{"id":9873,"date":"2010-03-01T00:00:24","date_gmt":"2010-02-28T22:00:24","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9873"},"modified":"2022-07-26T14:24:07","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:07","slug":"50-jahre-sncc","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/03\/50-jahre-sncc\/","title":{"rendered":"50 Jahre SNCC"},"content":{"rendered":"<p>Howard Zinn war u.a. auch Berater und gewaltfreier Aktivist bei der wichtigsten afrikanisch-amerikanischen B\u00fcrgerrechtsorganisation Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC). Deren Gr\u00fcndungszeit und gewaltfreie Massenaktionen erlebte er w\u00e4hrend seiner Zeit als Professor f\u00fcr Geschichte am Spelman College in Atlanta, Georgia, von 1956 bis 1963 mit. Es war wohl die Zeit, die ihn politisch am meisten pr\u00e4gte.<\/p>\n<p>Immer wieder hat Zinn in seinen Arbeiten \u00fcber US-amerikanische Geschichte von unten oder in seiner Autobiographie <em>Schweigen hei\u00dft L\u00fcgen<\/em> (Edition Nautilus, Hamburg, M\u00e4rz 2010; siehe Vorabdruck des Nachworts in GWR 342, Okt. 2009, Libert\u00e4re Buchseiten, S. 1) die Bedeutung des SNCC f\u00fcr die afrikanischen AmerikanerInnen, aber auch f\u00fcr die Neue Linke, die StudentInnen- und die Anti-Vietnamkriegs-Bewegung hervorgehoben.<\/p>\n<p>Denn diese Basisgruppen-Organisation der Schwarzen hat direkte gewaltfreie Massenkampagnen durchgef\u00fchrt, die dann in anderen sozialen Bewegungen nicht nur in den USA, sondern weltweit immer wieder aufgegriffen wurden. &#8222;Sit-In&#8220;, &#8222;Go-In&#8220;, &#8222;Teach-In&#8220; wurden dabei sogar in ihren englischen Originalbezeichnungen zur Beschreibung direkter Aktionen \u00fcbernommen; in den siebziger Jahren gab es einen internen Rundbrief im graswurzelrevolution\u00e4ren Netzwerk gewaltfreier Aktionsgruppen mit dem Titel &#8222;Info f\u00fcr gewaltfreie Organisatoren&#8220;, direkt benannt nach dem Begriff des SNCC-&#8222;Organizer&#8220;.<\/p>\n<p>Nur um wenige Tage hat Howard Zinn somit das 50j\u00e4hrige Jubil\u00e4um der historischen Sit-In-Bewegung gegen die Segregation in den US-S\u00fcdstaaten verpasst.<\/p>\n<h3>Die Sit-In-Bewegung 1960<\/h3>\n<p><strong><\/strong>Am sp\u00e4ten Nachmittag des 1. Februar 1960 hatten Joseph McNeil, Izell Blair, Franklin McCain und David Richmond &#8211; alle vier schwarze Studenten am North Carolina Agricultural and Technical College &#8211; in Greensboro im US-Bundesstaat North-Carolina &#8222;einige Sachen im Woolworth-Laden gekauft und setzten sich dann an die Essenstheke, die f\u00fcr Wei\u00dfe reserviert war. Sie baten darum, bedient zu werden. Das wurde ihnen verweigert. Als eine Bedienung sie aufforderte zu gehen, erkl\u00e4rten sie freundlich, dass sie einige Dinge in einer anderen Abteilung des Gesch\u00e4fts gekauft hatten und es ihnen nun erlaubt sein sollte, doch auf den Hockern zu sitzen und nicht herumzustehen &#8230; Die Studenten hatten eigentlich erwartet, verhaftet zu werden. Stattdessen entdeckten sie eine Taktik, die nicht nur ihren lange zur\u00fcckgehaltenen Unmut ausdr\u00fcckte &#8230; Die vier blieben fast eine Stunde auf ihren Hockern sitzen, bis das Gesch\u00e4ft schlie\u00dflich schloss. Nachdem sie zum Campus zur\u00fcckgekehrt waren, sprachen sie mit dem Vorsitzenden der Studentenvertretung und mobilisierten weitere StudentInnen f\u00fcr ein weiteres Sit-In. Am n\u00e4chsten Morgen ging eine Gruppe von drei\u00dfig Studierenden in das Gesch\u00e4ft und besetzte die Essenstheke.<\/p>\n<p>Wieder gab es keine physische Konfrontation, aber dieses zweite Sit-In, das zwei Stunden dauerte, erregte die Aufmerksamkeit \u00f6rtlicher Zeitungsreporter. Eine Nachrichtenagentur brachte eine \u00fcberregional verbreitete Meldung von der Aktion und sprach von einer Gruppe \u201agut gekleideter schwarzer Collegestudenten&#8216;, die ihr Sit-In mit einem Gebet beendet h\u00e4tten. Am folgenden Morgen, einem Mittwoch, besetzte eine noch gr\u00f6\u00dfere Gruppe nahezu alle der 66 Pl\u00e4tze an der Essenstheke.<\/p>\n<p>Am Nachmittag kamen noch drei wei\u00dfe Studenten aus dem Greensboro College hinzu.<\/p>\n<p>Staatliche Stellen versuchten vergeblich, die Leitung des Colleges zu zwingen, m\u00e4\u00dfigend auf die StudentInnen einzuwirken. Die Proteste weiteten sich aus und am Donnerstagmorgen nahmen bereits Hunderte schwarzer StudentInnen an ihnen teil. Viele wei\u00dfe Jugendliche hatten sich ebenfalls im Stadtzentrum von Greensboro versammelt. Sie beschimpften und bedrohten die schwarzen Protestierenden und versuchten, Pl\u00e4tze f\u00fcr die wei\u00dfe Kundschaft freizuhalten.<\/p>\n<p>Nach wiederholten Unterbrechungen des Gesch\u00e4ftsbetriebs und einer telefonischen Bombendrohung entschloss sich der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer am Ende dieser Woche, den Laden zu schlie\u00dfen.&#8220; (Carson, S. 46f.) (1)<\/p>\n<p>Die Ereignisse in Greensboro und die \u00fcberregional verbreiteten Berichte dar\u00fcber waren der Startschuss f\u00fcr \u00e4hnliche direkte gewaltfreie Massenaktionen in vielen St\u00e4dten \u00fcber die gesamten US-S\u00fcdstaaten hinweg. Sie alle gingen von schwarzen StudentInnen &#8211; den S\u00f6hnen und T\u00f6chtern weniger wohlhabender Schwarzer, die ihren Kindern ein Studium finanzieren konnten &#8211; aus, erreichten aber schnell die gesamte schwarze Bev\u00f6lkerung in den St\u00e4dten und sogar vereinzelt l\u00e4ndliche PlantagenarbeiterInnen. Segregierte Restaurants, Hotels, L\u00e4den, Gesch\u00e4fte, Kneipen, Parkb\u00e4nke, Busse, Wartes\u00e4le, Toiletten, \u00f6ffentliche Trinkstellen mit Wasserh\u00e4hnen, regionale Verwaltungen und Parlamente, sogar Str\u00e4nde und Schwimmb\u00e4der wurden Zielobjekte von Sit-In-Aktionen. Die Welle direkter gewaltfreier Aktionen &#8211; alle durchweg illegal nach den Gesetzen in den US-S\u00fcdstaaten &#8211; ging bis in den Juni hinein. \u00dcber 50.000 AktivistInnen beteiligten sich daran. Es kam zu Hunderten von Verhaftungen.<\/p>\n<p>&#8222;F\u00fcr die schwarzen StudentInnen in den S\u00fcdstaaten des Fr\u00fchlings 1960 war die gewaltfreie Aktion ein nahezu unwiderstehliches Modell f\u00fcr soziale Aktion. Im gesamten Jahrzehnt sollte sich die Anzahl der am Protest beteiligten StudentInnen nicht mehr derjenigen ann\u00e4hern, die in den von Schwarzen besuchten Colleges des S\u00fcdens vom Februar bis Juni 1960 erreicht wurde. An vielen Colleges war die Unterst\u00fctzung der Sit-Ins fast durchg\u00e4ngig. Mehr als neunzig Prozent der StudentInnen am North Carolina Agricultural and Technical College sowie drei nahe gelegener Colleges nahmen an den Demonstrationen teil oder halfen der Bewegung durch Boykotts oder Mahnwachen vor L\u00e4den, die die Segregation praktizierten. Manche AktivistInnen meinten, es sei \u201awie ein Fieber&#8216; gewesen. \u201aJeder wollte dabei sein. Wir waren so gl\u00fccklich.'&#8220; (S. 50f.)<\/p>\n<h3>Ella Baker und die Gr\u00fcndung des SNCC am 16.-18. April 1960 in Releigh, North Carolina<\/h3>\n<p><strong><\/strong>Ella Baker (1903-1986) hatte bereits zu Beginn der drei\u00dfiger Jahre mit dem anarchistisch angehauchten schwarzen Genossenschafter George Schuyler zusammengearbeitet und war in Harlem in der Arbeiterbildung t\u00e4tig gewesen. 1955-56 war sie als Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin f\u00fcr Martin Luther Kings Pastorenorganisation SCLC (Southern Christian Leadership Council) w\u00e4hrend des Busstreiks von Montgomery t\u00e4tig gewesen.<\/p>\n<p>Sie sah dort, wie die gerade begonnene Bewegung trotz ihres Erfolgs zusammenbrach, als Martin Luther King 1957 von Montgomery wegging, und f\u00fchrte dies auf ihre Abh\u00e4ngigkeit von charismatischen F\u00fchrungspersonen wie King zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Als die Welle der Sit-Ins im Februar 1960 ausbrach, trat sie alsbald aus dem hierarchisch strukturierten SCLC aus und lud ihr bekannte AktivistInnen der Sit-In-Bewegung aus verschiedenen St\u00e4dten mit einem Rundbrief zur Konferenz von Raleigh ein, wo Mitte April 1960 das SNCC gegr\u00fcndet wurde.<\/p>\n<p>Das SNCC verstand sich fortan als gewaltfreie Basisorganisation mehrheitlich schwarzer AktivistInnen, die selbstbestimmt und unabh\u00e4ngig durchgef\u00fchrte Gruppenaktionen vor Ort lediglich &#8222;koordinieren&#8220; &#8211; und eben nicht von oben nach unten dirigieren &#8211; wollte, daher der Name &#8222;Coordinating Committee&#8220;. Das SNCC war fortan neben CORE (Congress for Racial Equality; der jedoch mehr im Norden als in den S\u00fcdstaaten beheimatet war) und dem SCLC die radikale Speerspitze der B\u00fcrgerrechtsbewegung und der direkten gewaltfreien Aktionen der Schwarzen.<\/p>\n<p>Das SNCC f\u00fchrte praktisch diejenigen Aktionen an der Basis durch, f\u00fcr die dann Martin Luther King weltweit ber\u00fchmt werden sollte, obwohl dieser gar nicht Mitglied im SNCC war. Das Verh\u00e4ltnis war gespannt, wegen des Basisanspruchs des SNCC und des f\u00fchrungsorientierten Politikstils im SCLC, aber King lie\u00df sich tats\u00e4chlich auch von den radikalen Aktionen und Inhalten des SNCC herausfordern, so dass \u00fcber die Jahre hinweg ein gegenseitiger Respekt entstand. In dieser Konstellation wurden die weiteren Kampagnen der Civil-Rights-Bewegung durchgef\u00fchrt, die Freiheitsfahrten in \u00dcberlandbussen 1961, die Kampagnen in McComb\/Mississippi und Albany\/Georgia 1961\/62, die Kampagnen der Begleitung analphabetischer schwarzer PlantagenarbeiterInnen zur Eintragung in die Wahllisten, die bis zum &#8222;Summer of Freedom&#8220; 1964 dauerten, bis dann schlie\u00dflich als greifbarer Erfolg 1964 das Antidiskriminierungsgesetz und 1965 das Wahlgesetz f\u00fcr Schwarze von Pr\u00e4sident Johnson unterzeichnet wurde.<\/p>\n<h3>Howard Zinns politische Sozialisation als Berater und Aktivist des SNCC<\/h3>\n<p><strong><\/strong>In seiner Zeit am Spelman College war Howard Zinn nach Gr\u00fcndung des SNCC zugleich juristischer Berater und Aktivist. Er war einer der rund 20 Prozent wei\u00dfen AktivistInnen innerhalb der mehrheitlich afrikanisch-amerikanischen Organisation, bevor das SNCC dann im Rahmen seiner Black-Power-Phase ab Dezember 1966 ihre wei\u00dfen AktivistInnen ausschloss.<\/p>\n<p>Zu den studentischen AktivistInnen, mit denen Zinn zusammenarbeitete, z\u00e4hlten u.a. Alice Walker (sp\u00e4tere Autorin von <em>Die Farbe Lila<\/em>) oder die schwarze Feministin, Abtreibungsbef\u00fcrworterin und K\u00e4mpferin gegen den weit verbreiteten Besitz von Schusswaffen in den USA, Marian Wright Edelman.<\/p>\n<p>Obwohl Zinn eigentlich eine unk\u00fcndbare Stelle auf Lebenszeit am Spelman College in Atlanta hatte, wurde er dort 1963 aufgrund seiner Beteiligung an Sit-Ins, seiner vielen Zeitungsartikel und seiner Solidarisierung mit direkten gewaltfreien Aktionen der Schwarzen gegen die Segregation entlassen, worauf er 1964 an die Universit\u00e4t von Boston ging. Dort schrieb er zwei B\u00fccher \u00fcber diese erste, gewaltfreie Phase des SNCC, <em>The Southern Mystique (1964)<\/em> und eine erste Aktions- und Organisationsgeschichte, <em>SNCC: The New Abolitionists (1964)<\/em>. Letzteres Buch hatte gro\u00dfen Einfluss und wurde in den USA bereits 1965 ein zweites Mal aufgelegt. Clayborne Carson benennt es bereits in der Einleitung seiner Gesamtdarstellung der Geschichte des SNCC, <em>Zeiten des Kampfes<\/em>, als erste seiner Hauptquellen (S. 42, 573), die er dann immer wieder zitiert.<\/p>\n<p>Es ist bezeichnend f\u00fcr den Rezeptionswillen und die Rezeptionsgeschichte der deutschsprachigen Linken, dass diese B\u00fccher Howard Zinns bis heute nicht \u00fcbersetzt wurden, wohlweislich weil sie &#8222;nur&#8220; die gewaltfreie Phase und nicht die sp\u00e4tere, ebenso militante wie identit\u00e4re und separatistische Phase des SNCC behandelten &#8211; dabei k\u00f6nnen im R\u00fcckblick Gr\u00fcnde daf\u00fcr angef\u00fchrt werden, dass diese erste Phase nicht nur die erfolgreichere, sondern auch die basisorientiertere und damit eigentlich libert\u00e4re Phase im Gegensatz zum Zentralismus verbalradikaler Kader und ihrer bewaffneten Strategie der &#8222;Selbstverteidigung&#8220; der zweiten Phase war, was auch die Gesamtdarstellung von Carson anhand einer F\u00fclle von Materialien verdeutlicht.<\/p>\n<p>Zinn war damals durch seine Erfahrungen vor Ort von der von ihm erlebten Zusammenarbeit einer schwarzen Mehrheit und einer wei\u00dfen, in weiten Teilen gleichzeitig j\u00fcdischen Minderheit ziemlich euphorisch.<\/p>\n<p>Carson zitiert ihn: &#8222;Im Fr\u00fchling 1964 sprach Howard Zinn optimistisch vom \u201amagischen sozialen Effekt, der dadurch entsteht, dass Leute zusammen leben, arbeiten und leiden.<\/p>\n<p>Freundschaften und Liebesbeziehungen haben die Rassenschranken im SNCC \u00fcberschritten.&#8216; Zinn versicherte, \u201aj\u00fcngste Aufrufe von Malcolm X und anderen, die Schwarzen sollten zur Selbstverteidigung greifen, sogar zur Vergeltung gegen Gewaltakte der Wei\u00dfen, haben innerhalb des SNCC keine Zustimmung gefunden&#8216;, auch wenn \u201aeinzelne SNCC-Mitglieder zuweilen ihre Sympathie f\u00fcr solche Positionen ausgedr\u00fcckt haben.&#8216; Aber Zinns Glaube, die Arbeit des SNCC \u201azeige den Weg zur antirassistischen Gesellschaft auf&#8216;, kontrastierte mit den Bef\u00fcrchtungen unter vielen \u00e4lteren SNCC-AktivistInnen, dass der entgegengesetzte Trend entstehe.&#8220; (S. 205) Hier sollten die \u00e4lteren AktivistInnen gegen den damals euphorischen Zinn leider Recht behalten.<\/p>\n<p>Besonderen Anteil nahm Zinn am gro\u00dfangelegten Projekt des &#8222;Summer of Freedom&#8220; von 1964, das vor allem auf die Idee und die Aktionsstrategie des gewaltfrei-libert\u00e4ren Aktivisten Robert (&#8222;Bob&#8220;) Moses im SNCC zur\u00fcckging. In diesem Sommer wurden die jungen schwarzen und wei\u00dfen Mittelklassen-S\u00f6hne und -T\u00f6chter in den Nordstaaten dazu aufgefordert, \u00fcber mehrere Monate hinweg in den S\u00fcden zu kommen, dort den analphabetischen schwarzen PlantagenarbeiterInnen Lesen und Schreiben beizubringen und sie zur &#8211; komplizierten und mit einem Fragenkatalog verbundenen &#8211; Eintragung in die Wahllisten auf die Beh\u00f6rden zu begleiten. In den vielen &#8222;Freedom Schools&#8220; dieses &#8222;Summer of Freedom&#8220; entstand das, was f\u00fcr Zinn sp\u00e4ter Geschichtsschreibung von unten ausmachen sollte.<\/p>\n<p>Den Schwarzen wurde nicht nur Lesen und Schreiben gelehrt, sondern erstmals \u00fcberhaupt stand auch die Geschichte der Schwarzen selbst im Zentrum des Lehrplans. Es waren Volksuniversit\u00e4ten in bester Absicht, durchgef\u00fchrt von Freiwilligen wie Howard Zinn. Carson schreibt dazu: &#8222;Die Freiheitsschulen \u00fcberlebten den Sommer und geh\u00f6rten zu den ersten Versuchen des SNCC, bestehende Institutionen durch alternative zu ersetzen. Howard Zinn schrieb, sie seien eine Herausforderung f\u00fcr die US-amerikanische Erziehung gewesen, weil sie \u201adie provokante These untermauerten, ein ganzes Schulsystem k\u00f6nne von einer Gemeinschaft au\u00dferhalb der bestehenden Ordnung und in Kritik an deren Grundlagen aufgebaut werden.&#8216; F\u00fcr Zinn stellten die Freiheitsschulen die Zukunft des US-amerikanischen Erziehungssystems in Frage. K\u00f6nnen LehrerInnen und Sch\u00fclerInnen \u201adurch die Faszination herausfordernder sozialer Zielvorstellungen statt durch Titel zusammenfinden?&#8216; K\u00f6nnen LehrerInnen Werte vermitteln, \u201aohne gleichzeitig den Sch\u00fclern die Idee des Lehrk\u00f6rpers aufzuzwingen?&#8216; Und k\u00f6nnen LehrerInnen \u201amutig erkl\u00e4ren, dass es zu den Aufgaben der Schule geh\u00f6rt, Antworten auf gesellschaftliche Fragen wie Armut, Ungerechtigkeit, Rassismus und nationalistischen Hass zu finden und alle Bildungsanstrengungen auf die landesweite L\u00f6sung dieser Fragen zu lenken?&#8216; Wenngleich nur wenige SNCC-Kader direkt an der Fortsetzung der Freiheitsschulen beteiligt sein sollten, wurden die Schulen weiter durch die antiautorit\u00e4re Grundhaltung des SNCC gepr\u00e4gt. Sie waren Modell und Experimentierfeld f\u00fcr sp\u00e4tere alternative Schulformen und TutorInnenprojekte im gesamten Land.&#8220; (S. 239f.)<\/p>\n<p>Die letzte wirklich einflussreiche Tat Howard Zinns im Rahmen des SNCC war seine Aufforderung, dass das SNCC sich im Rahmen der entstehenden Anti-Vietnamkriegs-Bewegung in einer \u00f6ffentlichen Erkl\u00e4rung explizit gegen den Krieg aussprechen m\u00fcsse &#8211; eine Erkl\u00e4rung, die schlie\u00dflich nach langer Diskussion und dem Mord am schwarzen Marinesoldaten Sammy Younge, der bei SNCC-Projekten mitgeholfen hatte und erschossen wurde, als er versuchte, den Wartesaal f\u00fcr Wei\u00dfe an einer Tankstelle zu betreten, am 6. Januar 1966 abgegeben wurde.<\/p>\n<p>Carson dazu: &#8222;Howard Zinn schrieb, das SNCC k\u00f6nne keine Unterst\u00fctzung von der schnell wachsenden Antikriegsbewegung erwarten, wenn es sich nicht deutlich zum Krieg positionierte. Zweifellos riskierte das SNCC als Ergebnis einer Antikriegserkl\u00e4rung einen gro\u00dfen finanziellen Verlust (R\u00fcckgang von Spenden; d.A.), der nicht wieder aufgefangen werden konnte, aber Zinns Warnung war ein Appell an die moralischen Grundlagen des SNCC und beeinflusste wahrscheinlich einige unentschiedene Kader. Zinn fragte, was die Mitglieder des SNCC wohl denken w\u00fcrden, wenn Mitglieder von Friedensorganisationen keine klare Position zur Situation in Mississippi \u00e4u\u00dferten, weil sie nicht zu Themen Stellung nehmen wollten, die nicht ihr zentrales Anliegen sind. \u201aIch glaube, die Leute aus der Bewegung w\u00fcrden ver\u00e4rgert reagieren, und sie h\u00e4tten Recht. Sie w\u00fcrden fragen: \u201aGeht uns nicht das Leid <em>aller<\/em> Menschen an?'&#8220; (S. 348f.)<\/p>\n<h3>Die Rezeption Zinns durch die US-StudentInnenbewegung<\/h3>\n<p><strong><\/strong>Als sich das SNCC bereits mitten im Streit um den Ausschluss seiner wei\u00dfen AktivistInnen und einen k\u00fcnftigen Kurs des schwarzen Separatismus befand, wurde es besonders von den wei\u00dfen StudentInnen der Nordstaaten als Vorbild rezipiert.<\/p>\n<p>Das geschah oft direkt \u00fcber Zinns SNCC-B\u00fccher, wie Carson bemerkt: &#8222;Zinn bezeichnete als wichtigste Qualit\u00e4t des SNCC, dass es, \u201aohne anma\u00dfendes M\u00e4rtyrertum den betr\u00fcgerischen Schein eines verzerrten Wohlstands ablehnte. Es geht zudem darum, sich einen lange versch\u00fctteten emotionalen Zugang zum Leben wiederanzueignen, der \u00fcber Politik und \u00d6konomie hinausgeht, um die Hindernisse aus dem Weg zu r\u00e4umen, die die Menschen davon abhalten, zueinander Kontakt aufzunehmen.&#8216;<\/p>\n<p>In einer lobenden Rezension von Zinns Buch behauptete der f\u00fchrende SDS-Aktivist Tom Hayden, die Quelle des \u201aunverwechselbaren Charakters&#8216; des SNCC sei \u201adessen Ursprung in der Erfahrung unterdr\u00fcckter Schwarzer.&#8216; Die schwarzen SNCC-OrganisatorInnen erhielten ihre St\u00e4rke von den Schwarzen in den S\u00fcdstaaten, die weit au\u00dferhalb \u201ader st\u00e4dtischen industriellen Gesellschaft&#8216; lebten und die es gelernt h\u00e4tten, das Leid auszuhalten. \u201aDie W\u00fcrde, Einsicht und das Vorbild des Schwarzen vom Lande demonstriert den Studenten, dass sie auf der Grundlage eines L\u00fcgengespinstes aufgewachsen sind&#8216;, schrieb Hayden. \u201aDiese Bewegung wurzelt in Regionen, die auf tragische Weise den Makel der amerikanischen Moral und ihrer Versprechen bezeugen.&#8216; Dieser Blick wei\u00dfer Aktivisten auf das SNCC war manchmal von einer romantischen Sicht auf die Schwarzen getr\u00fcbt, aber er beschleunigte wirksam die Entwicklung der Neuen Linken.<\/p>\n<p>Der f\u00fchrende SDS-Aktivist (hier &#8222;Students for a Democratic Society&#8220;; d.A.) Norm Fruchter (Redaktionsgruppe der Zeitung <em>Studies on the Left<\/em>; d.A.) sprach in der damals \u00fcblichen Art und Weise in einem Essay \u00fcber das SNCC, den er direkt nach einem einw\u00f6chigen Aufenthalt bei SNCC-Kadern in Mississippi geschrieben hatte: \u201aDie wichtigste Grundsatzthese des SNCC ist die, dass ein Individuum erst frei genannt werden kann, wenn es all die Entscheidungen, die sein Leben betreffen, wirksam kontrollieren und ausf\u00fchren kann.&#8216; Fruchter blieb von den organisatorischen Problemen des SNCC unber\u00fchrt. Das SNCC mag, so Fruchter, in manchen Bereichen Fehlschl\u00e4ge erlitten haben, aber seinen wichtigsten Zweck habe es erf\u00fcllt, n\u00e4mlich \u201adie Frage zu provozieren, ob all die Organisationen, die auf b\u00fcrokratischen Grundlagen innerhalb der Mehrheitsgesellschaft aufgebaut sind, \u00fcberhaupt der menschlichen Freiheit gedient haben.'&#8220; (S. 334)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Howard Zinn war u.a. auch Berater und gewaltfreier Aktivist bei der wichtigsten afrikanisch-amerikanischen B\u00fcrgerrechtsorganisation Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC). Deren Gr\u00fcndungszeit und gewaltfreie Massenaktionen erlebte er w\u00e4hrend seiner Zeit als Professor f\u00fcr Geschichte am Spelman College in Atlanta, Georgia, von 1956 bis 1963 mit. 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