{"id":9795,"date":"2010-01-01T00:00:42","date_gmt":"2009-12-31T22:00:42","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9795"},"modified":"2022-07-26T14:14:38","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:38","slug":"die-aktualitat-des-anarchistischen-kampfes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/01\/die-aktualitat-des-anarchistischen-kampfes\/","title":{"rendered":"Die Aktualit\u00e4t des anarchistischen Kampfes"},"content":{"rendered":"<p>Appetizer: <i>&#8222;Camus&#8216; besondere Variante eines demokratischen,                 anarcho-syndikalistischen Sozialismus &#8230; Heute, angesichts der                 Krise entfremdeter Gro\u00dforganisationen, gewinnt der anarchistische                 Kampf und Diskurs des 19. Jahrhunderts, den Camus fortf\u00fchrt, wieder                 gro\u00dfe Aktualit\u00e4t.&#8220;<\/i> (Horst Wernicke, S. 128)<\/p>\n<p><i>&#8222;Camus lesen und weiterdenken im Sinne eines \u201alearning by                 doing'&#8220;<\/i> (John Dewey)<\/p>\n<p>Vor 50 Jahren, am 4. Januar 1960, starb Albert Camus.<\/p>\n<p>Lang ist&#8217;s her, dass ich seine Schriften intensiv gelesen habe.                 Ende der 50er Jahre habe ich ihn mir entdeckt und sogleich politisch-moralische                 Blutsbr\u00fcderschaft in geh\u00f6rigem Abstand versp\u00fcrt. Sisyphos, Camus&#8216;                 &#8222;Versuch \u00fcber das Absurde&#8220;, ist seither eine zeitgeronnene Bezugsperson.<\/p>\n<p>&#8222;Der absurde Mensch sagt Ja, und seine M\u00fchsal hat kein Ende mehr&#8220;,                 so hei\u00dft es im vorletzten Absatz meiner seinerzeitigen, noch druckhei\u00df                 erstandenen Rowohlt-Ausgabe (Juni 1959) zu Camus&#8216; Aufruf, hier,                 im m\u00fchseligen Diesseits Momente des Gl\u00fccks zu finden. Und sie                 endet mit den ber\u00fchmten, fast versgleichen S\u00e4tzen:<\/p>\n<p>&#8222;Ich verlasse Sisyphos am Ende des Berges! Seine Last findet                 man immer wieder. Nur lehrt <i>Sisyphos<\/i> uns die gr\u00f6\u00dfere Treue,                 die die G\u00f6tter leugnet und die Steine w\u00e4lzt. Auch er findet, dass                 alles gut ist. Dieses Universum, das keinen Herrn mehr kennt,                 kommt ihm weder unfruchtbar, noch wertlos vor. Jedes Grau des                 Steins, jeder Splitter dieses durchn\u00e4chtigten Berges bedeutet                 allein f\u00fcr ihn eine ganze Welt. Der Kampf gegen den Gipfel vermag                 ein Menschenherz auszuf\u00fcllen. Wir m\u00fcssen uns <i>Sisyphos<\/i> als                 einen gl\u00fccklichen Menschen vorstellen.&#8220;<\/p>\n<p>Indem man vor allem seine politischen Gelegenheitsschriften beachtet,                 nicht prim\u00e4r Nobelgepreistes, ist Camus nach dem Nietzsche-Slogan                 zu studieren: Sei eine Frau oder ein Mann und folge mir nicht                 nach. Ersetze an erster Stelle nie eigenes Nachdenken dadurch,                 dass du dich mit &#8222;gro\u00dfen&#8220; Theorien, Parteien, Versprechungen identifizierst.<\/p>\n<p>Dieses Buch enth\u00e4lt nach einer Einleitung sieben Beitr\u00e4ge einer                 Konferenz vom 15. Juni 1991 in der Evangelischen Akademie Berlin-Brandenburg.                 Alle Beitr\u00e4ge sind jung, als w\u00e4ren sie gestern geschrieben, nicht                 &#8222;nur&#8220; kurz nach Fidelios rarem Erscheinen: Die Mauer war zerbrochen.<\/p>\n<p>Brigitte S\u00e4ndig erinnert einleitend an diese Umst\u00e4nde. Aus ihrem                 Titel schl\u00e4gt sie kein Kapital: &#8222;L&#8217;Homme r\u00e9volt\u00e9 &#8211; 20 oder 60                 Jahre sp\u00e4ter&#8220;. Bedenkenswert die Bemerkung: &#8222;Mir scheint, dass                 der ideologische Druck des \u201arealen Sozialismus&#8216; die gro\u00dfe Mehrheit                 der ihm Ausgesetzten zu einem gemeinschaftlichen politischen Interesse,                 wie oberfl\u00e4chlich es auch immer gewesen sein mag, zwang, und dass                 bei kritischen Geistern dieses Interesse koh\u00e4rent, bisweilen lebensbestimmend                 war; jetzt hingegen wird dieses Interesse am Politischen, also                 am Gemeinwesen, durch die allgegenw\u00e4rtige Vernichtungskonkurrenz                 erstickt oder treibt kritische Geister zu Ohnmachtgedanken und                 -positionen.&#8220; (S. 4)<\/p>\n<p>Die Camus gewidmete Perlenkette hebt an mit Martina Yadel: &#8222;L&#8217;Homme                 r\u00e9volt\u00e9 &#8211; eine Einf\u00fchrung&#8220;. Wer diesen Klassiker Camus&#8216; nicht                 kennt, erh\u00e4lt eine zuverl\u00e4ssige Schnupperstunde. Freilich, eine                 eigene Auseinandersetzung mit Camus fehlt. Vorgef\u00fchrt werden Camus&#8216;                 &#8222;Leidenschaft des Relativen&#8220; gegen identifikatorisch aufgebl\u00e4hte                 Abstraktionen; sein allein g\u00fcltiges Urteilskriterium, wonach das                 Leben des einzelnen Menschen hier und jetzt z\u00e4hlt; seine Option                 f\u00fcr die t\u00e4gliche Revolte im Unterschied zu umfassend projizierten                 Revolutionen, die nur gewaltsam vorzustellen sind und scheitern,                 weil sie Hekatomben von Opfern kosten. Diese politischen Urteile                 grenzt Camus aber auch wieder gegen menschenwidrig glatte Gegens\u00e4tze                 wie totale Verneinung oder runde Bejahung des Bestehenden ab.                 Eigene Wege, ein Ma\u00df und Grenzen sind allzeit in Kopf und Hand                 zu erinnern.<\/p>\n<p>Christa Ebert f\u00fcgt einen zweiten Stein hinzu. Sie beschreibt,                 wie Camus sich mit den russischen Terroristen auseinander setzte.                 In Camus&#8216; St\u00fcck &#8222;Die Gerechten&#8220; wird die t\u00f6dliche Kontroverse                 zwischen Stefan und Kaliajew zugespitzt. Stefan: &#8222;An dem Tag,                 an dem wir beschlie\u00dfen, keine R\u00fccksicht auf Kinder zu nehmen,                 &#8230; an dem Tag wird die Revolution siegen.&#8220; Kaliajew dagegen vermochte                 das vereinbarte Attentat nicht auszuf\u00fchren. Kinder waren nicht                 vorhergesehen worden. Was aber, wenn &#8222;die Organisation&#8220; immer                 recht hat und befiehlt?<\/p>\n<p>Kenntnisreich reiht Wolfgang Klein die dritte Perle auf die Schnur.                 Camus&#8216; Kritik der revolution\u00e4ren Denker-T\u00e4ter, der Hegel, Marx                 und Lenin, mutet ihm zu simpel, unanalytisch und fast moralisch                 abstrakt an.<\/p>\n<p>Ohne so oder so zu verurteilen, sucht Klein die zu pointierte                 Darstellung Camus&#8216; zu differenzieren. Die K\u00fcrze des dichten Beitrags                 kann gerade hier freilich nicht zufrieden stellen.<\/p>\n<p>Auf Klein folgt Maurice Weyembergh zu &#8222;Camus und Nietzsche&#8220; mit                 belesenen und guten Argumenten zur N\u00e4he und Differenz beider.                 Beide ziehen Menschen befreiende und eigent\u00fcmlich belastende Folgen                 aus dem vom &#8222;tollen Menschen&#8220; (Nietzsche: &#8222;Fr\u00f6hliche Wissenschaft&#8220;)                 von Kneipe zu Kneipe weitergesagten Wort: &#8222;Gott ist tot&#8220;.<\/p>\n<p>In ihrer f\u00fcnften Perle, schnurgereiht, setzt Brigitte S\u00e4ndig                 die ungleichen Freunde und Gegner Camus und Sartre in ihren Kunst\u00e4u\u00dferungen                 zusammen und auseinander. Sie wird &#8211; verst\u00e4ndlich &#8211; Camus mehr                 gerecht als Sartre. Letzterer versteht Kunst zugespitzt auf Ver\u00e4nderungen.                 Ersterem ist sie ein eigener Natur- und Vorstellungsraum des Menschen.                 F\u00fcr Camus lehrt die Kunst, dass der Mensch &#8222;auch in der Ordnung                 der Natur einen Daseinsgrund findet&#8220;. Schade auch hier, dass der                 Platz fehlte, beider Kontroversen mit Br\u00fcchen, den Algerienkrieg                 eingeschlossen, tiefer zu loten. Die nicht zu vers\u00f6hnende Differenz                 zwischen beiden: die Einsch\u00e4tzung des damals herrschenden Sowjet-Kommunismus.<\/p>\n<p>Horst Wernickes sechster Beitrag &#8222;Camus &#8211; Sozialist&#8220; holt am                 meisten &#8211; mit Verweisen auf Pierre-Joseph Proudhon einerseits                 und Simone Weil andererseits &#8211; Camus&#8216; syndikalistischen und individualistischen,                 aber auf Gegenseitigkeit angelegten Anarchismus hervor.<\/p>\n<p>Herrliche Proudhon-Zitate, angefangen mit dem Ausdruck &#8222;Zukunftsregierungscanaillen&#8220;                 \u00fcber die revolution\u00e4ren Parteien. Oder Simone Weils Motto: &#8222;Toujours                 Antigone&#8220;. <\/p>\n<p>Der Beitrag verflacht dort, wo Wernicke allzu oberfl\u00e4chlich sch\u00f6ne                 sozialdemokratische \u00c4u\u00dferungen anf\u00fchrt oder Grass in nicht vorhandene                 Verhaltensn\u00e4he zu Camus r\u00fcckt. Das und dort gerade nicht.<\/p>\n<p>Dann w\u00fcrde anarchischer Sozialismus zur Schminke.<\/p>\n<p>Der Band endet mit Heinz Robert Schlettes verweisdichtem Aufsatz                 zu &#8222;Camus und \u201adie Griechen'&#8220;. Der ist wichtig als grundierender                 Hintergrund von Camus&#8216; Liebe zur Sonne Griechenlands und zu den                 Mittelmeerl\u00e4ndern in mehrdimensionaler Bedeutung. Es geht um das                 Ma\u00df und damit zugleich um immer bewusst zu haltende Grenzen. Die                 griechische Scheu &#8211; \u00fcberliefert vor allem von den Vorsokratikern,                 Sokrates und den klassischen Tragikern &#8211; warnt vor menschlicher                 Hybris, dem \u00dcbermut der Machbarkeit, dem Sich-Verrennen in Einbahnstra\u00dfen.                 Aber \u00fcber allem ist die Sch\u00f6nheit, die alles Dunkel ausleuchtende                 Sonne nicht zu vergessen: Nur in diesem Leben k\u00f6nnen wir gl\u00fccklich                 sein.<\/p>\n<p>Weder Camus, der &#8222;Systeme&#8220;-Ver\u00e4chter, noch diese Kette mit sieben                 Perlen sind &#8211; und d\u00fcrfen &#8211; &#8222;auf <i>einen<\/i> Begriff&#8220; gebracht                 werden. Hegel wohnt fern, Ambivalenzen sind zu sehen und auszuhalten.                 Mit ihnen ist in k\u00fcnstlerischer Balance umzugehen. Darauf kommt                 es an. Darum ist Gewalt, ist Zwang das, was Camus \u00fcberall schreckt,                 auch Staatsgewalt. Er ist sich in aller Unsicherheit sicher, dass                 auf das passende Verh\u00e4ltnis zwischen Zielen und Mitteln sorgsam                 geachtet werden muss. Selbst die wahre Tugend &#8211; vorausgesetzt,                 wir w\u00fcrden sie tats\u00e4chlich kennen &#8211; darf nie und nimmer mit Schrecken                 herrschen. Seid wachsam, Leute, angesichts der Zerbrechlichkeit                 des Guten.<\/p>\n<p>Die Aufs\u00e4tze, vor bald 20 Jahren geschrieben, regen an. Sie machen                 Lust, Camus selbst zu lesen und zu erproben. Die Beitr\u00e4ge m\u00f6gen                 dort nicht gen\u00fcgen, wo sie Camus&#8216; Zusammensicht von Politik, Moral                 und Theorie ihrerseits zu allgemein referieren. Darum droht, dass                 aus Camus&#8216; an konkreten Menschen hier und heute orientierte politisch-moralische                 Einheit allzu leicht fibelhafte Formeln werden. Das ist und w\u00e4re                 dann nicht der Fall, wenn n\u00fcchtern radikale, und das hei\u00dft auch                 materialistische Gegenwartsanalyse sich verbindet mit einem moralischen                 Politisieren oder politischem Moralisieren an prek\u00e4ren F\u00e4llen.                 Mit dem dauernden Wissen um Grenzen in Analyse und Praxis &#8211; so                 wie dies Camus h\u00e4ufig auch im Fall seines geliebten Algerien getan                 hat.<\/p>\n<p>Der &#8222;L&#8217;Homme r\u00e9volt\u00e9&#8220; mag das vorletzte Wort haben. Letzte Worte                 im Sinne von Absoluta finden sich gl\u00fccklicher Weise nicht bei                 Camus:<\/p>\n<p>&#8222;Jeder Revoltierende pl\u00e4diert also, allein durch seine Erhebung                 im Angesicht des Unterdr\u00fcckers, f\u00fcr das Leben, verpflichtet sich,                 gegen die Knechtschaft, die L\u00fcge und den Terror zu k\u00e4mpfen, und                 bekr\u00e4ftigt blitzartig, dass diese drei Plagen das Schweigen zwischen                 Menschen herrschen lassen, einen vor dem anderen verdunkeln und                 sie hindern, sich im einzigen Wert zusammenzufinden, der sie vor                 dem Nihilismus retten k\u00f6nnte: der Komplizit\u00e4t der Menschen, die                 mit ihrem Schicksal ringen.&#8220;<\/p>\n<p>P.S.: Wer&#8217;s noch nicht gelesen hat und ein Genussbuch ohne Reue                 lesen will, der greife, schenke und lese: Albert Camus, &#8222;Der erste                 Mensch&#8220;. Sie und er werden dann dem Camus&#8217;schen Lehrer im Anhang                 zustimmen: &#8222;Mein lieber Kleiner!&#8220; Darin ist menschliche Gr\u00f6\u00dfe                 verborgen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Appetizer: &#8222;Camus&#8216; besondere Variante eines demokratischen, anarcho-syndikalistischen Sozialismus &#8230; Heute, angesichts der Krise entfremdeter Gro\u00dforganisationen, gewinnt der anarchistische Kampf und Diskurs des 19. Jahrhunderts, den Camus fortf\u00fchrt, wieder gro\u00dfe Aktualit\u00e4t.&#8220; (Horst Wernicke, S. 128) &#8222;Camus lesen und weiterdenken im Sinne eines \u201alearning by doing&#8217;&#8220; (John Dewey) Vor 50 Jahren, am 4. 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