{"id":9693,"date":"2009-12-01T00:00:56","date_gmt":"2009-11-30T22:00:56","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9693"},"modified":"2012-08-18T17:53:53","modified_gmt":"2012-08-18T15:53:53","slug":"zehn-jahre-bologna-prozess-bilanz-einer-gescheiterten-reform","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/12\/zehn-jahre-bologna-prozess-bilanz-einer-gescheiterten-reform\/","title":{"rendered":"Zehn Jahre Bologna-Prozess &#8211; Bilanz einer gescheiterten Reform"},"content":{"rendered":"<p>Die MinisterInnen orientierten sich dabei (h\u00f6chst oberfl\u00e4chlich)                 an den Bachelor- und Masterstudieng\u00e4ngen, wie sie in England und                 den Vereinigten Staaten \u00fcblich waren. Das Ergebnis war der sogenannte                 &#8222;Bologna-Prozess&#8220;, eine gro\u00df angelegte Bildungsreform im terti\u00e4ren                 Sektor, die in den vergangenen zehn Jahren auch an deutschen Hochschulen                 umgesetzt wurde. <\/p>\n<p>Diese Reform ist, gemessen an ihren Anspr\u00fcchen, gescheitert.                 Dar\u00fcber herrscht mittlerweile weitgehend Einigkeit, sowohl in                 der kritischen Wissenschaft als auch in einem einflussreichen                 Teil der b\u00fcrgerlichen Medien. Thomas Steinfeld zog am 27. Oktober                 2009 in der <i>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/i> eine ebenso vernichtende                 Bilanz wie Wolfgang Lieb in den <i>Bl\u00e4ttern f\u00fcr deutsche und internationale                 Politik<\/i> (Heft 6\/2009). Die Zahl solch kritischer Stimmen lie\u00dfe                 sich m\u00fchelos vermehren.<\/p>\n<h3>Der Bologna-Prozess hat die internationale Mobilit\u00e4t der Studierenden                 nicht erleichtert, sondern erschwert<\/h3>\n<p>Es ist mittlerweile durch die Akkreditierung einer Flut von (oft                 nur dem Namen nach) hochspezifischen Studienf\u00e4chern schwieriger                 geworden, auch nur innerhalb ein und desselben Landes die Universit\u00e4t                 zu wechseln. Studienleistungen und Hochschulzeugnisse werden im                 europ\u00e4ischen Ausland fast nur noch mit teurer staatlicher Beglaubigung                 akzeptiert &#8211; oder \u00fcberhaupt nicht mehr. Die akademische Lehre                 ist, durch fl\u00e4chendeckende Umverteilung staatlicher Gelder auf                 prestigetr\u00e4chtige Gro\u00dfprojekte wie Sonderforschungsbereiche oder                 Exzellenzcluster, in einem katastrophalen Zustand. <\/p>\n<p>Die in vielen Bundesl\u00e4ndern erhobenen Studiengeb\u00fchren sanktionieren                 den <i>status quo<\/i>. Und obwohl das gerade einmal dreij\u00e4hrige                 Bachelor-Studium die Studiendauer unbestreitbar verk\u00fcrzt hat,                 monieren mittlerweile selbst internationale Gro\u00dfkonzerne, auf                 deren Bed\u00fcrfnisse die Reform doch wesentlich zugeschnitten war,                 die v\u00f6llig unzureichende Ausbildung der Studentinnen und Studenten.                 Juristische und medizinische Fakult\u00e4ten hatten &#8211; mit unterschiedlichen                 Begr\u00fcndungen &#8211; in Deutschland die Umstellung auf Bachelor- und                 Master-Examina ohnehin nie mitvollzogen. <\/p>\n<p>Bei aller \u00f6ffentlichen Kritik am Scheitern des Bologna-Prozesses                 f\u00e4llt jedoch auf, dass ein wesentlicher Teilbereich der universit\u00e4ren                 Aufgaben merkw\u00fcrdig unbeachtet bleibt: die LehrerInnenausbildung.               <\/p>\n<p>Dies verwundert umso mehr, als manchem noch das Schreckgeheule                 des &#8222;Pisa-Schocks&#8220; in den Ohren klingt. Dabei wird der Bologna-Prozess                 in der LehrerInnenausbildung m\u00f6glicherweise seine sp\u00fcrbarsten                 gesellschaftlichen Folgen haben.<\/p>\n<p>Niemandem wird es einfallen, den Zustand der deutschen Unis &#8222;vor                 Bologna&#8220; als den eines idyllischen Gartens zu beschreiben. Gerade                 in den geisteswissenschaftlichen F\u00e4chern &#8211; f\u00fcr die der Verfasser                 einzig aus Erfahrung wird sprechen k\u00f6nnen &#8211; lag vieles im Argen,                 und die Kritik etwa an der mangelnden Vorbereitung auf den Lehrberuf                 war eine Konstante zahlloser Diskussionen. <\/p>\n<p>Die von der konservativen Kritik immer wieder vorgebrachte Behauptung,                 die Universit\u00e4ten h\u00e4tten vorrangig <i>eine<\/i> ihrer Aufgaben,                 n\u00e4mlich die Ausbildung wissenschaftlichen Nachwuchses, zur verpflichtenden                 Vorgabe f\u00fcr <i>alle<\/i> Studierenden gemacht und deshalb weder                 angehende Lehrerinnen und Lehrer noch angehende Wissenschaftlerinnen                 und Wissenschaftler vern\u00fcnftig (aus)gebildet, ist allerdings nur                 zutreffend, wenn man die F\u00e4higkeiten, die ein Mensch im Laufe                 eines akademischen Studiums erwerben kann, vors\u00e4tzlich gering                 sch\u00e4tzt: Zusammenh\u00e4nge herzustellen, sich auf dem neuesten Stand                 zu halten, neue Wissensbereiche eigenst\u00e4ndig zu erschlie\u00dfen, diese                 auch vermitteln zu k\u00f6nnen und generell den Dingen der Welt mit                 einer kritisch-analytischen Distanz gegen\u00fcber zu treten, vor einem                 m\u00f6glichst weiten Bildungshintergrund. <\/p>\n<p>Niemand wird bestreiten, dass die LehrerInnenausbildung an deutschen                 Universit\u00e4ten in einem dringend verbesserungsw\u00fcrdigen Zustand                 war. Sie ist es heute mehr denn je. Ebenso wenig allerdings ist                 zu bestreiten, dass die oben genannten F\u00e4higkeiten f\u00fcr gute P\u00e4dagogInnen                 allentscheidend sind &#8211; sofern man Wert legt auf angemessen informierte,                 freie, handlungsf\u00e4hige und selbstst\u00e4ndige Lehrerinnen und Lehrer,                 deren Kreativit\u00e4t nicht unn\u00f6tig behindert wird.<\/p>\n<p>Es ist widersinnig, hierzulande \u00fcber den &#8222;geistigen Schleichgang&#8220;                 an den Schulen zu jammern und gleichzeitig die Lehrerausbildung                 zu einem Muster finsterster, entm\u00fcndigender Verschulung zu machen.               <\/p>\n<p>Bachelor- und Master-Studieng\u00e4nge haben die fachlichen Wahlm\u00f6glichkeiten                 der Studierenden in den Geisteswissenschaften so gut wie abgeschafft.               <\/p>\n<p>Mit der Verschulung des Studiums geht eine erkennbare &#8222;Versch\u00fclerung&#8220;                 im Verhalten der Studierenden einher. <\/p>\n<p>Ein vollkommen unproduktiver, b\u00fcrokratischer Pr\u00fcfungsdruck, mit                 teilweise bis zu zehn Klausuren pro Semester, f\u00fchrt (etwa in den                 Literaturwissenschaften) dazu, dass Studierende die den Seminaren                 zugrundeliegende Literatur \u00fcberhaupt nicht mehr lesen. Nicht,                 weil mit einem Mal eine Generation blasierter, arbeitsscheuer                 junger Menschen an die Universit\u00e4ten gesp\u00fclt worden w\u00e4re, sondern                 weil Ihnen ihr &#8222;Studium&#8220; zu einer gr\u00fcndlichen Lekt\u00fcre keine Zeit                 mehr l\u00e4sst. Man behilft sich mit Kurzzusammenfassungen, <i>Kindlers                 Literaturlexikon<\/i> oder &#8211; letzter Notanker &#8211; mit Wikipedia.               <\/p>\n<p>Bot der terti\u00e4re Sektor bisher (zumindest prinzipiell) die M\u00f6glichkeit,                 nach den relativ strikten Vorgaben der Schule eigene Interessen                 zu entdecken und zu entwickeln &#8211; und so mithin die ersten Schritte                 ins Erwachsenenleben zu tun -, gilt f\u00fcr einen Gro\u00dfteil der Studierenden                 heute Rilkes Satz: &#8222;Wer spricht von siegen? \u00dcberstehen ist alles.&#8220;                 Seminare werden, wenn \u00fcberhaupt, nicht nach Thema oder Kompetenz                 gew\u00e4hlt, sondern nach dem Ruf der Lehrenden, mehr oder weniger                 &#8222;hart&#8220; zu sein. <\/p>\n<p>Der Siegeszug des &#8222;Weges des geringsten Widerstands&#8220; ist logische                 Folge der neuen Struktur des Studiums und kein Indikator f\u00fcr mangelnde                 Leistungsbereitschaft: Wem man selbstst\u00e4ndiges Handeln unm\u00f6glich                 macht, der wird unselbstst\u00e4ndig handeln &#8211; oder gehen. Niemanden                 sollte es noch wundern, dass Studierende zeitaufw\u00e4ndig um jede                 Note k\u00e4mpfen &#8211; notfalls gerichtlich, sie schl\u00e4gt immerhin in der                 Gesamtnote der Module zu buche, und die entscheidenden Kurse werden                 keineswegs jedes Semester angeboten -, dass die Zahl der Plagiate                 bei Haus- und Examensarbeiten bedrohlich steigt, dass Studierende                 fremdsprachiger Philologien es sich dreimal \u00fcberlegen, ob sie                 ein Semester im Ausland verbringen, und die Quote der Studienabbrecher                 so hoch ist wie nie zuvor. <\/p>\n<p>Wer sich unter diesen Umst\u00e4nden aus Neugier in einer Woche voller                 Pflichtveranstaltungen noch in eine fachfremde Vorlesung setzt,                 gilt fast schon als nicht mehr ganz richtig im Kopf.<\/p>\n<p>Der Niveauverlust, den der Bologna-Prozess in der LehrerInnenausbildung                 bewirkt hat, ist erschreckend &#8211; sowohl, was fachliche, als auch,                 was au\u00dferfachliche Kompetenzen betrifft. Vor allem aber wird er                 sich in einer gesellschaftlichen Abw\u00e4rtsspirale weiter fortsetzen:                 Denn solcherart &#8222;ausgebildete&#8220; Lehrerinnen und Lehrer werden schlie\u00dflich                 an den Schulen eine neue Generation potentieller Studentinnen                 und Studenten unterrichten, und immer so fort.<\/p>\n<p>Es ist zu fr\u00fch, um verl\u00e4ssliche Aussagen \u00fcber den Wert des Master                 zu machen. <\/p>\n<p>Den Bachelor aber hat der \u00f6sterreichische Philosoph Konrad Paul                 Liessmann 2006 ein &#8222;Examen f\u00fcr Studienabbrecher&#8220; genannt. Es d\u00fcrfte                 schwer fallen, heute jemanden zu finden, der ihm widersprechen                 wollte.<\/p>\n<p>Die Bildungsreformen der vergangenen zehn Jahre haben, neben                 ihren mittlerweile landl\u00e4ufig bekannten Verheerungen, vor allem                 eines bewirkt: den massiven Abbau demokratischer Strukturen und                 ein unm\u00e4\u00dfiges Wuchern der Kontrolle. <\/p>\n<p>\u00dcber Bachelor und Master, versch\u00e4rfte Schulkurrikula, eine Flut                 von (meist ungelesenen) Lehrberichten und das fortgesetzte Gerede                 von den &#8222;Bed\u00fcrfnissen des Marktes&#8220;, auf die das k\u00fcnftige &#8222;Humankapital&#8220;                 zugeschnitten werden m\u00fcsse, ist der selbstst\u00e4ndig denkende und                 handelnde P\u00e4dagoge heute fast schon zu einem Sicherheitsrisiko                 geworden. <\/p>\n<p>Wer aber so redet, sollte auch den Mut haben, \u00f6ffentlich das                 gew\u00fcnschte Gegenmodell zu preisen: den meinungs- und (weitgehend)                 kenntnisfreien Vollzugsgehilfen einer wirtschaftsnahen Kultus-Expertokratie,                 der seinen Unterricht nur mehr nach den Vorgaben einer \u00fcberschaubaren                 Gruppe von &#8222;Erleuchteten&#8220; gestaltet &#8211; oder den Clicks und Bits                 eines teuren E-Learning-Programms von Bertelsmann. <\/p>\n<p>Ob man mit Hilfe einer Lehrerausbildung, die ein solches Berufsprofil                 favorisiert, aus der viel beschworenen &#8222;Pisa-Krise&#8220; herauskommt,                 darf mit Recht bezweifelt werden. Es geht aber l\u00e4ngst nicht mehr                 nur um technische Nachbesserungen an einer verfehlten Bildungspolitik,                 so notwendig diese auch sein m\u00f6gen. Der Bologna-Prozess ist im                 Grunde ein konservativer &#8222;Back-Lash&#8220;- nicht nur im P\u00e4dagogischen.                 Es ist an der Zeit, eine Diskussion dar\u00fcber zu f\u00fchren, welche                 Vorstellungen &#8211; und welches Menschenbild &#8211; k\u00fcnftig mit dem Begriff                 &#8222;Bildung&#8220; verbunden werden sollen, und wie diese in einer Gesellschaft                 G\u00fcltigkeit behalten k\u00f6nnen, in der Bildung mehr und mehr mit einem                 pr\u00e4historischen, entm\u00fcndigenden Konzept von &#8222;Ausbildung&#8220; verwechselt                 wird: Studierende werden mit nutz- und zusammenhangslosem Fachwissen                 vollgestopft, das sie (bestenfalls) im gegebenen Moment wieder                 &#8222;absondern&#8220;.<\/p>\n<p>Der Soziologe Wolfgang E\u00dfbach hat eine solche &#8222;Bildung&#8220; drastisch                 als das Heranziehen von &#8222;Bulimie-Lernenden&#8220; bezeichnet. Wer ein                 solches Lernideal auch f\u00fcr die Schule pflegt, m\u00f6ge sich melden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die MinisterInnen orientierten sich dabei (h\u00f6chst oberfl\u00e4chlich) an den Bachelor- und Masterstudieng\u00e4ngen, wie sie in England und den Vereinigten Staaten \u00fcblich waren. Das Ergebnis war der sogenannte &#8222;Bologna-Prozess&#8220;, eine gro\u00df angelegte Bildungsreform im terti\u00e4ren Sektor, die in den vergangenen zehn Jahren auch an deutschen Hochschulen umgesetzt wurde. 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