{"id":9867,"date":"2010-03-01T00:00:45","date_gmt":"2010-02-28T22:00:45","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9867"},"modified":"2022-07-26T14:24:07","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:07","slug":"ich-wollte-nur-bescheid-sagen-dass-ich-gut-angekommen-bin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/03\/ich-wollte-nur-bescheid-sagen-dass-ich-gut-angekommen-bin\/","title":{"rendered":"&#8222;Ich wollte nur Bescheid sagen, dass ich gut angekommen bin&#8220;"},"content":{"rendered":"<h3>&#8222;Das hier hei\u00dft nicht Lager, sondern Gef\u00e4ngnis!&#8220;<\/h3>\n<p> <b><\/b>Das Fl\u00fcchtlingsgef\u00e4ngnis mit der irref\u00fchrenden Bezeichnung                 &#8222;Special Foreigners Hosting Centre&#8220; befindet sich in einem Geb\u00e4udekomplex,                 der zuvor als Warenlager diente. Die urspr\u00fcngliche Funktion ist                 unverkennbar. Die Tatsache ignorierend, dass eine Lagerhalle keine                 ad\u00e4quate Unterbringung f\u00fcr Menschen bieten kann, werden dort alle                 Papierlosen zur Registrierung vom griechischen Staat in sogenannte                 administrative Haft genommen. Nach offiziellen Angaben f\u00fcr insgesamt                 280 Menschen vorgesehen, wurden im Sommer 2009 etwa 1.000 Menschen                 darin festgehalten.<\/p>\n<p>&#8222;Das war nicht das, was ich mir vorgestellt habe, wenn sie \u00fcber                 Lager gesprochen haben. Das hier hei\u00dft nicht Lager, sondern Gef\u00e4ngnis!&#8220;,                 beschreibt Lydia ihren Eindruck, die zu der Zeit \u00fcber einen Monat                 in Pagani festgehalten wurde. <\/p>\n<p>Es gab mehrere Zellen, die allesamt dasselbe Bild boten: rund                 200 Menschen auf engstem Raum eingesperrt. Eine der Zellen war                 f\u00fcr Frauen: &#8222;Eine Toilette und eine Dusche. Wir haben Unterleibschmerzen                 gehabt, weil wir so lange warten mussten, um auf Toilette zu gehen&#8220;,                 erz\u00e4hlt Eden. &#8222;Stell dir das mal vor, du musst auf Toilette und                 vor dir stehen 50 Menschen in der Schlange.&#8220; Eden war auch in                 Pagani inhaftiert. Im Herbst traf ich sie, Lydia und einige andere                 eritreische Frauen in Athen wieder. Acht von ihnen erz\u00e4hlten sp\u00e4ter                 in Interviews von den Erlebnissen und Erfahrungen, die sie auf                 dem Weg von Asmara nach Athen gemacht hatten.<\/p>\n<p>Kennengelernt haben wir uns in jenem Sommer in Pagani. Ich war                 wegen des No Border Camps ((1))                 auf Lesbos und habe als \u00dcbersetzerin das Projektteam des Ecumanical                 Refugee Program und Pro Asyl in das Lager begleitet und mit den                 Frauen gesprochen. &#8222;Es gab viele, die oft bewusstlos wurden und                 umfielen. Das war wegen der Hitze&#8220;, erinnert sich Eden sp\u00e4ter                 bei einem Tee in ihrer Athener Wohnung. &#8222;Es war unheimlich hei\u00df                 und das in einem Raum mit 300 Menschen. \u00dcberleg mal, der Atem                 von 300 Menschen. Kinder sind da drin, die auch krank wurden.                 \u00c4ltere Frauen wurden krank. Alle wurden krank.&#8220;<\/p>\n<p>Der Eingang zur Frauenzelle befand sich im hinteren Teil des                 Lagers. Ein gro\u00dfes blaues Gittertor verwehrte den Zugang auf den                 Hof und zu etwas frischer Luft. Allein die Kinder konnten unter                 den Gitterst\u00e4ben rein und raus. Oft machten sie ein Spiel daraus,                 sich nicht von den PolizistInnen erwischen zu lassen. Zum Beispiel,                 wenn sie f\u00fcr ihre M\u00fctter nasse Kleider an der gegen\u00fcberliegenden                 Wand zum Trocknen aufh\u00e4ngten. <\/p>\n<p>&#8222;Egal ob f\u00fcr Erwachsene oder f\u00fcr Kinder, es gab kein Recht auf                 medizinische Versorgung&#8220;, sagt Ruth \u00fcber Pagani. &#8222;Ich gebe dir                 mal ein Beispiel. Ein kleines M\u00e4dchen hatte sich beim Spielen                 den Finger gebrochen [&#8230;] Sie war bei der \u00c4rztin und kam wieder                 zur\u00fcck und ihr ist nur ein St\u00fcck Holz wie von einem Tischbein                 da dran gebunden worden. Nach drei, vier Tagen meinten wir zu                 der Mutter, sie solle noch mal hingehen und fragen, ob sie das                 nicht richtig behandeln k\u00f6nnten, aber sie sagten <i>\u201aDu kommst                 nicht raus. Das wird schon von allein verheilen. Geh jetzt!&#8216;<\/i>.                 Das kleine M\u00e4dchen hatte einen gebrochenen Daumen. Er ist wieder                 zusammengewachsen, aber er ist schief. Du kannst es richtig sehen.&#8220;<\/p>\n<h3>No Border Camp Lesbos <\/h3>\n<p> <b><\/b>W\u00e4hrend des No Border Camps ((2))                 sorgte eine Videoaufzeichnung, zun\u00e4chst auf Youtube ver\u00f6ffentlicht,                 f\u00fcr eine Skandalisierung des Fl\u00fcchtlingsgef\u00e4ngnisses Pagani in                 den internationalen Medien. Darin dokumentieren inhaftierte Minderj\u00e4hrige                 mit einer w\u00e4hrend der Proteste eingeschmuggelten Kamera die unmenschlichen                 Haftbedingungen und fordern die sofortige Freilassung aller Fl\u00fcchtlinge.                 Innerhalb Paganis kam es zu Hungerstreiks und Revolten. Au\u00dferhalb                 organisierten kurz zuvor aus Pagani entlassene Fl\u00fcchtlinge gemeinsam                 mit dem No Border Camp Protestaktionen.<\/p>\n<p>Fl\u00fcchtlinge und MigrantInnen, die gerade erst w\u00e4hrend der Camptage                 an den K\u00fcsten von Lesbos angekommen waren, nahmen nicht nur an                 diesen Aktionen teil, sondern sorgten daf\u00fcr, dass das europ\u00e4ische                 Grenzregime eine Zeitlang praktisch au\u00dfer Kraft gesetzt wurde.                 Statt festgenommen, in Pagani inhaftiert und registriert zu werden,                 nahmen sie die Infrastruktur des No Border Infopunkts in Anspruch,                 welcher neben dem Sitz der Inselpr\u00e4fektur an einer der exponiertesten                 Stellen Mytilinis errichtet worden war. Vor allem an diesem legend\u00e4ren                 Info-Zelt kam es zu einer Neuverhandlung von Identit\u00e4tspolitiken,                 welche die scheinbar eindeutigen Trennlinien zwischen AktivistIn,                 MigrantIn und Fl\u00fcchtling unscharf werden lie\u00dfen.<\/p>\n<p>Noch w\u00e4hrend des No Border Camps kam es zu der Freilassung von                 rund 500 Menschen. Zudem wurde f\u00fcr die Jugendlichen und Frauen                 mit Kindern ein offenes Lager nahe dem Flughafen von Mytilini                 zur Verf\u00fcgung gestellt. &#8222;Ich bin einfach ganz fr\u00fch aus dem Lager                 raus und erst sp\u00e4t abends, bevor die T\u00fcr zu gemacht wurde, wieder                 zur\u00fcck&#8220;, erz\u00e4hlt mir Nathaniel in Athen. Er war einer der Minderj\u00e4hrigen,                 die von Pagani nach Pikpa, dem offenen Lager transferiert worden                 waren. &#8222;So haben die nicht meine Fingerabdr\u00fccke nehmen k\u00f6nnen.                 In Pagani hatten sie einige von uns noch nicht registriert.<\/p>\n<p>In dem neuen Lager haben sie das nachgeholt. Aber ich war immer                 weg, den ganzen Tag in der Stadt mit euch.&#8220; <\/p>\n<p>Kurz nach dem Ende des No Border Camps wurde Pikpa wieder geschlossen.                 Die neu angekommenen Fl\u00fcchtlinge wurden wieder in das Fl\u00fcchtlingsgef\u00e4ngnis                 Pagani gesperrt.<\/p>\n<p>Allerdings hatte die unverhoffte Liaison zwischen Fl\u00fcchtlingen,                 transnationalen AktivistInnen und MigrantInnen mit der Forderung                 der sofortigen Schlie\u00dfung Paganis ihre Spuren hinterlassen. Noch                 Wochen nach dem No Border Camp hielten die Revolten an und machten                 es unm\u00f6glich, das Lager weiter in Betrieb zu halten.<\/p>\n<p>Nachdem der stellvertretende Minister f\u00fcr B\u00fcrgerschutz Spyros                 Vougias am 22. Oktober 2009 gemeinsam mit einer UNHCR-Delegation                 Pagani einen Besuch abstattete, wurde die Schlie\u00dfung Paganis offiziell                 angek\u00fcndigt.<\/p>\n<h3>&#8222;Jetzt geht es nur ums Rauskommen aus diesem Land&#8220;<\/h3>\n<p> <b><\/b>Eden, Lydia, Ruth, Nathaniel und viele andere EritreerInnen,                 die in Pagani und anderen Fl\u00fcchtlingsgef\u00e4ngnissen waren, haben                 Griechenland bereits verlassen. <\/p>\n<p>Als ich Ruth vor ihrer Abreise aus Athen nach ihren Pl\u00e4nen f\u00fcr                 die Zukunft fragte, sagte sie: &#8222;Ich habe niemanden in Europa.                 Ich mache das alles allein. Und ich mache das, damit ich arbeiten                 kann, wenn ich angekommen bin. Nicht um mich zu verkriechen.&#8220;               <\/p>\n<p>Rahwa hatte \u00e4hnliche Pl\u00e4ne: &#8222;Jetzt geht es nur ums Rauskommen                 aus diesem Land. In diesem Land bringt alles nichts, ob du einen                 Asylantrag stellst oder nicht, du kannst weder hier weg noch arbeiten,                 du hast keine Rechte, gar nichts.&#8220;<\/p>\n<p>Abgesehen von einer Anerkennungsquote, die bei knapp \u00fcber Null                 liegt, gibt es in Griechenland kein Aufnahmesystem f\u00fcr Asylsuchende.                 Deshalb m\u00f6chte keine der Frauen ihren Antrag in Griechenland stellen.                 Die Situation von Sella, die bereits seit mehr als einem Jahr                 ohne Papiere in Athen lebt, ist exemplarisch f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge,                 die nach Europa kommen: &#8222;Ich hab ja meine Fingerabdr\u00fccke abgeben                 m\u00fcssen (\u2026) es ist sehr schwierig f\u00fcr mich, in irgendein Land weiterzureisen.&#8220;               <\/p>\n<p>Nach der Dublin II-Verordnung, welche die Zust\u00e4ndigkeit f\u00fcr Asylverfahren                 innerhalb Europas regelt, gilt, dass ein Asylantrag in dem als                 erstes betretenen EU-Land bearbeitet werden muss. So bestand die                 gr\u00f6\u00dfte Sorge der Frauen vor ihrer Abreise darin, dass sie nach                 Griechenland zur\u00fcck abgeschoben w\u00fcrden, falls ihre Fingerabdr\u00fccke,                 die sie im Lager abgeben mussten, in der europ\u00e4ischen Datenbank                 EURODAC auftauchten.<\/p>\n<p>Durch Dublin II sind die L\u00e4nder an den EU-Au\u00dfengrenzen f\u00fcr die                 Bearbeitung eines Gro\u00dfteils der Asylgesuche zust\u00e4ndig. So sind                 \u00fcberf\u00fcllte und menschenunw\u00fcrdige Lager wie Pagani eine logische                 Konsequenz aus der Verweigerung der Kernl\u00e4nder der EU, ihrer Verantwortung                 gegen\u00fcber Schutzbed\u00fcrftigen nachzukommen. <\/p>\n<p>Diese Verantwortung, zu der sich alle EU-Staaten mit der Ratifizierung                 der Genfer Fl\u00fcchtlingskonvention verpflichtet haben, wird durch                 Dublin II an L\u00e4nder wie Griechenland, Zypern oder Malta abgetreten.<\/p>\n<p>Griechenland hat den anderen Mitgliedstaaten gegen\u00fcber schon                 mehrfach seine \u00dcberforderung betont und Solidarit\u00e4t eingefordert.<\/p>\n<p>Dass die Situation f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge in Griechenland unzumutbar                 ist, zeigen auch die Eilentscheidungen des Bundesverfassungsgerichts.                 Mehrmals sprach es Asylsuchenden einstweiligen Rechtsschutz gegen                 eine \u00dcberstellung nach Griechenland zu. Die Entscheidung wurde                 jedes Mal mit der \u00dcberbelastung des griechischen Asylsystems begr\u00fcndet,                 die dazu f\u00fchre, dass der Zugang zu einem fairen Verfahren nicht                 mehr garantiert sei. Es ist offensichtlich, dass die Dublin-II-Regelung                 eine zus\u00e4tzliche Barriere f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge darstellt, ihr Recht                 auf Asyl wahrzunehmen. <\/p>\n<p>Alle Frauen, die ich in Pagani kennengelernt habe, sind mittlerweile                 in unterschiedlichen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern angekommen und haben                 einen Antrag auf Asyl gestellt. Kaum zwei Wochen nach unserem                 Abschied in Athen rief mich Rahwa an: &#8222;Ich wollte nur Bescheid                 sagen, dass ich gut angekommen bin. Morgen habe ich das Interview                 und dann mal sehen.&#8220;<\/p>\n<p>Zurzeit werden weiterhin Menschen, die an der K\u00fcste von Lesbos                 ankommen, festgenommen und f\u00fcr einige Tage in Pagani untergebracht,                 um wenig sp\u00e4ter zur Nachbarinsel Chios gebracht zu werden, die                 ebenfalls \u00fcber ein Fl\u00fcchtlingsgef\u00e4ngnis verf\u00fcgt. Ob ein neues                 Lager er\u00f6ffnet wird, ob es ein offenes oder geschlossenes sein                 wird oder ob lediglich Pagani &#8222;renoviert&#8220; und wiederer\u00f6ffnet wird,                 ist bisher unklar. In jedem Fall tr\u00e4gt das Fl\u00fcchtlingsgef\u00e4ngnis                 Pagani die Spuren einer erfolgreichen Revolte. Eine Revolte vieler,                 die darin eingesperrt waren und heute dennoch in einem europ\u00e4ischen                 Land ihrer Wahl angekommen sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Das hier hei\u00dft nicht Lager, sondern Gef\u00e4ngnis!&#8220; Das Fl\u00fcchtlingsgef\u00e4ngnis mit der irref\u00fchrenden Bezeichnung &#8222;Special Foreigners Hosting Centre&#8220; befindet sich in einem Geb\u00e4udekomplex, der zuvor als Warenlager diente. Die urspr\u00fcngliche Funktion ist unverkennbar. 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