{"id":9743,"date":"2010-01-01T00:00:38","date_gmt":"2009-12-31T22:00:38","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9743"},"modified":"2022-07-26T14:24:08","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:08","slug":"ich-werde-ihnen-keine-opfergeschichten-erzahlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/01\/ich-werde-ihnen-keine-opfergeschichten-erzahlen\/","title":{"rendered":"Ich werde Ihnen keine Opfergeschichten erz\u00e4hlen"},"content":{"rendered":"<p>Gegen Ende 2006 organisierte El Fem in Italien eine europ\u00e4ische                 Konferenz zur Gewalt, an der viele feministische Aktivistinnen                 und Politikerinnen aus verschiedenen L\u00e4ndern teilnahmen. Da diese                 Konferenz, auf der viel \u00fcber die Frauenbewegung und die Linke                 geredet wurde, uns auch einen Eindruck von unserem eigenen Verh\u00e4ltnis                 zum Opferstatus vermitteln kann, beginne ich meinen Text damit.<\/p>\n<p>Das Ziel der Konferenz bestand darin, den Plan einer internationalen                 Kampagne gegen Gewalt zu erarbeiten. Man wollte daf\u00fcr eine gemeinsame                 Perspektive entwickeln bzw. die Hauptthemen der Kampagne festlegen.                 Die Konferenz ging allerdings zu Ende, ohne dass es dazu kam.               <\/p>\n<p>Es gibt viele Gr\u00fcnde hierf\u00fcr: Der &#8222;europ\u00e4ische Feminismus&#8220; hat                 seinen Charakter einer Systemopposition l\u00e4ngst eingeb\u00fc\u00dft und verdient                 eigentlich ausf\u00fchrlichere Diskussionen. Allzu hoch waren meine                 Erwartungen daher auch nicht, aber dennoch verbl\u00fcffte mich die                 Konferenz. Sie sollte ja eine praxisorientierte Angelegenheit                 werden, das Ziel war ja eine Kampagne. <\/p>\n<p>Geredet wurde allerdings nicht \u00fcber das, was zu tun ist, sondern                 ausschlie\u00dflich \u00fcber verschiedene Formen von Opferdasein. <\/p>\n<p>Ich musste mir drei Tage lang anh\u00f6ren, was wir alles erleiden.               <\/p>\n<p>Sobald ich in Italien ankam, bat man mich, ein Referat mit dieser                 Sto\u00dfrichtung zu halten. Vorgegeben war urspr\u00fcnglich, dass es in                 meinem Vortrag \u00fcber den Krieg gehen sollte. Ich hatte mich darauf                 vorbereitet, \u00fcber die theoretischen und politischen Dimensionen                 der Frage zu sprechen, warum es der feministischen Bewegung nicht                 gelingt, eine wirksame Haltung gegen Kriege zu entwickeln.<\/p>\n<p>Doch die Veranstalterinnen verlangten von mir, dar\u00fcber zu sprechen,                 in welchen Formen Frauen in der T\u00fcrkei zu Opfern von Gewalt werden.                 Man nahm mich in die Arme und sagte mir: &#8222;Wir wissen, was du durchmachst\u2026                 Erz\u00e4hl uns davon\u2026&#8220; W\u00e4hrend einige mir die Haare streichelten,                 dr\u00fcckten mich andere immer fester. Man ging sehr z\u00e4rtlich, sehr                 liebevoll und beruhigend miteinander um. Doch je mehr alles verniedlicht                 wurde, desto schwieriger wurde es, da herauszukommen. Ich sagte:                 &#8222;Nein. Ich bin hier als Vertreterin einer Frauenorganisation und                 m\u00f6chte \u00fcber das eigentliche Thema diskutieren.<\/p>\n<p>W\u00e4re unser Anliegen das, wie wir uns \u00fcber unser Leid austauschen,                 so h\u00e4tte ich viel zu erz\u00e4hlen. Wir sollten aber \u00fcber unseren Kampf                 reden.&#8220; <\/p>\n<p>Nach langer \u00dcberzeugungsarbeit schienen sie meine Sturheit auf                 meinen psychischen Zustand zur\u00fcckzuf\u00fchren. Denn einige kamen auf                 mich zu, um zu fragen, ob ich &#8222;Hilfe&#8220; br\u00e4uchte, und versuchten,                 mir beizubringen, dass sie mich mit allen Mitteln unterst\u00fctzen                 w\u00fcrden. Ich begann dann meine Rede mit dem besagten Thema: &#8222;Ich                 werde Ihnen keine Opfergeschichten erz\u00e4hlen.&#8220; Ich versuchte darzulegen,                 was man einer Feministin aus der T\u00fcrkei f\u00fcr eine Rolle zuschrieb,                 und ging zum eigentlichen Thema \u00fcber.<\/p>\n<p>Auf dem H\u00f6hepunkt der Diskussion ergriff eine Frau aus Bosnien                 das Wort und erz\u00e4hlte von ihrem Leid. Daraufhin \u00e4nderte sich die                 Diskussion grundlegend. Denn die Intention der Frauen, die das                 gesamte Europa vertraten, war eher die, sich mit den von ihnen                 selbst gew\u00e4hlten Benachteiligten zu solidarisieren und dadurch                 eine Erleichterung zu empfinden, anstatt ernsthaft etwas gegen                 Gewalt zu unternehmen. <\/p>\n<p>Nach diesem Treffen beschloss ich, einen Text \u00fcber das Opfersein                 zu schreiben, eine Idee, die mich schon lange besch\u00e4ftigte.<\/p>\n<p>Ja, seit einiger Zeit denke ich dar\u00fcber nach, was es hei\u00dft, ein                 Opfer zu sein. Ich habe sehr lange \u00fcber dieses Thema nachgedacht.                 Es ist ermutigend, noch einmal die eigenen Erfahrungen Revue passieren                 zu lassen und neu dar\u00fcber nachzudenken. In erster Linie ist es                 ein Beitrag dazu, zum Subjekt des Seins werden zu k\u00f6nnen. Eine                 Gesellschaft zu erleben oder andere Erfahrungen zu interpretieren,                 ist nat\u00fcrlich leichter. Schwierig ist es, sich mit den eigenen                 Erlebnissen auseinanderzusetzen. Ab einem bestimmten Punkt weigert                 man sich, den n\u00e4chsten Schritt zu machen. Niedergeschlagen gibt                 man sich also mit den halben Schritten zufrieden. Es ist so wie                 ein vorzeitiger Orgasmus. Man dreht den Dingen den R\u00fccken zu.                 Aber sobald es dir gelingt, den zweiten Schritt zu tun, begibst                 du dich in ein anderes Universum. In das des eigenen Subjekts.                 In letzter Zeit sp\u00fcre ich also dieses Universum.<\/p>\n<p>Wie alle Frauen und viele M\u00e4nner in der Welt erlebe ich etliche                 Situationen, in denen ich ein Gewaltopfer bin. Diese k\u00f6nnten gewiss                 tausende von Untersuchungen inspirieren. Es strengt mich an, \u00fcber                 diese Situationen nachzudenken.<\/p>\n<p>Nichtsdestotrotz h\u00e4lt mich der neue seelische Zustand, der Zustand                 der Erleichterung, in den ich gerate, w\u00e4hrend ich in der Vergangenheit                 herumw\u00fchle, an eben diesem Bestreben fest. Die letzten acht Jahre                 waren eine Lebenserfahrung f\u00fcr sich, die Situation als Opfer,                 die ich erlebte, indem man mich in der \u00d6ffentlichkeit zur Schau                 stellte, eine andere. <\/p>\n<p>Dieser Prozess wies mich auf Zust\u00e4nde hin, \u00fcber die ich vorher                 kaum Gedanken verloren hatte. Einer dieser Zust\u00e4nde ist die Art                 und Weise der Wirkung von Opfersein auf menschliche Beziehungen,                 sowie das politische Sein. Mich mit meiner eigenen Situation als                 Opfer intensiv zu befassen, machte mich in dieser Hinsicht sensibler.                 Mit dem Hintergrund dieser Erfahrung betrachtete ich meine Umgebung                 aufmerksamer und beobachtete mit Erstaunen die Verh\u00e4ltnisse, die                 die Menschen &#8211; insbesondere die Frauen &#8211; mit der Opfersituation                 herstellen. Und daraus zog ich f\u00fcr mich Schl\u00fcsse. <\/p>\n<h3>Solidarit\u00e4t ist eine sch\u00f6ne Sache<\/h3>\n<p>Der Gro\u00dfteil der Gesellschaft, vor allem der, der die Freiheit                 sucht, wird unabl\u00e4ssig dem Bombardement der Gewalt ausgesetzt.                 Deshalb wird der Befreiungskampf der Unterdr\u00fcckten gleichzeitig                 zu einer Solidarit\u00e4tsbewegung. Manchmal verzweifelt eine von uns,                 und die gesamte Solidarit\u00e4t fokussiert sich auf sie. Da sich aber                 die Solidarit\u00e4t allgemein als eine Aufgabe, als Arbeit und politisches                 Gebot herausbildet, werden die Menschen in dieser Solidarit\u00e4tsatmosph\u00e4re                 zermalmt. Aktionistisch wird einiges gemacht, aber wer sich die                 Ohrfeige der Gewalt f\u00e4ngt, bleibt mit dieser Spur auf der Wange                 alleine.<\/p>\n<p>Dass wir gegen\u00fcber den Gewaltmechanismen schwach sind, liegt                 u.a. an der Oberfl\u00e4chlichkeit unserer Haltung zueinander. Der                 Mangel an M\u00fche sowie die Kraftlosigkeit unserer Kapazit\u00e4t von                 Liebe und Verst\u00e4ndnis schw\u00e4cht auch unser Nebeneinandersein. Das                 verhindert wiederum, dass sich die echte Solidarit\u00e4t entfalten                 kann. Ohne die Solidarit\u00e4t wird aber gar nichts geschaffen. Es                 ist nicht m\u00f6glich, die weiteren Schritte zu tun, solange kein                 Solidarit\u00e4tsgef\u00fchl und -reflex entstehen oder solange wir uns                 gegenseitig nicht die Hand reichen. <\/p>\n<p>Man lernt, was es hei\u00dft, ein Gewaltopfer zu sein, wenn man Ohrfeigen                 bekommt. Zumal diese mehrmals hintereinander kommen und wir auch                 zus\u00e4tzlich mit einem Tritt auf den Boden bef\u00f6rdert werden. Da                 ersehnen wir eine Hand, die uns wieder hoch hilft. Eine warme                 Hand tut gut, gibt uns Kraft, erw\u00e4rmt unsere Hand, wir richten                 uns auf und gehen dann wieder. Es wird uns warm ums Herz. Wir                 gewinnen eine Liebe, die wir dann Zeit unseres Lebens nie wieder                 verlieren. Solidarit\u00e4t ist so eine sch\u00f6ne Sache.<\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Lektion, die mir meine Erfahrungen schenkten, ist                 die Tatsache, dass die Solidarit\u00e4t enorm und gro\u00dfartig sein kann.                 Ich genoss solch eine echte Solidarit\u00e4t in einem Prozess, wo ich                 heute r\u00fcckblickend nicht mehr nachvollziehen kann, wie ich alles                 aushalten konnte. Dies f\u00fchrte dazu, dass die gro\u00dfe Zuneigung,                 die in mir entstand, den mich umgebenden Horror in sich aufsaugte.                 Vielleicht hatte ich ein besonderes Gl\u00fcck, aber dieser Prozess                 half mir zu lernen, was Solidarit\u00e4t ist, und was sie nicht ist.                 Ich sah die Oberfl\u00e4chlichkeiten, die Echtheit, Loyalit\u00e4t und die                 Sensibilit\u00e4t. <\/p>\n<p>Wie kann das Sch\u00f6ne entstehen, wo es an Liebe, Sensibilit\u00e4t und                 Anteilnahme mangelt?<\/p>\n<p>Wir w\u00fcrden die H\u00e4rte der Machtverh\u00e4ltnisse legitimieren, wenn                 wir die Position als Opfer nicht anerkennen, uns mit dieser nicht                 auseinandersetzen oder sie gar ignorieren und sie als etwas Selbstverst\u00e4ndliches                 betrachten. Allerdings ist es das eine, sich politisch zu bet\u00e4tigen,                 indem man ihr gewahr wird, und das andere ist es, Opferpolitik                 zu betreiben.<\/p>\n<p>&#8222;Opferpolitik&#8220; ist eine andere Definition daf\u00fcr, dass man die                 Politik auf dem Opfersein aufbaut. Die Identit\u00e4ten, wie auch die                 Rollen, die durch eine Opferpolitik entstehen, werden im Namen                 des Widerstands fortgesetzt und dadurch noch verst\u00e4rkt. Diese                 Identit\u00e4ten bedeuten heute eine gro\u00dfe H\u00fcrde f\u00fcr den Freiheitskampf                 der Frauen. Es sind jedoch Hindernisse, die nicht konkret vor                 uns stehen, sondern sehr subtil sind. Und gerade aus dem Grund                 sind sie sehr relevant.<\/p>\n<h3>Opferstatus als Spielzeug<\/h3>\n<p>Die Opferpolitik hat zwei Seiten. Einmal aus der Sicht des Opfers                 und einmal aus der Sicht derjenigen, die zu ihm ein Verh\u00e4ltnis                 aufbauen. Beide Haltungen brauchen einander. Die Einstellung,                 die die Opfer in ihrem Status verharren l\u00e4sst, unterscheidet die                 Solidarit\u00e4t von dieser partiell auch als Machtpolitik funktionierenden                 Politik. Das ergibt eine hierarchische Diskrepanz zwischen den                 Opfern und jenen, die sich mit diesen solidarisieren. <\/p>\n<p>Bei mangelnder Sensibilit\u00e4t verwandelt sich dieses Verh\u00e4ltnis                 leicht in eine Machtverbindung, deren perverse Facetten wir h\u00e4ufig                 und intensiv erleben.<\/p>\n<p>Ich entsinne mich an die Zeit kurz nach meiner Entlassung. Ich                 stand im Mittelpunkt der \u00d6ffentlichkeit. \u00dcberhaupt empfand ich                 es von Anfang an als unangenehm, dass jene von mir verhasste Identit\u00e4t,                 die mir \u00fcbergest\u00fclpt worden war, in den Vordergrund gestellt wurde.               <\/p>\n<p>Ich wollte dringend zur\u00fcck in die Zeit vor 1998 &#8211; in die Zeit                 vor Pinar Selek. Zu Pinar, die sich f\u00fcr Soziologie interessierte,                 die auf der Suche nach Freiheit lief, auf dem Weg Erde aushob                 und f\u00fcr die Freiheit im Stillen Trampelpfade errichten wollte\u2026                 Ob mir das gelang oder nicht, ist eine andere Frage.<\/p>\n<p>Mich erschlug damals ein grober Scherz einer feministischen Journalistin,                 die an der Solidarit\u00e4tsbewegung teilgenommen hatte: Nachdem sie                 einige Namen von Personen aufz\u00e4hlte, die in der \u00d6ffentlichkeit                 heroisiert wurden, nachdem sie zu Opfern staatlicher Politik geworden                 waren, durch die Benachteiligung von Seiten des Staates heroisiert                 worden waren, sagte sie: &#8222;Es w\u00e4re sehr schick, wenn du jetzt mit                 einem von diesen eine Liebesaff\u00e4re h\u00e4ttest.&#8220; <\/p>\n<p>Ich sah sie entgeistert an. <\/p>\n<p>Ich kann mich erinnern, dass ich mit meinen ernsthaften Kommentaren                 ihr den Spa\u00df verdorben hatte. Doch die Bemerkung hinterlie\u00df Spuren.<\/p>\n<p>Da ich k\u00fcrzlich entlassen worden war, lief ich etwas irritiert                 umher. Mir wurde erst sp\u00e4ter klar, dass dies ein genereller Umstand                 ist. Es war bequem f\u00fcr jeden, sich \u00fcber diese Identifikation zu                 definieren. Ich wurde mit anderen Schwierigkeiten konfrontiert,                 sofern ich mich bem\u00fchte, mich davon zu distanzieren.<\/p>\n<p>Ma\u00dfgeblich bei der Opferpolitik ist, dass das Verh\u00e4ltnis, das                 da entsteht, sich nicht auf Freiheit, sondern auf Abh\u00e4ngigkeit                 bezieht. Der Wunsch danach, dass das Opfer immer in der Situation                 bleibt, in der es sich befindet, ist auffallend. Denn die Beziehung                 wird nicht zu der betreffenden Person, sondern zu ihrem Status                 hergestellt, was dazu f\u00fchrt, dass die Identit\u00e4t des Opfers mit                 seinem Status gleichgesetzt wird. <\/p>\n<p>Jene &#8222;Solidarit\u00e4ts&#8220;-Identifikation, die einen direkten Zusammenhang                 mit der Identifikation des Benachteiligten hat und \u00fcber diesen                 konstruiert wird, ist au\u00dferordentlich erleichternd, denn sie verschafft                 einem eine Stellung, die erlangt wird, ohne gegen die Macht anzutreten                 bzw. sich zu befragen. <\/p>\n<p>Die &#8222;vermeintliche G\u00fcte&#8220;, die von Freire in seinem Werk &#8222;P\u00e4dagogik                 der Unterdr\u00fcckten&#8220; erw\u00e4hnt wird, ist eine weitere Definition dieser                 Haltung. Das Bewusstsein der vermeintlichen Helfer, die &#8222;die Ausgesto\u00dfenen                 des Lebens&#8220; stets zwingen, sie anzubetteln, neigt dazu, alles                 um sich herum in ein Objekt der Macht umzufunktionieren. <\/p>\n<p>Das Opfersein ist ein Objekt der Macht. <\/p>\n<p>Der durch Gewalt erzeugte Zustand wird in eine Identit\u00e4t umgewandelt                 und es werden Voraussetzungen daf\u00fcr geschaffen, dass das &#8222;Opfer&#8220;                 ewig mit dieser Identit\u00e4t leben muss.<\/p>\n<p>Dem Benachteiligten wird ein Raum zugewiesen, dessen Ausbruch                 daraus nicht gutgehei\u00dfen wird. Alles, was den Opferstatus unterstreicht,                 wird angenommen. Sollte diese Haltung jedoch infrage gestellt                 werden, wird das als st\u00f6rend empfunden. <\/p>\n<p>Manchmal wird das Opfer zu einem Spielzeug. Wenn es diese Identifikation                 ablegt, nimmt es dem anderen sein Spielzeug weg. Die Erwachsenen,                 denen die Spielzeuge weggenommen werden, werden erbitterter als                 die Kinder.<\/p>\n<h3>Eingezw\u00e4ngt in die Opferidentit\u00e4t<\/h3>\n<p>Die erb\u00e4rmlichste Folge dieses Verh\u00e4ltnisses ist die, dass die                 Benachteiligung in erster Linie von den Betroffenen als eine Identit\u00e4t                 angeeignet wird. Wer sich im Opferstatus befindet, l\u00e4sst sich                 zuerst in die W\u00e4rme der Solidarit\u00e4t fallen, dann in die Vorteile,                 die dieser Status mit sich bringt. Sicherlich macht der Terminus                 &#8222;Opfer&#8220; einiges leichter. Er ist gleichzeitig gewinnbringend.                 Der Benachteiligte lernt schnell, dass er sich nur mittels eigenen                 Leids durchsetzt, das Benachteiligtsein \u00fcbertrieben in den Vordergrund                 stellt und es immerfort zur Sprache bringt. Die Art und Weise                 muss nicht immer Mitleid erregend sein. Aber die anderen m\u00fcssen                 andauernd ein schlechtes Gewissen haben, weil sie nicht durchmachen,                 was das Opfer erleidet.<\/p>\n<p>Wenn das einmal zur einzigen Regel der Herstellung der Beziehung                 wird, wird eine andere Art der Kommunikation fast unm\u00f6glich. Dass                 sich das Frausein diese Identit\u00e4t zu eigen macht, ist das beste                 Beispiel f\u00fcr diesen Prozess. In dem Ma\u00dfe, dass die anderen gesellschaftlichen                 Gruppen das Benachteiligungsgewehr mit den Werten fabrizieren,                 die den Frauen zugewiesen werden. Wenn ihr Status ihre Identit\u00e4t                 \u00fcberragt, wird das geistige Verm\u00f6gen schw\u00e4cher und das Misstrauen                 gr\u00f6\u00dfer, was wiederum den Opferstatus beg\u00fcnstigt. Allm\u00e4hlich eignet                 sich das Opfer den eigenen Status an, akzeptiert ihn als seine                 Identit\u00e4t und definiert sich \u00fcber diese.<\/p>\n<p>Es wird \u00fcber die Identit\u00e4t, in der Benachteiligte festsitzen,                 geheuchelt, ohne dass die von den Herrschaftsverh\u00e4ltnissen erzeugten                 Identit\u00e4ten infrage gestellt werden. Es werden Plakate, auf denen                 Arbeiter mit gro\u00dfen H\u00e4nden abgebildet sind, zerschlissene Jacken,                 ungeputzte Schuhe bzw. die &#8222;Attit\u00fcde des Werkt\u00e4tigen&#8220; glorifiziert.                 Die Politik, die sich \u00fcber diese Identit\u00e4ten profiliert, reproduziert                 die bestehenden Kategorien. Das Einigeln in dem Status des Opferseins                 bedeutet, dass man die Machtverh\u00e4ltnisse duldet. Nicht nur das.                 Man l\u00e4sst dadurch also zu, dass diese dauerhaft stabilisiert werden.               <\/p>\n<h3>Die Marginalit\u00e4t des Opferseins<\/h3>\n<p>Der Status, in den das Opfer eingezw\u00e4ngt wird, deutet auf den                 Umstand hin, in dem das Individuum oder die betroffene gesellschaftliche                 Gruppe marginalisiert und instrumentalisiert wird. <\/p>\n<p>Kann es sein, dass hinter dem marginalen Stand der K\u00e4mpfe um                 Rechte und Freiheiten auch die Auswirkung des Umstands steckt,                 dass man mit der Opferpolitik nicht brechen kann? <\/p>\n<p>Der Anspruch, oppositionell zu sein, ist gleichzeitig der Anspruch                 bzw. der Versuch, sich \u00fcber das Benachteiligtsein und den vom                 System erzeugten Status hinwegzusetzen. Leider m\u00fcssen wir beobachten,                 dass die Opferpolitik in der T\u00fcrkei die Opposition dominiert.                 Die Linke ist haupts\u00e4chlich auf Folter und Gef\u00e4ngnisse fokussiert.                 Sie r\u00fcckt die gegen sie ausge\u00fcbten Repressalien in den Vordergrund,                 statt die Kapazit\u00e4ten ihres vielseitigen Kampfes gegen gesellschaftliche                 Machtverh\u00e4ltnisse zu erweitern. <\/p>\n<p>Sie begn\u00fcgt sich damit, in den Vordergrund zu stellen, wie sie                 vom System benachteiligt wird, was dazu f\u00fchrt, dass sie ihre politische                 Arbeit blo\u00df \u00fcber diese Opferidentit\u00e4t fortf\u00fchrt. Dabei spielen                 die Oppositionshaltung gegen das System, die ausgearbeiteten Alternativen                 und die neuen Wege, die von ihr angebahnt werden, auf der Agenda                 der Linken keine gro\u00dfen Rollen mehr. <\/p>\n<p>Die Identit\u00e4t, die \u00fcber den Opferstatus erlangt wird, schm\u00e4lert                 alle anderen F\u00e4higkeiten. Nach und nach l\u00f6st sich die Rechtsanw\u00e4ltin,                 der Rechtsanwalt, die Journalistin, der Journalist, die \u00c4rztin,                 der Arzt, die \u00d6konomin, der \u00d6konom, oder die K\u00fcnstlerin, der K\u00fcnstler                 vom eigenen Beruf los und dr\u00fccken sich nur \u00fcber diese Identit\u00e4t                 aus. Sie reden so lange dar\u00fcber, dass sie sich schlie\u00dflich daran                 gew\u00f6hnen. Das geht so weit, dass neue &#8222;Repressalien&#8220;, &#8222;Festnahmen&#8220;,                 und &#8222;Haftstrafen&#8220; ben\u00f6tigt werden, wenn es sich abzeichnet, dass                 die alten Diskriminierungen und erlittenen Ungerechtigkeiten ihre                 Wirkung verlieren. <\/p>\n<h3>Ausnahmefall<\/h3>\n<p>Die niederschmetterndste Folge dieser Identit\u00e4t ist die, dass                 die erlebte Benachteiligung ins Zentrum der Welt, des Lebens bzw.                 des Universums ger\u00fcckt wird. Carl Schmitt schreibt: &#8222;Souver\u00e4n                 ist, wer \u00fcber den Ausnahmezustand entscheidet.&#8220; <\/p>\n<p>Die USA z.B. scheinen derzeit die einzige Kraft zu sein, die                 \u00fcber den &#8222;Ausnahmefall&#8220; entscheidet, um das Recht, die Moral und                 die grundlegenden menschlichen Werte in der &#8222;modernen und demokratischen&#8220;                 Welt au\u00dfer Kraft zu setzen. <\/p>\n<p>Der Ausnahmefall wiederum findet jedes Mal einen logischen Raum                 mithilfe der Rhetorik \u00fcber die Opferrolle. Diese Rhetorik wandelt                 sich pl\u00f6tzlich innerhalb der Ausdrucksweise des Herrschers, um                 der Macht noch einen Vorzug zu verschaffen.<\/p>\n<p>Entgegen diesem Privileg des Herrschers konstituieren die Unterdr\u00fcckten,                 die Benachteiligten und die Misshandelten den umgekehrten Ausnahmefall.                 \u00c4hnlich der egozentrischen Haltung des Herrschers sieht das Opfer                 den \u201aAusnahmefall&#8216; nur in seiner eigenen Peripherie. Somit wird                 es von der Benachteiligung ins Universum der Ausnahmen gesteckt.<\/p>\n<p>Meistens wird gegen die Gewalt Widerstand geleistet, indem \u00fcber                 den Ausnahmefall entschieden wird. Fokussiert auf das Unrecht,                 das ihm widerfahren war, h\u00e4lt es seine Handlungen f\u00fcr legitim,                 die es an anderen nicht guthei\u00dft und so ziert es seine eigene                 Gewalt mit Benachteiligungsrhetorik.<\/p>\n<p>Denn der Opferstatus ist gleichzeitig der Status des Anspruchs                 auf Macht.<\/p>\n<p>Agamben schreibt: &#8222;Leid und die Orientierungslosigkeit sowie                 ihr Ausdruck sind weder kulturspezifisch noch zu begrenzen mit                 einem Kulturmodell. Scheinbar sind sie solche Eigenschaften der                 Menschheit bzw. des Menschseins, die im Falle der Marginalit\u00e4t                 und Beschr\u00e4nkung zutage treten.&#8220;<\/p>\n<p>Israel ist beispielsweise niemals &#8222;schuld&#8220;, egal wie es sich                 verh\u00e4lt. Das unbeschreibliche Leid des j\u00fcdischen Volkes in seiner                 Geschichte wird den &#8222;Ausnahmefall&#8220; immer bestimmen. Israel nutzt                 dieses Leid in dem Sinne, die von ihm angewendete Gewalt unhinterfragbar                 zu machen, anstatt die Gewalt g\u00e4nzlich in Frage zu stellen oder                 sich mit Erfahrungen von anderen Opfern des Gewaltsystems auseinander                 zu setzen. Die Kurden und Schiiten im Irak kleiden sich in einen                 Opferstatus und verhalten sich \u00e4hnlich. Die Massaker und die Dem\u00fctigungen                 in ihrer jeweiligen Geschichte legitimieren in ihren Augen alles.               <\/p>\n<p>Wer sich in der Opferidentit\u00e4t befindet, macht sich auf ewig                 zum Empf\u00e4nger sowie zum kategorisch unschuldigen Menschen. Er                 wird dadurch unkritisierbar, immun und sakrosankt.<\/p>\n<p>Da die Menschen, die Unterdr\u00fcckten und die Frauen keine Gleichheit                 genie\u00dfen, ist es unvermeidlich, dass sie sich mit dem Bewusstsein                 der Ungleichheit verhalten. Die &#8222;Ausnahmef\u00e4lle&#8220; zementieren jedoch                 diese Position.<\/p>\n<h3>Die Benachteiligungspolitik ergibt keine Freiheit<\/h3>\n<p>Es ist manchmal nicht so einfach, sich nach dem Befinden einiger                 Frauen zu erkundigen. Es geht ihnen immer schlecht. Sie haben                 immer schreckliche Krankheiten. Nur negative Erlebnisse. Und finanziell                 geht es ihnen auch nicht gut. Hintereinander erw\u00e4hnen sie diverse                 M\u00e4ngel und nichts Positives. Das sagst du nicht laut, aber du                 bereust die Frage. Oft entsteht auch Konkurrenz. <\/p>\n<p>Es klingt so wie &#8222;Pass mal auf, mein Problem ist viel gr\u00f6\u00dfer                 als deins\u2026 Ich bin heroischer\u2026 Niemand darf von mir was verlangen                 und was erwarten\u2026&#8220; <\/p>\n<p>Sind das etwa L\u00fcgen? Sind diese Frauen eigentlich gl\u00fccklich und                 erz\u00e4hlen nur Anderweitiges? Unser Leben ist eigentlich nicht gut.                 Aber was antworten wir auf die Frage &#8222;Wie geht&#8217;s dir?&#8220; <\/p>\n<p>Sollen wir sagen &#8222;Prima, ich f\u00fchle mich fit wie ein Turnschuh&#8220;,                 oder &#8222;Mein Leben ist fabelhaft \u2026 Ich schwebe &#8211; bin verliebt und                 gl\u00fccklich\u2026 die ganze Welt ist vers\u00f6hnt mit mir\u2026 ich bin ausgeglichen&#8220;?<\/p>\n<p>Dem ist leider nicht so. \u00dcberhaupt nicht. Wer hat denn keine                 finanziellen Schwierigkeiten in dieser ungleichen Welt?<\/p>\n<p>Kann man in unserem Leben, das umgeben ist von Gewalt, Ungerechtigkeit                 und Machtmechanismen, Desaster ausschlie\u00dfen? Nat\u00fcrlich nicht.                 Sind wir mitten in Krieg und Tr\u00fcmmern ausgeglichen? Nein. <\/p>\n<p>Zerst\u00f6ren wir unser Gleichgewicht, indem wir das Gleichgewicht                 der Natur zerst\u00f6ren? Ja. <\/p>\n<p>Sind wir gl\u00fccklich in den St\u00e4dten aus Beton, Kunststoff und Synthetik?                 Nein. <\/p>\n<p>Wie geht es dir? Wie lautet die Antwort? Es ist tats\u00e4chlich nicht                 so einfach, diese Frage zu beantworten. Zumal wir uns \u00fcber die                 Antworten der Frauen, deren Leben eine einzige H\u00f6lle ist, nicht                 aufregen. Man sollte das Leid, die Verzweiflung und die Ausweglosigkeit                 teilen\u2026 Je mehr man sie teilt, desto st\u00e4rker werden die Gemeinsamkeiten                 und dadurch wird die gegenseitige Solidarit\u00e4t st\u00e4rker. <\/p>\n<p>Hier ist der Begriff &#8222;gegenseitig&#8220; sehr wichtig. Das Opfer neigt                 dazu, immer selber zu erz\u00e4hlen, ohne dabei zuzuh\u00f6ren. Mit eigenen                 Problemen wird der Gespr\u00e4chspartner unterbrochen, wenn dieser                 beginnt zu sprechen. <\/p>\n<p>Was passiert dann?<\/p>\n<p>Das Leben wird an den Problemen festklammernd fortgef\u00fchrt. <\/p>\n<p>Die Frauen sind es, die aus dem Benachteiligtsein die wirksamste                 Waffe machen. Und diese wird von Frauen ganz behutsam, \u00e4sthetisch                 und &#8222;heilig&#8220; eingesetzt. Was hat das \u00fcbrigens f\u00fcr einen Vorteil                 f\u00fcr Frauen? Was hat es ihnen bis jetzt gebracht? Gibt es eine                 Frau, die festklammernd am Leid der Benachteiligung die Befreiung                 erlangte? <\/p>\n<p>Nein. Die Erfahrungen der Frauen zeigten, dass aus der Opferpolitik                 keine Befreiung hervorgeht. <\/p>\n<p>Wenn das Einfordern von Rechten irgendwann mal mithilfe der Schw\u00e4che                 des\/der Betroffenen etwas brachte, wird dieser Weg fortan als                 bequem empfunden. Er\/sie neigt dazu, das Frau-, Kurdisch-, Homosexuell-                 oder Behindertsein in den Vordergrund zu stellen, sobald er\/sie                 &#8211; aus welchem Grund auch immer &#8211; sich bedr\u00e4ngt f\u00fchlt. Diese Identit\u00e4ten                 sind tats\u00e4chlich &#8211; sichtbar oder unsichtbar &#8211; Ursache und Faktor                 vieler Probleme. Zugleich funktionieren sie jedoch als H\u00e4fen,                 die man bei jeder Gelegenheit und immerfort aufsucht. <\/p>\n<p>Ist es etwa nicht verst\u00e4ndlich, wenn wir nach so vielen Benachteiligungen                 Schutz suchen? <\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich sollten wir H\u00e4fen aufsuchen, um nach den Erfahrungen                 im st\u00fcrmischen Meer zu Kr\u00e4ften zu kommen, uns zu erholen und vor                 allem den Gefahren aus dem Weg zu gehen. Aber wir leben im Meer,                 wie sollen wir denn schwimmen lernen, wenn wir bei jeder Not im                 Hafen unterkommen?<\/p>\n<p>Die Freiheit ist weder ein Ideal, das sich au\u00dferhalb des Menschen                 befindet, noch ein Hafen, in dem man Schutz sucht. Sie ist die                 Kraft, mit der die Realit\u00e4t der Gegenwart ver\u00e4ndert wird. Verschenkt                 wird sie nicht, sondern erzeugt, geboren, gro\u00dfgezogen und begossen.               <\/p>\n<p>In dem Orkan der Gewalt, in dem wir leben, m\u00fcssen wir st\u00e4ndig                 und verantwortungsvoll der Spur der Freiheit folgen. Unsere eigenen                 Erfahrungen mit Gewalt k\u00f6nnen ein relevanter Ausgangspunkt sein.                 Wir m\u00fcssen zuerst unsere eigene Benachteiligung beobachten. Wir                 w\u00fcrden unsere Existenz erschaffen, wenn wir &#8211; ausgehend von unseren                 eigenen Erfahrungen mit Gewalt &#8211; zu allen gesellschaftlichen Kreisen,                 die unter allen Herrschaftsverh\u00e4ltnissen benachteiligt werden,                 eine Br\u00fccke bauen. Dabei sollten wir weder die Spuren der Gewalt,                 die wir am eigenen Leibe erfahren haben, vergessen noch uns an                 diesen festklammern. <\/p>\n<p>Darum sollten wir uns zu den anderen umdrehen, wobei wir uns                 von den Vorteilen des Andersseins l\u00f6sen und unsere Erfahrungen                 nicht vergessen. Um zu sehen und zuzuh\u00f6ren. Um uns M\u00fche zu geben                 und die Spuren der Gewalt gemeinsam zu beheben. Um aufrichtige                 Solidarit\u00e4tsformen zu entwickeln. Die richtigen Dialoge mit &#8222;Anderen&#8220;                 geben Diskussionen, Selbstbefragung, Kritik und Selbstkritik,                 Wandlungen und Ver\u00e4nderungen Raum. Um die Zukunft zu gestalten,                 sch\u00f6pfen wir Kraft daraus, indem wir nicht nur \u00fcber unsere Erfahrungen                 nachdenken, sondern auch \u00fcber die Erfahrungen anderer.<\/p>\n<p>Es ist sehr sch\u00f6n, diese Kraft zu sp\u00fcren, und es lohnt sich. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gegen Ende 2006 organisierte El Fem in Italien eine europ\u00e4ische Konferenz zur Gewalt, an der viele feministische Aktivistinnen und Politikerinnen aus verschiedenen L\u00e4ndern teilnahmen. 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