{"id":9806,"date":"2010-02-01T00:00:48","date_gmt":"2010-01-31T22:00:48","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9806"},"modified":"2022-07-26T14:24:08","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:08","slug":"befreiungskampfe-die-nicht-befreien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/02\/befreiungskampfe-die-nicht-befreien\/","title":{"rendered":"Befreiungsk\u00e4mpfe, die nicht befreien"},"content":{"rendered":"<p>Seit den 1960er Jahren leisteten antikoloniale Befreiungsbewegungen                 im S\u00fcdlichen Afrika Widerstand gegen die dortigen siedlerkolonialen                 Minderheitsregime. Mit Erlangung des formalen staatlichen Selbstbestimmungsrechts                 in Angola und Mosambik 1975, in Simbabwe 1980, Namibia 1990 und                 den allgemeinen Wahlen in S\u00fcdafrika 1994 etablierten sich mit                 der MPLA (Movimento Popular de Liberta\u00e7\u00e3o de Angola\/Volksbewegung                 zur Befreiung Angolas), der Frelimo (Frente da Liberta\u00e7\u00e3o de Mo\u00e7ambique\/Mosambikische                 Befreiungsfront), der ZANU-PF<b> <\/b>(Zimbabwe African National                 Union\/Afrikanische Nationalunion von Simbabwe), der SWAPO und                 dem ANC (African National Congress\/Afrikanischer Nationalkongress)                 ehemalige Befreiungsbewegungen als Regierungen an der Macht. <\/p>\n<p>Sie haben diese politischen Machtposition seither nicht abgegeben.                 Ihre Dominanz basieren sie auf den auch ideologisch verbr\u00e4mten,                 legitimierenden Anspruch, die Befreier und Garanten der Unabh\u00e4ngigkeit                 zu sein, welche sie mit hohem Blutzoll erk\u00e4mpft haben. <\/p>\n<p>Nur in Simbabwe muss sich das abgehalfterte Regime Robert Mugabes                 mittlerweile mit brutalem Staatsterror gegen den Willen der Bev\u00f6lkerungsmehrheit                 m\u00fchsam behaupten. <\/p>\n<p>Im benachbarten Angola regiert Eduardo dos Santos als Chef der                 &#8222;\u00d6ligarchie&#8220; schon l\u00e4nger als Mugabe nebenan uneingeschr\u00e4nkt weiter.                 Die UNITA (Uni\u00e3o Nacional para a Independ\u00eancia Total de Angola\/Nationale                 Union f\u00fcr die totale Unabh\u00e4ngigkeit Angolas) ist nach jahrzehntelangem                 B\u00fcrgerkrieg mit verheerenden Folgen f\u00fcr die Zivilbev\u00f6lkerung seit                 dem Tod Savimbis in die Bedeutungslosigkeit abgedriftet.<\/p>\n<p>Dass auf dem fu\u00dfballverr\u00fcckten Kontinent der African Nations                 Cup dieses Jahr in Angola ausgetragen wird, ist ein gro\u00dfer Prestigeerfolg.                 Einzig der spektakul\u00e4re Anschlag auf die Mannschaft Togos in der                 umk\u00e4mpften \u00d6lenklave Cabinda tr\u00fcbte das Bild und machte der Welt\u00f6ffentlichkeit                 deutlich, dass die Pseudo-Erfolgsgeschichte des Landes nur die                 inneren Konflikte \u00fcbert\u00fcncht, diese jedoch keinesfalls gel\u00f6st                 sind. <\/p>\n<p>In Mosambik hat die Frelimo seit dem Tode Samora Machels trotz                 der Destabilisierungsversuche durch die RENAMO (Resist\u00eancia Nacional                 Mo\u00e7ambicana\/ Nationaler Widerstand Mosambiks) die Position des                 Partei- und Staatsoberhaupts mehrfach unter diversen Funktion\u00e4ren                 der ersten Generation ausgewechselt und ihre Dominanz dabei konsolidiert.               <\/p>\n<p>Die RENAMO wurde politisch integriert und zur kleinen Oppositionspartei                 zurecht gestutzt. Mittlerweile hat die Frelimo durch geschickte                 Manipulationen des Wahlgesetzes und der Wahlbezirke und mit Unterst\u00fctzung                 einer hoffnungslos schwachen und zerstrittenen Opposition wieder                 eine 2\/3-Mehrheit im Parlament, mit der die nachkoloniale Staatselite                 weiterhin uneingeschr\u00e4nkt ihre Sch\u00e4fchen ins Trockene bringen                 kann.<\/p>\n<p>In beiden ehemals portugiesischen Kolonien waren die Gegenbewegungen                 zu den Befreiungsbewegungen an der Macht mit Hilfe externer Unterst\u00fctzung                 zur Destabilisierung ihrer L\u00e4nder mit allen Mitteln und um jeden                 Preis bereit. Dies ging immer auf Kosten der lokalen Bev\u00f6lkerung.                 Die auf brutalen Terror basierenden Destabilisierungsstrategien,                 die noch auf die aktive Rolle des s\u00fcdafrikanischen Apartheid-Regimes                 zur\u00fcck gingen, trugen letztlich zur Legitimierung der nachkolonialen                 Regierungen bei, indem diese die erk\u00e4mpfte Unabh\u00e4ngigkeit weiterhin                 mit Waffengewalt verteidigen mussten. Diese Epoche begr\u00fcndete                 wohl auch die von den Befreiungsbewegungen an der Macht gegenw\u00e4rtig                 vertretene Sichtweise, dass jegliche Opposition nur einen vom                 Imperialismus gesteuerten Regimewechsel im Sinne habe, dem sie                 mit allen Mitteln widerstehen m\u00fcssen. Die Selbstdarstellung als                 antiimperialistisches Bollwerk dient damit zur ideologischen Verbr\u00e4mung                 der eigenen Macht und der darauf gest\u00fctzten Selbstbereicherungsstrategie                 durch die Pl\u00fcnderung der von ihnen kontrollierten Staatspfr\u00fcnde.               <\/p>\n<p>In Simbabwe vermochte das abgehalfterte Regime der ZANU-PF sich                 trotzdem nur durch die Faust der Sekurokraten an der Macht halten,                 auch wenn diese durch das pragmatische B\u00fcndnis mit der oppositionellen                 MDC (Movement for Democratic Change\/Bewegung f\u00fcr demokratischen                 Wandel) getr\u00fcbt ist. Durch deren Einbindung in eine sogenannte                 Regierung der nationalen Einheit hat sich diese mit der Mugabe-Despotie                 arrangiert. <\/p>\n<p>Dadurch wurden die politischen Gegenkr\u00e4fte letztlich einem Wahlverlierer                 untergeordnet und ausgeliefert. Der kann sich somit an den Schalthebeln                 der Macht behaupten und diese Verschnaufpause zur Sammlung neuer                 Kr\u00e4fte missbrauchen.<\/p>\n<p>In Namibia braucht sich die SWAPO darum vorerst nicht zu sorgen.                 Seit 15 Jahren f\u00e4hrt sie mangels ernsthafter politischer Alternativen                 \u00fcber 70% der Stimmen unter den W\u00e4hlerInnen ein (vgl. GWR 345).                 Allerdings wurde die neuerliche 2\/3-Mehrheit in den Parlamentswahlen                 vom November 2009 dadurch getr\u00fcbt, dass neun Oppositionsparteien                 vor Gericht einen Einspruch erwirkten, der ihnen die Zeit zur                 Pr\u00fcfung des Wahlergebnisses erm\u00f6glichte. Darauf gest\u00fctzt wird                 im Februar 2010 vom Obergericht in Windhoek gepr\u00fcft werden, ob                 bei diesen Wahlen alles seine Ordnung hatte. &#8211; Auch bei diesem                 verfassungsrechtlich verbrieften Vorgang handelt es sich selbstverst\u00e4ndlich                 nach Auffassung der SWAPO um einen Destabilisierungsversuch von                 Marionetten finsterer imperialistischer M\u00e4chte.<\/p>\n<p>In S\u00fcdafrika verfehlte ein halbes Jahr vor den Wahlen in Namibia                 der ANC die 2\/3-Mehrheit der vorherigen Legislaturperiode knapp,                 machte daraus aber zurecht kein Drama. Auch mit 65% der Mandate                 l\u00e4sst es sich schlie\u00dflich ganz gut im eigenen Interesse regieren.               <\/p>\n<h3>Die Fu\u00dfballweltmeisterschaft soll den alten Glanz der Mandela-\u00c4ra                 wieder herstellen <\/h3>\n<p>Die WM im Sommer 2010 soll \u00fcber die sozialen Missst\u00e4nde hinweg                 t\u00e4uschen, die schon zu Madibas Zeiten keinesfalls geringer waren.               <\/p>\n<p>Die Entt\u00e4uschungen in den Ghettos manifestieren sich mittlerweile                 in einem Ausma\u00df an sozialen Protesten und Gewalt, die hinter der                 Schreckensbilanz zu Apartheid-Zeiten kaum zur\u00fcck stehen. Der sich                 in Gewaltorgien entladende Fremdenhass gegen AfrikanerInnen aus                 anderen L\u00e4ndern macht aller Welt deutlich, dass nach der Apartheid                 die Diskriminierung keinesfalls vor\u00fcber ist.<\/p>\n<p>In den mit Ausnahme Mosambiks an Rohstoffen und anderen nat\u00fcrlichen                 Ressourcen mehr oder weniger reichlich ausgestatteten L\u00e4ndern                 ist die Armut nicht geringer geworden. Die Marginalisierung gro\u00dfer                 Teile der einst kolonisierten Bev\u00f6lkerungsmehrheit geh\u00f6rt weiterhin                 zum Alltagsbild. Eine Befreiung vom Joch des Kolonialismus ging                 wohl f\u00fcr die meisten unter diesen mit anderen Erwartungen einher.               <\/p>\n<p>Vor ihren Augen m\u00e4stet sich eine kleine nachkoloniale Elite durch                 die strategischen Positionen im Staatsapparat und eine Klientelwirtschaft                 an dem gesellschaftlich verf\u00fcgbaren Gut. Was eigentlich der Bev\u00f6lkerung                 geh\u00f6ren sollte, wird von den &#8222;fat cats&#8220; (wie die nachkolonialen                 Neureichen im Volksmund wenig respektvoll genannt werden) in Gemeinschaftsaktion                 mit vielen unter denen, die schon zu Kolonialzeiten Nutznie\u00dfer                 der damaligen Unrechtssysteme waren, neu verteilt. <\/p>\n<h3>&#8222;a loota continua&#8220; &#8211; die Pl\u00fcnderung geht weiter<\/h3>\n<p>&#8222;A luta continua&#8220; (der Kampf geht weiter) lautete fr\u00fcher die                 Parole. Sie mutierte unter den Befreiungsbewegungen an der Macht,                 die diese Parole seinerzeit lauthals skandierten, zu &#8222;a loota                 continua&#8220; (die Pl\u00fcnderung geht weiter). <\/p>\n<p>In keinem der L\u00e4nder hat die Armut abgenommen. Nirgendwo hat                 das politische Selbstbestimmungsrecht wirkliche Demokratie, mehr                 als formale Gleichheitsrechte oder den uneingeschr\u00e4nkten Schutz                 der Menschenrechte gesichert. <\/p>\n<p>Die Herrschaftsmentalit\u00e4t der BefreierInnen bietet wenig bis                 keine Alternativen zu den totalit\u00e4ren Strukturen der kolonialen                 Gesellschaften. <\/p>\n<p>Das wirft die Frage auf, was aus dem Anliegen einer Solidarit\u00e4tsbewegung                 geworden ist, die seinerzeit den Kampf um Menschenw\u00fcrde der &#8222;Verdammten                 dieser Erde&#8220; auch zu ihrer Sache machte.<\/p>\n<p>&#8222;Die Verdammten dieser Erde&#8220;, das 1961 fast zeitgleich mit dem                 Tod seines Verfassers erschienene programmatische Manifest Frantz                 Fanons inspirierte den Internationalismus der 1960er Jahre ma\u00dfgeblich.<\/p>\n<p>Es ist aus mehreren Gr\u00fcnden aufschlussreich, nochmals Fanons                 Streitschrift in Erinnerung zu rufen. Das eine ganze Generation                 pr\u00e4gende Werk war zwischenzeitlich in Vergessenheit geraten, kam                 aber vor einigen Jahren deshalb wieder &#8222;in Mode&#8220;, weil das darin                 enthaltene Kapitel \u00fcber die &#8222;Missgeschicke des nationalen Bewusstseins&#8220;                 mit den ersten Misserfolgen afrikanischer Dekolonisierung unter                 den neuen Eliten in Westafrika schonungslos abrechnet. Fanon hatte                 nur Verachtung f\u00fcr die Selbstbedienungsmentalit\u00e4t der selbstgerechten                 Patrioten, deren Vaterlandsliebe eigentlich nur sich selbst galt.               <\/p>\n<p>Er stammte aus Martinique und studierte in Frankreich Medizin.                 Er spezialisierte sich als Psychiater und schloss seine Studien                 mit einer bahnbrechenden Analyse des Rassismus in Frankreich ab.                 Als &#8222;Schwarze Haut wei\u00dfe Masken&#8220; erschien sie mit viel Versp\u00e4tung                 auch in deutscher \u00dcbersetzung. Im Zuge der &#8222;postcolonial studies&#8220;                 wurde die Arbeit neu entdeckt und erfuhr sp\u00e4te Anerkennung. Zu                 Beginn der 1950er Jahre wechselte Fanon nach Algerien, wo er sich                 der Befreiungsbewegung FLN anschloss und diese auch international                 repr\u00e4sentierte. In seinem aus diesem Milieu stammenden Hauptwerk                 verkl\u00e4rte er die antikoloniale Gewalt. Sie wurde f\u00fcr ihn zu einer                 reinigenden Metamorphose, obgleich er durch die eigene therapeutische                 Arbeit im Lande mit Folterern und deren Opfern auch um die zerst\u00f6rerische                 Auswirkung solcher Gewalt wusste und diese thematisierte. <\/p>\n<p>&#8222;Die Verdammten dieser Erde&#8220; diente vielen Protagonisten des                 antikolonialen Befreiungskampfes als moralische Rechtfertigung                 von Gewalt, die zum emanzipatorischen Akt stilisiert wurde. Besonders                 pointiert findet sich diese unromantische Romantisierung im Vorwort                 des Buches von Jean-Paul Sartre. <\/p>\n<p>In diesem stilisierte Sartre den Griff des Kolonisierten zum                 Gewehr als Akt der Menschwerdung. Sartres pseudo-revolution\u00e4re                 Brachialrhetorik, im heimeligen Studierzimmer oder am gem\u00fctlichen                 Cafehaustisch in Paris verfasst, kontrastierte mit dem von ihm                 und seinesgleichen so verspotteten und verh\u00f6hnten libert\u00e4ren Humanismus                 eines Albert Camus, der fast zur gleichen Zeit t\u00f6dlich verungl\u00fcckte.               <\/p>\n<p>Als &#8222;Weichling&#8220; missverstanden und denunziert, weil er sich weigerte,                 ein Bekenntnis zur Gewalt abzulegen, hatte sich Camus politisch                 von der Linken isoliert. Seine tendenzielle Hinwendung zu einer                 gewaltfreien Einstellung verarbeitete Erfahrungen von der R\u00e9sistance                 bis hin zum Algerienkrieg Ende der f\u00fcnfziger Jahre. Ironischerweise                 war es Camus, der im Widerstand gegen das Nazi-Besatzungsregime                 Kopf und Kragen riskierte, w\u00e4hrend Sartre sich solchen Gefahren                 nicht aussetzte. Dies verstellte Sartre wohl auch den Blick f\u00fcr                 die Deformationen durch Gewaltakte und den Missbrauch, der mit                 Gewaltanwendung zur Verfolgung keinesfalls nur emanzipatorischer                 Ziele betrieben wurde. <\/p>\n<p>Camus hingegen erkannte, dass es weder in Algerien noch sonst                 wo einen &#8222;gerechten Krieg&#8220; geben kann, der die zerst\u00f6rerischen                 Auswirkungen der Gewalt rechtfertigt.<\/p>\n<p>Dieser keinesfalls nur historische Exkurs (der zugleich an den                 50. Todestag Camus, den 4. Januar, erinnert) er\u00f6ffnet auch Einsichten                 f\u00fcr die Befreiungsk\u00e4mpfe zu anderen Zeiten an anderen Orten &#8211;                 nicht zuletzt im S\u00fcdlichen Afrika. <\/p>\n<p>Die aus diesen K\u00e4mpfen als vermeintliche Sieger hervor gegangenen                 Vertreter (in der Tat fast ausschlie\u00dflich M\u00e4nner) der bis dahin                 von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossenen Mehrheit                 waren Produkte gewaltsamer Verh\u00e4ltnisse. Ihre Erfahrung als Opfer                 sch\u00fctzte sie keinesfalls davor, selbst als T\u00e4ter zu enden. <\/p>\n<p>Vielleicht sogar war die Erfahrung von Gewalt konstitutiv f\u00fcr                 Dispositionen, die letztlich in einer relativen Skrupellosigkeit                 m\u00fcndeten, bei Infragestellung ihrer eigenen Machtposition selbst                 Gewalt zu praktizieren, zumindest billigend in Kauf zu nehmen                 oder zu verantworten. Diese blieb keinesfalls darauf begrenzt,                 zur Befreiung beizutragen. Statt dessen begr\u00fcndete die Inkaufnahme                 und Praktizierung von Gewalt neue Formen der Unterdr\u00fcckung und                 ein tendenziell totalit\u00e4res, von militaristischen Kommandostrukturen                 gepr\u00e4gtes Herrschaftsverst\u00e4ndnis, das Ausgrenzung den Vorzug gegen\u00fcber                 Integration gab. <\/p>\n<h3>&#8222;Der Krieg formt seine Leute&#8220;, stellte Christa Wolf in ihrer                 Erz\u00e4hlung &#8222;Kassandra&#8220; fest. Er formt seine Leute \u00fcber den Krieg                 hinaus.<\/h3>\n<p>Die militaristische Tradition einer Kriegerkultur begr\u00fcndete                 Organisationsformen und Hierarchien, die keinesfalls nur heroische                 Akte f\u00f6rderten. <\/p>\n<p>Raymond Suttner, der selbst wegen seiner Untergrundarbeit f\u00fcr                 den ANC jahrelang in s\u00fcdafrikanischen Gef\u00e4ngnissen in Einzelhaft                 verbrachte, dokumentiert dies in dem auf Interviews und eigenen                 Erfahrungen basierenden Buch &#8222;The ANC Underground in South Africa&#8220;,                 das 2008 in S\u00fcdafrika erschien. Wie er darin feststellt f\u00f6rderte                 der organisierte Widerstand viele Formen des Machtmissbrauchs                 und nahm diese billigend in Kauf. <\/p>\n<p>Diese andere Form von Dominanzkultur manifestierte sich nicht                 zuletzt auch in vielf\u00e4ltigen physischen wie psychischen Formen                 einer m\u00e4nnlichen Gewalt \u00fcber Frauen. <\/p>\n<p>Das Organisationsverst\u00e4ndnis im Widerstand machte den ANC zum                 Familienersatz. Das Pers\u00f6nliche wurde durch das Kollektiv ersetzt.                 Individuelles Urteilsverm\u00f6gen und die pers\u00f6nliche Entscheidung                 wurden unterdr\u00fcckt. Sie galten als nachrangig gegen\u00fcber der Bewegung.                 Die Definitionsgewalt wurde von der kollektiven Entscheidungsmacht                 im Namen des \u00fcbergeordneten Interesses der Organisation \u00fcbernommen,                 die von der F\u00fchrung repr\u00e4sentiert wurde. <\/p>\n<p>Wie Suttner aus eigener Erfahrung schlussfolgert, hat jegliche                 Beteiligung an revolution\u00e4ren Prozessen seine Auswirkung auf die                 Wahrnehmung des Pers\u00f6nlichen: Angesichts der alles dominierenden                 Forderungen nach Aufopferung und Loyalit\u00e4t f\u00fcr eine gr\u00f6\u00dfere Sache                 als sich selber ist das unvermeidliche Ergebnis eine Verleugnung                 der Privatsph\u00e4re. <\/p>\n<p>Aber es gilt auch weiterhin: Das Private ist das Politische.                 Dies hatte schon der angolanische Schriftsteller Artur Pestana                 dos Santos pr\u00e4zise auf den Punkt gebracht. Seine Erfahrungen als                 Guerillak\u00e4mpfer f\u00fcr die MPLA im tropischen Regenwald Cabindas,                 dem &#8222;Mayombe&#8220;, verarbeitete er Ende der 1970er Jahre in dem mittlerweile                 zum angolanischen Nationalepos avancierten gleichnamigen Roman                 unter dem Pseudonym Pepetela (seinem &#8222;nomme de guerre&#8220; aus den                 Kampfzeiten).<\/p>\n<p>In einem Dialog mit dem Politkommissar Mundo Novo (&#8222;Neue Welt&#8220;)                 l\u00e4sst er seinen Protagonisten Sem Medo (&#8222;Ohne Furcht&#8220;), der als                 F\u00fchrer einer Guerilla-Einheit kurz danach sein Leben f\u00fcr diesen                 opfert, die &#8222;konterrevolution\u00e4re&#8220; Ansicht \u00e4u\u00dfern, dass er froh                 w\u00e4re, &#8222;wenn sich ein junger Mensch entschlie\u00dft, seine Pers\u00f6nlichkeit                 auszuformen, selbst wenn das politisch gesehen Individualismus                 bedeuten sollte. Aber ein neuer Mensch wird geboren, gegen alle                 und gegen alles, ein Mensch, der frei ist von Niedrigkeiten und                 Vorurteilen, und da bin ich zufrieden.&#8220; <\/p>\n<\/p>\n<p>Freie Menschen sind selten auf dieser Erde. Sie finden sich leider                 kaum in den nachkolonialen Gesellschaften des S\u00fcdlichen Afrika.                 Befreiungsbewegungen an der Macht sind daf\u00fcr kein besonders guter                 N\u00e4hrboden. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit den 1960er Jahren leisteten antikoloniale Befreiungsbewegungen im S\u00fcdlichen Afrika Widerstand gegen die dortigen siedlerkolonialen Minderheitsregime. 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