&#8220;, meinte der stolz.<\/p>\n<p><strong>R: Was ist augenblicklich dein Thema, mal von dem perspektivischen Thema &#8222;Wiedert\u00e4ufer&#8220; abgesehen?<\/strong><\/p>\n<p>S: Ich habe in letzter Zeit sehr viel zum Thema &#8222;Militarismus&#8220; gearbeitet, zum Krieg.<\/p>\n<p><strong>R: Du hast jetzt zum ersten Mal so offensiv Skelette verwandt.<\/strong><\/p>\n<p>S: Ich habe mir eins gekauft und ins Atelier gestellt und dann damit rumgespielt. Das wurde dann sogar bei uns zu Hause im Wohnzimmer aufgeh\u00e4ngt und dann musste damit getanzt werden.<\/p>\n<p>In einer Nachbarsfamilie und in befreundeten Familien gibt es Leute, die gehen zur Bundeswehr. Da ist dann nat\u00fcrlich immer die Frage<\/p>\n<p>1. Warum machst du das?<\/p>\n<p>und<\/p>\n<p>2. Was kann dir passieren dabei?<\/p>\n<p>Im Osten ist es so, dass die Bundeswehr als ein Westinstrument gesehen wird. Sie wollen nicht, dass ihre Kinder zur Bundeswehr gehen, denn f\u00fcr die ist das nicht die NVA, sondern etwas Westliches. Was ich komisch finde. Aber mit ehemaligen NVA-Offizieren habe ich diskutiert und die haben gesagt, das ist v\u00f6llig egal, in welcher Armee man ist. Prinzip ist, dass den jungen Leuten erst einmal das R\u00fcckgrat gebrochen wird, damit sie in der Milit\u00e4rmaschinerie funktionieren. Einen Menschen mit eigenem Bewusstsein kannst du in einer Armee nicht brauchen. Der funktioniert nicht. Und dann, wenn Leute Kinder kriegen, was wollen die? Die wollen immer, dass sie intelligent sind, Widerspruchsgeist haben, das Gegenteil von dem, was beim Milit\u00e4r aus denen gemacht wird, ohne vor dem Ernstfall, was da an Berufskrankheiten und Unf\u00e4llen auf die zukommen kann, Angst zu haben.<\/p>\n<p><strong>R: &#8222;Der nackte Tod&#8220; (siehe Abb. auf Seite 1) ist die Thematisierung des neuen Bundeswehrordens, oder?<\/strong><\/p>\n<p>S: Der Orden f\u00fcr Tapferkeit. Das Bild hei\u00dft auch &#8222;Tapferkeit&#8220; oder &#8222;Der geile Tod&#8220;.<\/p>\n<p>Einem Skelett kann man nur wenig Mimik verpassen. Man kann h\u00f6chstens den Kiefer verstellen, damit es lacht oder h\u00f6hnisch guckt. Alles muss aus der K\u00f6rperhaltung sprechen.<\/p>\n<p>Das ist so entstanden: ich holte ein k\u00f6rperlich ausdrucksstarkes Modell, das sich ausziehen und m\u00f6glichst lasziv posieren musste. Davon machte ich Fotos, die ich dann mit einem Gerippe nachstellte.<\/p>\n<figure id=\"attachment_9676\" aria-describedby=\"caption-attachment-9676\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-9676\" title=\"'Tapferkeit' oder 'Der geile Tod' (Sigurd Wendland)\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/tapferkeit.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"457\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/tapferkeit.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/tapferkeit-196x300.jpg 196w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/tapferkeit-130x199.jpg 130w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/tapferkeit-20x31.jpg 20w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/tapferkeit-24x38.jpg 24w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/tapferkeit-141x215.jpg 141w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/tapferkeit-131x200.jpg 131w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-9676\" class=\"wp-caption-text\">&#8218;Tapferkeit&#8216; oder &#8218;Der geile Tod&#8216;<br \/>Bild von Sigurd Wendland<br \/>September 2009<\/figcaption><\/figure>\n<p>Sonst bin ich immer noch an dieser Thematik &#8211; ich male ja Bilder zum Thema Bundesrepublik &#8211; immer so im Abstand von 20 Jahren. Ich habe erst eins gemacht zu 1945, da ist ne rote Fahne mit &#8218;m kreisrunden Loch drauf, da ist das Hakenkreuz rausgeschnitten. Das gleiche gab es 1989 auch. Da haben wir eine schwarzrotgoldene Fahne und ein kreisrundes Loch, da ist Hammer und Zirkel rausgeschnitten. Und jetzt bin ich gerade bei &#8217;68 &#8230;<\/p>\n<p><strong>R: Was schneidest du denn da raus?<\/strong><\/p>\n<p>S: Nee, so etwas wird es nicht sein. Ich habe da versucht, eine Westperspektive zusammen zu bringen. F\u00fcr Leute, die im Osten gro\u00dfgeworden sind, ist &#8217;68 Prag, was v\u00f6llig Anderes als f\u00fcr uns. Das versuche ich, jetzt in Einklang zu bringen, und bin auch schon am Thema 2009, das wird dann das vierte Bild. Die Grundidee war, die politischen Hoffnungen, die wir gehabt haben, darzustellen, und was aus denen geworden ist. Das hat sich dann aber sehr reduziert, weil die Ideen nicht darstellbar sind und weil mein Geschichtsbild zum Teil aus Schwarz-Wei\u00df-Fotos zu bestehen scheint.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist ein Symbol vom Ende von &#8217;68, das ist aber &#8217;72, das ist die Verhaftung von Holger Meins, der Schrei, wie dem da die Arme ausgekugelt werden. Das ist f\u00fcr mich das Ende einer bestimmten politischen \u00c4ra, das Ende von &#8217;68. Und das werde ich auch darin verarbeiten, auch wenn es erst 1972 stattgefunden hat. Danach war es eine andere Gesellschaft.<\/p>\n<p><strong>R: Du hast dich an den Leuten der RAF abgearbeitet, aber dir ist bewusst, dass die RAF politisch problematisch ist?<\/strong><\/p>\n<p>S: Ach, wir sind doch alle politisch unheimlich problematisch, du und ich und jeder? Ich glaube, ich habe nie jemanden gefunden, der genauso denkt wie ich. Die Auseinandersetzung \u00fcber innere und \u00e4u\u00dfere Militarisierung der Bundesrepublik, die Reaktion des Staates und der Protestantismus eines Helmut Schmidt haben mich bis heute beeinflusst.<\/p>\n<p><strong>R: Wobei das ja im Grunde genommen gar nichts war gegen das, was die US-Regierung in den letzten Jahren praktiziert hat &#8230; es war ja dann schon noch einmal ein Bruch in der Geschichte, dass Folter zur Staatsdoktrin und als notwendig anerkannt wurde. <\/strong><\/p>\n<p>S: In meinem politischen Weltbild war das kein gro\u00dfer Bruch, das habe ich dem Milit\u00e4r immer schon zugetraut, auch dass es so etwas in Polizeibeh\u00f6rden gibt. Das sind \u00fcble Br\u00fcche des Menschen- und V\u00f6lkerrechts, wogegen wir anzugehen verpflichtet sind.<\/p>\n<p>Es darf nicht sein, dass Soldaten nicht haftbar sind f\u00fcr das, was sie machen.<\/p>\n<p>Ersch\u00fcttert bin ich, wenn ich erfahre, nach welchen Abmachungen welche Gerichtsurteile getroffen wurden, und von der herrschenden Korruption.<\/p>\n<p><strong>R: Ich war ersch\u00fcttert davon, dass sich ein amerikanischer Pr\u00e4sident vor alle \u00d6ffentlichkeit hinstellen, Folter propagieren und rechtfertigen kann und die \u00d6ffentlichkeit das weitgehend ohne Widerspruch hinnimmt.<\/strong><\/p>\n<p>S: Aber nach diesem 11. September war doch alles Recht au\u00dfer Kraft gesetzt. Man konnte Staaten \u00fcberfallen, man konnte alles machen.<\/p>\n<p><strong>R: Ist das Recht nicht immer noch au\u00dfer Kraft gesetzt?<\/strong><\/p>\n<p>S: Ich denke ja. Ich hatte eigentlich auch erwartet, dass das noch weitergehen w\u00fcrde. Dass da noch der Iran oder andere Staaten folgen w\u00fcrden, aber aus irgendwelchen Sachen heraus hat das nicht geklappt.<\/p>\n<p>Aber erstaunen tut mich das nicht mehr.<\/p>\n<p><strong>R: An der Bundesrepublik hast<\/strong> <strong>du dich abgearbeitet, aber internationale Szenen hast du bisher noch nicht genommen, oder?<\/strong><\/p>\n<p>S: Ich habe mal zum Thema Kuba gearbeitet. Wenn man westliche Touristen da am Strand liegen sieht &#8230; die lesen da Noam Chomsky, w\u00e4hrend hinter ihnen die einheimische Bev\u00f6lkerung durchsucht oder nicht an den Strand gelassen wird.<\/p>\n<p>Das war der Strand von Havanna, das Bild hei\u00dft ja auch &#8222;Havanna Beach&#8220;.<\/p>\n<p>Aber das Ausland ist eigentlich nicht mein Thema.<\/p>\n<p><strong>R: Dieses eine Bild mit der Gruppenerschie\u00dfung, das du gemalt hast, wo war das?<\/strong><\/p>\n<p>S: Das war ein Foto aus dem Iran. Das habe ich in &#8222;Die Zeit&#8220; gefunden und gemalt, als der erste Bundeswehreinsatz stattfand. Ich habe das ausgeschnitten und dann so verarbeitet. Ich habe mir vorgestellt, was machen deutsche Soldaten dann im Einsatz, was wird dann passieren?<\/p>\n<p>Es gibt ja auch Leute vom Milit\u00e4r, wenn du mit denen \u00fcber bestimmte Sachen redest, z.B. \u00fcber Waffen, dann sagen die: &#8222;Waffen sind gef\u00e4hrlich. Waffen ziehen Gewalt an.&#8220; Du sollst auch keine Waffen zu Hause haben. Da passiert das Gegenteil von dem, was du denkst &#8211; es ist kein Schutz!<\/p>\n<p><strong>R: Das sagen auch ehemalige &#8222;Stadtguerillas&#8220;.<\/strong><\/p>\n<p>S: Mit dieser Auseinandersetzung kenne ich mich besser aus, als wenn ich etwas \u00fcber die USA machen w\u00fcrde oder andere L\u00e4nder, \u00fcber Polen, Tschechien oder andere Nachbarn, ich war da, kenne die Probleme, aber nicht hautnah, das habe ich nicht erlebt. Am besten kann ich wiedergeben, wo ich auch mitrede.<\/p>\n<p><strong>R: Aber du reist viel?<\/strong><\/p>\n<p>S: Ja, Reisen schon, aber fast nur in Europa.<\/p>\n<p>Ich habe eine Zeit lang in Lissabon gelebt, damals als die EXPO war, das muss so &#8217;98 gewesen sein, und hatte da auch eine Galerie, die mich mit vertreten hat.<\/p>\n<p>Jetzt arbeite ich mit der Kulturfabrik zusammen, die wird von einem Philosophieprofessor geleitet, die hei\u00dft &#8222;Fabrica Praco de Braca&#8220;, ist eine ehemalige Waffenfabrik, in der jetzt ein privates Kulturzentrum ist.<\/p>\n<p><strong>R: Echte Konversion!<\/strong><\/p>\n<p>S: Ohne Staatsgelder, wunderbar &#8230; sch\u00f6nes Restaurant drin und ein riesiger Buchladen, Platz f\u00fcr Ausstellungen und viele sch\u00f6ne Projekte. Ein Teil meiner Bilder ist in Lissabon, darauf kann zur\u00fcckgegriffen werden. Ende der &#8217;90er habe ich die damalige Szene portraitiert. Das sieht man im Internet, den Portugal-Katalog.<\/p>\n<p><strong>R: Das hei\u00dft, das ist kein tempor\u00e4res Atelier von dir, sondern du bist da fester angesiedelt?<\/strong><\/p>\n<p>S: Da lebt eine Freundin unserer Familie mit ihrer Tochter und wir k\u00f6nnen immer hinfahren.<\/p>\n<p>Aber damals hatte ich auch eine Wohnung und ein Atelier in Lissabon gemietet. Das war aber dieses eine Projekt f\u00fcr die Ausstellung. Jetzt werden die Berliner Bilder da ausgestellt.<\/p>\n<p><strong>R: Was ist dein Zugang zum Anarchismus?<\/strong><\/p>\n<p>S: Es fing mit einer Kropotkin-Ausgabe aus dem Antiquariat an.<\/p>\n<p>Die habe ich heute noch, die ist von 1910. Sp\u00e4ter habe ich Proudhon gelesen, alles m\u00f6gliche, aber das hatte schon wieder mit Kunst zu tun, weil es das ber\u00fchmte Portrait von ihm und seiner Familie gibt.<\/p>\n<p>Ich habe mich mit der R\u00e4terepublik besch\u00e4ftigt, mit Landauer, M\u00fchsam und anderen anarchistischen Klassikern, weil es mich interessierte.<\/p>\n<p>Bei meinem ersten Studium, das war von 1969-73, habe ich bei Leo Kofler Philosophie studiert. Der ist ein relativ wichtiger Sozialphilosoph gewesen. Er war zwar Marxist, aber es kann schon sein, dass das von dem ausgegangen ist.<\/p>\n<p>Es gab in K\u00f6ln schon fr\u00fch eine Anarchoszene und besetzte H\u00e4user.<\/p>\n<p><strong>R: Willy Huppertz mit der &#8222;Befreiung&#8220;, das Anarchosyndikat &#8230;<\/strong><\/p>\n<p>S: &#8230; und die &#8222;Tabernakel&#8220;-Leute. Die waren gleich gegen\u00fcber von der Kunsthochschule. Das war eine Musik-Kommune, die hatten einen Laden, dazu geh\u00f6rten Klaus von Wrochem (Klaus der Geiger) und Karl Heinz Stockhausen. Und das war sehr libert\u00e4r angehaucht.<\/p>\n<p>Als ich dann in Berlin ankam, waren da diese K-Gruppen. Da musste man durch, bis man merkte, wie wenig Praxis hinter deren Theorie stand.<\/p>\n<p>\u00dcber das &#8222;Libert\u00e4re Forum&#8220; und den Antiquar und Herausgeber der &#8222;Schwarzen Protokolle&#8220;, Hansj\u00f6rg Viesel, habe ich Bernd Kramer vom anarchistischen Karin Kramer Verlag kennen gelernt. So kam ich in diese Berliner Szene.<\/p>\n<p><strong>R: Du bist also gezielt auf die Anarchos zugegangen, aufs Libert\u00e4re Forum? <\/strong><\/p>\n<p>S: Ich habe da von Anfang an mitgemacht und bei Kramers diese Zeitschrift &#8222;<em>Engel Luzifer<\/em>&#8220; gemeinsam gemacht, ein paar Zeichnungen daf\u00fcr gemacht. Alle, die mitgemacht haben, mussten auch mitfinanzieren.<\/p>\n<p><strong>R: Ja, den letzten &#8222;Engel Luzifer&#8220; habe ich auch noch mitgemacht. Da sind ein paar Cartoons von mir drin. Ich habe dann noch das Sterben des Libert\u00e4ren Forums mitgekriegt.<\/strong><\/p>\n<p>S: Ich glaube, dass es in der Kunst schwierig ist, irgendwas festzumachen, als einen &#8230; Ismus irgendwo in eine Schublade zu tun, weil es sich entwickelt hat und weiter entwickelte, meist bis zur n\u00e4chsten schlimmen politischen Z\u00e4sur.<\/p>\n<p>Ich bin auch fasziniert von den italienischen Futuristen. Geniale Sachen, die da entstanden sind. Das waren absolut verr\u00fcckte Leute. Die kamen teils aus H\u00e4usern mit viel Geld, aber haben deswegen oder trotzdem wunderbare Sachen gemacht.<\/p>\n<p><strong>R: Was w\u00fcrdest du als die Aufgabe einer libert\u00e4ren Kunst ansehen? &#8211; Gibt es so etwas \u00fcberhaupt, kann es so etwas \u00fcberhaupt geben?<\/strong><\/p>\n<p>S: Man darf sich als K\u00fcnstler auf keinen Fall in eine politische Gruppe integrieren, nicht Sprachrohr von jemandem werden, sondern seine eigenen Gedanken verarbeiten und wiedergeben. Das ist wichtig.<\/p>\n<p>Heidi Paris vom Merve-Verlag hat mal etwas Sch\u00f6nes \u00fcber mich gesagt: Wichtig sei es, kein malender Anarchist zu sein, sondern ein anarchistischer Maler.<\/p>\n<p><strong>R: Vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch!<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dem gro\u00dfen Wannsee unterhalb des d\u00e4nischen L\u00f6wen und neben dem Haus der Wannseekonferenz. Gegen\u00fcber von Schwanenwerder, wo Goebbels wohnte. Auf dem mutma\u00dflichen Holzsegelboot eines ehemaligen Innenministers und vormaligen RAF-Verteidigers mit einem Rettungsring von der ehemaligen Staatsjagd der DDR. Umzingelt von Staat sozusagen &#8230; es herrscht Flaute, wir d\u00fcmpeln. Der Mast der etwas ramponierten Yacht &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/11\/kein-malender-anarchist-sondern-ein-anarchistischer-maler\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"\"Kein malender Anarchist, sondern ein anarchistischer Maler\" - graswurzelrevolution","description":"Auf dem gro\u00dfen Wannsee unterhalb des d\u00e4nischen L\u00f6wen und neben dem Haus der Wannseekonferenz. Gegen\u00fcber von Schwanenwerder, wo Goebbels wohnte. 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