{"id":9839,"date":"2010-02-01T00:00:13","date_gmt":"2010-01-31T22:00:13","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9839"},"modified":"2022-07-26T14:24:08","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:08","slug":"emire-und-energie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/02\/emire-und-energie\/","title":{"rendered":"Emire und Energie"},"content":{"rendered":"<p>Scheinbar vorausschauend hat sich der Emir von Abu Dhabi f\u00fcr                 den Sitz der Internationalen Alternativenergieagentur IRENA (International                 Renewable Energy Agency) beworben und Mitte letzten Jahres die                 konkurrierende Stadt Bonn ausgestochen. Im Januar 2010 fanden                 in Abu Dhabi Kongresse und Events wie die weltweit branchenf\u00fchrende                 Veranstaltung &#8222;World Future Energy Summit&#8220; (Weltgipfel f\u00fcr Energien                 der Zukunft), das &#8222;Young Future Energy Leaders Program&#8220; (Programm                 f\u00fcr f\u00fchrende Nachwuchskr\u00e4fte im Bereich Energien der Zukunft),                 sowie die Verleihung des &#8222;Zayed Future Energy Prize&#8220; (Zayed-Preises                 f\u00fcr Energien der Zukunft) und das Treffen der Beratungsgruppe                 zum Klimawandel des UN-Generalsekret\u00e4rs statt. Bei den meisten                 Meetings tummelten sich allerdings weniger alternative &#8222;Gutmenschen&#8220;                 im expansiven Wirtschaftswunderland, sondern vor allem hielten                 klassisch-kapitalistische Konzernvertreter nach neuen Absatzm\u00e4rkten                 Ausschau.<\/p>\n<h3>Was ist die ad\u00e4quate Energieform f\u00fcr ein autorit\u00e4res Regime?<\/h3>\n<p>Schon 1975 hat der \u00d6koanarchist Murray Bookchin festgestellt,                 dass die &#8222;alternative Technologie&#8220; in der Hand von kapitalistischen                 Konzernen zur technokratischen Manipulation bei gleichzeitiger                 Aufgabe emanzipatorischer Ziele verkommen wird:<\/p>\n<p>&#8222;Bereits jetzt ist die Landschaft der alternativen Technologie                 durch diesen Drift verschmutzt worden, besonders durch Mega-Projekte                 zur \u201aNutzbarmachung&#8216; von Sonne und Wind. Der L\u00f6wenanteil der Bundeszusch\u00fcsse                 f\u00fcr Sonnenenergie-Forschung geht an Projekte, die, w\u00fcrden sie                 verwirklicht, riesige W\u00fcstengebiete in Anspruch nehmen w\u00fcrden.                 Solche Projekte sind nichts anderes als eine Verhohnepiepelung                 von \u201aalternativer Technologie&#8216;. <\/p>\n<p>Aufgrund ihrer Dimensionen sind sie in geradezu klassischer Weise                 herk\u00f6mmlich. Das gilt sowohl im Hinblick auf ihre Riesenhaftigkeit                 als auch auf das Ausma\u00df, in dem sie eine bereits begonnene, b\u00fcrokratisch                 zentralisierte nationale Arbeitsteilung verschlimmern.&#8220; ((1))<\/p>\n<p>Als ein Resultat dieser Tendenz sind die Vereinigten Arabischen                 Emirate sicher nicht zuf\u00e4llig zum Standort f\u00fcr den Sitz von IRENA                 auserw\u00e4hlt worden. Ein autorit\u00e4res Feudalsystem mit teilweiser                 Scharia, rabiater Frauenunterdr\u00fcckung, Pressezensur und Internetsperren                 steht dem weltweiten Gesch\u00e4ft mit der &#8222;Alternativenergie&#8220; offensichtlich                 nicht entgegen. Zus\u00e4tzlich ist das Emirat Dubai seit Jahrzehnten                 mit seiner Freihandelszone &#8222;Jebel Ali Freezone&#8220; internationaler                 Verschiebebahnhof f\u00fcr gleichzeitig milit\u00e4risch und zivil nutzbare                 Nuklearkomponenten (Dual-Use-G\u00fcter). Das sagt sogar das K\u00f6lner                 Zollkriminalamt ((2)). Der Vater                 der pakistanischen Atombombe, Abdel Quadeer Khan ((3))                 hatte immer einige Gesch\u00e4ftspartnerInnen seines Netzwerkes in                 Dubai stationiert.<\/p>\n<p>Die herrschenden Verh\u00e4ltnisse in den VAE lassen dort &#8211; trotz                 IRENA &#8211; noch nicht einmal die unter \u00d6kologInnen umstrittenen technokratisch-kapitalistischen                 Desertec-Projekte zu. N\u00fcchtern analysierte am 26.8.2009 die staatliche                 BRD-Wirtschaftsf\u00f6rderungsgesellschaft &#8222;Germany Trade &#038; Invest&#8220;:<\/p>\n<p>&#8222;Dass sich die GCC-Staaten <a href=\"#u4\">[4]<\/a>                 zu einem Topmarkt f\u00fcr die erneuerbaren Energien entwickeln, ist                 allerdings unwahrscheinlich. Immerhin liegt es nicht im Interesse                 der Erd\u00f6lproduzenten, sich den \u00d6lpreis durch ein zu gro\u00dfes Engagement                 bei den erneuerbaren Energien zu verderben. In diesem Zusammenhang                 warnt die Organisation der arabischen Erd\u00f6l exportierenden Staaten                 (OAPEC) in einer Studie vor den Gefahren der Destabilisierung                 des \u00d6lpreises bei einer zu starken Entwicklung von Biokraftstoffen,                 aber auch der erneuerbaren Energien.&#8220; ((5))<\/p>\n<h3>S\u00fcdkoreas Konzerne strahlen: Gro\u00dfauftrag f\u00fcr Atomreaktorbau<\/h3>\n<p>Wenige Monate nachdem Abu Dhabi im letzten Jahr den Zuschlag                 f\u00fcr den Sitz der weltweiten Alternativenergie-Agentur IRENA erhielt,                 bestellte es vier neue APR-1400-MW-Atomkraftwerke bei S\u00fcdkorea                 und legte sich auf zus\u00e4tzliche mittelfristige nukleare Folgeauftr\u00e4ge                 fest. F\u00fcr den ganz und gar un\u00f6kologischen Einstieg in energieintensive                 Industriebranchen wie Chemie und Aluminiumerzeugung sowie f\u00fcr                 den luxuri\u00f6sen Lebensstil der Wohlhabenden wird sehr viel Strom                 ben\u00f6tigt. Den mehrheitlich asiatischen &#8222;Gastarbeitern&#8220;, die inzwischen                 80 % der Bev\u00f6lkerung der VAE ausmachen, sind lediglich Gewerkschaftsverbot                 und sofortige Abschiebung bei Jobverlust zugedacht.<\/p>\n<p>S\u00fcdkorea betreibt zur Zeit 20 Atomkraftwerke und f\u00fcnf sind im                 Bau. Allerdings bestehen bisher keinerlei Betriebserfahrungen                 mit den von Abu Dhabi bestellten AP-Reaktoren (Advanced Power                 Reactor) und die vollmundigen Behauptungen der Emire \u00fcber die                 hervorragenden Sicherheitseigenschaften dieser Reaktoren m\u00fcssen                 erst noch in der Praxis bewiesen werden. <\/p>\n<p>S\u00fcdkorea hat es in der Vergangenheit weder mit der Sicherheit                 noch mit der Wahrheit in Sachen Atomkraft allzu genau genommen.                 Die IAEA hat in einem Bericht festgestellt, dass das Land zwischen                 1982 und 2000 verschiedene Experimente und Aktivit\u00e4ten durchf\u00fchrte,                 die es der IAEA nicht, wie es aufgrund der Safeguard-Abkommen                 verpflichtet gewesen w\u00e4re, meldete. Dazu geh\u00f6ren die Konversion                 von Uran und dessen Anreicherung ebenso wie die Abtrennung von                 Plutonium. In den Jahren 2002 und 2003 sind InspektorInnen mit                 falschen Informationen abgespeist worden und durften keine Proben                 in den Nuklearanlagen nehmen. Die IAEA sprach gegen\u00fcber S\u00fcdkorea                 einen f\u00f6rmlichen Tadel aus.<\/p>\n<p>Wie brisant und sicherheitsrelevant die Situation in S\u00fcdkorea                 ist, gibt sogar das Zentralorgan der Atomwirtschaft &#8222;atw&#8220; in ihrer                 &#8222;Welt-Kernenergiechronik 2003&#8220; zu: &#8222;Die Errichtungst\u00e4tigkeiten                 an den zwei Kernkraftwerksbl\u00f6cken des KEDO-Projektes werden f\u00fcr                 ein Jahr ausgesetzt. Grund sind die politischen Differenzen bez\u00fcglich                 des milit\u00e4rischen Nuklearprogramms des Landes.&#8220; ((6))<\/p>\n<h3>Radioaktives Material und AKW-Baupl\u00e4ne aus der BRD<\/h3>\n<p>Die Bundesrepublik ist direkt in diese Vorg\u00e4nge involviert. Denn                 am 11.4.1986 haben der damalige Bundesau\u00dfenminister Genscher (FDP)                 und der damalige Forschungsminister Riesenhuber (CSU) einen zehnj\u00e4hrigen                 und sp\u00e4ter verl\u00e4ngerten Kooperationsvertrag ((7))                 mit S\u00fcdkorea abgeschlossen: &#8222;&#8230; in Erkenntnis der zahlreichen                 Vorteile einer Zusammenarbeit bei der friedlichen Nutzung der                 Kernenergie &#8230;&#8220;. Diese Kooperation bei der Nutzung der Atomkraft                 umfasst einen Austausch von WissenschaftlerInnen und Forschungspersonal                 sowie die &#8222;Lieferung von Pl\u00e4nen, Zeichnungen und Spezifikationen&#8220;.                 Besonders interessant: &#8222;Weitergabe von Material, Kernmaterial                 [!], Ausr\u00fcstung, Anlagen und Technologie zur Planung, zur Errichtung                 und zum Betrieb von Kernkraftwerken sowie sonstiger kerntechnischer                 Anlagen und Forschungseinrichtungen&#8220; (Seite 323). In dem Vertrag                 wird sogar die Weitergabe von &#8222;Kernmaterial&#8220; an Drittstaaten erlaubt,                 wenn die innerhalb der IAEO vorgesehenen Sicherheitsma\u00dfnahmen                 eingehalten werden (Seite 324). <\/p>\n<p>Im Jahr 2005 gab es in der rotgr\u00fcnen Koalition eine Kontroverse                 zwischen dem Umweltminister Trittin, der den Vertrag ver\u00e4ndern                 wollte und dem industriefreundlichen Wirtschaftsminister Clement.<\/p>\n<p>Inzwischen sendet der ehemalige Juniorpartner S\u00fcdkorea selbst                 seine ganz eigenen Exportsignale aus, nachdem er sich das entsprechende                 Know how und Material bei der BRD geholt hat.<\/p>\n<h3>Die Vereinigten Arabischen Emirate \u00f6len die Atomindustrie<\/h3>\n<p>Bei einer diktatorischen Regierung besteht ein verst\u00e4rktes Risiko,                 dass in Nuklearanlagen im Sicherheitsbereich geschlampt wird und                 atombombenf\u00e4higes Material in die H\u00e4nde von Verbrechern ger\u00e4t.                 All das, wovor jahrelang gewarnt wurde, tritt jetzt ein. Nicht                 mehr nur der exklusive Kreis der urspr\u00fcnglichen Gro\u00df- und Mittelm\u00e4chte                 setzt auf Atomkraft, sondern risikofreudige Kleinstaaten, Stammesf\u00fcrsten                 und autorit\u00e4re Herrscherh\u00e4user in Krisengebieten sowie aufstiegswillige                 Schwellenl\u00e4nder hantieren mit atombombenf\u00e4higem Material.<\/p>\n<p>Gigantische neue Atomkraftwerke in unmittelbarer Nachbarschaft                 zur Drehscheibe f\u00fcr Nuklearkomponenten in der N\u00e4he der Krisengebiete                 Irak, Israel\/Pal\u00e4stina, Iran und Jemen. Und das alles auf dem                 Territorium eines autorit\u00e4ren Feudalsystems &#8211; und mittendrin der                 Sitz der von den Emiren mitfinanzierten internationalen Alternativenergieagentur                 IRENA! &#8211; Kann es einen gr\u00f6\u00dferen Kontrast geben?<\/p>\n<p>Alternativenergie ist eben nicht eine beliebig gegen\u00fcber anderen                 Energieformen austauschbare Technologie, sondern in ihrer Beziehung                 zum gesellschaftlichen und politischen System zu sehen, innerhalb                 der sie existiert. Bookchin sagte dazu: &#8222;&#8218;Alternative Energie&#8216;                 m\u00fc\u00dfte &#8211; wenn sie die Grundlage f\u00fcr eine neue \u00d6kotechnologie legen                 soll &#8211; auf Menschenma\u00df zugeschnitten werden. Einfacher ausgedr\u00fcckt                 hei\u00dft dies, da\u00df der Gigantismus der Konzerne mit seinen riesigen,                 un\u00fcberschaubaren Industrieanlagen durch kleine Industrieeinheiten                 ersetzt werden m\u00fc\u00dfte, die f\u00fcr die Menschen \u00fcberschaubar w\u00e4ren                 und von ihnen unmittelbar selbstverwaltet werden k\u00f6nnten.&#8220; ((8))<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Scheinbar vorausschauend hat sich der Emir von Abu Dhabi f\u00fcr den Sitz der Internationalen Alternativenergieagentur IRENA (International Renewable Energy Agency) beworben und Mitte letzten Jahres die konkurrierende Stadt Bonn ausgestochen. 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