{"id":9848,"date":"2010-02-01T00:00:59","date_gmt":"2010-01-31T22:00:59","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9848"},"modified":"2022-07-26T14:14:38","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:38","slug":"bis-dahin-sind-es-menschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/02\/bis-dahin-sind-es-menschen\/","title":{"rendered":"&#8222;Bis dahin sind es Menschen!&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Keine Polizei griff ein. Im Gegenteil: &#8222;Es gab keine Zwischenf\u00e4lle&#8220;,                 erinnert sich Javier Mart\u00edn: &#8222;Mein Vater hat sogar ein Vaterunser                 gebetet, ohne dass ihn jemand schief angesehen h\u00e4tte.&#8220; Sein Vater                 war Javier Mart\u00edn Artajo, ehemaliger Parlamentarier der rechts-katholischen                 <i>Confederaci\u00f3n Espa\u00f1ola de Derechas Aut\u00f3nomas <\/i>(CEDA) und                 nach der Zerschlagung der II. Republik im Spanischen B\u00fcrgerkrieg                 Abgeordneter im franquistischen St\u00e4ndeparlament und einflussreicher                 Verleger und Zeitungsmann. Ein G\u00fcnstling des Regimes. Er trug                 eine schwarz-rote Krawatte. Das hatten er und der Verstorbene                 so abgesprochen, Jahre zuvor: &#8222;Also sch\u00f6n! Wenn Du vor mir stirbst,                 dann k\u00fcsse ich eben dieses St\u00fcck Holz&#8220; &#8211; gemeint war das Kruzifix                 &#8211; &#8222;aber wenn ich als erster sterbe, dann tr\u00e4gst Du bei meiner                 Beerdigung eine Krawatte in anarchistischen Farben.&#8220; <\/p>\n<p>In Spanien nennt man so etwas einen <i>pacto entre caballeros.<\/i>                 Eine Ehrensache. Wer war der Mann, an dessen Grab sich, drei Jahre                 vor Francos Tod, polizeilich gesuchte Anarchisten und hohe Funktion\u00e4re                 des Regimes versammeln konnten, um gemeinsam Abschied zu nehmen?                 Dessen Tod, und sei es nur f\u00fcr den Moment, die Gesetze des franquistischen                 Staatsterrors ebenso au\u00dfer Kraft setzte wie die m\u00f6rderische Feindschaft                 zwischen den ehemaligen Kriegsparteien?<\/p>\n<h3>Ein Bilderbuchanarchist<\/h3>\n<p>Melchor Rodr\u00edguez Garc\u00eda wurde im Jahre 1893 in Triana in der                 Provinz Sevilla geboren. Der Vater arbeitete im Hafen der Provinzhauptstadt,                 die Mutter in einer Tabakfabrik. Es reichte mit M\u00fche zum Leben.                 Als Melchor gerade 10 Jahre alt war, verlor er seinen Vater durch                 einen Arbeitsunfall. Der Mutter blieb nichts anderes \u00fcbrig, als                 ihren \u00e4ltesten Sohn zur Arbeit zu schicken. Er fand eine Anstellung                 in einer Metallwerkstatt. <\/p>\n<p>Mit der Zeit wurde aus dem minderj\u00e4hrigen Lehrling ein gewiegter                 Blechschmied, dessen F\u00e4higkeiten in den fr\u00fchen Kraftfahrzeugwerkst\u00e4tten                 der Region hoch im Kurs standen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig tr\u00e4umte der junge Melchor von einer Karriere als                 Stierk\u00e4mpfer &#8211; in Andalusien ein so wenig origineller Wunsch wie                 in Deutschland Feuerwehrmann oder Fu\u00dfballprofi zu werden. Melchor                 stieg tats\u00e4chlich in die Arena und gebrauchte den Degen mit beachtlichem                 Geschick &#8211; bis ihn bei einer <i>Corrida<\/i> in Madrid ein Stier                 auf die H\u00f6rner nahm.<\/p>\n<p>Freunde erkl\u00e4rten sp\u00e4ter, angesprochen auf das furchtlose Verhalten                 Melchors w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs, wer einmal dem Stier gegen\u00fcbergestanden                 habe, der kenne keine Furcht mehr. Eine sehr spanische Sicht der                 Dinge, zweifellos. <\/p>\n<p>1920, nach weiteren Fehlschl\u00e4gen, begrub Rodr\u00edguez seine Hoffnung                 auf eine Laufbahn als Torero f\u00fcr immer. Und trat der CNT bei.                 Deren andalusische Sektion war damals, in den fr\u00fchen zwanziger                 Jahren, vor der Diktatur Primo de Riveras, eine ernst zu nehmende                 politische Kraft. In Sevilla geh\u00f6rten ihr M\u00e4nner wie Pedro Vallina                 an, der &#8222;anarchistische Arzt&#8220;, der zu einer wahren Legende des                 spanischen Anarchismus werden sollte. Es dauerte nicht lange,                 und Rodr\u00edguez geriet in Konflikt mit der Staatsgewalt. Nach einer                 kurzen Haft im Anschluss an einen Streik floh er nach Madrid,                 um der Verfolgung durch die andalusische Polizei zu entgehen.                 Dort schloss er sich dem in der CNT f\u00f6derierten Syndikat der Karosseriebauer                 an, wurde dessen Vorsitzender und trat 1927 als einer der ersten                 in der Hauptstadt der FAI (Iberische Anarchistische F\u00f6deration)                 bei. Seine Mitgliedskarte trug die Nummer 3.<\/p>\n<p>In den Reihen der CNT machte sich Rodr\u00edguez schnell einen Namen                 als angriffslustiger Redner, streitbarer Diskutant und wortgewandter                 Polemiker. Er war ein Hitzkopf, der bis zur Starrsinnigkeit auf                 seinem Standpunkt beharren konnte. Zum Ausgleich galt er als absolut                 ehrlich, und seine Konsequenz im Handeln gebot Respekt. In den                 gro\u00dfen Debatten der 20er und 30er Jahre ergriff er Partei f\u00fcr                 das B\u00fcndnis der beiden gro\u00dfen Gewerkschaften UGT (Generalunion                 der Arbeiter [sozialistisch]) und CNT, dem nach der unr\u00fchmlichen                 Rolle der UGT w\u00e4hrend der Diktatur Primo de Riveras viele anarchosyndikalistische                 Genossinnen und Genossen skeptisch gegen\u00fcberstanden. Er kritisierte                 die &#8222;revolution\u00e4re Gymnastik&#8220;, eine an \u00dcberlegungen Errico Malatestas                 angelehnte Taktik, die durch das Anzetteln immer neuer Aufst\u00e4nde                 die Revolution gewisserma\u00dfen &#8222;ein\u00fcben&#8220; wollte. Er schrieb Artikel                 und literarische Texte f\u00fcr anarchistische Zeitungen wie <i>CNT<\/i>,                 <i>La Tierra<\/i>, <i>Campo Libre<\/i>, <i>Castilla Libre<\/i>, <i>Frente                 Libertario<\/i> und <i>Crisol<\/i>. Und wurde ins Gef\u00e4ngnis geworfen.                 Immer wieder. Zum Ende seines Lebens z\u00e4hlte Rodr\u00edguez, nicht ohne                 Stolz, insgesamt 34 l\u00e4ngere Haftstrafen. Sp\u00f6ttisch merkte er an,                 er sei wahrscheinlich der einzige Anarchist Spaniens, der unter                 drei verschiedenen Regimes im Gef\u00e4ngnis gesessen habe: Monarchie,                 Republik und Francodiktatur. Seine Phasen hinter Gittern wurden                 so allt\u00e4glich, dass, wenn seine kleine Tochter Amapola Sehnsucht                 nach ihrem Vater hatte und wissen wollte, wo er sei, die Mutter                 zu antworten pflegte: &#8222;Wo wird er schon sein, mein T\u00f6chterchen?                 Zuhause im Knast nat\u00fcrlich!&#8220;. Was Wunder, dass er, angesichts                 eines solchen &#8222;Erfahrungsschatzes&#8220;, zum nationalen Beauftragten                 des <i>Comit\u00e9 Pro-Presos<\/i> der CNT gew\u00e4hlt wurde; einer Organisation,                 die sich um tausende von anarchistischen H\u00e4ftlingen in spanischen                 Gef\u00e4ngnissen zu k\u00fcmmern hatte. Im November 1936 dann, mitten im                 B\u00fcrgerkrieg, ernannte ihn der anarchistische Justizminister Juan                 Garc\u00eda Oliver zum Generalbevollm\u00e4chtigten der CNT f\u00fcr die Gef\u00e4ngnisse                 im Raum Madrid.<\/p>\n<h3>Der &#8222;rote Engel&#8220;, der keiner sein wollte<\/h3>\n<p>Was Melchor Rodr\u00edguez Garc\u00eda vom Juli 1936 bis zum M\u00e4rz 1937,                 zuerst als Aktivist, dann als Verantwortlicher f\u00fcr die Madrider                 Gef\u00e4ngnisse leistete, macht ihn zu einer Gestalt, auf die nicht                 nur spanische Anarchistinnen und Anarchisten mit Stolz und Bewunderung                 blicken sollten. In der j\u00fcdischen Kultur w\u00fcrde man ihn als einen                 &#8222;Gerechten unter den V\u00f6lkern&#8220; geehrt haben. Der konservative Katholik                 Javier Mart\u00edn Artajo, dem Rodr\u00edguez, gemeinsam mit \u00fcber tausend                 anderen inhaftierten (vorgeblichen und tats\u00e4chlichen) politischen                 Gegnern, am 22. Dezember 1936 im Gef\u00e4ngnis von Alcal\u00e1 de Henares                 das Leben rettete, nannte ihn statt dessen <i>el \u00e1ngel rojo<\/i>,                 den &#8222;roten Engel&#8220; &#8211; ein Name, der Rodr\u00edguez nicht behagte: &#8222;Wenn                 ich mich menschlich verhalten habe&#8220;, sagte er einmal, &#8222;dann nicht,                 weil ich Christ bin, sondern, weil ich Anarchist bin.&#8220; Damals                 hatte er sich volle sieben Stunden lang (!) einer aufgebrachten                 Menschenmenge in den Weg gestellt, die ihren Schmerz und ihre                 Verzweiflung \u00fcber die Toten eines franquistischen Luftangriffs                 an den wehrlosen Gefangenen r\u00e4chen wollte, von denen einige zu                 den exponiertesten Parteig\u00e4ngern der putschenden Milit\u00e4rs geh\u00f6rten:                 Ram\u00f3n Serrano Su\u00f1er zum Beispiel, der Schwager Francos, der faschistische                 Schriftsteller Rafael S\u00e1nchez Mazas und viele andere mehr. Immer                 wieder dr\u00e4ngte die Menge vor, wollte das Geb\u00e4ude st\u00fcrmen, kurzen                 Prozess machen. Und immer wieder hielt Rodr\u00edguez sie zur\u00fcck: mit                 der Autorit\u00e4t seines Amtes und seiner Pers\u00f6nlichkeit, mit seiner                 allen Zeugnissen zufolge au\u00dfergew\u00f6hnlichen Redegabe, aber wohl                 auch mit der Pistole, von der er Zeit seines Lebens schwor, sie                 sei nicht einmal geladen gewesen. Schlie\u00dflich lie\u00df die Menge,                 in der sich nicht wenige bewaffnete Milizion\u00e4re befunden hatten,                 vom Gef\u00e4ngnis ab. F\u00fcr Melchor Rodr\u00edguez geh\u00f6rte der Respekt vor                 dem menschlichen Leben zu den Grundwerten des Anarchismus. In                 seiner Vorstellung konnte und durfte die libert\u00e4re Revolution                 nicht mit der Freisetzung niederer Instinkte einhergehen. Sie                 war kein blutiges Gro\u00dfreinemachen, sondern der Beginn einer neuen,                 gerechteren und im besten Sinne menschlicheren Ordnung, in der                 schlie\u00dflich auch die ehemaligen Gegnerinnen und Gegner ihren Platz                 finden sollten. &#8222;Man kann f\u00fcr seine Ideale sterben&#8220;, lautete sein                 oft wiederholtes Credo, &#8222;aber man darf niemals f\u00fcr sie t\u00f6ten&#8220;.               <\/p>\n<p>Als Madrid in den ersten Wochen des B\u00fcrgerkriegs im Blut versank,                 als willk\u00fcrliche Razzien, Verhaftungen und Hinrichtungen von Faschisten,                 Rechtskonservativen, Industriellen, Gewerbetreibenden, Priestern                 oder ganz einfach nur pers\u00f6nlichen Feinden an der Tagesordnung                 waren, als sich die Gef\u00e4ngnisse mit 11.200 (!) politischen H\u00e4ftlingen                 f\u00fcllten und die r\u00fccksichtslose Bombardierung der Stadt durch die                 franquistische Luftwaffe eine ungute, rachs\u00fcchtige Stimmung innerhalb                 der Bev\u00f6lkerung schuf, tat Rodr\u00edguez, gemeinsam mit seinen Genossen                 von der anarchistischen Gruppe <i>Los Libertos,<\/i> alles in seiner                 Macht Stehende, um eine revolution\u00e4re Ordnung zu schaffen und                 zu verteidigen, die seinen humanit\u00e4ren Grund\u00fcberzeugungen entsprach.                 Und das hie\u00df: notfalls auch das Leben seiner schlimmsten Feinde                 zu besch\u00fctzen. Schon am 23. Juli 1936, f\u00fcnf Tage nach dem Milit\u00e4rputsch,                 requirierte er mit den <i>Libertos<\/i> den Viana-Palast in der                 Calle del Duque de Rivas und funktionierte ihn zu einem Zentrum                 f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge um.<\/p>\n<p>Der alte Adelspalast, Symbol einer abgelebten, repressiven Ordnung,                 wurde nun zum Asyl f\u00fcr die Verfolgten der Revolution; zu einer                 Planke in den blutigen St\u00fcrmen, die durch die Gassen der Stadt                 tobten.<\/p>\n<p>Rodr\u00edguez stellte Passierscheine aus, bot an Leib und Leben Bedrohten                 sch\u00fctzendes Obdach, und nicht selten machten er und seine Genossen                 sich nach einem verzweifelten Telefonanruf pers\u00f6nlich auf den                 Weg, um eine Milizrazzia aufzuhalten, die leicht ein blutiges                 Ende h\u00e4tte nehmen k\u00f6nnen. Als er am 22. August 1936 im C\u00e1rcel                 Modelo, dem modernsten Gef\u00e4ngnis von Madrid, den Lynchmord an                 15 Gefangenen verhinderte, war es in der Calle del Duque de Rivas                 bereits empfindlich eng geworden. <\/p>\n<p>Trotzdem musste selbst der urspr\u00fcngliche Besitzer, der Marqu\u00e9s                 Teobaldo Saavedra, als er nach dem Krieg aus dem r\u00f6mischen Exil                 zur\u00fcckkehrte, zugeben: &#8222;Es fehlt nicht einmal ein Teel\u00f6ffel!&#8220;                 In dem m\u00f6rderischen Tohuwabohu des beginnenden B\u00fcrgerkriegs war                 der <i>Palacio de Viana<\/i> einer der sichersten Orte der Stadt                 gewesen. <\/p>\n<h3>Rodr\u00edguez Garc\u00eda gegen die Junta de Defensa<\/h3>\n<p>Als Rodr\u00edguez im November 1936 in Madrid zum Generalbevollm\u00e4chtigten                 der CNT f\u00fcr die Gef\u00e4ngnisse ernannt wurde, trat er einem Gegner                 gegen\u00fcber, der noch schwerer zu kontrollieren war als eine erboste                 Menschenmenge: der Abteilung f\u00fcr \u00d6ffentliche Ordnung der <i>Junta                 de Defensa de Madrid<\/i> (Verteidigungsjunta von Madrid). <\/p>\n<p>Die Anarchisten hatten bis 1936 in Madrid keine starken Positionen,                 und nach dem Ausbruch des B\u00fcrgerkriegs \u00e4nderte sich an diesem                 Zustand wenig. Die <i>Junta de Defensa<\/i>, die die Verteidigung                 der Stadt koordinierte, stand unter der Kontrolle der Kommunisten,                 und in der Abteilung f\u00fcr \u00d6ffentliche Ordnung herrschten die damaligen                 Spitzen von JSU (Vereinigte Sozialistische Jugend) und PCE (Kommunistische                 Partei Spaniens) Santiago Carrillo, Serrano Poncela, Jos\u00e9 Cazorla                 und Fernando Claud\u00edn. Carrillo und Claud\u00edn waren 1936 kaum den                 Kinderschuhen entwachsen und mit ihrer Verantwortung &#8211; wie Carrillo                 Jahrzehnte sp\u00e4ter \u00f6ffentlich einger\u00e4umt hat &#8211; bestenfalls \u00fcberfordert.               <\/p>\n<p>Melchor Rodr\u00edguez war Zeit seines Lebens ein gl\u00fchender Anti-Kommunist                 gewesen. <\/p>\n<p>Aber auch ohne ideologische Reibungsfl\u00e4che w\u00e4re ein Zusammensto\u00df                 mit den heimlichen Herrschern der Stadt unvermeidlich gewesen:                 Santiago Carrillo und seine Genossen h\u00f6rten auf die Stimmen ihrer                 sowjetischen Berater. Diese waren eingedenk ihrer Erfahrungen                 im russischen B\u00fcrgerkrieg der Ansicht, dass es notwendig sei,                 die &#8222;Etappe zu s\u00e4ubern&#8220;. Das bedeutete: die systematische Ermordung                 der l\u00e4stigen Gefangenen, die man als &#8222;f\u00fcnfte Kolonne&#8220; Francos                 f\u00fcrchtete oder zu f\u00fcrchten vorgab. Ein solches Vorgehen erschien                 vielen &#8211; auch anarchistischen &#8211; Revolution\u00e4ren angesichts der                 Massaker, die Francos Truppen in den von ihnen besetzten Gebieten                 anrichteten, als gerechtfertigt.<\/p>\n<p>Dass die <i>Junta de Defensa<\/i> die politischen H\u00e4ftlinge von                 Madrid nur mehr als lebende Leichen betrachtete, musste Rodr\u00edguez                 im November 1936 feststellen. Als er kurz nach Amtsantritt mit                 einem Funktion\u00e4r der <i>Junta<\/i> \u00fcber die v\u00f6llig unzureichende                 Verpflegung der Gefangenen sprach, blickte der ihn nur misstrauisch                 an: &#8222;Ich verstehe wirklich nicht, warum du dich so f\u00fcr ein paar                 Faschisten einsetzt.&#8220; <\/p>\n<p>&#8222;Ich setze mich f\u00fcr sie ein&#8220;, schrie Rodr\u00edguez zur\u00fcck, &#8222;weil                 es meine Aufgabe ist! Ob sie erschossen werden oder nicht, ist                 Sache der Gerichte. Bis dahin sind es Menschen, und man muss ihnen                 zu essen geben.&#8220;<\/p>\n<p>Eine seiner ersten Amtshandlungen war, die \u00dcberf\u00fchrung von Gefangenen                 zwischen 6 Uhr abends und 8 Uhr morgens zu verbieten. Dies war,                 wie er sehr wohl wusste, die gef\u00e4hrlichste Zeit: Viele Gefangene                 kamen niemals an ihrem Bestimmungsort an. Stattdessen fand man                 ihre Leichen Tage sp\u00e4ter im Stra\u00dfengraben oder auf dem Friedhof                 irgendeines Vorortes. Er verbot den Milizen jeglicher politischen                 Zugeh\u00f6rigkeit &#8211; also auch den eigenen, anarchistischen &#8211; sich                 im Inneren der Gef\u00e4ngnisgeb\u00e4ude aufzuhalten. Nur vor den Au\u00dfenmauern                 durften sie Dienst tun. Und schlie\u00dflich sorgte ausgerechnet der                 Anarchist Rodr\u00edguez, der im Laufe seines Lebens mehr als manch                 anderer unter den Schikanen des Wachpersonals hatte leiden m\u00fcssen,                 daf\u00fcr, dass die alten W\u00e4rter, Schlie\u00dfer und Direktoren wieder                 auf ihre Posten kamen.<\/p>\n<p>Nicht, weil er mit einem Mal an die segenbringende Wirkung von                 Gef\u00e4ngnissen geglaubt h\u00e4tte. Sondern weil er die <i>Junta<\/i>                 daran hindern wollte, das Personal mit ihren Leuten zu durchsetzen,                 um ein Blutbad anzurichten. Ein republikanisches Rechtssystem                 war dem humanit\u00e4ren Pragmatiker Rodr\u00edguez immer noch lieber als                 gar keins. Es waren freilich nicht nur Kommunisten, die ihn einen                 &#8222;Verr\u00e4ter&#8220; und &#8222;Francoagenten&#8220; schimpften und sogar Mordanschl\u00e4ge                 auf ihn ver\u00fcbten. Auch in seinen eigenen Organisationen, CNT und                 FAI, gab es manche, die f\u00fcr Rodr\u00edguez&#8216; &#8222;Sympathien mit Faschisten&#8220;                 wenig Verst\u00e4ndnis aufbrachten. Alfonso Domingo Zamora, der 2009                 eine bewundernswerte Biographie \u00fcber ihn ver\u00f6ffentlicht hat, stellt                 fest: &#8222;Melchor Rodr\u00edguez Garc\u00eda hatte treue Freunde in der CNT.                 Und ebenso treue Feinde.&#8220;<\/p>\n<p>Aber selbst, wenn er jedes Mal, wenn er von illegalen Massentransporten                 von Gefangenen erfuhr, in seinen Dienstwagen sprang und in halsbrecherischer                 Fahrt zu den Gef\u00e4ngnissen raste, um sie aufzuhalten; selbst, wenn                 er Schm\u00e4hungen, Drohungen und auf ihn gerichtete Gewehrl\u00e4ufe ertrug;                 selbst, wenn er auf diese Weise tausende von Menschen vor dem                 Tod bewahrte &#8211; er konnte doch eines der gr\u00f6\u00dften Verbrechen innerhalb                 der republikanischen Zone nicht verhindern: Am 6. und 7. November                 1936, passender weise zum Jahrestag der russischen Revolution,                 wurden in Paracuellos, mit (zumindest) wohlwollender Duldung der                 <i>Junta de Defensa,<\/i> tausende von politischen Gefangenen in                 einer Massenexekution umgebracht. Der Ort ist bis heute eine Pilgerst\u00e4tte                 rechtsradikaler Spanier und Franco-Nostalgiker geblieben; ein                 Beweis f\u00fcr den &#8222;unmenschlichen Blutdurst&#8220; der Revolution\u00e4re. <\/p>\n<p>Den Berghang \u00fcber dem Hinrichtungsort ziert ein gigantisches,                 wei\u00dfes Kreuz. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass revisionistische                 Historiker in Spanien gegenw\u00e4rtig versuchen, dieses Verbrechen                 ausgerechnet den Anarchisten Madrids anzulasten. Anarchisten wie                 Melchor Rodr\u00edguez Garc\u00eda, zum Beispiel.<\/p>\n<h3>Ein Anarchist im Francostaat<\/h3>\n<p>Den Unterlagen zufolge war Melchor Rodr\u00edguez der letzte republikanische                 B\u00fcrgermeister von Madrid. Im M\u00e4rz 1937 hatte er sein Amt als Generalbevollm\u00e4chtigter                 der CNT niedergelegt. <\/p>\n<p>Die ewigen Reibereien zwischen der <i>Junta de Defensa<\/i> und                 der CNT hatten den sozialistischen Regierungschef Largo Caballero                 schlie\u00dflich dazu bewogen, die <i>Junta<\/i> aufzul\u00f6sen. Rodr\u00edguez                 war nun verantwortlich f\u00fcr die Friedh\u00f6fe der Hauptstadt, und auch                 hier verhielt er sich eigensinnig, undogmatisch und im besten                 Sinne menschlich: Noch 1938 genehmigte er ein katholisches Begr\u00e4bnis                 f\u00fcr einen Freund, der dies gew\u00fcnscht hatte. <\/p>\n<p>Am 28. Februar 1939 \u00fcbertrugen ihm Coronel Casado und Juli\u00e1n                 Basteiro die Aufgabe, f\u00fcr eine geregelte \u00dcbergabe der Hauptstadt                 an die Truppen Francos zu sorgen &#8211; eine Aufgabe, um die sich wahrlich                 niemand riss. Madrid war im Laufe des B\u00fcrgerkriegs zu einem internationalen                 Symbol f\u00fcr den Kampf gegen den Faschismus geworden. Aber der Krieg                 war verloren. Am 28. M\u00e4rz 1939 war es dann soweit: &#8222;Amapola, ich                 habe Madrid \u00fcbergeben!&#8220;, sagte er seiner Tochter mit Tr\u00e4nen in                 den Augen. Als Franco unter dem neu errichteten Triumphbogen stand                 und seine Siegesparade abnahm, sa\u00df Rodr\u00edguez l\u00e4ngst auf der Anklagebank                 eines Milit\u00e4rgerichts. Ihm drohte die Todesstrafe. <\/p>\n<p>Da erhob sich General Agust\u00edn Mu\u00f1oz Grandes und trat in den Zeugenstand.                 Mu\u00f1oz Grandes war zu diesem Zeitpunkt einer der m\u00e4chtigsten Kommandeure                 des franquistischen Milit\u00e4rs und in den folgenden Jahren die rechte                 Hand Francos. Vor allem aber war er einer derjenigen, die ihr                 Leben dem Eingreifen des Angeklagten verdankten. <\/p>\n<p>Er pr\u00e4sentierte dem Gericht eine Petition, unterschrieben von                 2.000 der h\u00f6chsten Funktion\u00e4re des neuen Staates. Alle verwandten                 sich f\u00fcr Rodr\u00edguez. Denn alle waren nur noch am Leben dank seiner                 Hilfe. Das Gericht verurteilte ihn schlie\u00dflich zu 20 Jahren und                 einem Tag Haft, von denen er 5 Jahre absa\u00df. Wieder in Freiheit,                 bot man ihm einen Posten in der faschistischen Gewerkschaft an,                 wollte ihm eine Rente aussetzen, sich in jeglicher Form erkenntlich                 zeigen, seine Lebensschuld abzahlen. Rodr\u00edguez lehnte alle Angebote                 der von ihm Geretteten ab &#8211; h\u00f6flich, aber bestimmt. Er arbeitete                 weiter als Karosseriebauer. Sp\u00e4ter, als seine Gesundheit eine                 solche Arbeit nicht mehr zulie\u00df, lebte er, mehr schlecht als recht,                 vom Verkauf von Versicherungen. Nie gab er seine illegale anarchistische                 Agitation im Franco-Spanien auf, die ihn, nur wenige Jahre nach                 seiner Freilassung, wieder ins Gef\u00e4ngnis brachte. Bis zum Ende                 seiner Tage blieb er, der er war: ein stattlicher Andalusier mit                 hoher Stirn, ein starrk\u00f6pfiger, aufbrausender, keineswegs uneitler,                 aber selbstloser, bescheidener und in seiner Menschlichkeit und                 Toleranz unersch\u00fctterlicher Anarchist.<\/p>\n<p>Nichts deutet darauf hin, dass er je an seiner Entscheidung,                 sich w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs f\u00fcr das Leben seiner Feinde eingesetzt                 zu haben, irre geworden w\u00e4re &#8211; selbst, als diese zu tragenden                 S\u00e4ulen des Unrechtsregimes geworden waren. Seine Freundschaft                 mit Javier Mart\u00edn Artajo hielt ein Leben lang &#8211; ohne dass einer                 von beiden sich auch nur einen Jota in seinen \u00dcberzeugungen bewegt                 h\u00e4tte. F\u00fcr Rodr\u00edguez Garc\u00eda stand die Ideologie nie an oberster                 Stelle. Oder war es gerade diese unaufgeregte, gelebte Menschlichkeit,                 die ihn so anarchistisch machte? Gewiss, Melchor Rodr\u00edguez Garc\u00eda                 wollte nicht, wie Hannah Arendt einmal geschrieben hat, &#8222;f\u00fcr den                 Rest seines Lebens mit einem M\u00f6rder zusammenleben &#8211; n\u00e4mlich mit                 sich selbst&#8220;. Aber ebenso wenig wollte er, dass die libert\u00e4re                 Revolution, in die er all seine Hoffnungen gesetzt hatte und die                 f\u00fcr wenige Monate Wirklichkeit zu werden schien, als blutbeflecktes,                 rachs\u00fcchtiges Monster vor den Augen der Geschichte st\u00fcnde. Als                 eine Zeit, in der es keine moralischen Regeln mehr gab. Von seinem                 Traum einer menschlicheren Gesellschaft war niemand kategorisch                 ausgeschlossen. <\/p>\n<p>Nach seinem Tod geriet Rodr\u00edguez&#8216; Leistung in Vergessenheit.                 Erst die neuerliche Auseinandersetzung unabh\u00e4ngiger Initiativen                 mit der j\u00fcngsten Vergangenheit Spaniens hat seine Person wieder                 ins \u00f6ffentliche Bewusstsein ger\u00fcckt. <\/p>\n<p>Am 16. September 2009 fand im <i>Ateneo de Madrid<\/i> ein von                 der CGT (Generalf\u00f6deration der Arbeit [Schwestergewerkschaft der                 CNT]) ausgerichtetes Symposium zu seinen Ehren statt. <\/p>\n<p>In Sevilla tragen mittlerweile eine Stra\u00dfe und ein Resozialisierungszentrum                 seinen Namen. <\/p>\n<p>Rodr\u00edguez war nicht einzigartig. In Barcelona verhielt sich der                 anarchosyndikalistische Theoretiker und Organisator Joan Peir\u00f3                 in vergleichbarer Weise couragiert. <\/p>\n<p>Gelebte Menschlichkeit mag eine Frage des Charakters sein, und                 nicht der Weltsicht. Aber es bleibt die bis auf weiteres unwidersprochene                 Tatsache: Auf Seiten Francos gab es keinen Melchor Rodr\u00edguez Garc\u00eda. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Keine Polizei griff ein. Im Gegenteil: &#8222;Es gab keine Zwischenf\u00e4lle&#8220;, erinnert sich Javier Mart\u00edn: &#8222;Mein Vater hat sogar ein Vaterunser gebetet, ohne dass ihn jemand schief angesehen h\u00e4tte.&#8220; Sein Vater war Javier Mart\u00edn Artajo, ehemaliger Parlamentarier der rechts-katholischen Confederaci\u00f3n Espa\u00f1ola de Derechas Aut\u00f3nomas (CEDA) und nach der Zerschlagung der II. 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