{"id":9721,"date":"2009-12-01T00:00:04","date_gmt":"2009-11-30T22:00:04","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9721"},"modified":"2022-07-26T13:31:14","modified_gmt":"2022-07-26T11:31:14","slug":"krieg-genozid-und-massengewalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/12\/krieg-genozid-und-massengewalt\/","title":{"rendered":"Krieg, Genozid und Massengewalt"},"content":{"rendered":"<p>Die Massengewalt kam sogar zur\u00fcck nach Europa (Ex-Jugoslawien-Krieg); in Ruanda kam es von April bis Juni 1994 zu einem Genozid; in Darfur\/Sudan wird \u00fcber eine \u00e4hnliche Bezeichnung diskutiert; im kongolesischen B\u00fcrgerkrieg sind seit 1994 Millionen Menschen gestorben und die &#8222;Menschenrechts&#8220;-Kriege im Irak (1991 und seit 2003) oder Afghanistan (seit 2001) haben viel mit Formen des Massenmords und der Massengewalt zu tun.<\/p>\n<p>Da nun der Sicherheitsrat der UN bei Verurteilung und Vorgehen nicht mehr durch die Vetopraxis der jeweils anderen Supermacht blockiert war, entstanden nicht nur eine F\u00fclle neuer Beispiele milit\u00e4rischen Eingreifens durch UN, NATO oder die US-Armee und ihrer Verb\u00fcndeten, sondern auch eine Reihe neuer internationaler Rechtsinstitutionen wie der Internationalen Tribunale gegen den Krieg in Ex-Jugoslawien und zum Genozid in Ruanda, die im Juli 2002 in den Rom-Statuten zur Schaffung eines Internationalen Strafgerichtshofes in Den Haag m\u00fcndeten.<\/p>\n<p>Das erste Urteil wegen Beteiligung an einem Genozid wurde am 2.9.1998 gegen den ruandischen B\u00fcrgermeister Jean Paul Akayesu ausgesprochen (wobei erstmals Massenvergewaltigungen als Bestandteil eines Genozids definiert wurden). Gleich danach wurde der damalige Premierminister Ruandas, Jean Kambanda, verurteilt.<\/p>\n<p>Die Hoffnung der Bef\u00fcrworterInnen Internationalen Rechts war die, Verantwortlichen f\u00fcr Genozid oder Massengewalt, wenn n\u00f6tig auch Staatschefs, mit Strafen vor Internationalen Gerichten zu drohen und so Massengewalt und Genozid pr\u00e4ventiv eind\u00e4mmen und reduzieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Einerseits ist dadurch die absolute Staatssouver\u00e4nit\u00e4t durchaus angetastet und willk\u00fcrlichen Regimes und Diktatoren angezeigt, dass sie sich nicht alles erlauben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Andererseits ist der Glaube, sie w\u00fcrden sich dadurch abschrecken lassen, so realistisch wie die These, die Todesstrafe k\u00f6nne von Mord abhalten.<\/p>\n<p>Diese Gerichte sind seit Bestehen zu Recht Ziel starker internationaler Kritik, weil sie bestimmte F\u00e4lle von Massengewalt, besonders infolge von Bombardierungen westlicher Milit\u00e4rs (Belgrads und Serbiens, des Irak, Afghanistans), v\u00f6llig au\u00dfen vor lassen und es undenkbar bleibt, dass sich etwa ein Schr\u00f6der, eine Merkel, ein Bush, Blair, Obama, \u00fcberhaupt irgendwelche befehlshabenden Bundeswehr-, US- und NATO-Milit\u00e4rs oder vergewaltigende, folternde und mordende westliche SoldatInnen jemals vor diesen Gerichten werden verantworten m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Parallel dazu hat sich seit zwei Jahrzehnten eine veritable Genozidforschung entwickelt, u.a. mit Zeitschriften wie dem <em>Journal of Genocide Research<\/em> oder auf Websites wie der <em>Online Encyclopedia of Mass Violence<\/em>. ((1)) Einige neuere Publikationen geben dar\u00fcber einen guten \u00dcberblick und sollen hier diskutiert werden. ((2))<\/p>\n<h3>Erinnerung an Raphael Lemkin: Der Zusammenhang von Nationalsozialismus und Kolonialismus<\/h3>\n<p>Die Genozid-Konvention wurde am 9.12.1948 von der UN-Vollversammlung verabschiedet und geht haupts\u00e4chlich auf den Juristen f\u00fcr internationales Recht polnisch-j\u00fcdischer Herkunft, Raphael Lemkin (1900-1959), zur\u00fcck. Lemkin f\u00fchrte schon 1944 in seinem Buch &#8222;Axis Rule in Occupied Europe&#8220; (Die Herrschaft der Achsenm\u00e4chte im besetzten Europa) ((3))<\/p>\n<p>den Begriff \u201aGenozid&#8216; (griech. <em>genos <\/em>f\u00fcr Rasse, Volk oder Stamm; lat. <em>caedere <\/em>f\u00fcr t\u00f6ten; im Deutschen hat sich lange der Begriff V\u00f6lkermord gehalten) f\u00fcr die Verbrechen der Nazis ein.<\/p>\n<p>Erst durch die j\u00fcngere Wiederentdeckung Lemkins r\u00fcckten auch seine anderen Studien ins Blickfeld des Interesses. Lemkin hatte au\u00dferdem zum V\u00f6lkermord an den ArmenierInnen publiziert. Zwei weitere Arbeiten befassten sich mit der Kolonialherrschaft der Deutschen in S\u00fcdwest-Afrika und dem Genozid an den Herero (1904) und den Nama (1904-1908); sowie eine mit der Massengewalt der Belgier im Kongo. Die Kolonialismus-Arbeiten Lemkins blieben unver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>An seiner zeitweiligen Vergessenheit w\u00e4hrend des Kalten Krieges ist Lemkin selbst nicht unschuldig, er war ein strammer Antikommunist und Verteidiger des britischen Kolonialismus, dem er das intentional auf Vernichtung ausgerichtete Vorgehen der deutschen Kolonialmacht gegen\u00fcberstellte. ((4))<\/p>\n<p>Die angenommene UN-Konvention definiert &#8222;Genozid&#8220; seit 1948 als &#8222;Absicht, eine national, ethnisch, rassisch oder religi\u00f6s bestimmte Gruppe teilweise oder ganz zu zerst\u00f6ren, mit der Intention<\/p>\n<ol>\n<li>Mitglieder der Gruppe zu t\u00f6ten,<\/li>\n<li>Mitgliedern der Gruppe schwere k\u00f6rperliche oder seelische Sch\u00e4den zuzuf\u00fcgen,<\/li>\n<li>Die Gruppe unter Lebensbedingungen zu stellen, die geeignet sind, deren k\u00f6rperliche Zerst\u00f6rung ganz oder teilweise herbeizuf\u00fchren (das war etwa bei den Herero der Fall, wo der deutsche Oberkommandierende von Trotha die \u00dcberlebenden nach der Schlacht am Waterberg in die Omaheke-W\u00fcste zwang und dann die Zug\u00e4nge abriegelte; d.A.),<\/li>\n<li>Ma\u00dfregeln zu verh\u00e4ngen, die Geburten innerhalb der Gruppe verhindern sollen,<\/li>\n<li>Kinder der Gruppe in eine andere Gruppe gewaltsam zu \u00fcberf\u00fchren&#8220;. ((5))<\/li>\n<\/ol>\n<p>Die Genozid-Forschung legt vor diesem Hintergrund bei der Analyse des Nationalsozialismus und der Kriegsziele Hitlers viel Wert auf die Konzepte &#8222;Volk ohne Raum&#8220;, d.h. dass die Deutschen Kolonisierte tendenziell nicht f\u00fcr sich arbeiten lassen (wie die anderen Kolonialm\u00e4chte), sondern sie vernichten wollten, um leeres Territorium f\u00fcr deutsche SiedlerInnen zu gewinnen. Der Russlandfeldzug war von Hitler als Kolonisierungsfeldzug geplant worden, und Hitler kannte die Kolonialgeschichte. ((6))<\/p>\n<p>Er sprach sogar nationalistischen Befreiungsbewegungen aus der &#8222;Dritten Welt&#8220;, die sich an ihn wandten, prinzipiell das Recht auf Unabh\u00e4ngigkeit ab, selbst wenn es sich beim Kolonisator um den Kriegsgegner England handelte. ((7))<\/p>\n<p>Durch diesen Zusammenhang hat sich in der Genozid-Forschung ein Strukturvergleich der nationalsozialistischen Eroberungspraxis mit derjenigen des Kolonialismus entwickelt. Neue Publikationen weisen die direkte Verbindung nach, wodurch sogar bisher \u00fcbersehene Verbrechen des Nationalsozialismus ins Blickfeld r\u00fccken, zum Beispiel die Unterscheidung, die bereits beim Frankreich-Blitzkrieg 1940 zwischen wei\u00dfen franz\u00f6sischen Soldaten und schwarzafrikanischen franz\u00f6sischen Soldaten (besonders den senegalesischen Artilleristen) gemacht wurde.<\/p>\n<p>Die wei\u00dfen franz\u00f6sischen Soldaten wurden von den Deutschen wie Kriegsgefangene behandelt, die schwarzafrikanisch-franz\u00f6sischen Soldaten in mehreren Massakern w\u00e4hrend des West-Feldzugs der Nazis erschossen (als sozusagen nicht satisfaktionsf\u00e4hig f\u00fcr die Genfer Kriegskonvention).<\/p>\n<p>Dies ohne dezidierte Anordnung von Hitler, ausgef\u00fchrt durch Offiziere und Soldaten vor Ort, welche die rassistische Kolonialideologie plus den Nazi-Rassismus so verinnerlicht hatten, dass die konkrete Kampferfahrung im Krieg dann der &#8211; immer als zweite Bedingung notwendige &#8211; Ausl\u00f6ser f\u00fcr die Massengewalt war. ((8))<\/p>\n<h3>Diskussionen \u00fcber eine sinnvolle Geltung der Genozid-Konvention<\/h3>\n<p>Nun ist der Bereich der Nationalsozialismus- und Antisemitismus-Forschung ebenfalls in den letzten beiden Jahrzehnten ein hochgradig spezialisierter, personalintensiver Arbeits- und Forschungsbereich geworden, in dessen Mittelpunkt die historische Singularit\u00e4t der Shoah steht. Darin liegt ein Konfliktpotential mit der auf Kolonialismusanalysen basierenden Genozidforschung, das sporadisch immer wieder zum Vorschein kommt.<\/p>\n<p>Bereits der urspr\u00fcngliche Text der UN-Genozidkonvention, die ja zentral auf Lemkins Strukturanalyse von Kolonialismus basiert, wurde durch andere Juristen (V. Pella und H. Donnedieu de Vabres) noch so abge\u00e4ndert, dass ein zentrales Element f\u00fcr Lemkin, n\u00e4mlich die Zerst\u00f6rung der Kultur der betroffenen Gruppe (durch Verbot des Aus\u00fcbens der Sprache, die Zerst\u00f6rung religi\u00f6ser Objekte oder historischer Bauwerke), nicht mit aufgenommen worden ist. Begr\u00fcndung daf\u00fcr war schon damals die Gefahr, dass der Genozid-Begriff so ausgeweitet werden k\u00f6nnte, dass am Ende unvergleichbare Verbrechensdimensionen nebeneinander st\u00fcnden. ((9))<\/p>\n<p>So ist der Konventionstext in der Genozid-Forschung st\u00e4ndiger Diskussions- und Streitpunkt bis heute. Kritisiert wird insbesondere die angeblich explizit notwendige &#8222;Intention&#8220; zum Genozid.<\/p>\n<p>Ein weiterer Streitpunkt ist die Zusammensetzung der Opfer, die keineswegs immer homogen sein muss, sondern in gro\u00dfem Ausma\u00df auch Angeh\u00f6rige ganz unterschiedlicher Gruppen betreffen kann (nicht nur angebliche &#8222;Klassen&#8220; wie die Kulaken in der Sowjetunion, sondern auch die BewohnerInnen von Armenvierteln bei brutal durchgef\u00fchrten slum clearings oder auch die Bombenopfer westlicher Kriegsf\u00fchrung).<\/p>\n<p>Au\u00dferdem wird die Frage gestellt, ob grob diskriminierende Unterlassungen wie etwa die jahrelange Weigerung der s\u00fcdafrikanischen Regierung, einen auf dem gegenw\u00e4rtigen allgemeinen Kenntnisstand der Medizin m\u00f6glichen freien Zugang zu gegen Retroviren gerichteten Medikamenten zu erm\u00f6glichen und also Aids angemessen zu bek\u00e4mpfen, als ein Akt des Genozids bezeichnet werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Letzteres tat zum Beispiel die recht erfolgreich mittels Kampagnen des zivilen Ungehorsams k\u00e4mpfende Basisbewegung <em>Treatment Action Campaign <\/em>(TAC), als sie immer wieder erkl\u00e4rte, durch Unterlassung ermorde die s\u00fcdafrikanische Regierung t\u00e4glich 600 Menschen. ((10))<\/p>\n<p>Hier befindet sich der Diskurs auf d\u00fcnnem Eis. Und das bricht ein, wenn ein lateinamerikanischer Forscher wie Alejandro Benda\u00f1a aus Managua &#8211; noch dazu im Namen einer zu entwickelnden s\u00fcd-hemisph\u00e4rischen Perspektive auf Genozid ((11)) &#8211; die Begriffe Genozid oder Holocaust gleich f\u00fcr viele, ganz unterschiedliche Beispiele synonym benutzt und sie schlie\u00dflich zuletzt auf einen US-&#8222;genocide as a form of economic war or blockade&#8220; ((12)) gegen Kuba anwendet (w\u00e4hrend Kuba in Wirklichkeit seinen Au\u00dfenhandel jahrzehntelang gem\u00fctlich mit der Sowjetunion abwickelte).<\/p>\n<p>Und das alles auch noch im Namen einer alternativen &#8222;Politics of Naming&#8220; &#8211; einer Politik der Neubenennung all dessen, was die Medien des Nordens aus Sicht des S\u00fcdens verschweigen.<\/p>\n<p>Wer infolge marxistisch-autorit\u00e4rer Ideologie willk\u00fcrlich die Grenzen richtiger Benennung \u00fcberschreitet und Massengewalt nicht angemessen und abgestuft beschreiben kann, endet also in der Ineinssetzung der Kuba-Blockade mit dem NS-Holocaust!<\/p>\n<p>Damit liegt Benda\u00f1a ungef\u00e4hr auf einer propagandistischen Linie mit Robert Mugabe, der seine Massaker im Matebeleland 1983-85 ((13)) und die gewaltsamen st\u00e4dtischen slum clearings in Zimbabwe 2005 ((14)) nicht nur offensiv verteidigt, sondern f\u00fcr alle Verbrechen und die Wirtschaftskrise im Land auch gleich noch die alten imperialistischen M\u00e4chte verantwortlich macht &#8211; so als h\u00e4tte es post-koloniale Eigenverantwortlichkeit nie gegeben.<\/p>\n<p>Bei solch antiimperialistischen Plattheiten sollte sich dann auch niemand mehr dar\u00fcber wundern, wenn auf der anderen Seite rechtsextreme US-FundamentalchristInnen die weltweite Abtreibungspraxis als den allergr\u00f6\u00dften Genozid und Holocaust in der Geschichte der Menschheit bezeichnen. So wird eine urspr\u00fcnglich sinnvolle Kategorie v\u00f6llig wertlos gemacht.<\/p>\n<h3>&#8222;Extrem gewaltsame Gesellschaften&#8220;: Exorzismus des Staates<\/h3>\n<p>Der Genozid-Forscher Christian Gerlach hat deshalb ein alternatives Konzept zum &#8222;Genozid&#8220; vorgeschlagen, n\u00e4mlich &#8222;extrem gewaltsame Gesellschaften&#8220;. Damit sollen j\u00fcngere F\u00e4lle von Massengewalt besser beschrieben und ihre Ursachen erkl\u00e4rt werden, vor allem Ruanda 1994.<\/p>\n<p>Gerlach grenzt sein Konzept gegen\u00fcber der bisherigen Genozid-Definition durch vier Punkte ab:<\/p>\n<ol>\n<li>Die intentionale Ursachenanalyse f\u00fcr den Massenmord an den europ\u00e4ischen Juden und J\u00fcdinnen sei auf aktuelle Beispiele nicht mehr \u00fcbertragbar. Viel h\u00e4ufiger sei individuelle Verantwortungslosigkeit bei der Ausf\u00fchrung massenm\u00f6rderischer Handlungen.<\/li>\n<li>Bisher seien die Genozid-Analysen zu staatszentriert gewesen. Zuwenig sei auf die Rolle &#8222;autonom&#8220; handelnder sozialer Gruppen bei der Durchf\u00fchrung von Massengewalt geachtet worden.<\/li>\n<li>Die meisten Genozid-Analysen h\u00e4tten sich bisher auf eine Opfergruppe konzentriert. Es gehe nunmehr immer h\u00e4ufiger um mehrere, unterschiedliche Opfergruppen.<\/li>\n<li>Bisherige Analysen w\u00fcrden sich auf Rasse- und Ethnizit\u00e4t-Identit\u00e4ten als Ursache von Massengewalt konzentrieren. Nunmehr m\u00fcsse von einem B\u00fcndel von Ursachen, von einer &#8222;Multi-Causality&#8220; ausgegangen werden. ((15))<\/li>\n<\/ol>\n<p>Ich gehe nur auf Punkt 2 ein: Was mich hier verwundert, ist die Relativierung staatlicher Politik oder b\u00fcrokratischer Strukturen in der Ursachenanalyse, immerhin wurde der Genozid in Ruanda 1994 von einer Hutu-Gruppe aus der herrschenden Elite durchgef\u00fchrt, d.h. vom Milit\u00e4r im komplett in Besitz genommenen Staatsapparat: durch \u00f6ffentliche Ausgabe von Waffen, propagandistische Aufstachelung und Mobilisierung der Mehrheitsbev\u00f6lkerung (von rund 85 Prozent damals) gegen die Minderheit der Tutsi (15 Prozent).<\/p>\n<p>Nun aber soll die Mobilisierung von Massengewalt nur ein gesellschaftliches Ph\u00e4nomen sein?<\/p>\n<p>In einer teils zustimmenden, teils kritischen Auseinandersetzung mit Gerlach bem\u00fcht sich Anthony Court sogar darum &#8211; im Anschluss an Hannah Arendts Totalitarismus-Analyse ((16)) -, nun schon im Nationalsozialismus eine Mobilisierungsgesellschaft zu sehen, mit chaotischer Organisierung durch zwei, drei oder gar vier unabh\u00e4ngig nebeneinander agierende, trotzdem zust\u00e4ndige Beh\u00f6rden, Gruppen oder Institutionen, wodurch keine stabile Hierarchie und B\u00fcrokratie mehr erkennbar sei. Hitler selbst sei nur noch eine Funktion seiner eigenen Bewegung, der Mobilisierungsgesellschaft.<\/p>\n<p>Der Staat sei im NS der dynamischen Bewegung untergeordnet gewesen, quasi abwesend. ((17))<\/p>\n<p>Das alles halte ich &#8211; auch wenn Hannah Arendt hier als Gew\u00e4hrsfrau dienen mag &#8211; f\u00fcr falsch, ja in Teilen aberwitzig.<\/p>\n<p>Gerade der Nationalsozialismus soll kaum Stabilit\u00e4t, klare Hierarchien, keine klare Befehlsstruktur, keine effektive B\u00fcrokratie gekannt haben? Absurd! Die Organisation des Holocaust war b\u00fcrokratisch und funktionierte mit klarer Befehlskette von oben nach unten.<\/p>\n<p>Die vielf\u00e4ltigen Ausformungen von Staatswesen werden hier von Gerlach und Court, scheinbar nach irgendeiner neuen Mode, einfach reduziert auf <em>eine m\u00f6gliche<\/em> Staatsform, n\u00e4mlich eine stabile, moderne, b\u00fcrokratische: die <em>b\u00fcrgerliche<\/em> &#8211; und die wird freigesprochen dadurch, dass nur noch eine staatslose Mobilisierungsgesellschaft als zur Massengewalt f\u00e4hig erkl\u00e4rt wird.<\/p>\n<p>Stattdessen w\u00e4re es doch naheliegender, vom NS als einem Mobilisierungs-Staat zu sprechen. Denn die Steuerung der Mobilisierung blieb in den H\u00e4nden Hitlers und seiner F\u00fchrungsclique. Sie hielten ihre Leute und die Bev\u00f6lkerung st\u00e4ndig mit neuen Kampagnen, die vom Staatsapparat ausgingen, in Atem, bevor der Gedanke an Protest oder Widerstand auch nur aufkommen konnte. Dito der Stalinismus oder der Maoismus mit seiner permanent mobilisierenden &#8222;Kulturrevolution&#8220;.<\/p>\n<p>Gerlach und Court exorzieren hier den Staat aus ihrer Ursachenanalyse &#8211; nichts k\u00f6nnte falscher sein. Doch zum Gl\u00fcck scheinen sie damit innerhalb der Genozid-Forschung auf Widerspruch zu sto\u00dfen. Andere AutorInnen sind mit Gerlachs Konzept keinesfalls einverstanden und haben bereits eindeutige Gegenpositionen formuliert.<\/p>\n<h3>Das notorische Vergessen einer antimilitaristischen Analyse: Ruanda<\/h3>\n<p>Der Krieg ist bei allen GenozidforscherInnen immer etwas Normales, SoldatInnen d\u00fcrfen sich umbringen. &#8222;Massengewalt&#8220; ist auch bei Gerlach immer noch &#8222;verbreitete Gewalt gegen Nicht-Kombattanten, d.h. au\u00dferhalb des unmittelbaren Kampfes zwischen milit\u00e4rischem oder paramilit\u00e4rischem Personal&#8220;. ((18))<\/p>\n<p>Wenn sich SoldatInnen nicht ehrbar wie die alten Ritter bek\u00e4mpfen, schreiten die Genfer Konvention, die Genozid-Konvention und der Internationale Strafgerichtshof ein, so die Idee des Internationalen Rechts, Kriegsrechts usw. Doch solch einen Krieg gibt es nicht, und sicher nicht in der Moderne. Brutalisierungsprozesse, das Abt\u00f6ten von emotionalen Hemmungen schon nach dem ersten Morden, die Negierung pers\u00f6nlicher Verantwortung sind dem Krieg, dem Soldatenleben inh\u00e4rent. Dass fast alle Genozide in oft lang anhaltenden Kriegsperioden und -dynamiken stattfinden, ist f\u00fcr die ForscherInnen kein Grund zu explizit antimilitaristischer Analyse.<\/p>\n<p>Dabei springen Kriegsdynamiken und Militarismen bei den Beschreibungen immer wieder ins Auge: In den Ursachenanalysen zu Ruanda ger\u00e4t z.B. neuerdings die &#8222;Hamitische Hypothese&#8220; ins Blickfeld, eine behauptete Abstammung der &#8222;Tutsi&#8220; von kaukasischen Eroberern.<\/p>\n<p>Das hatte 1863 der englische Afrikaforscher John Hanning Speke behauptet.<\/p>\n<p>\u00dcber den Anthropologen Charles Seligmann lernte der erste deutsche Kolonialgouverneur von Ruanda\/Urundi (1908), der &#8222;kaiserliche Resident&#8220; Richard Kandt, die Hypothese kennen und machte daraus starre, essentielle Rasseeinteilungen.<\/p>\n<p>Die Belgier (1916-61 Kolonialmacht in Ruanda) setzten das fort und institutionalisierten die Einteilungen 1933. Danach waren die eher hager und gro\u00df gewachsenen Tutsi &#8211; meist wohlhabend durch Viehzucht &#8211; pl\u00f6tzlich eine gebietsfremde Rasse, eine Eroberer- und Kriegerrasse. Die als einheimisch, &#8222;indigen&#8220; geltenden &#8222;Hutu&#8220; waren mehrheitlich Ackerbauern. Die rassistische Einteilung wurde in den P\u00e4ssen explizit vermerkt. Diese P\u00e4sse waren beim V\u00f6lkermord entscheidend.<\/p>\n<p>Die &#8222;Tutsi&#8220; mussten ihre P\u00e4sse herzeigen, bevor sie mit der Machete abgeschlachtet wurden. Das ist der Anteil der Kolonialm\u00e4chte, des modernen Rassismus und des b\u00fcrokratischen Passwesens auch an diesem V\u00f6lkermord.<\/p>\n<p>Doch beide Gruppen hatten im Laufe der Zeit die Kategorien auch selbst verinnerlicht: Viele &#8222;Tutsi&#8220; waren stolz auf ihr vorkoloniales Krieger-K\u00f6nigreich in Ruanda, verinnerlichten ihren Kolonialstatus als &#8222;Eroberer&#8220; und wehrten sich so gegen Anspr\u00fcche der aus ihrer Sicht zum Dienen geborenen &#8222;Hutu&#8220;-Untergebenen.<\/p>\n<p>Nun trug der Mythos der bewaffneten Revolution zur Versch\u00e4rfung bei: 1959 kam es zu einer Bauern-Revolte der Hutu, die bereits klar nach Rassekriterien durchgef\u00fchrt wurde.<\/p>\n<p>Nicht irgendeine herrschende Funktionselite, sondern 10.000 Tutsi wurden dabei get\u00f6tet, rund 150.000 Tutsi flohen nach Burundi und Uganda &#8211; das alles verbr\u00e4mt durch eine Sprache der revolution\u00e4ren bewaffneten Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung.<\/p>\n<p>1961 wurde Ruanda offiziell unabh\u00e4ngig. Im Exil kultivierten die Tutsi-Fl\u00fcchtlinge einen Diskurs der r\u00fcckkehrenden Eroberer-Krieger und patriarchalischer Rache &#8211; es gab immer wieder vereinzelte Invasionsversuche, die von der Hutu-Regierung Ruandas zun\u00e4chst zur\u00fcckgeschlagen wurden und in isolierten Massakern gegen die gebliebene ruandische Tutsi-Minderheit m\u00fcndeten.<\/p>\n<p>1972 kam es auf der anderen Grenzseite zu Massenmorden an Hutu im von Tutsi regierten Burundi, bei der rund 200.000 Hutu umkamen.<\/p>\n<p>So war das unabh\u00e4ngige Ruanda bis zum Genozid permanent von martialischen Drohungen der exilierten Eroberer-&#8222;Rasse&#8220; bedroht &#8211; extremistische Hutu-Fraktionen konterten mit Drohungen und Propaganda in den regierungseigenen Medien gegen die innerhalb Ruandas verbliebenen Tutsi, sie massenhaft umzubringen, wenn die Invasion stattfinden sollte.<\/p>\n<p>Die kam dann als Guerillakrieg durch die Rwandan Patriotic Front (RPF) seit Oktober 1990 von Uganda aus. Die Hutu-Extremisten organisierten sich ebenso seit 1990 unter dem Dach der herrschenden Hutu-Elite, die mehr und mehr mit der relativ gem\u00e4\u00dfigten Regierung von Pr\u00e4sident Habyarimana unzufrieden waren.<\/p>\n<p>Von 1990-1993 kam es bereits zu einzelnen Massakern an einheimischen Tutsi. Die Realit\u00e4t des Guerillakrieges, best\u00e4ndige rassistische Propaganda und Gegenpropaganda f\u00fchrten zu einem Aufschaukeln der Situation. Die Angst vor neuer Unterdr\u00fcckung durch eine Tutsi-R\u00fcckkehr half dabei, die Hutu-Massen f\u00fcr das Ziel der Hutu-Extremisten zu gewinnen. ((19)) Nur noch der Anlass zum Losschlagen fehlte. Der kam dann durch die bis heute ungekl\u00e4rte Ermordung Habyarimanas, die propagandistisch sofort der Tutsi-Guerilla zugeschrieben wurde. Gleich danach begann der Genozid, rund 800.000 von etwas \u00fcber 1 Mio. Tutsi in Ruanda wurden get\u00f6tet.<\/p>\n<p>Nur wer bei den Arbeiten der Genozid-ForscherInnen konsequent antimilitaristisch zwischen den Zeilen liest, erf\u00e4hrt quasi im Nebensatz, dass Kagames RPF (von Uganda hervorragend ausgestattet und milit\u00e4risch der ruandischen Hutu-Armee weit \u00fcberlegen) aus machtstrategischen Gr\u00fcnden bei weitem nicht so schnell vorr\u00fcckte wie m\u00f6glich, um den Genozid zu beenden.<\/p>\n<p>Eine Machteroberung auf der Basis eines Genozids schien internationale Anerkennung zu versprechen! ((20))<\/p>\n<p>&#8222;Die RPF war Komplize der Gewalt in vielfacher Weise. Die RPF-Invasion war ein Schl\u00fcsselelement im gef\u00e4hrlichen Mix, der zum Genozid f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Sie ver\u00fcbte einen Gutteil der Gewalt w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs. RPF-Soldaten f\u00fchrten Rachemorde an Zehntausenden w\u00e4hrend und nach dem Genozid aus.<\/p>\n<p>Im April 1995 waren RPF-Soldaten verantwortlich f\u00fcr die Tode von vielleicht 5.000 Menschen im bereits notorisch gewordenen Kibeho-Massaker&#8220; ((21)), wo wahllos in die Menge fliehender Hutu-Fl\u00fcchtlinge in einem kongolesischen Fl\u00fcchtlingscamp geschossen wurde.<\/p>\n<p>In einem eigenen Tutsi-Fl\u00fcchtlingscamp au\u00dferhalb Kigalis vergewaltigten RPF-Soldaten Tutsi-Frauen, &#8222;manche sollten sogar durch die Hand der RPF sterben&#8220; ((22)).<\/p>\n<p>Mit der Darstellung der Verbrechen von Milizen, Guerillas und protostaatlichen milit\u00e4rischen Verb\u00e4nden kommt bei der Ursachenanalyse eine zweite milit\u00e4rische Seite ins Spiel, und die Entstehung des Genozids im Rahmen einer Kriegssituation r\u00fcckt st\u00e4rker ins Blickfeld.<\/p>\n<p>Hinzu gesellen m\u00fcsste sich weiter eine antimilitaristische Analyse der Frage, ob UN-Milit\u00e4reins\u00e4tze in der Lage waren, Massengewalt zu stoppen, oder ob konkret eine gut ausger\u00fcstete und entschlossen zuschlagende UN-Milit\u00e4rmacht &#8211; die dann ja doch eher von NATO oder US-Armee gestellt oder dominiert wird &#8211; in Ruanda den Genozid h\u00e4tte verhindern k\u00f6nnen, wie westliche Medien vielfach und vorschnell behauptet haben.<\/p>\n<p>In Ruanda jedenfalls unterst\u00fctzten die belgischen und franz\u00f6sischen UN-Truppen w\u00e4hrend des Genozids die falsche Seite, die Hutu-Regierung n\u00e4mlich. Das ist ein historischer Fakt, aber Frankreich will sich dieser Verantwortung bis heute nicht stellen.<\/p>\n<p>Die Thematik \u00fcberschreitet den Rahmen dieses Artikels, insbesondere m\u00fcssten alle bisherigen UN-Eins\u00e4tze kritisch untersucht werden. Ebenfalls m\u00fcsste eine Perspektive der historischen Abfolge und der Lehren aus den jeweiligen UN-Milit\u00e4reins\u00e4tzen eingenommen werden, denn Ruanda 1994 folgte auf die Erfahrung von Somalia 1992, wo ein massiver US-Milit\u00e4reinsatz im Auftrag der UN gerade zur Brutalisierung des Konflikts beitrug. ((23))<\/p>\n<p>Eine antimilitaristische Komponente der Genozid-Forschung m\u00fcsste all diese Fragen mit einbeziehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Massengewalt kam sogar zur\u00fcck nach Europa (Ex-Jugoslawien-Krieg); in Ruanda kam es von April bis Juni 1994 zu einem Genozid; in Darfur\/Sudan wird \u00fcber eine \u00e4hnliche Bezeichnung diskutiert; im kongolesischen B\u00fcrgerkrieg sind seit 1994 Millionen Menschen gestorben und die &#8222;Menschenrechts&#8220;-Kriege im Irak (1991 und seit 2003) oder Afghanistan (seit 2001) haben viel mit Formen des &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/12\/krieg-genozid-und-massengewalt\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Krieg, Genozid und Massengewalt - graswurzelrevolution","description":"Die Massengewalt kam sogar zur\u00fcck nach Europa (Ex-Jugoslawien-Krieg); in Ruanda kam es von April bis Juni 1994 zu einem Genozid; in Darfur\/Sudan wird \u00fcber eine"},"footnotes":""},"categories":[555,1025],"tags":[],"class_list":["post-9721","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-344-dezember-2009","category-die-waffen-nieder"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9721","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9721"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9721\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9721"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9721"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9721"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}