{"id":9791,"date":"2010-01-01T00:00:42","date_gmt":"2009-12-31T22:00:42","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9791"},"modified":"2022-07-26T14:14:38","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:38","slug":"von-der-konfrontation-zuruck-zum-bitten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/01\/von-der-konfrontation-zuruck-zum-bitten\/","title":{"rendered":"Von der Konfrontation zur\u00fcck zum Bitten?"},"content":{"rendered":"<h3>Mehr als eine Gewaltfreiheit<\/h3>\n<p>Was &#8222;Gewaltlosigkeit&#8220; oder &#8222;Gewaltfreiheit&#8220; jeweils bedeuten,                 ist eine Frage der sozialen Praxis, des Handelns sozialer Bewegungen                 und Einzelner. In der langen Geschichte des Ungehorsams waren                 der sprachliche Ausdruck und die tats\u00e4chlichen Handlungsdimensionen                 des Widerstehens vielen Ver\u00e4nderungen unterworfen, von dem biblischen                 &#8222;Nichtwiderstehen&#8220; \u00fcber den &#8222;passiven Widerstand&#8220; hin zu &#8222;Satyagraha&#8220;                 und &#8222;Gewaltlosigkeit&#8220;. <\/p>\n<p>Dabei wurden oft bestimmte Probleme der Praxis begrifflich zu                 &#8222;l\u00f6sen&#8220; versucht, etwa indem erw\u00fcnschte Aspekte besonders ausgezeichnet                 (&#8222;GewaltFREIHEIT&#8220; oder j\u00fcngst &#8222;G\u00fctekraft&#8220;), weniger erw\u00fcnschte                 begrifflich ausgegrenzt wurden (&#8222;blo\u00df&#8220; passiver Widerstand).<\/p>\n<p>Allerdings sind dies oft Konstruktionen im Nachhinein oder des                 W\u00fcnschbaren, w\u00e4hrend gleichzeitig reale soziale Bewegungen ein                 ganz anderes Bild bieten &#8211; und manchmal auch eines mit verwirrenden                 Facetten. So haben wir seit Ende der 80er Jahre weltweit soziale                 Massenbewegungen erlebt, die gewaltlos gegen Diktaturen k\u00e4mpften                 und erfolgreich waren, dann aber schnell gegen die sozialen Strukturen                 unterlagen und keine Perspektive \u00fcber die naheliegenden, kurzfristigen                 Ziele hinaus entwickelten. Die da gewaltlos k\u00e4mpften, hatten oft                 keine starke weltanschauliche Bindung an Gewaltfreiheit, oft waren                 sie nationalistisch gepr\u00e4gt, sie erkannten lediglich (aber immerhin!),                 dass sie unterschiedliche taktische Vorteile bei einem Kampf ohne                 Waffengewalt hatten und so mit weniger Blutvergie\u00dfen eine bessere                 Chance hatten, sich durchzusetzen.<\/p>\n<p>Darin kann man einen zivilisatorischen Fortschritt sehen: Statt                 der Brutalisierungen blutiger B\u00fcrgerkriege bewiesen gewaltlose                 Massenbewegungen ihre Macht. Sie machen damit auch unsere Konzeption                 einer gewaltlosen Revolution etwas plausibler: Man kann gegen                 \u00fcberlegene Milit\u00e4r- und Polizeigewalt einer zivilen Macht Geltung                 verschaffen. Selbstverst\u00e4ndlich m\u00fcssen sozialrevolution\u00e4re Ver\u00e4nderungen                 mit anderen, l\u00e4ngeren Repressionen, mit ausl\u00e4ndischer Intervention                 und Ausnahmezustand rechnen, aber ob diese Konterrevolution erfolgreich                 ist, h\u00e4ngt wiederum von den Solidarisierungen und der Machtentfaltung                 ziviler Massenbewegungen ab &#8230;<\/p>\n<p>Die Erfahrungen mit vielen dieser rein politischen Bewegungen                 ist allerdings alles andere als ein Ruhmesblatt f\u00fcr den zivilen                 Widerstand; ihre Ziele sind oft erreicht, sobald sie Regierungs\u00e4mter                 erobert haben, der Rest ist Selbstversorgung. <\/p>\n<p>Vielleicht ist es die Erfahrung mit manchen Formen solcher &#8222;orangenen&#8220;                 Revolutionen, die schnell in erbitterte Konkurrenzk\u00e4mpfe und Korruption                 m\u00fcndeten, die wieder das Bed\u00fcrfnis nach einer nicht blo\u00df taktischen                 Gewaltlosigkeit st\u00e4rker werden l\u00e4sst: &#8222;Der Unterschied zwischen                 Gewalt und Gewaltfreiheit scheint nur graduell. In beiden F\u00e4llen                 wird Macht, Druck, Zwang ausge\u00fcbt, nur ist der Zwang durch Gewalt                 st\u00e4rker.&#8220; ((1)) Gegen solche                 &#8222;rein instrumentelle&#8220; Gewaltfreiheit setzt Darth Korth die Konzeption                 der &#8222;Gewaltfreien Kommunikation&#8220; Rosenbergs (GFK).<\/p>\n<p>Gewaltfreiheit ist f\u00fcr mich nicht eindeutig mit bestimmten Weltanschauungen                 und Symbolen verkn\u00fcpft. Ich habe meine Ziele und \u00dcberzeugungen,                 aber es kann auch ganz andere Begr\u00fcndungen und Verkn\u00fcpfungen geben                 (denken wir an j\u00fcdische, christliche, buddhistische, hinduistische,                 taoistische, islamische, atheistische &#8230; Gewaltlosigkeit oder                 die vielen Philosophien, die zur Begr\u00fcndung herangezogen werden                 k\u00f6nnen).<\/p>\n<p>Sie ist eine Waffe unterdr\u00fcckter Gruppen, die ihre Gemeinschaften                 durch die verschiedensten gesellschaftlichen Formen, Rituale,                 Institutionen erhalten. Nat\u00fcrlich w\u00fcnschen wir uns diese m\u00f6glichst                 herrschaftsarm, aber das sollte das Ergebnis sein und ist nicht                 notwendig der Ausgangspunkt.<\/p>\n<p>Wenn wir an unsere eigene politische Kultur denken, so war &#8222;Gewaltlosigkeit&#8220;                 bis in die 60er Jahre mit einem stark disziplinierten Verhaltenskodex                 verkn\u00fcpft, \u00e4hnlich wie zun\u00e4chst in der US-B\u00fcrgerrechtsbewegung.                 In den 60er Jahren setzte sich konfliktreich dann ein Stil durch,                 der spontaner, provozierender war, weniger die Rechtschaffenheit                 der AkteurInnen betonte, lockerer und informeller wurde. In den                 Auseinandersetzungen mit einer neuen Subjektivit\u00e4t, anderen sozialen                 Gruppen und auch mit den Bef\u00fcrworterInnen gewaltt\u00e4tiger Aktionen                 verschoben sich Praxis und Sprachstil der &#8222;Gewaltfreiheit&#8220;. Der                 zivile Ungehorsam richtete sich gegen &#8222;strukturelle Gewalt&#8220;, letztlich                 gegen eine Weltgesellschaft voller Grausamkeiten. Und es wurde                 auch die emotionale und Verhaltensdimension des Disziplinmodells                 hinterfragt (ein Klassiker, nicht zuf\u00e4llig feministisch, ist dabei                 Barbara Deming: On Anger ((2))).                 Wut ist nicht immer der Weg in die Gewalt, auch wer Gewalt prinzipiell                 und als Handlung ausschlie\u00dft, kann w\u00fctend sein und dies auch ausdr\u00fccken.<\/p>\n<p>In dem Spektrum, das sich f\u00fcr Methoden des gewaltlosen Kampfes                 interessiert, existieren nebeneinander immer verschiedene Begr\u00fcndungen                 und Zielvorstellungen, die je nach sozialen Situationen &#8222;realistischer&#8220;                 oder &#8222;unrealistischer&#8220; erscheinen, attraktiver sind oder &#8222;utopisch&#8220;.               <\/p>\n<p>Es sind solche Beobachtungen, die die Frage aufwerfen, was es                 denn bedeutet, dass &#8222;Gewaltfreiheit&#8220; heute in den Programmen von                 Volkshochschulen, Bildungsvereinen und Anbietern von Weiterbildung                 mehr und mehr im Sinn der Ans\u00e4tze Rosenbergs verstanden wird.                 Warum ist diese Konzeption so \u00fcberzeugend und warum sind konfrontative                 und revolution\u00e4re, auf Strukturen zielende Ans\u00e4tze in Gefahr,                 marginalisiert zu werden? <\/p>\n<p>Neben dieser Frage nach dem Erfolg dieser Programmatik soll auch                 die Frage gestellt werden, welche tats\u00e4chlichen Wirkungen vielleicht                 auch zu bef\u00fcrchten sind, auch wenn wir die guten Absichten anerkennen                 und auch entsprechende Konsequenzen in egalit\u00e4ren und emanzipatorischen                 Gruppen erwarten. Was ist aber GFK im Rahmen von konkurrenzorientierten,                 hierarchischen Zusammenh\u00e4ngen? Ich versuche, ein Unbehagen zu                 erkl\u00e4ren:<\/p>\n<h3>Einige Fragen an die Methode<\/h3>\n<p>Die Konzeption ist scheinbar alltagsnah und verspricht, dass                 es mir pers\u00f6nlich unmittelbar besser geht, wenn ich mir die Einstellung                 zu eigen mache, die empfohlen wird.<\/p>\n<p>Rosenberg arbeitet mit relativ einfachen Gegen\u00fcberstellungen                 und Bildern (&#8222;Giraffensprache&#8220; contra &#8222;Wolfssprache&#8220;, Giraffen                 haben ein gro\u00dfes Herz, W\u00f6lfe eine gro\u00dfe Schnauze), die daf\u00fcr sorgen,                 dass seine Grundpositionen relativ eing\u00e4ngig sind. Zweifellos                 sind in dieser Konzeption viele richtige Beobachtungen allt\u00e4glicher                 Kommunikation aufgenommen, gegen die zun\u00e4chst und von einem gewaltkritischen                 Standpunkt nicht viel eingewandt werden soll. <\/p>\n<p>Es f\u00e4llt aber schnell der Schematismus auf. Schon beim Ausgangspunkt                 wird die Beobachtung des sozialen Handelns gefordert, die ohne                 Bewertung, Interpretation oder moralisches Urteil geschehen soll,                 die Zuschreibung von Absichten und schlechten Motiven gilt geradezu                 als Quelle eigenen Ungl\u00fccks, von Wut und \u00c4rger, die nach Ansicht                 Rosenbergs eben durch Bewertungen, durch Gedanken entstehen. Es                 ist f\u00fcr mich nicht ausgemacht, ob nicht die besseren BeobachterInnen                 diejenigen sind, die moralische Urteile f\u00e4llen, ob nicht vielen                 Beobachtungen sogar Bewertungen und moralische Urteile zugrunde                 liegen (was nicht die Probleme ausschlie\u00dft, die Rosenberg meint,                 es l\u00e4sst sich nur nicht so s\u00e4uberlich trennen).<\/p>\n<p>Die Forderung, es sollen keine Vorw\u00fcrfe, sondern nur Beobachtungen                 mitgeteilt werden, zeigt schon ein weiteres Problem: Es ist vom                 Kontext abh\u00e4ngig, ob nicht die &#8222;Beobachtung&#8220; doch ein Vorwurf                 ist. <\/p>\n<p>Der Beispielsatz in GWR 341 &#8222;Du bist letzte Woche zweimal nach                 20 Uhr angekommen&#8220; (S. 11, Giraffensprache, teilt nur eine Beobachtung                 mit) kann sehr wohl nach Betonung, Kontext der Beziehung \u2026 &#8211; Vorwurf                 sein, sogar kleinliche Kontrolle.<\/p>\n<p>Wie kontextabh\u00e4ngig es ist, ob eine Aussage &#8222;Bewertung&#8220; oder                 Beobachtung ist zeigt folgendes Beispiel:<\/p>\n<p>&#8222;Im Kreml ist noch Licht&#8220; ist eine Beobachtung, w\u00e4hrend in &#8222;Sie                 haben schon wieder das Licht im Kreml angelassen&#8220; schon eine Bewertung                 enthalten ist. ((3)) <\/p>\n<p>Gedankliche Bewertungen entscheiden nach Rosenbergs \u00dcberzeugung                 dar\u00fcber, dass wir etwas als Gef\u00fchl ausgeben, was aber gar nicht                 unser (ich erg\u00e4nze: &#8222;authentisches&#8220;, um auf die Geschichte der                 Konzeption hinzuweisen) Gef\u00fchl ist, sondern Gedanken und Bewertungen                 \u00fcber andere. Auch daran ist etwas wahr, ich w\u00fcrde sagen, dass                 der Ausdruck von Gef\u00fchlen gesellschaftlich bestimmt, u.U. gar                 normiert ist, deshalb nat\u00fcrlich auch bestimmte Urteilsschemata                 zur Verf\u00fcgung stehen, die &#8222;einrasten&#8220; und Orientierung in komplexen                 Zusammenh\u00e4ngen schnell erm\u00f6glichen. <\/p>\n<p>Diese von Rosenberg etwas vorschnell als Pseudogef\u00fchle behandelten                 Urteile, Schemata der Emp\u00f6rung usw. sind aber auch zu Stereotypen                 abgesunkene Formen des Kampfes um Gerechtigkeit und gegen Erniedrigung.                 Es ist die Frage, ob die Aufl\u00f6sung ins Individuelle nicht eine                 Zerfallsform sozialer Beziehungen ist: So wie alles individuell                 zugerechnet wird, bin ich auch an meiner Wut und meinem \u00c4rger                 &#8211; selbst schuld, er wird nicht mehr als ungerechtes Klassenschicksal                 begriffen.<\/p>\n<p>Manche Beschreibungen sind geradezu solipsistisch: &#8222;Ich empfinde                 kein Gef\u00fchl, weil eine andere Person etwas tut oder nicht tut:&#8220;,                 vielmehr hat alles, was wir f\u00fchlen, seine Ursache in uns &#8222;und                 in der Wahl, die wir getroffen haben.&#8220; ((4))               <\/p>\n<p>Wenn Rosenberg Personalisierungen kritisiert, so ist das so richtig                 wie eh und je in allen gewaltkritischen Bewegungen; er geht aber                 dar\u00fcber hinaus und in die Irre, weil sich ihm alles ins Zwischenmenschliche                 aufl\u00f6st, er strukturelle Zusammenh\u00e4nge, die Verh\u00e4ltnisse, die                 das Verhalten immer neu pr\u00e4gen, systematisch untersch\u00e4tzt. ((5))               <\/p>\n<p>Die Gef\u00fchle sind aber bei Rosenberg eigentlich nur das Vehikel,                 die zugrundeliegenden Bed\u00fcrfnisse zu erkennen.<\/p>\n<p>Daran sind weitreichende Hoffnungen gekn\u00fcpft: &#8222;Wenn wir uns gedanklich                 unmittelbar auf unsere Bed\u00fcrfnisse konzentrieren, werden wir sie                 wahrscheinlich auch erf\u00fcllt bekommen &#8211; wenn wir das wirklich wollen.&#8220;                  ((6)) <\/p>\n<p>Das klingt gef\u00e4hrlich zirkelschl\u00fcssig: Wenn die Bed\u00fcrfnisse nicht                 erf\u00fcllt werden, hat mensch es nicht &#8222;wirklich&#8220; gewollt? <\/p>\n<p>Hier droht das &#8222;Blaming the victim&#8220;: Schlie\u00dflich geht alles gut                 aus, wenn man die richtigen Einstellungen und ad\u00e4quaten Ausdrucksformen                 hat &#8211; ist dann nicht selbst schuld, wer in \u00c4rger, Depression und                 Misserfolg verk\u00fcmmert?<\/p>\n<p>Auch wenn wir nicht uns betrachten, sondern &#8222;welche Bed\u00fcrfnisse                 sich die andere Seite gerade erf\u00fcllen wollte und sich so verhalten                 hat, wie sie es getan hat&#8220;, gilt: &#8222;Diese Art des Verst\u00e4ndnisses                 f\u00fcr die Bed\u00fcrfnisse anderer Menschen macht uns nicht w\u00fctend oder                 \u00e4rgerlich.&#8220; ((7)) <\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, ob ich mich diesen Verhaltensempfehlungen anschlie\u00dfen                 will. Ich habe auch schon oft Bed\u00fcrfnisse (auch Interessen!) beobachtet                 und verstanden und trotzdem nicht gez\u00f6gert, die Handlungen zu                 verurteilen, die sich aus der Verfolgung solcher Bed\u00fcrfnisse oder                 Interessen ergeben.<\/p>\n<p>Hier wird das weite Feld gesellschaftlich legitimer und kommunizierbarer                 Bed\u00fcrfnisse verhandelt: Auf wessen Bed\u00fcrfnisse wird R\u00fccksicht                 genommen, wessen Bed\u00fcrfnisse werden routiniert \u00fcbergangen. Das                 ist schon das Bild der Klassengesellschaft.<\/p>\n<p>Es besteht hier auch die Gefahr der Abwertung von Sozialkritik                 und Gerechtigkeitsforderungen, wie sie auch sonst unter &#8222;Sozialneid&#8220;-Etiketten                 abgelegt werden: Es sind die zu Kurz gekommenen, die nicht in                 Kontakt mit den eigenen Gef\u00fchlen und Bed\u00fcrfnissen stehen, die                 in solcher &#8222;Wolfssprache&#8220; reden.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend es gleichzeitig genug Angestellte gibt, die stets sehr                 gut erkennen, &#8222;was sie f\u00fchlen und brauchen&#8220;: &#8222;Sonst hatte ich                 hinterher immer das Gef\u00fchl &#8211; uups, den Eindruck &#8211; ich h\u00e4tte den                 anderen \u00fcber den Tisch gezogen. Jetzt wei\u00df ich, der hat aus freien                 St\u00fccken ja gesagt. Was f\u00fcr ein Unterschied!&#8220; ((8))               <\/p>\n<p>Rosenberg m\u00f6chte, dass die Erkenntnis der eigenen Gef\u00fchle und                 Bed\u00fcrfnisse dann in eine konkrete, ausf\u00fchrbare, gegenwartsbezogene                 Bitte ausm\u00fcndet, eine Bitte, die auch abgelehnt werden kann.<\/p>\n<h3>Zweideutigkeiten des Bittens<\/h3>\n<p>Da das Bitten in der Strategie der &#8222;Gewaltfreien Kommunikation&#8220;                 einen hohen Stellenwert hat, will ich meine Einw\u00e4nde auch an dieser                 Stelle konzentrieren.<\/p>\n<p>F\u00fcr Max Weber lie\u00df sich Herrschaft noch so definieren, dass der                 Begriff die Chance (!) bedeutet &#8222;f\u00fcr einen Befehl bestimmten Inhalts                 bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden.&#8220; ((9))                 Zu seiner Zeit war also die Befehlsform typisch, nicht nur beim                 Milit\u00e4r, ebenso in der industriellen B\u00fcrokratie, auch in der Familie.                 Befehl und Gehorsam waren Grundformen sozialer Beziehungen. Inzwischen                 k\u00f6nnte f\u00fcr &#8222;Befehl&#8220; auch &#8222;Bitte&#8220; eingesetzt werden. Die \u00f6ffentliche                 wie private B\u00fcrokratie dr\u00fcckt ihre Anordnungen als Bitte aus.                 Sogar in der Armee, wo selbstverst\u00e4ndlich noch befohlen wird,                 haben sich die Umgangsformen gemildert; in vielen anderen Bereichen                 ist der Befehl geradezu verp\u00f6nt &#8211; weil er auch Widersetzlichkeit                 provoziert (man mag darin einen zivilisatorischen Fortschritt                 sehen, den Abbau fragloser Autorit\u00e4t, es ist aber auch eine Verschleierung                 von Herrschaft).<\/p>\n<p>Die Bitten werden aber durchaus so verstanden wie sie auch gemeint                 sind und wirken mit der gleichen mechanischen Sicherheit des alten                 Befehls. &#8222;W\u00fcrden Sie das bitte hier wegr\u00e4umen&#8220; richtet sich an                 diejenigen, deren Aufgabe das ist, es wird auch nicht einmal eine                 Antwort erwartet, aber die sprachliche Form ist &#8211; eben eine Bitte.<\/p>\n<p>Die &#8211; von mir nicht bestrittene &#8211; gute Absicht der GFK trifft                 also auf eine soziale Situation, in der die Bitte gerade in hierarchischen                 Beziehungen die dominante Form geworden ist. Es bedeutet allein                 schon eine soziale Selektion, wessen Bitten erh\u00f6rt werden. Dazu                 kommt, dass die &#8222;Topdogs&#8220; in diesen angeblich &#8222;flachen&#8220; Hierarchien                 geradezu systematisch in Sozialtechnologien ausgebildet und gecoacht                 werden, die den &#8222;F\u00fchrungskr\u00e4ften&#8220; ein \u00dcbergewicht gegen\u00fcber den                 &#8222;underdogs&#8220; verschaffen &#8211; und genau in dieses Schema k\u00f6nnten Aspekte                 der GFK passen (und adoptiert werden immer nur die Aspekte, die                 passen).<\/p>\n<p>Beispielsweise ist Teil der Ausbildungsprogramme f\u00fcr die neuen                 F\u00fchrungskr\u00e4fte immer, dass sie lernen, Angriffe gegen sich und                 Urteile \u00fcber sich abprallen zu lassen nach dem Schema: &#8222;Das hat                 nichts mit mir zu tun, das sind seine Gedanken oder Gef\u00fchle und                 Bed\u00fcrfnisse, ich bin nicht die Ursache und ich bin nicht daf\u00fcr                 verantwortlich.&#8220; Ich w\u00fcrde sagen: Da ist GFK &#8222;anschlussf\u00e4hig&#8220;.<\/p>\n<p>Dass Probleme der Hierarchie unzureichend durchdacht sind und                 &#8222;F\u00fchrung&#8220; gar positiv bewertet wird zeigt etwa folgende Passage:               <\/p>\n<p>&#8222;Die Wechselwirkung zwischen einer F\u00fchrungskraft, die gemeinsame                 Entscheidungen herbeif\u00fchrt, die dem Leben dienen, und einem Mitarbeiter,                 der diese Autorit\u00e4t respektiert und ihr aus freien St\u00fccken folgt,                 kann tats\u00e4chlich ein Gespr\u00e4ch auf Augenh\u00f6he erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Dabei sind es weniger die Handlungsanweisungen selbst, die Probleme                 schaffen oder verst\u00e4rken, sondern die Art und Weise, wie diese                 Anweisungen ausgesprochen werden. &#8230;&#8220; ((10))               <\/p>\n<p> Dann noch das positive Beispiel: <\/p>\n<p>&#8222;&#8218;Bitte erledigen Sie das so schnell wie m\u00f6glich&#8216; ist ein Beispiel                 f\u00fcr eine unklare Bitte. Besser w\u00e4re: Ich m\u00f6chte, dass dieser Auftrag                 bis 15 Uhr erledigt ist. Passt das f\u00fcr sie?'&#8220; ((11))               <\/p>\n<p>Wenn die Bitte &#8222;von oben&#8220; den alten Befehl ersetzt, was ist mit                 der Bitte &#8222;von unten&#8220;? St\u00e4rkt sie nicht die Subalternit\u00e4t?<\/p>\n<p>St\u00e4rkt sie nicht vielleicht sogar in der betrieblichen Realit\u00e4t                 Opportunismus und Hierarchie? Zumindest f\u00fchrt sie eine Trennung                 ein, die folgenreich ist: Die einen bitten um etwas, das andere                 gew\u00e4hren oder versagen k\u00f6nnen. Zweitens: Die einen bitten um etwas,                 andere nicht. Was sind die Folgen, die man beobachten kann? Es                 sind in jedem Fall Machtbeziehungen.<\/p>\n<p>Aus welcher Position heraus eine Bitte ge\u00e4u\u00dfert wird, ist keinesfalls                 gleich g\u00fcltig. Und sogar zwischen Gleichen ist die Bitte geeignet,                 deren Beziehung zu ver\u00e4ndern, in vielfacher Weise zwischen zunehmender                 Abh\u00e4ngigkeit oder Freundschaft sich entwickelnd. Die Bitte ist                 nicht etwa au\u00dferhalb der Macht, sondern setzt diese teils voraus,                 ist auch an Prozessen der Machtentstehung beteiligt. Im g\u00fcnstigsten                 Fall, wenn aus den Bitten Freundschaft sich entwickelt, ist auch                 dies &#8211; ein Proze\u00df der Machtbildung. ((12))               <\/p>\n<p>Aber die entscheidenden Prozesse finden statt durch die Rezeption                 der GFK in hierarchischen Beziehungen. Diese Milieus gieren geradezu                 nach moralischer Aufr\u00fcstung, weil sie nat\u00fcrlich um ihre Schw\u00e4chen                 und Anma\u00dfungen wissen, und ich sehe keinen Grund, warum sie sich                 nicht auch mit &#8222;gewaltfreier Kommunikation&#8220; schm\u00fccken sollten.                 Das, was schon jetzt durch die Management-Seminare geistert, ist                 auch das Ergebnis von humanistischer Psychologie und oft genug                 entstammen auch die Trainer den sozialen und p\u00e4dagogischen Bewegungen,                 die seinerzeit mit der &#8222;Gruppendynamik&#8220; den &#8222;subjektiven Faktor&#8220;                 bearbeitet haben. <\/p>\n<p>In vielen Betrieben existieren bereits Strukturen, wie sie in                 GFK-B\u00fcchern empfohlen werden:<\/p>\n<p>&#8222;Sie empfahlen uns, jede Teamsitzung und jedes Meeting mit einer                 zehnmin\u00fctigen Runde zu beginnen, in der die Mitarbeiter aufz\u00e4hlen,                 womit sie sehr zufrieden sind und was gut gelaufen ist. Das tun                 wir regelm\u00e4\u00dfig &#8211; und inzwischen dauert es eine halbe Stunde.&#8220;                  ((13)) <\/p>\n<p>Es ist keineswegs so, dass in vielen Betrieben &#8222;gut gelungene                 Arbeiten als normal gelten und nur Kritikw\u00fcrdiges auf den Tisch                 kommt&#8220; ((14)) und solche &#8222;Dankesrunden&#8220;                 dann &#8222;positive Energie&#8220; schaffen.. In Wirklichkeit ist die Trainingsarbeit                 so weit gediehen, dass jede grundlegende Kritik als destruktiv                 oder &#8222;wenig hilfreich&#8220; abgewiesen wird und &#8211; wie im fr\u00fcheren Realsozialismus                 &#8211; nur in Steigerungsformen gesprochen wird: Es kann noch besser                 werden, noch effektiver, die Besch\u00e4ftigten sind schon sehr zufrieden                 und bringen das gerne zum Ausdruck, aber es l\u00e4sst sich immer noch                 etwas verbessern. &#8222;Positives Feedback&#8220; ist geradezu Pflicht! <\/p>\n<p>Weil die alten Rituale und Selbstverst\u00e4ndlichkeiten nicht mehr                 greifen, ist der Bedarf an Selbstvergewisserung und &#8222;Metakommunikation&#8220;                 industrieartig angewachsen. Ebenso ist der Zugang zu Karrieren                 schon seit l\u00e4ngerem zunehmend umgestellt auf Anspruchskommunikation                 (wer lange genug sich selbst als \u2026 darstellt, findet schon welche,                 die ihn als &#8230;anerkennen, es gibt keine M\u00f6glichkeit, ihm zu sagen,                 das \u2026 sei er gar nicht, das w\u00e4re beleidigend); das passt wiederum                 gut zur Politik der Bed\u00fcrfnisse und des Bittens: Ich brauche das                 und das und w\u00fcrde gerne \u2026 und wenn man den richtigen Leuten lange                 genug mit solchen Bed\u00fcrfnissen in den Ohren liegt &#8222;werden wir                 sie wahrscheinlich auch erf\u00fcllt bekommen&#8220; (was nat\u00fcrlich auch                 einen Preis hat). Aber f\u00fcr wen gilt dieses Verhaltensmodell &#8211;                 und f\u00fcr wen nicht?<\/p>\n<p>Und wollen wir diese Auslese unterst\u00fctzen &#8211; oder sollten wir                 sie gerade ablehnen?<\/p>\n<p>Die GFK sucht L\u00f6sungen, die allen gerecht werden. Das kann nur                 bedeuten: Den Rahmen anerkennen, die Grundstrukturen nicht in                 Frage stellen, in diesem Rahmen Kompromisse und Verst\u00e4ndnis f\u00fcreinander                 f\u00f6rdern. Es w\u00e4re schade, wenn die Gewaltfreiheit in solche betriebswirtschaftlichen                 Kalk\u00fcle einginge &#8211; statt den Zusammenbruch auch dieser pathologischen                 Normalit\u00e4t nach Kr\u00e4ften zu beschleunigen.<\/p>\n<p>Was w\u00e4re die Alternative? Graswurzelrevolution! Eine Politik                 der radikalen Trennung: Ihre Moral und unsere, keine Gemeinsamkeiten.                 Radikale Kritik der Hierarchie, der Gewaltt\u00e4tigkeiten aller Art.                 Zu unserer Moral passt dann eine gewaltfreie Kommunikation, die                 sich vor Schematismus und Formelhaftigkeit h\u00fcten sollte, aber                 immer das Antlitz des Anderen (Levinas) sieht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mehr als eine Gewaltfreiheit Was &#8222;Gewaltlosigkeit&#8220; oder &#8222;Gewaltfreiheit&#8220; jeweils bedeuten, ist eine Frage der sozialen Praxis, des Handelns sozialer Bewegungen und Einzelner. In der langen Geschichte des Ungehorsams waren der sprachliche Ausdruck und die tats\u00e4chlichen Handlungsdimensionen des Widerstehens vielen Ver\u00e4nderungen unterworfen, von dem biblischen &#8222;Nichtwiderstehen&#8220; \u00fcber den &#8222;passiven Widerstand&#8220; hin zu &#8222;Satyagraha&#8220; und &#8222;Gewaltlosigkeit&#8220;. 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