{"id":9773,"date":"2010-01-01T00:00:18","date_gmt":"2009-12-31T22:00:18","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9773"},"modified":"2012-08-19T19:14:19","modified_gmt":"2012-08-19T17:14:19","slug":"ohne-bologna","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/01\/ohne-bologna\/","title":{"rendered":"Ohne Bologna!"},"content":{"rendered":"<p>Die Bildungspolitik, f\u00fcr gew\u00f6hnlich kaum mehr als ein Nischenthema,                 hat es auf die Titelseiten der gro\u00dfen Tageszeitungen geschafft.               <\/p>\n<p>Der Druck auf die politisch Verantwortlichen ist hoch, und erstmals                 scheint sogar ein B\u00fcndnis von ProfessorInnenschaft, akademischem                 Mittelbau und Studierenden m\u00f6glich, das den Forderungen Nachdruck                 verleihen k\u00f6nnte. <\/p>\n<p>Mit dem gesteigerten Medieninteresse geht allerdings auch eine                 Verschiebung der Diskussionsschwerpunkte einher. Hatte Bildungsministerin                 Annette Schavan die Proteste gegen die vor zehn Jahren begonnene                 Umgestaltung des terti\u00e4ren Bildungssektors, die man g\u00e4ngigerweise                 Bologna-Prozess, Bologna-Reform oder knapp &#8222;Bologna&#8220; nennt, noch                 als &#8222;gestrig&#8220; bezeichnet, erkl\u00e4rte Bundeskanzlerin Angela Merkel,                 der Bologna-Prozess offenbare &#8222;die L\u00fccken&#8220; im akademischen System.                 So entsteht &#8211; nicht zuf\u00e4llig &#8211; der Eindruck, nicht die Reform                 sei Schuld an der Misere, sondern deren unzureichende Umsetzung.                 Manche der studentischen Protestgruppen sind bereits auf diesen                 Kurs &#8211; der flott vor dem Wind einer vorgeblich &#8222;konstruktiven                 Diskussion&#8220; heransegelt &#8211; eingeschwenkt. So wurden beispielsweise                 an der Uni M\u00fcnster, im Rahmen eines &#8222;Bildungsstreiks&#8220;, die Studierenden                 zu einem Treffen eingeladen, auf dem sie ihren Unmut dar\u00fcber \u00e4u\u00dfern                 sollten, wie &#8222;unvollkommen die Bologna-Reform umgesetzt&#8220; worden                 sei. Dass diese Reform selbst Quelle berechtigten Unmutes sein                 k\u00f6nnte, kam den OrganisatorInnen offenbar nicht mehr in den Sinn.               <\/p>\n<p>Es ist nicht nur taktisch unklug, seine Forderungen zu m\u00e4\u00dfigen,                 w\u00e4hrend eine politische Auseinandersetzung noch andauert. Es gibt                 in der Tat keinen Anlass, auf irgendwelche segensbringenden Wirkungen                 der Bologna-Reform zu hoffen, die gleichsam unter dem Schutt und                 Ger\u00fcmpel nur freigelegt werden m\u00fcssten. <\/p>\n<h3>Wichtige Verbesserungen in Studium und Lehre sind n\u00f6tig und                 m\u00f6glich &#8211; ohne Bologna<\/h3>\n<p>Zu jedem Reformprojekt geh\u00f6rt naturnotwendig, den vorherigen                 Zustand schlecht zu finden. Ein Studium an deutschen Hochschulen                 &#8222;vor Bologna&#8220; erscheint in der Darstellung vieler Reformbef\u00fcrworterinnen-                 und Bef\u00fcrworter als etwas Kauziges, Weltverlorenes, Unpraktisches                 und Langweiliges; ein Hort verbummelter Studenten, zerstreuter                 Professoren und sinnlos verplemperter Gelder. Dagegen stehen,                 gleich erl\u00f6senden Zauberformeln, die Kernvokabeln der Bologna-Reform,                 die beharrlich in jedem neuen Diskussionsbeitrag wiederholt werden:                 &#8222;Effizienz&#8220;, &#8222;Praxisrelevanz&#8220;, &#8222;Kompetenz&#8220; und &#8222;Erfolg&#8220;. <\/p>\n<p>Versucht man, diese Vokabeln konkret mit Inhalt zu f\u00fcllen, wird                 rasch deutlich, wie d\u00fcrftig ihre Substanz ist: Welche &#8222;Praxis&#8220;                 ist gemeint? Was ist ein &#8222;effizientes&#8220; Studium? Wie misst man                 individuellen &#8222;Erfolg&#8220;? &#8222;Kompetenzen&#8220; wof\u00fcr genau? <\/p>\n<p>Eine Konkretisierung solcher Hohlformeln ist notwendig, um eine                 sinnige Diskussion \u00fcber die Zukunft der Bildung zu f\u00fchren und                 entscheiden zu k\u00f6nnen, ob an Bologna wirklich noch etwas zu retten                 ist. <\/p>\n<p>Unter einem &#8222;effizienten Studium&#8220; verstehen Reformbef\u00fcrworterinnen-                 und Bef\u00fcrworter gemeinhin ein Studium, das innerhalb k\u00fcrzester                 Zeit mit einem Examen beendet wird. Dass eine so verstandene &#8222;Effizienz&#8220;                 die Akademikerquote heben und damit Forderungen der OECD entgegenkommen                 w\u00fcrde, geh\u00f6rte zu den ausdr\u00fccklichen Zielen der Reform. <\/p>\n<p>Mit &#8222;Erfolg&#8220; kann eigentlich nur die Zukunft examinierter Studentinnen                 und Studenten auf dem Arbeitsmarkt gemeint sein. Denn das Gef\u00fchl                 jedes Einzelnen, ob er oder sie ein erfolgreiches Leben f\u00fchre                 oder nicht, k\u00f6nnte wohl selbst der findigste Hochschulreformer                 nicht anhand festgelegter Parameter &#8222;messen&#8220;. Beim Arbeitsmarkt                 setzt naheliegender weise auch die Forderung nach &#8222;Praxisrelevanz&#8220;                 an. Und was schlie\u00dflich unter &#8222;Kompetenz&#8220; zu verstehen sei, scheint                 an deutschen Universit\u00e4ten \u00fcberhaupt niemand mehr zu wissen. <\/p>\n<p>Die Palette reicht von schicken Powerpoint-Pr\u00e4sentationen bis                 hin zu soliden Kenntnissen in der deutschen Literatur des Mittelalters.                 Gleichwohl: Wenn &#8222;Effizienz&#8220;, &#8222;Praxisrelevanz&#8220;, &#8222;Kompetenz&#8220; und                 &#8222;Erfolg&#8220; die gro\u00dfen Errungenschaften der Reform sein (oder werden)                 sollen, so kann dies nur im Umkehrschluss bedeuten, dass diese                 vier Eigenschaften dem bisherigen Studium so fern lagen wie die                 Erde dem Mond, und vor allem: Dass sie nur durch den Bologna-Prozess                 zu realisieren waren. Dem ist nicht so. Das Beispiel der Geisteswissenschaften                 mag dies, in gern eingestandener Ermangelung fundierterer Kenntnisse                 des Verfassers in anderen Disziplinen, verdeutlichen. <\/p>\n<p>Wenn von einem &#8222;offensiven Umgang mit der Reform&#8220; gesprochen                 wird, von den M\u00f6glichkeiten kreativer Neugestaltung, die ein solch                 massiver Eingriff in die Universit\u00e4tsstruktur (auch) bieten k\u00f6nne,                 ist mit Blick auf die Geisteswissenschaften (und hier speziell                 auf die fremdsprachigen Philologien) gern von der Umorientierung                 des Studiums auf medien- und kulturwissenschaftliche Ans\u00e4tze die                 Rede. Diese verspr\u00e4chen gr\u00f6\u00dfere Praxisrelevanz und h\u00f6here Aktualit\u00e4t.<\/p>\n<p>Die kulturelle Vermittlungsarbeit, die fremdsprachige Philologien                 leisten k\u00f6nnten, sei heute, in einer Zeit wachsender weltweiter                 Konflikte, wichtiger denn ja. Daher sollten an den Unis auch landeskundliche                 Veranstaltungen gest\u00e4rkt werden. Das ist zweifellos richtig. Nur                 sind solche inhaltlichen &#8222;Umorientierungen&#8220; weder so schrecklich                 neu, noch h\u00e4tten sie einer generellen Umstrukturierung der Studienordnung                 bedurft. <\/p>\n<p>Pers\u00f6nliche Erinnerungen m\u00f6gen wenig ma\u00dfgebend sein, aber w\u00e4hrend                 meines eigenen Studiums (und das lag in der Tat lange vor Bologna&#8230;)                 geh\u00f6rten kulturwissenschaftliche beziehungsweise kulturvermittelnde                 Seminare (wenn auch unter weniger hochtrabenden Namen) zum Anregendsten,                 was der Lehrplan zu bieten hatte. Landeskundliche Vorlesungen                 waren ohnehin Pflicht. <\/p>\n<p>Es ist also keineswegs so, dass man erst auf Bologna h\u00e4tte warten                 m\u00fcssen, um derart naheliegende Schwerpunkte in der akademischen                 Lehre zu setzen. Ganz davon abgesehen, dass es damals deutlich                 einfacher war, solche Kurse im Lehrplan zu verankern, ohne die                 erdr\u00fcckende Last des b\u00fcrokratischen Schutts, der mit Beginn der                 Reformen \u00fcber den Fachbereichen niederging, auf den Schultern                 tragen zu m\u00fcssen. Was damals als inhaltliches Angebot daherkam,                 muss heute in Module gepresst werden, oder es wird als &#8222;neues                 Fach&#8220; akkreditiert, erh\u00e4lt einen feschen, englischen Namen (ganz                 gleich, ob es sich um Beziehungen zu Frankreich, Spanien oder                 Russland handelt) und steht schlie\u00dflich so einzig in der europ\u00e4ischen                 Studienlandschaft da, dass der Wechsel des Studienortes zur un\u00fcberwindlichen                 H\u00fcrde werden kann. <\/p>\n<h3>Ein anderes Beispiel <\/h3>\n<p>Zu Beginn der 90er fand statistisch gesehen ein au\u00dfergew\u00f6hnlich                 hoher Prozentsatz der Romanistikstudentinnen- und Studenten (an                 die 90% zuweilen) nach dem Examen eine Stelle. Freilich waren                 darunter nur wenige, die tats\u00e4chlich &#8222;in ihrem Fach&#8220; arbeiteten                 &#8211; was immer dies im Einzelfall bedeuten mochte. So verbesserungsw\u00fcrdig                 das damalige Studium auch war, zeigen solche Zahlen doch, was                 von jenem Gerede zu halten ist, das Studium &#8222;vor Bologna&#8220; habe                 keine (lebens-)praktischen Fertigkeiten vermitteln k\u00f6nnen oder                 zu deren Erwerb nichts oder nur St\u00f6rendes beigetragen. Wer heute                 nach mehr &#8222;Praxisrelevanz&#8220; ruft, wird erl\u00e4utern m\u00fcssen, auf welches                 Berufsprofil diese zugeschnitten werden soll. <\/p>\n<p>Unis stehen nicht in einem gesellschaftsfreien Raum. Dies wird                 besonders deutlich, wenn man sich die heutige Berufsaussichten                 geisteswissenschaftlicher Studentinnen und Studenten vergegenw\u00e4rtigt,                 die weder als Lehrerinnen und Lehrer arbeiten wollen, noch eine                 wissenschaftliche Karriere anstreben. Traditionelle Arbeitsfelder                 wie Journalismus, Verlagswesen, Arbeit an internationalen Kulturinstituten                 usw. existieren f\u00fcr sie zum Teil nicht einmal mehr auf dem Papier.                 Gerade im Verlagswesen, dem klassischen Berufswunsch vieler Literaturwissenschaftlerinnen                 und Literaturwissenschaftler, sind die Aussichten, heutzutage                 eine Stelle zu ergattern oder nach einem arbeitsintensiven Praktikum                 \u00fcbernommen zu werden, so schlecht wie selten zuvor. <\/p>\n<p>Diesen Zustand wird man kaum der universit\u00e4ren Lehre oder den                 uneinsichtigen, weil &#8222;alten&#8220; Fachdisziplinen anlasten k\u00f6nnen.                 F\u00fcr einen im oben genannten Sinne &#8222;messbaren&#8220; Erfolg sind sie                 nur begrenzt verantwortlich. Wer angesichts des Kahlschlags auf                 dem Arbeitsmarkt die akademischen Disziplinen von allem l\u00e4stigen                 inhaltlichen Ballast befreien m\u00f6chte, und &#8222;Praxisrelevanz&#8220; nur                 mehr in der vermittelten F\u00e4higkeit sieht, &#8222;teamf\u00e4hig&#8220; zu sein,                 nett in die Kamera zu l\u00e4cheln und drei, vier nichtssagende S\u00e4tze                 sprechen zu k\u00f6nnen, ohne \u00fcber die Verbalanschl\u00fcsse stolpern zu                 m\u00fcssen, sollte die Universit\u00e4ten lieber gleich schlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Die viel beschworene &#8222;Praxisrelevanz&#8220; wird sich im Falle der                 Geisteswissenschaften also sinnvoller weise wieder einmal vorrangig                 auf den Lehrerberuf konzentrieren (m\u00fcssen). Gerade hier aber sind                 die Verwerfungen durch den Bologna-Prozess augenf\u00e4llig. <\/p>\n<p>Die Kritik am alten Lehramtsstudium, seiner mangelhaften Vorbereitung                 auf die &#8222;Wirklichkeit Schule&#8220;, die die meisten erst im Referendariat                 zu sp\u00fcren bekamen, und seiner inhaltlichen Gewichtung, die zur                 Vermittlung selbst in der Oberstufe schlicht unbrauchbaren Stoff                 voraussetzte, ist beinahe so alt wie das Studium selbst. Ans\u00e4tze,                 diesen Zustand zu \u00e4ndern, sind in das j\u00fcngst vorgelegte &#8222;Gesetz                 zur Reform der Lehrerausbildung&#8220; geflossen, das \u00fcberaus kontrovers                 diskutiert wurde, da es neben vern\u00fcnftigen Vorschl\u00e4gen auch einige                 Kr\u00f6ten enthielt (und enth\u00e4lt), die man nicht widerstandslos schlucken                 sollte. Gleichviel h\u00e4tte es solch aufw\u00e4ndiger Neuerungen wie studienbegleitender                 Schulpraktika &#8211; die, wenn auch zweifellos sinnvoll, Schulen vor                 gro\u00dfe Probleme stellen &#8211; gar nicht bedurft, um dem Studium des                 Lehrerberufs ein wenig mehr Bezug zur Praxis zu verschaffen. So                 haben sich manche Dozentinnen und Dozenten z.B. bem\u00fcht, Kontakt                 zu ehemaligen Studentinnen und Studenten zu halten, die an die                 Schulen gegangen waren, um deren praktische Erfahrungen f\u00fcr ihre                 Seminare zu nutzen &#8211; sei es in Form von Vortr\u00e4gen, Diskussionen                 oder einfach nur im lockeren Gespr\u00e4ch. <\/p>\n<p>Ich selbst habe einige solcher Veranstaltungen miterlebt und                 kann best\u00e4tigen, dass wohl selten eine so konzentrierte, angeregte                 und produktive Stimmung in einem Uniseminar geherrscht hat. Hans-J\u00fcrgen                 L\u00fcsebrink und Christoph Vatter berichten in ihrem Beitrag zu dem                 \u00e4u\u00dferst anregenden Bologna-Dossier der romanistischen Zeitschrift                 <i>lendemains<\/i> (134\/135, 2009) von einem &#8222;Interkulturellen                 Praxistag&#8220; der Uni des Saarlandes, der seit einigen Jahren nach                 genau diesem Muster abl\u00e4uft. <\/p>\n<p>Man mag derlei Ans\u00e4tze als &#8222;Kleinigkeiten&#8220; bel\u00e4cheln. Sie verdeutlichen                 jedoch, dass man keineswegs auf Anweisungen aus den Ministerien                 warten musste, um sich der berechtigten Kritik am Zustand des                 Lehramtsstudiums <i>im Rahmen der Fachtraditionen<\/i> kreativ                 zu stellen. Dem Anschein, die Bologna-Reform erleichtere solche                 kreativen Neuerungen im akademischen Feld, liegt eine optische                 T\u00e4uschung zu Grunde. Denn die Reform behindert derartige Neuerungen                 massiv: durch den bereits erw\u00e4hnten, enorm wuchernden b\u00fcrokratischen                 \u00dcberbau, durch Reglements der F\u00e4cherakkreditierungen, die l\u00e4ngst                 zu einem lukrativen Gesch\u00e4ft geworden sind, vor allem aber durch                 die extreme Verk\u00fcrzung und Verschulung des Studiums, das eine                 gr\u00fcndliche (fachliche wie didaktische) Ausbildung kaum mehr zul\u00e4sst.               <\/p>\n<p>Allein die Dauer des Bachelor-Studiums (drei Jahre) ist Anzeichen                 genug, dass hier einer neuen, institutionalisierten Oberfl\u00e4chlichkeit                 T\u00fcr und Tor ge\u00f6ffnet wird. Hastig ausgeworfene Examina und wohlklingende                 Versprechungen werden die langfristigen Folgen dieser Entwicklung                 nicht \u00fcberdecken k\u00f6nnen. Geisteswissenschaftliche Bachelor-Examensarbeiten                 haben heute im Schnitt einen Umfang von 25 bis 30 Seiten, in etwa                 so viel, wie fr\u00fcher eine gew\u00f6hnliche Hauptseminarsarbeit. Das                 Niveau der Arbeiten ist h\u00e4ufig besch\u00e4mend niedrig. Kein Wunder:                 Sind doch viele Bachelor-Seminare &#8211; von lobenswerten Ausnahmen                 ausdr\u00fccklich abgesehen &#8211; heute kaum mehr als m\u00fcde angeleitete                 Lekt\u00fcrekurse. Studierende werden aufgefordert, diesen oder jenen                 Beitrag in einem wissenschaftlichen Werk zu lesen. Dieser wird                 dann am Ende des Semesters abgepr\u00fcft. <\/p>\n<p>Eigenst\u00e4ndiges Arbeiten oder eine kritische Diskussion des Gelesenen                 ist kaum noch vorgesehen. Und das nicht einmal aus b\u00f6sem Willen.                 Es fehlt h\u00e4ufig schlicht an Personal. <\/p>\n<p>Ein sinnvolles geisteswissenschaftliches Studium hat jedoch andere                 Gesetze. Es darf in ihm nicht darum gehen, Zeit zu sparen; nicht                 einmal darum, Zeit zu haben. Es muss darum gehen, Zeit zu <i>lassen<\/i>                 und die Studierenden zu bef\u00e4higen, sich in Ruhe und (unter Anleitung)                 eigenst\u00e4ndig das notwendige Wissen anzueignen. <\/p>\n<p>Dies ist nicht, wie h\u00e4ufig unterstellt wird, ein Privileg der                 <i>wissenschaftlichen<\/i> Ausbildung, das f\u00fcr andere Berufszweige                 verschwendet w\u00e4re. Es vermittelt im Gegenteil jene elementaren                 &#8222;Kompetenzen&#8220;, \u00fcber die jede Geisteswissenschaftlerin und jeder                 Geisteswissenschaftler verf\u00fcgen muss, um auf dem Arbeitsmarkt                 bestehen zu k\u00f6nnen. Man stelle sich einmal eine junge Lehrerin                 vor, die nach einem hastigen Bachelor-Studium, kaum den Kinderschuhen                 entwachsen und ohne ausreichende Fachkompetenz &#8211; von der vielbeschworenen                 &#8222;Reife&#8220; oder &#8222;Lebenserfahrung&#8220; gar nicht zu reden, die im Schuldienst                 alles andere als sch\u00e4dlich ist &#8211; in einer problematischen Vorortschule                 vor ihre erste Klasse tritt. Das arme Kind t\u00e4te einem jetzt schon                 leid! <\/p>\n<p>Es spricht B\u00e4nde, dass in Brandenburg bereits dar\u00fcber nachgedacht                 wird, den &#8222;normalen&#8220;, dreij\u00e4hrigen Bachelor zum &#8222;Bachelor of Education&#8220;                 umzuetikettieren und so Bachelorabsolventinnen- und Absolventen                 zum Schuldienst zuzulassen. Sollte es soweit kommen, wird man                 sich der bisherigen PISA-Ergebnisse wohl k\u00fcnftig als \u00e4u\u00dferst schmeichelhafter                 Erfolgszeugnisse erinnern d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Man m\u00f6ge das bisher Gesagte nicht als unzul\u00e4ssige Idealisierung                 des Zustands der universit\u00e4ren Lehre &#8222;vor Bologna&#8220; missverstehen.                 An deren Unvollkommenheiten bestehen keine Zweifel. Die Bologna-Reform                 hat diese Unvollkommenheiten aber nicht verbessert, sondern nur                 noch verschlimmert. <\/p>\n<p>Die Taktik der Reformbef\u00fcrworterinnen und Reformbef\u00fcrworter in                 Politik, Wirtschaft und an den Universit\u00e4ten besteht darin, die                 Bologna-Reform als etwas Unumkehrbares hinzustellen &#8211; als<i> point                 of no return<\/i>.<\/p>\n<p>Dem ist nicht so. Sollen die Universit\u00e4ten in Deutschland tats\u00e4chlich                 einer der letzten noch verbliebenen Freir\u00e4ume geistiger Bet\u00e4tigung                 bleiben, sollen Zugangsbedingungen zum Studium sozial gerecht                 geregelt werden, und soll ein Studium im Leben junger Menschen                 mehr sein als ein Presswerk f\u00fcr den Rohstoff &#8222;Mensch&#8220;, ist es                 mit technokratischen Nachbesserungen nicht getan. Dann muss die                 Reform insgesamt r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden.<\/p>\n<p>Sie hat nachweislich keines ihrer Ziele erreichen k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Unter diesen Umst\u00e4nden ist es sinnvoll, nochmals von vorne zu                 beginnen. Eine neue Diskussion \u00fcber die Zukunft von Forschung                 und Lehre in Deutschland muss gef\u00fchrt werden. <\/p>\n<p>Eine Diskussion, an der diesmal von vorne herein VertreterInnen                 der Studierendenschaft, der Professorenschaft, des Mittelbaus                 und der Ministerialb\u00fcrokratie beteiligt werden sollten. <\/p>\n<p>Das Argument, eine solche Diskussion sei nicht m\u00f6glich, ist nicht                 \u00fcberzeugend: Das Chaos, das Bologna an den Unis angerichtet hat,                 war schlie\u00dflich auch mit einer Menge Arbeit verbunden. Und es                 war ziemlich teuer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bildungspolitik, f\u00fcr gew\u00f6hnlich kaum mehr als ein Nischenthema, hat es auf die Titelseiten der gro\u00dfen Tageszeitungen geschafft. 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