{"id":9730,"date":"2009-12-01T00:00:59","date_gmt":"2009-11-30T22:00:59","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9730"},"modified":"2022-07-26T14:14:39","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:39","slug":"das-unbehagen-an-der-kultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/12\/das-unbehagen-an-der-kultur\/","title":{"rendered":"Das Unbehagen an der Kultur"},"content":{"rendered":"<p>Mein skeptischer Beitrag zum Antispeziesismus hat hohe Wellen                 geschlagen &#8211; innerhalb und au\u00dferhalb der GWR. Ich m\u00f6chte kurz                 die Gelegenheit zu einer Replik ergreifen. Ich gehe nur auf wenige,                 wichtige Punkte ein und hoffe, dass die Debatte im \u00dcbrigen kontrovers                 weitergef\u00fchrt wird (denn auch ich habe, selbst von einigen der                 unh\u00f6flicheren Beitr\u00e4ge, dazugelernt).<\/p>\n<p>Die meisten, h\u00e4ufig emp\u00f6rten Reaktionen kamen erwartungsgem\u00e4\u00df                 aus dem Lager der AntispeziesistInnen, und sie kulminieren &#8211; nach                 der Bemerkung, dass PETA und Peter Singer in ihren Kreisen &#8222;umstritten&#8220;                 seien oder gar \u00fcberhaupt keine Tierrechte vertr\u00e4ten &#8211; regelm\u00e4\u00dfig                 in dem Credo: Die Tatsache, dass Tiere empfindungsf\u00e4hig seien,                 m\u00fcsse als &#8222;einziges Kriterium&#8220; in dieser Frage gelten (vgl. z.B.                 Leserbrief von Gerborg Glanz in der GWR 342). <\/p>\n<p>Das ist in der Tat die wichtige Frage! Ich m\u00f6chte darauf bestehen,                 dass es noch andere Kriterien geben muss, die ich im Begriff der                 Kulturhaftigkeit der Menschen zusammengefasst habe: F\u00e4higkeit                 zu moralischem Handeln, Reichweite der <i>Mit<\/i>empfindungsf\u00e4higkeit,                 kollektives Ged\u00e4chtnis usw. <\/p>\n<p>Gerade darum, da bin ich mir mit allen meinen GegnerInnen einig,                 muss die Empfindungs- und Leidensf\u00e4higkeit von Tieren <i>ein<\/i>                 Kriterium f\u00fcr unser Handeln sein (\u00fcbrigens d\u00fcrfte das Ma\u00df dieser                 F\u00e4higkeit im Einzelfall viel schwerer zu bestimmen sein, als die                 Pauschalisierungen der Tiersch\u00fctzerInnen nahe legen; wahrscheinlich                 variiert es typischerweise von Spezies zu Spezies). <\/p>\n<p>Aber ich sehe daneben eben wichtigere Kriterien, die aus der                 Idee der <i>Menschenrechte<\/i> erwachsen &#8211; ein Konzept, mit dem                 die AntispeziesistInnen offenbar \u00fcberhaupt nichts anfangen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Neben der Schelte der Gescholtenen gab es dann noch den klugen,                 nicht minder polemischen Beitrag von Tim Kr\u00f6ger, der ein paar                 S\u00e4tze der Entgegnung verdient. Kr\u00f6ger ist ein Anh\u00e4nger des Veganismus,                 der selbst nicht antispeziesistisch argumentiert. Sein Text (in                 der GWR 343) ist gelehrt und \u00fcber weite Strecken auch folgerichtig,                 aber er hat leider einen kleinen Zug zur Unredlichkeit. <\/p>\n<p>Damit meine ich nicht so sehr, dass Kr\u00f6ger dauernd aus einem                 Text von mir zitiert, der unver\u00f6ffentlicht und auch nicht zur                 Ver\u00f6ffentlichung vorgesehen ist und den ich ihm aus Kollegialit\u00e4t                 zur Verf\u00fcgung gestellt habe. Sondern ich meine seine Verdrehungen                 meiner Positionen, die ich bei einem Autor seines Reflexionsniveaus                 nicht als Versehen werten kann. Nehmen wir als Beispiel meine                 Bemerkung, Adorno (auf den sich gewisse Tiersch\u00fctzerInnen als                 einen &#8222;j\u00fcdischen Philosophen&#8220; beziehen) sei vielmehr ein &#8222;deutscher                 Philosoph&#8220;. <\/p>\n<p>Das ist im Rahmen meiner Argumentation als Argument zu einem                 <i>Diskurszusammenhang<\/i> leicht zu erkennen (sonst w\u00e4re es auch                 wohl kaum in der GWR gedruckt worden): F\u00fcr die Art zu philosophieren                 ist es wichtig, in welchem Land, in welcher Sprache ich bevorzugt                 spreche, schreibe und diskutiere, mit welchen Kollegen ich m\u00fcndlich                 und schriftlich kommuniziere usw. <\/p>\n<p>Kr\u00f6ger fragt sich daraufhin, ob ich Adorno zum &#8222;Deutschnationalen&#8220;                 habe stempeln wollen oder doch eher biologistisch zu dem &#8222;Blut&#8220;                 mich \u00e4u\u00dfern wollte, das in Adornos Adern floss.<\/p>\n<p>\u00dcber sein &#8222;hartn\u00e4ckiges Fremdsch\u00e4men&#8220; vergisst Kr\u00f6ger hier leider                 das viel dringlicher f\u00e4llige Selbstsch\u00e4men.<\/p>\n<p>Ein weiteres Beispiel: Ich hatte von &#8222;anthropologischen Rahmenbedingungen&#8220;                 gesprochen, um gegen bestimmte biologisch-deterministische Argumente                 der AntispeziesistInnen anzugehen. Dabei hatte ich durchg\u00e4ngig                 die Variabilit\u00e4t menschlicher Kultur betont.<\/p>\n<p>Kr\u00f6ger liest daraus eine &#8222;deterministische Aufhebung der Geschichte&#8220;.                 Geschichtlichkeit bedeute vielmehr, die Dinge als geworden und                 mithin also auch als verg\u00e4nglich zu begreifen.<\/p>\n<p>Da sind Kr\u00f6ger und ich uns also einig &#8211; auch wenn ich der Biologie                 zugestehe, dass z.B. Sexualit\u00e4t oder Nahrungsaufnahme zu den &#8211;                 jeweils kulturell zu formenden &#8211; &#8222;anthropologischen Rahmenbedingungen&#8220;                 geh\u00f6ren d\u00fcrften.<\/p>\n<p>Und es gibt eben noch eine weitere, besonders wichtige: Die Menschen                 (und nur sie) sind zur Kultur &#8222;verurteilt&#8220; (und damit auch zur                 Geschichte), weil ihr Verhalten im Wesentlichen nicht von Instinkten                 gesteuert wird. Es ist v\u00f6llig falsch, wie im bekannten Pop-Hit                 zu sagen, Menschen seien &#8222;nothing but mammals&#8220; &#8211; und die in jenem                 Schlager folgende, erotisch gemeinte Aufforderung &#8222;so let&#8217;s do                 it like they do on the Discovery Channel&#8220; w\u00fcrde ja zu einer bedenklichen                 Reduzierung der m\u00f6glichen Sexualpraktiken f\u00fchren! Die &#8222;Verurteilung&#8220;                 zur Kultur ist n\u00e4mlich auch eine <i>Befreiung<\/i> zu ihr!<\/p>\n<p>Da liegt auch der Pferdefu\u00df in der wohlklingenden Formulierung                 Kr\u00f6gers, &#8222;artgerecht&#8220; sei f\u00fcr alle Tiere &#8222;allein die Freiheit&#8220;.                 &#8222;Die&#8220; Freiheit? Nichtmenschliche Tiere sind im Wesentlichen Sklaven                 ihrer Instinkte, und wer mit gro\u00dfem Pathos so tut, als k\u00f6nnten                 sie Subjekte derselben Freiheit sein wie Menschen, entwertet die                 humanistische &#8211; und anarchistische &#8211; Idee menschlicher Freiheit,                 die viel mehr besagt, als wiederk\u00e4uend in der Steppe zu stehen                 anstatt auf der eingez\u00e4unten Weide.<\/p>\n<p>Kr\u00f6ger scheint das auch zu ahnen, aber ihm ist bei diesem Sachverhalt                 wesentlich unwohler als mir. Dass &#8222;die beste aller m\u00f6glichen Welten&#8220;                 sich in der Geschichte noch nicht entfalten konnte, stimmt ebenso                 wie, dass man sie gleichwohl anstreben sollte. Aber ist das Archiv                 menschlicher Kulturen wirklich so trostlos? Kr\u00f6ger r\u00e4umt die &#8222;Besonderheit                 der menschlichen Kulturhaftigkeit&#8220; ein, um daran ankn\u00fcpfend zu                 fragen: &#8222;Aber welche Kultur meinen wir? Die Kultur des Schlachthofs,                 die Kultur des Patriarchats, die Kultur des Rassismus, die Kultur                 des Kapitalismus oder gar die Kultur, die Auschwitz m\u00f6glich machte?               <\/p>\n<p>Eine Kultur, auf die sich berufen lie\u00dfe, w\u00e4re erst noch zu erschaffen.&#8220;                 Was f\u00fcr ein Panorama! Ich w\u00fcrde zun\u00e4chst dagegen halten, dass                 eine Kultur, auf die man sich berufen k\u00f6nnte, nicht perfekt sein                 muss.<\/p>\n<p>Dann lie\u00dfe sich vielleicht auf die Kultur der Pariser Commune                 berufen? Auf die Kultur der Anti-Atomkraft-Bewegung? Auf die Kultur                 des Renaissance-Karnevals? Vielleicht darf ich auch einen Gang                 zur\u00fcckschalten und mich auf Johann Sebastian Bachs &#8222;Wohltemperiertes                 Klavier&#8220; berufen? Auf die Bilder Paul Klees? Auf die Erfindung                 des Gleitflugzeugs?<\/p>\n<p>Nein; ich will lieber einen Gang hochschalten: Diesseits der                 Binsenweisheit, &#8222;die beste aller m\u00f6glichen Welten&#8220; habe noch nicht                 existiert, ist zu betonen, dass die Menschen, die seit etwa 2                 Millionen Jahren diesen Planeten bev\u00f6lkern, erst vor 5.000 Jahren                 den Staat erfunden haben. Die ganze Zeit davor lebten die Menschen,                 und viele auch noch in den letzten f\u00fcnf Jahrtausenden, in &#8222;herrschaftsfreien                 Gesellschaften&#8220;, in &#8222;<i>soci\u00e9t\u00e9s contre l&#8217;\u00e9tat<\/i>&#8220; oder &#8222;Regulierten                 Anarchien&#8220;, wie die EthnologInnen das bezeichnen. Wer sich ein                 wenig mit der kulturellen Vielfalt dieser Anarchien besch\u00e4ftigt,                 kann schon so etwas wie eine Bewunderung f\u00fcr die M\u00f6glichkeiten                 menschlicher Kultur entwickeln.<\/p>\n<p>Aber: alles FleischesserInnen! Die meisten: &#8222;J\u00e4ger und SammlerInnen&#8220;,                 viele auch Viehz\u00fcchterInnen. Was nun: hinfort damit? Die Inuit,                 eine faszinierende Kultur, von ihren Nachbarn, den Algonkin, als                 &#8222;Fischfresser&#8220; (&#8222;Eskimo&#8220;) gedisst, hatten aufgrund ihres nordpolaren                 Lebensraums <i>\u00fcberhaupt keine<\/i> pflanzliche Nahrung auf dem                 Speisezettel. Was nun: umsiedeln?<\/p>\n<p>Gerborg Glanz schreibt in ihrem Leserbrief an die GWR: &#8222;Vegane                 Ern\u00e4hrung kommt in der Kulturgeschichte nicht vor, weil \u201afindige&#8216;                 Leute schon immer wussten, wie manipuliert, Macht ausge\u00fcbt wird.&#8220;                 Schon immer: das hie\u00dfe u.a. bei den Inuit. Aber sie macht eine                 historische Ausnahme geltend: die Griechen und R\u00f6mer der Antike.                 Diese h\u00e4tten wenig Tierisches gegessen und vielmehr die &#8222;Barbaren&#8220;                 als Fleischesser verachtet. Da haben wir sie wieder, die Parteinahme                 f\u00fcrs Imperium und gegen die staatslosen Gesellschaften. So darf                 man freilich denken; aber ist das dann libert\u00e4r? <\/p>\n<p>Am Ende treffen sich also Tim Kr\u00f6ger und meine antispeziesistischen                 KritikerInnen in ihrem expliziten oder impliziten <i>Unbehagen                 an der Kultur<\/i>. &#8211; K\u00fcrzlich stie\u00df ich auf ein Diskussionsforum                 im Internet mit dem Titel &#8222;Komplement\u00e4rforum&#8220;. Dort hat ein gewisser                 &#8222;Mesiu&#8220; am 17.10. meinen Beitrag Satz f\u00fcr Satz aus antispeziesistischer                 Sicht zerpfl\u00fcckt und kommentiert. <\/p>\n<p>In der Einleitung bezeichnet er seinen Text als bereits \u00e4ltere                 Sammlung von &#8222;Fragen und Anmerkungen&#8220; an mich; und auf eine entsprechende                 R\u00fcckfrage in dem <i>thread<\/i> entbl\u00f6det er sich nicht, 15 Stunden,                 nachdem er seinen Text gepostet hat, zu bemerken: &#8222;Haude hat selbstverst\u00e4ndlich                 bis heute nicht reagiert&#8220;; so, als h\u00e4tte er mir seinen Text pers\u00f6nlich                 zugeschickt, was &#8222;selbstverst\u00e4ndlich&#8220; nicht der Fall war.<\/p>\n<p>Als ich diese Diskussions-Seite fand, enthielt sie auch die Einlassung                 eines Achim St\u00f6\u00dfer, der meinen Hinweis auf die Geschmacklosigkeit                 der PETA-Holocaust-Kampagne, j\u00fcdische Kinder ausgerechnet mit                 Schweinen zu parallelisieren (die f\u00fcr gl\u00e4ubige J\u00fcdinnen und Juden                 ein &#8222;Gr\u00e4uel&#8220; sind), so pariert: &#8222;Hier m\u00fc\u00dfte er [Haude] sich fragen                 lassen: Inwiefern sind religi\u00f6se Wahnvorstellungen ethisch relevant?&#8220;                 Es ist nicht nur die Sorglosigkeit bemerkenswert, mit der in diesem                 Statement die \u00dcberlebenden der Shoah mit Hohn \u00fcbersch\u00fcttet werden.                 Auch die Annahme, dass ethische Relevanz ganz und gar ohne kritischen                 Bezug auf die auch religi\u00f6sen Wurzeln der Ethik begr\u00fcndet werden                 k\u00f6nnte, mutet befremdlich an.<\/p>\n<p>Es bleibt dabei: Menschliche Kultur, und damit auch menschliche                 Ethik, sind bei den extremen TierfreundInnen nicht in den allerbesten                 H\u00e4nden. <\/p>\n<p>Auf eine Weise \u00e4hneln sie der alten Dame aus dem vierten Stock,                 die ihren &#8222;Fiffi&#8220; umso abg\u00f6ttischer liebt, als sie von allen Menschen                 schwer entt\u00e4uscht ist. R\u00fchrend. Aber nicht zur Nachahmung empfohlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein skeptischer Beitrag zum Antispeziesismus hat hohe Wellen geschlagen &#8211; innerhalb und au\u00dferhalb der GWR. Ich m\u00f6chte kurz die Gelegenheit zu einer Replik ergreifen. Ich gehe nur auf wenige, wichtige Punkte ein und hoffe, dass die Debatte im \u00dcbrigen kontrovers weitergef\u00fchrt wird (denn auch ich habe, selbst von einigen der unh\u00f6flicheren Beitr\u00e4ge, dazugelernt). Die meisten, &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/12\/das-unbehagen-an-der-kultur\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Das Unbehagen an der Kultur - graswurzelrevolution","description":"Mein skeptischer Beitrag zum Antispeziesismus hat hohe Wellen geschlagen - innerhalb und au\u00dferhalb der GWR. Ich m\u00f6chte kurz die Gelegenheit zu einer Replik ergr"},"footnotes":""},"categories":[555,1042],"tags":[],"class_list":["post-9730","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-344-dezember-2009","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9730","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9730"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9730\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9730"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9730"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9730"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}