{"id":9718,"date":"2009-12-01T00:00:57","date_gmt":"2009-11-30T22:00:57","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9718"},"modified":"2022-07-26T14:14:39","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:39","slug":"die-beschleunigung-der-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/12\/die-beschleunigung-der-zeit\/","title":{"rendered":"&#8222;Die Beschleunigung der Zeit&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Fortsetzung aus <a title=\"\u201cDie Beschleunigung der Zeit trat ein\u201d\" href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/11\/die-beschleunigung-der-zeit-trat-ein\/\">Graswurzelrevolution Nr. 343<\/a><\/strong><\/p>\n<p><em>Wolfgang R\u00fcddenklau (WR)<\/em>: Pierre-Joseph Proudhon und andere haben das \u00e4hnlich gesagt. In der DDR wurde dann immer Rosa Luxemburg zitiert, dieser Aufsatz zur Russischen Revolution, in dem sie sich in ganz \u00e4hnlicher Weise drastisch ausdr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Also, Demokratie ist sozusagen eine unabweisbare Angelegenheit.<\/p>\n<p>Marx hat Ideologie und Moral f\u00fcr zweitrangig erkl\u00e4rt. Das w\u00e4re eine Frage von Bewusstsein. Das w\u00fcrde sich dann herausstellen, wenn das gesellschaftlich jeweils h\u00f6chste Bewusstsein, in dem Fall das der Arbeiterklasse, zum Sieg kommen w\u00fcrde. Das w\u00fcrde dann die Moral pr\u00e4gen.<\/p>\n<p>Damit hat man sozusagen einen Werterelativismus aufgemacht. Sozusagen alles das, was die Arbeiterklasse bzw. nach Lenin deren bewusstester Sto\u00dftrupp gemacht hat, war dann Sozialismus. Damit hat man sich auf ein ganz anderes Boot gesetzt.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist Sozialismus oder ich sage mal die Zukunftsgesellschaft, um das mal etwas diffuser oder offener auszudr\u00fccken, eben mit solchen ganz fest stehenden Werten verbunden, Grundrechten beispielsweise, Demokratie, in welcher Form auch immer, aber jedenfalls auch wirtschaftliche und m\u00f6glichst wenig Staat. Man wird wahrscheinlich nie ganz auf so etwas verzichten k\u00f6nnen, aber m\u00f6glichst wenig Staat und dergleichen.<\/p>\n<p><em><strong>Christoph Krebber (CK): <\/strong><\/em><strong>Mich w\u00fcrde interessieren, wie es dann nach dem Mauerfall weiterging. Die Zielsetzung, wie du sie gerade beschreibst, stand dann ja im Grunde, oder? Diese Ziele, diesen &#8222;Zukunftssozialismus&#8220;, wie du ihn gerade beschrieben hast, den habt ihr doch damals Ende der 80er bestimmt f\u00fcr euch so formuliert, oder? Wie ging es denn dann weiter, mit eurer Zeitschrift, dem <em>telegraph<\/em>?<em><\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>WR:<\/em> Nein, das ist jetzt eine Sache, die ich sage und die in Diskussionen sicherlich f\u00fcr viele Leute so stand, die eine ganze Reihe von Leuten so sahen. Es gab andere, die andere Ansichten hatten.<\/p>\n<p>Der Friedenskreis Friedrichsfelde bzw. Leute in deren Hintergrund, das waren Marxisten, durchaus demokratische in unserem Sinne, aber diesen Werterelativismus haben sie in \u00e4hnlicher Weise mitgetragen. Es gab ein breites Spektrum von politischen Anschauungen, von R\u00e4tesozialisten, Trotzkisten, Linksliberalen, Anarchisten bis zu Christen, die da zusammenarbeiteten und durch einen gemeinsamen starken Gegner zusammengehalten wurden, die sehr viel gemeinsamen Weg hatten, bis zu einer gewissen Stelle. Und die kam eben, als man sich entscheiden musste, als von der Bundesrepublik Deutschland sehr starke Anfragen Richtung Wiedervereinigung kamen, als das alte System sich verabschiedete, der Sowjetblock, Gorbatschow von der DDR Abschied nahm und sozusagen die Richtung Wiedervereinigung offen war und auch sehr viele Leute in der DDR das so wollten. Da trennte sich dann sehr vieles voneinander, da gab es die unterschiedlichsten Entwicklungen.<\/p>\n<p>Wir sind das geblieben, was wir waren, eine kleine Gruppe, aber andere sind anderes geworden. Beispielsweise das <em>Neue Forum<\/em>, das ich durchaus noch mit sehr freundlichen Augen betrachten kann. Die haben versucht, eine basisdemokratische Sammlungsbewegung zu machen, die sich dann sehr bem\u00fcht haben, aber nat\u00fcrlich angesichts dessen, was da an westdeutschen Geldern reingeschickt wurde, aussichtslos waren. Die Etablierten hatten ja extra die Wahl vorverlegt, damit das Neue Forum und \u00e4hnliche Gruppen keinen Fu\u00df auf die Erde bekamen. Das Neue Forum und die anderen Gruppen der B\u00fcrgerbewegung h\u00e4tten eine Menge Zeit gebraucht, um so eine Wahl vorzubereiten, \u00fcberall vor Ort h\u00e4tten sie geradezu zu Fu\u00df gehen m\u00fcssen. W\u00e4hrend die westdeutschen Parteien in der Situation mit ihren Hochglanzplakaten, ihren schicken Autos und den ganzen Apparaten der DDR-Blockparteien, die sie sich angegliedert hatten, nat\u00fcrlich dann den absoluten Overkill hatten.<\/p>\n<p><em><strong>Bernd Dr\u00fccke (BD): <\/strong><\/em><strong>Du hast 1992 zu den Ereignissen, zu den <em>Umweltbl\u00e4ttern<\/em> und der Umwelt-Bibliothek mit &#8222;Der St\u00f6renfried&#8220; im BasisDruck-Verlag auch ein sehr lesenswertes und wichtiges Buch gemacht. Wenn man sich jetzt die Medienberichterstattung zum Thema &#8222;20 Jahre Wende&#8220; anguckt, das ist ein Problem. Was da zu sehen ist, das ist zum gro\u00dfen Teil auch eine Geschichtsverf\u00e4lschung. <\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8222;Der St\u00f6renfried&#8220; ist vergriffen.<em><\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>WR: <\/em>Ja, seit Jahren. Es gab eine zweite Auflage. Wenn man das wieder erneuern wollte, dann m\u00fcsste man ein v\u00f6llig anderes Buch schreiben, und dazu hatte ich zuviel Ekel.<\/p>\n<p><strong>BD: Zuviel Ekel?<\/strong><\/p>\n<p>WR: Zuviel Ekel.<\/p>\n<p><strong>BD: Es w\u00e4re aber doch wichtig, da eine Geschichtsschreibung von unten fortzusetzen.<\/strong><\/p>\n<p>WR: Ja, du bist jung. Und du solltest es unbedingt tun.<\/p>\n<p>Aber diese Art von Gesellschaft fl\u00f6\u00dft mir verschiedentlich einfach blo\u00df Ekel ein. Und mein Ekel w\u00e4chst, je mehr ich mich mit der Materie besch\u00e4ftige. Und damit werde ich demotiviert und h\u00e4nge rum und bin blo\u00df noch traurig. Das ist schwierig. Da komme ich nur zeitweise raus. Das ist wirklich ein Problem f\u00fcr mich.<\/p>\n<p><strong>BD: Hm. 1989\/90 sind auch sehr viele gesellschaftliche Freir\u00e4ume in der DDR entstanden, ich meine vor dem 3. Oktober 1990. <\/strong><\/p>\n<p>WR: Ja.<\/p>\n<p><strong>BD: Allein in Ost-Berlin gab es 1990 zeitweise bis zu 130 instandbesetzte H\u00e4user, es ist zum Beispiel auch die Freie Schule in Leipzig gegr\u00fcndet worden, einfach aus dieser sozialen Bewegung in der DDR,\u2026 Im Grunde war 1989\/90 eine revolution\u00e4re Phase.<\/strong><\/p>\n<p>WR: Es gab \u00fcberall freie Zeitungen, freie Radios. Blo\u00df: Null Chance. Ein Freund sagte mir damals: &#8222;Genie\u00dfe die Zeit. Die Zeit zwischen zwei Systemen ist vielleicht die einzige Freiheit, die es wirklich gibt.&#8220;<\/p>\n<p>Ich habe damals in einem besetzten Haus in der Kastanienallee gewohnt, mit ansonsten fast nur West-Autonomen zusammen. Und ich kann mich da noch sehr deutlich daran erinnern, wie bei der Vollversammlung, die sie einmal die Woche machten, der gro\u00dfe Hordenf\u00fchrer erkl\u00e4rte: &#8222;Wir wollen ja nicht, dass es zugeht wie da drau\u00dfen.&#8220;<\/p>\n<p>Was ging da drau\u00dfen zu? Das war die freieste Zeit des Landes. Das hat er \u00fcberhaupt nicht begriffen. Ein Dogmatiker, wirklich \u00fcbel.<\/p>\n<p>Es war schon toll. Also, ich fahre auf dem Fu\u00dfg\u00e4ngerweg mit dem Fahrrad, an der Bordsteinkante gehen zwei Polizisten, ich gucke die Polizisten an, sie gucken weg.<\/p>\n<p>Aber die Sache hatte nat\u00fcrlich auch Haken. Letztlich war nichts zu retten, sobald die Wacht \u00fcbergeben wurde.<\/p>\n<p>Die damalige Bonner Regierung wanderte landauf, landab mit dem Scheckbuch herum.<\/p>\n<p>Im Unterschied zu den Sagen, die man heute erz\u00e4hlt, sind die Stasileute richtig eingekauft worden, unter anderem auch mit diesem &#8222;Einigungsvertrag&#8220;, wo beispielsweise festgelegt wurde, dass dann der Abschluss dieser Stasihochschulen, wo die Stasiverh\u00f6rer studiert haben, als Juradiplom anerkannt wurde, im Unterschied \u00fcbrigens zu vielen anderen Berufs- und Studienabschl\u00fcssen der DDR, die nicht anerkannt wurden. Man hat geheime Armeen mit dem Scheckbuch unterdr\u00fcckt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend wir dann nat\u00fcrlich eher im Wege rumstanden und bl\u00f6derweise auch als unbestechlich galten. Die B\u00fcrgerbewegung, die Oppositionsgruppen, die wollte man aus dem Wege haben, bei aller Hochachtung, die man immer wieder versichert hat. Aber das waren halt &#8222;weltfremde Tr\u00e4umer&#8220;, die den neuen Machtverh\u00e4ltnissen im Wege standen.<\/p>\n<p>Die Opfer des Kommunismus, \u00fcber die man sich \u00f6ffentlich ausweinte, bekamen erst 17 Jahre sp\u00e4ter eine sp\u00e4rliche Opferrente &#8211; und auch nur dann, wenn sie nachweisen k\u00f6nnen, dass sie bed\u00fcrftig sind.<\/p>\n<p><strong>BD: Der <em>telegraph<\/em> erscheint bis heute weiter. Du bist aber irgendwann ausgestiegen.<\/strong><\/p>\n<p>WR: Ja.<\/p>\n<p><strong>BD: M\u00f6chtest du dazu etwas erz\u00e4hlen?<\/strong><\/p>\n<p>WR: Na ja, das ist eine Zeitschrift geworden, die sich wesentlich auf Westlinke bezieht und eben kaum noch eine Verbindung mit dem hat, was in der DDR geschehen ist, was wir an Lehren daraus gezogen haben.<\/p>\n<p>Jetzt sind sie sogar f\u00fcr ihre neueste Ausgabe in der <em>jungen Welt<\/em> gelobt worden. ((1)) Das geschieht ihnen Recht. Dann ist man wirklich am Ende angelangt. Als &#8222;unsere Revolution\u00e4re&#8220; hat die marxistische Tageszeitung <em>junge Welt<\/em> sie apostrophiert. Sie haben endlich einen Teil der DDR-Opposition entdeckt, der ihnen in den Kram passt.<\/p>\n<p>Ich bin damals ausgestiegen, weil ich das Gef\u00fchl hatte, dass ich immer wieder das Gleiche sage, wiederhole, und zwar ohne Resonanz wiederhole, dass ich ein Papagei bin. Und es wuchs bei mir eben, wie gesagt, der Ekel \u00fcber diese Entwicklung. Ich konnte dann lange Jahre gar nichts mehr oder nur noch sehr wenig sagen. Das ist eigentlich auch nicht so richtig vorbei.<\/p>\n<p>Es war ja tats\u00e4chlich so, dass wir mal einen kurzen Augenblick davor standen, unsere Vorstellungen verwirklicht zu sehen. Jedenfalls, wenn man ein bisschen durch die Finger guckte. Wir haben unsere alten Gegner besiegt und fallen sehen. Dann war es aber doch vorbei. Es war nur ein sehr kurzfristiger Sieg.<\/p>\n<p><strong>BD: Aber immerhin. Vor der nationalistischen &#8222;Wir sind ein Volk&#8220;-Konterrevolution und der Staats-Einverleibung durch die BRD gab es in der DDR eine Revolution, vielleicht eine gewaltfreie Revolution. Im R\u00fcckblick denke ich, war das eine gro\u00dfartige Leistung gewesen, auch gerade von Umwelt-Bibliothek, <em>telegraph<\/em> und <em>Umweltbl\u00e4ttern<\/em>. Das waren ganz wichtige Mobilisatoren f\u00fcr die revolution\u00e4ren Entwicklungen 1989. <\/strong><\/p>\n<p>WR: Das Bl\u00f6de ist, dass die Leute nichts aus ihrer Geschichte lernen. Eigentlich sind die Menschen im Osten ziemlich kapitalismuskritisch, von dem, was sie an Schulunterricht, an Anschauungen \u00fcber den Westen aus dem Osten heraus gewonnen haben. Aber wenn es Pr\u00e4mien gibt, dann werden sie alle verlockt und sobald sie verzweifelt sind, gehen sie leider in eine Richtung, die gar nicht angenehm ist: sehr viel rechte Bewegung in Ostdeutschland, die alten SED-Parteikader, die sich in der Linken vereinigt haben, sehr wenig basisdemokratische Ans\u00e4tze. Es ist wirklich traurig.<\/p>\n<p>Und im Westen l\u00e4uft es ja kaum anders, denke ich mal.<\/p>\n<p><strong>BD: Ich w\u00fcrde die Situation nicht ganz so schwarz malen. Es gibt schon noch emanzipatorische, soziale Bewegungen. Man hat es gerade vor der Bundestagswahl in Berlin gesehen: 50.000 Menschen haben dort am 5. September 2009 gegen die Atompolitik demonstriert,\u2026<\/strong><\/p>\n<p>WR: &#8230; und die FREIe HEIDe hat gewonnen!<\/p>\n<p><strong>BD: Genau. Die FREIe HEIDe hat gewonnen. Das ist doch gro\u00dfartig. Das haben wir in der <em>Graswurzelrevolution<\/em> auch ordentlich abgefeiert. <\/strong><\/p>\n<p>WR: Das ist wirklich erstaunlich, dass eine Bewegung \u00fcber die Jahre so lange durchgehalten und dann auch noch einen Sieg davon getragen hat. Und die Probleme werden dann nat\u00fcrlich jetzt erst noch beginnen. Aber man sollte sich nat\u00fcrlich erst einmal dar\u00fcber freuen. Das ist wirklich eine tolle Geschichte. Es war, glaube ich, die gr\u00f6\u00dfte Bewegung.<\/p>\n<p><strong>BD: Die gr\u00f6\u00dften Osterm\u00e4rsche in den letzten Jahren hat es in der FREIen HEIDe gegeben.<\/strong><\/p>\n<p>WR: Nicht nur in Ostdeutschland, sondern auch insgesamt. Sozusagen als lokale Bewegung ist es schon ziemlich einmalig.<\/p>\n<p><strong>BD: Ich glaube, wir m\u00fcssen ein bisschen etwas zur FREIen HEIDe erkl\u00e4ren. Also, das Bombodrom, das war zu Zeiten der DDR ein gro\u00dfer Bombenabwurfplatz des Wahrschauer Pakts. Vielleicht erz\u00e4hlst du da etwas zu?<\/strong><\/p>\n<p>WR: Das war russisches Man\u00f6vergebiet, wo dann immer das Bomben ge\u00fcbt wurde. Das ist 1946 beschlagnahmt worden. Ein riesiges Gebiet zwischen vielen D\u00f6rfern, durch das man nicht mehr durchgehen konnte, das sind bestimmt f\u00fcnf mal f\u00fcnf Kilometer oder sogar mehr, wo man immer drum herum fahren musste. D\u00f6rfler, die miteinander zu tun hatten, hatten immer einen irrsinnigen Umweg zu fahren. Die Gel\u00e4nde sind verloren gegangen, und dann gab es die Frechheit, dass dieses Gel\u00e4nde nach der Wende nicht an die Eigent\u00fcmer zur\u00fcckgegeben wurde, wo in einer kapitalistischen Gesellschaft ja eigentlich das Eigentum heilig ist. Stattdessen bekam es die Bundeswehr. Das hei\u00dft, die wollte das Man\u00f6vergebiet als Bombenabwurfplatz weiter benutzen.<\/p>\n<p>Dann haben die Leute angefangen, sich zu wehren, und da sind dann sozusagen aus DDR-Zeiten vorgebahnte Gemeinschaften zusammen gekommen. Es waren viele Pfarrer dabei, auch die Graswurzler waren dabei. Ich habe noch das Bild in Erinnerung, wie der Bischof Fork, der alte Bischof von Berlin-Brandenburg, der da schon pensioniert war, dann auf offener Trib\u00fcne unter schwarz-roter Fahne predigte. Er hatte wenig Ber\u00fchrungs\u00e4ngste, wenn die Inhalte stimmten, dann hat er eben ja gesagt. Das ist genau der Punkt. Von schwarzen oder roten Fahnen kann man sich sehr wenig kaufen. Ich denke, dass es wirklich darauf ankommt, ob die Inhalte stimmen.<\/p>\n<p><strong>BD: Du hattest schon zu DDR-Zeiten gute Kontakte zu Graswurzelrevolution\u00e4rInnen im Westen.<\/strong><\/p>\n<p>WR: Ich kannte die Graswurzler schon lange. 1986 konnten wir dann mal kurz in den Westen reisen. Das war eine Aktion der Stasi. Viele Oppositionelle bekamen pl\u00f6tzlich ein Visum genehmigt. Offensichtlich mit der Zielstellung, uns loszuwerden. Wir sind aber bl\u00f6derweise alle wieder zur\u00fcckgekommen.<\/p>\n<p>Aber dadurch hatte ich ein einziges Mal, obwohl ich ansonsten von der Stasi &#8222;Reisesperre f\u00fcr alle L\u00e4nder der Welt&#8220; hatte, die M\u00f6glichkeit, nach Westen zu fahren. Wir hatten pers\u00f6nliche Friedenspartnerschaften gemacht, ich mit Hans H\u00fccking, einem gr\u00fcnen Stadtrat aus Dortmund, den ich bei der Gelegenheit nat\u00fcrlich besucht habe.<\/p>\n<p>Dort traf ich dann auch die Dortmunder Graswurzler.<\/p>\n<p>Da hatte gerade Reagan in Libyen gebombt und es gab eine Demonstration der Dortmunder Linken.<\/p>\n<p>Das war schon toll, mal unter schwarz-roten Fahnen zu marschieren. Das ist eine rein \u00e4u\u00dferliche Geschichte, aber das fehlte uns schon ein bisschen &#8211; man w\u00e4re in der DDR daf\u00fcr sofort verhaftet worden. Aber bezeichnenderweise fuhr dem Ganzen ein DKP-Lautsprecherwagen voran. Das ist mir sehr aufgesto\u00dfen. &#8222;Ja, das ist halt so, die haben halt die Logistik und die Technik. Und wir haben sie nicht und da kann man eben nicht anders und muss halt ein bisschen zusammenarbeiten.&#8220; So war das.<\/p>\n<p>Andererseits hat mich sehr ge\u00e4rgert, dass unsere Anarchos bei der gro\u00dfen Ostberliner Demonstration am 4. November 1989 unbedingt im Autonomen-Look, maskiert und in einem &#8222;Schwarzen Block&#8220; auftreten mussten. Das war zu einem Zeitpunkt, als es darum ging, den gemeinsamen Willen Aller zu demonstrieren, nichts weiter als eine bombastisch-pubert\u00e4re Aufk\u00fcndigung der Solidarit\u00e4t. Man macht eine Revolution nicht f\u00fcr sich selbst, sondern f\u00fcr die Leute und mit den Leuten des Landes. Die gleichen Leute haben dann durch ihre unkooperative Haltung die Gr\u00fcndung der Vereinigten Linken sabotiert &#8211; ohne jetzt den Beitrag der stalinistischen Dogmatiker vergessen zu wollen. Es geht nicht um Fahnen, sondern um Inhalte.<\/p>\n<p><strong>CK: Vielleicht noch einmal einen ziemlich weiten Sprung zur\u00fcck. Du hast ganz am Anfang gesagt, dass dein Vater Pastor war, und wir haben geh\u00f6rt von der innerkirchlichen Druckerlaubnis. Wie ist denn dein Verh\u00e4ltnis zur Religion? War die katholische oder evangelische Kirche zu DDR-Zeiten sogar eher eine revolution\u00e4re Kraft? Oder eine reaktion\u00e4re? Was bedeutet das f\u00fcr dich? Bist du gl\u00e4ubiger Christ als Anarchist?<\/strong><\/p>\n<p>WR: Das wei\u00df ich nicht. Ich w\u00fcrde mich nicht direkt als gl\u00e4ubig ansehen. Ich wei\u00df \u00fcber diese Dinge nichts zu sagen. Kein Mensch wei\u00df dar\u00fcber genau etwas zu sagen. Ich verhalte mich abwartend. F\u00fcr mich kommt es darauf an, welche Werte da vertreten werden. Die DDR-Kirche war durch die Situation im SED-Regime in eine schwierige Lage gebracht worden. Teilweise haben sie sich auf die EKD gest\u00fctzt, auf die Evangelische Kirche Deutschlands, auf die Westkirche, und haben versucht, dort immer ein bisschen Mut und \u00fcbrigens auch Geld zu tanken und dadurch zu \u00fcberleben.<\/p>\n<p>Es gab aber eben auch einen Reformfl\u00fcgel. Verschiedene Pfarrer, die kann man letztlich an zwei H\u00e4nden aufz\u00e4hlen, quer durch die DDR, die versucht hatten, etwas Neues zu machen, die eine Chance sahen, die Evangelische Kirche zu erneuern, als revolution\u00e4re Kirche, als soziale Kirche. Das hat zu verschiedenen, sehr interessanten Ans\u00e4tzen gef\u00fchrt, von Sozialarbeiterausbildung, Arbeit mit Schl\u00fcsselkindern und dann eben diese ber\u00fcchtigte Offene Arbeit. Man hat Jugendlichen, die auf der Stra\u00dfe lagen, R\u00e4ume gegeben und man hat keine Voraussetzungen, keine Gebetsrunden da er\u00f6ffnet, sondern einfach gesagt: &#8222;Ihr m\u00fcsst sehen, was ihr wollt&#8220;. Diese Offene Arbeit, das waren selbstkontrollierte, selbstorganisierte, selbstregierte Gruppen. Die haben versucht, sich selbst zu finden, und sehr vern\u00fcnftige Sachen gemacht. Diese Evangelische Kirche war nat\u00fcrlich in der Minderheit, aber dann doch in Teilen eine gesellschaftsoffene Kirche geworden.<\/p>\n<p>All das ist nach der &#8222;Wende&#8220; abgewickelt worden. Diese Leute sind entsorgt worden in Bereiche, in denen sie keinen Schaden mehr anrichten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>BD: Du arbeitest in der Gedenkst\u00e4tte Hohensch\u00f6nhausen.<\/strong><\/p>\n<p>WR: Ja, der alte Stasiknast, wo ich mal f\u00fcnf Tage lang gesessen habe. Bekannt geworden ist die Gedenkst\u00e4tte durch die Aktionen und Moderationen von Dr. Hubertus Knabe, der immer sehr stark O-Ton-Adenauerstiftung redet.<\/p>\n<p>Man kann unterschiedliche Schlussfolgerungen ziehen. F\u00fcr mich ist der Punkt Grundrechte wesentlich. Man kann den Wert von Grundrechten sehen, wenn man sieht, was passiert, wenn es keine Grundrechte gibt.<\/p>\n<p>Das m\u00f6chte ich Leuten nahe bringen, diese Werte zu achten. Auf diese Werte acht zu geben auch gegen\u00fcber den regierenden H\u00e4uptern, die da ja jedes Jahr m\u00e4chtig dran herums\u00e4gen. Das sage ich dann auch immer, dass das kein vergangenes Problem ist, sondern durchaus ein sehr gegenw\u00e4rtiges.<\/p>\n<p>Es gibt Leute, die da andere F\u00fchrungen machen, andere Schlussfolgerungen ziehen, keine Frage, aber das ist eben meine Schlussfolgerung, und das halte ich f\u00fcr wichtig.<\/p>\n<p><strong>BD: Hast du ein Fazit oder eine wichtige Information, die du hier noch loswerden m\u00f6chtest? Jetzt, gerade auch 20 Jahre nach der Wende?<\/strong><\/p>\n<p>WR: Nein, tut mir leid. Ich kann nichts Allgemeines sagen.<\/p>\n<p>Wenn man etwas \u00e4lter wird, dann fehlt einem das Organ f\u00fcr die Dinge. Man wird bescheidener. Vielleicht bin ich schon etwas zu unbescheiden gewesen.<\/p>\n<p><strong>BD: Nein, vielleicht eher etwas zu bescheiden. Ich denke, durch deine Arbeit damals ist ja viel in Gang gesetzt worden.<\/strong><\/p>\n<p>WR: Wir im Osten liebten die Bescheidenheit. Das kam vom System her, weil jeder, der auffiel, sofort von der Stasi besucht wurde. Ich sage immer: Wenn im Osten ein Ei gelegt wurde, dann ist man still beiseite gegangen, denn es bestand gar nicht die Gefahr, dass \u00fcbersehen wird, dass ein Ei gelegt wurde. Sofort kam die Stasi und alle m\u00f6glichen anderen Organe und br\u00fcllten rum &#8222;Es ist ein Ei gelegt worden! Ein Ei! Wer war der Eierleger?&#8220;<\/p>\n<p>Heutzutage muss man schon, selbst wenn man kein Ei gelegt hat, in jedem Fall gackern, sonst k\u00f6nnte der Verdacht aufkommen, dass man keine Eier legen kann.<\/p>\n<p>Wir im Osten haben gerne unser Licht unter den Scheffel gestellt. Das finde ich angenehmer als Haltung. Und \u00fcbrigens ist auch der Anteil von pers\u00f6nlicher Leistung und kollektivem Denken an einem Ergebnis immer schwer zu kl\u00e4ren. Man sollte da lieber auf der Seite der Bescheidenheit bleiben.<\/p>\n<p><strong>BD &amp; CK: Herzlichen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fortsetzung aus Graswurzelrevolution Nr. 343 Wolfgang R\u00fcddenklau (WR): Pierre-Joseph Proudhon und andere haben das \u00e4hnlich gesagt. In der DDR wurde dann immer Rosa Luxemburg zitiert, dieser Aufsatz zur Russischen Revolution, in dem sie sich in ganz \u00e4hnlicher Weise drastisch ausdr\u00fcckt. Also, Demokratie ist sozusagen eine unabweisbare Angelegenheit. 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