{"id":9808,"date":"2010-02-01T00:00:50","date_gmt":"2010-01-31T22:00:50","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9808"},"modified":"2022-07-26T14:14:38","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:38","slug":"kampf-ums-babylon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/02\/kampf-ums-babylon\/","title":{"rendered":"Kampf ums BABYLON"},"content":{"rendered":"<p>Und dabei geht es keineswegs um eine neue Berliner Massenbewegung,                 die Land auf, Land ab durch die Tagesthemen flimmert. Es gibt                 keine spektakul\u00e4ren Stra\u00dfenschlachten und Verhaftungswellen. Der                 Anfang dieses Konfliktes mag vielen gar banal erscheinen: Eine                 Handvoll Berliner Kinoarbeiterinnen und Kinoarbeiter hat genug                 von prek\u00e4ren Arbeitsbedingungen. <\/p>\n<p>Nichts Besonderes, mag man nun denken. Vor allem in Hinblick                 auf das eigene Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnis. Besonders an diesem Konflikt                 ist allerdings einiges anders. <\/p>\n<h3>First they ignore you<\/h3>\n<p>Bei all den soziologischen Abhandlungen \u00fcber die zunehmende Prekarisierung                 der Gesellschaft, entschloss sich ein guter Teil der Belegschaft                 des Berliner Kinos Babylon Mitte zu handeln. Und sich gleichsam                 zu organisieren &#8211; gewerkschaftlich. <\/p>\n<p>Allein die Tatsache, dass Prek\u00e4re sich gewerkschaftlich organisieren,                 mag ungew\u00f6hnlich sein. Doch sollte dies nicht das Ende der Un\u00fcblichkeiten                 in diesem Konflikt sein. <\/p>\n<p>So bildete sich zun\u00e4chst Ende 2008 ein Betriebsrat. Kurz darauf                 wandten sich einige Besch\u00e4ftigte an das Kinonetzwerk von ver.di,                 um auch gewerkschaftlich Unterst\u00fctzung zu bekommen. Vergebens:                 Bei ver.di schien sich niemand wirklich f\u00fcr einen derart kleinen                 Konflikt &#8211; dazu auch noch in einem angeblich &#8222;linken&#8220; Kino &#8211; zu                 interessieren.<\/p>\n<p>Frustriert wandten sich einige der Besch\u00e4ftigten Anfang 2009                 daher an die anarchosyndikalistische Freie ArbeiterInnen Union                 (FAU) Berlin, die bereits im Vorjahr einen ihrer Kollegen bei                 seiner K\u00fcndigung durch das Kino unterst\u00fctzt hatte. <\/p>\n<p>Schnell bildete sich eine Betriebsgruppe und die FAU Berlin meldete                 sich als im Betrieb vertretene Gewerkschaft &#8211; wie sie sich damals                 noch bezeichnen durfte &#8211; an.<\/p>\n<p>Die offenen Strukturen der FAU Berlin erm\u00f6glichten es, dass die                 Betriebsgruppe selbst zur Protagonistin des Geschehens werden                 konnte. Sie erlaubten ebenso eine gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Teilnahme der                 gesamten Belegschaft. Folglich wurden gemeinsame Forderungen erarbeitet,                 die in einen Entwurf f\u00fcr einen Haustarifvertrag eingearbeitet                 und im Juni 2009 der Gesch\u00e4ftsleitung vorgelegt wurden. <\/p>\n<h3>Then they laugh at you<\/h3>\n<p>Obwohl sich Vertreter der FAU Berlin bei einem pers\u00f6nlichen Treffen                 mit der Gesch\u00e4ftsleitung des Babylon Mitte auf eben diese Vorlage                 eines Haustarifvertrages geeinigt hatten, kam es nach Vorlage                 des Entwurfes nicht zu Verhandlungen.<\/p>\n<p>Die Gesch\u00e4ftsleitung verweigerte diese mit dem Argument, sie                 halte die FAU Berlin nicht f\u00fcr tariff\u00e4hig. <\/p>\n<p>Begr\u00fcndet wurde diese Ansicht damit, dass die FAU im Verfassungsschutzbericht                 erw\u00e4hnt sei und sich an Protesten gegen die G8 beteiligt habe.                 Dass sich auch der DGB an G8-Protesten beteiligte, ebenso wie                 die Linkspartei, die vom Verfassungsschutz \u00fcberwacht wird, als                 Berliner Senatspartei allerdings einer der Financiers des halbkommunalen                 Kinos ist, entzog sich dieser Expertise. <\/p>\n<p>Die Gesch\u00e4ftsleitung versucht seither, die FAU Berlin nicht als                 Koalition von ArbeitnehmerInnen und legitime Vertretung eines                 gro\u00dfen Teils ihrer MitarbeiterInnen, sondern als eine Art Club                 von politisch motivierten &#8222;Betriebstaliban&#8220; darzustellen, die                 den Betrieb zerst\u00f6ren und den Untergebenen Flausen in den Kopf                 setzen wollen. <\/p>\n<p>Klingt l\u00e4cherlich? <\/p>\n<p>Ist und war es auch f\u00fcr die Belegschaft, die die FAU Berlin und                 die Betriebsgruppe eher als sachliche Berater und loyale Unterst\u00fctzer                 denn als Chaoten und Demagogen kennen gelernt hatten. <\/p>\n<p>So lie\u00df sich die FAU Berlin denn auch nicht lange bitten, erkl\u00e4rte                 die Verhandlungen f\u00fcr gescheitert und rief im Juli den Boykott                 des Kinos aus, um die Gesch\u00e4ftsleitung an den Verhandlungstisch                 zu zwingen.<\/p>\n<h3>Then they fight you<\/h3>\n<p>Nun folgte ein Boykott des Kinos. T\u00e4glich standen Aktivistinnen                 und Aktivisten vor dem Kino, verteilten Flugbl\u00e4tter und informierten                 das Publikum.<\/p>\n<p>Flankiert durch einen Rummel im hauptst\u00e4dtischen Bl\u00e4tterwald,                 sollte der Boykott nicht ohne Folgen bleiben. Auch wenn diese                 alles andere als die erhofften sein sollten: Dem Boykott folgte                 ab Oktober eine ebenso z\u00e4he juristische Gegenoffensive der Gesch\u00e4ftsleitung                 gegen die FAU Berlin. Nachdem aus Kreisen des Berliner Abgeordnetenhauses                 durchgesickert war, dass sich das Babylon Mitte ob des Drucks                 und der schlechten Publicity wohl nicht l\u00e4nger vor Verhandlungen                 sperren k\u00f6nne, \u00fcberst\u00fcrzten sich die Dinge. <\/p>\n<p>Im September 2009 tauchte die Gewerkschaft ver.di auf dem Parkett                 auf und k\u00fcndigte Tarifverhandlungen mit dem Kino an. Auf Bitte                 eines unbekannten ver.di-Mitglieds, so die Version von ver.di.                 Auf Intervention der Linkspartei, so die Version der &#8222;Linken&#8220;.<\/p>\n<p>Auf einer Betriebsversammlung wurde darauf von der Belegschaft                 beschlossen, die FAU Berlin und ver.di zu gemeinsamen Verhandlungen                 aufzufordern. <\/p>\n<p>Zeitgleich stellte allerdings die Gesch\u00e4ftsleitung bei Gericht                 den Antrag, der FAU Berlin den Boykott zu untersagen. Einen Tag,                 nachdem sich Mitglieder von FAU Berlin und ver.di zu ersten Gespr\u00e4chen                 getroffen hatten, wurde dem Antrag auf Einstweilige Verf\u00fcgung                 vom Berliner Arbeitsgericht stattgegeben. Begr\u00fcndung: die angeblich                 fehlende soziale M\u00e4chtigkeit und damit fehlende Tariff\u00e4higkeit.               <\/p>\n<p>Dass hier die Tariff\u00e4higkeit per Einstweiliger Verf\u00fcgung aberkannt                 wurde, ist schon bedenklich genug. Dass dies aber auch noch in                 einem laufenden Arbeitskonflikt geschieht, bei dem es um einen                 Haustarifvertrag geht, der mit der Belegschaft entworfen wurde,                 erscheint umso absurder. So wurde eine Basisorganisation wie die                 FAU Berlin hier h\u00e4rter geg\u00e4ngelt als jede christliche Gewerkschaft,                 die munter \u00fcber Jahre Fl\u00e4chentarife in Bereichen abgeschlossen                 hatte, in denen sie tats\u00e4chlich keine M\u00e4chtigkeit hatte und an                 dieser dank ihrer &#8222;konsensorientierten Tarifpolitik&#8220; zwischen                 ihnen und der Arbeitgeberseite auch nicht sonderlich interessiert                 gewesen sein d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich favorisierte dieses Urteil ein alleiniges Vorpreschen                 von ver.di, deren Zusammenarbeit mit der FAU Berlin ohnehin nicht                 weit \u00fcber Lippenbekenntnisse hinaus gegangen war. Aufgrund der                 intransparenten Verhandlungen distanzierte sich die FAU Berlin                 letztlich von diesen. Heraus kam ein Tarifvertrag, der zwar an                 den Fl\u00e4chentarif zwischen ver.di und dem Kinoverband HDF angelehnt                 sein sollte, dank zahlreicher Sonderregelungen jedoch weit hinter                 diesen zur\u00fcck f\u00e4llt. <\/p>\n<p>Dem sollte jedoch noch nicht genug sein: Da sich Betriebsgruppe                 und FAU Berlin noch immer renitent in das Geschehen einmischten,                 erwirkte die Gesch\u00e4ftsleitung des Kinos am 11. Dezember 2009 vor                 dem Berliner Landgericht eine weitere Einstweilige Verf\u00fcgung,                 die es der FAU Berlin fortan untersagt, sich selbst als Gewerkschaft                 bzw. Basisgewerkschaft zu bezeichnen. Am 5. Januar 2010 wurde                 diese Verf\u00fcgung von eben diesem Gericht best\u00e4tigt.<\/p>\n<h3>And then you win?<\/h3>\n<p>Wer die Sache differenziert betrachtet, wird sich der Tragweite                 dieser Urteile bewusst werden. Denn: Ob FAU oder nicht FAU &#8211; konsequent                 angewandt verunm\u00f6glichen diese Urteile jedwede Form der Organisierung                 jenseits etablierter Strukturen. Konkret bedeuten sie, eine Gewerkschaft                 ist erst eine Gewerkschaft, wenn sie eine Gewerkschaft ist. Voraussetzung                 daf\u00fcr sind jedoch Tarifvertr\u00e4ge und Arbeitsk\u00e4mpfe, die &#8211; wie schlau                 &#8211; allen, die keine Gewerkschaft sind, verboten bleiben. Freilich                 steht es bis dahin jedem frei, nach dem Grundgesetz zu koalieren.                 Fragt sich blo\u00df wozu. Erst einmal Millionen Mitglieder zu werben,                 scheint f\u00fcr die Berliner Justiz n\u00e4her an der Wahrung und F\u00f6rderung                 der Arbeitsbedingungen als konkrete betriebliche K\u00e4mpfe. <\/p>\n<p>Das deutsche Arbeitsrecht basiert mehr auf Rechtsprechung denn                 auf konkreten Normen. Hier setzt sich eine Rechtsprechung durch,                 die dem DGB ein Monopol sichert, das es laut hiesiger Rechtsprechung                 allein gegen so genannte &#8222;gelbe&#8220; Gewerkschaften zum Schutze der                 arbeitenden Bev\u00f6lkerung zu verteidigen gelte. Ein gewerkschaftlicher                 Pluralismus hat darin wenig Platz. Noch weniger das Konzept von                 Basisgewerkschaften, wie es in anderen L\u00e4ndern verbreitet ist.               <\/p>\n<p>Was sich in diesem Konflikt aber gezeigt hat, ist die Effizienz                 von Konflikten, die durch die Basis gef\u00fchrt werden. Die FAU Berlin                 mag zwar verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig klein sein, einen solch dynamischen Konflikt                 lassen die etablierten Gewerkschaften allerdings oft schmerzlich                 vermissen. Genau solche Konflikte braucht es derzeit aber mehr                 denn je, um eine Gegenmacht zu sich ver\u00e4ndernden gesellschaftlichen                 Verh\u00e4ltnissen zu bilden. Dass dies durchaus eine Frage der Struktur                 ist, hat sich bereits vor \u00fcber einhundert Jahren gezeigt, als                 sich erste syndikalistische Gewerkschaften von den damaligen Zentralgewerkschaften                 abspalteten.<\/p>\n<p>Und dass diese Konflikte heute &#8211; \u00e4hnlich wie damals &#8211; mit H\u00e4rte                 gef\u00fchrt werden, zeigt sich am Beispiel Babylon Mitte.<\/p>\n<p>Auch dass die FAU gerade deswegen so unangenehm ist, da sie trotz                 ihrer libert\u00e4ren Prinzipien eben nicht ein exklusiver Club von                 AnarchistInnen ist, zeigt sich dort. Gerade deshalb stellt sich                 die Frage an die Libert\u00e4ren: Bewegung oder Biotop? <\/p>\n<p>Das ist eine Frage der Intervention. Und hier sollte gerade die                 Arbeitswelt nicht l\u00e4nger stiefm\u00fctterlich behandelt werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und dabei geht es keineswegs um eine neue Berliner Massenbewegung, die Land auf, Land ab durch die Tagesthemen flimmert. Es gibt keine spektakul\u00e4ren Stra\u00dfenschlachten und Verhaftungswellen. Der Anfang dieses Konfliktes mag vielen gar banal erscheinen: Eine Handvoll Berliner Kinoarbeiterinnen und Kinoarbeiter hat genug von prek\u00e4ren Arbeitsbedingungen. Nichts Besonderes, mag man nun denken. 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