{"id":9903,"date":"2010-03-01T00:00:12","date_gmt":"2010-02-28T22:00:12","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9903"},"modified":"2022-07-26T14:14:38","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:38","slug":"neuland-voraus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/03\/neuland-voraus\/","title":{"rendered":"Neuland voraus"},"content":{"rendered":"<p>Auf der Suche nach der idealen &#8218;Gesellschaft&#8216; ((1))                 sind im Anarchismus etliche Fragen intensiv bearbeitet worden:                 Wie s\u00e4he eine <i>anarchistische Wirtschaft<\/i> aus (Proudhon,                 Bakunin, Kropotkin, Rocker, Castoriadis, um nur ein paar Klassiker                 zu nennen)? <\/p>\n<p>Was w\u00e4re die Struktur <i>sozialer Ordnung<\/i> in einer herrschaftslosen                 Gesellschaft (freiwillige Assoziation, F\u00f6deration, selbstverwaltete                 Einrichtungen)? Und wie lie\u00dfe sich das <i>politische Gef\u00fcge<\/i>                 vorstellen (r\u00e4te\u00e4hnliche Organisation oder horizontale Vernetzung)?               <\/p>\n<p>Eine mit den genannten Aspekten \u00fcbergreifend verkoppelte Frage                 ist die nach der <i>Art von Entscheidungen<\/i> in einer anarchistischen                 (herrschaftslosen) Gesellschaft. Was sind Entscheidungen, die                 dem Anspruch auf Herrschaftslosigkeit entgegenkommen? <\/p>\n<h3>Mehrheitsprinzip und Anarchie? <\/h3>\n<p> <b><\/b>&#8222;Herrschaft&#8220; im Sinne Max Webers bedeutet bekanntlich,                 f\u00fcr einen Befehl bestimmten Inhalts Gehorsam zu finden ((2)).                 Im weitesten Sinne aber k\u00f6nnen sich Herrschaft und Hierarchien                 bereits darin zeigen, dass es in einer Sozialordnung &#8222;Teilsysteme&#8220;                 (Christian Fuchs) gibt, die \u00fcber gr\u00f6\u00dfere Chancen verf\u00fcgen, Interessen                 durchzusetzen, und \u00fcber mehr Einfluss auf die Herstellung kollektiv-bindender                 Entscheidungen verf\u00fcgen. Sie k\u00f6nnen nach Christian Fuchs &#8222;Vorteile                 nutzen, die sich f\u00fcr sie aus ihrer h\u00f6heren Position in sozialen                 Hierarchien ergeben&#8220; ((3)). <\/p>\n<p>Die Existenz privilegierter Teilsysteme, die \u00fcber mehr Entscheidungsmacht                 verf\u00fcgen als andere, ist mit dem anarchistischen Ansatz unvereinbar.<\/p>\n<p>Dann w\u00e4re allerdings anzumerken, dass der Vorwurf ebenso auf                 das Mehrheitsprinzip bzw. auf Mehrheitsvoten zutrifft, also dass                 das Mehrheitsprinzip (trotz unbestrittener Vorz\u00fcge, z.B. die hohe                 Geschwindigkeit bei der Herstellung von Entscheidungen) anarchistischen                 Idealvorstellungen nicht gen\u00fcgt. Denn mit dem Mehrheitsprinzip                 verbunden ist die majorit\u00e4tsdemokratische Vorstellung, dass sich                 Minderheiten dem Mehrheitsvotum f\u00fcgen sollen, was nach unserer                 obigen Definition den Tatbestand der Herrschaft erf\u00fcllt.<\/p>\n<p>Ein denkbarer Notausstieg aus dem Spannungsfeld von Herrschaftslosigkeit                 und Mehrheitsprinzip w\u00e4re es, wenn Minderheiten keineswegs auf                 den Willen und die Entscheidung einer Mehrheit verpflichtet w\u00e4ren                 und auch nicht unter Mehrheitsentscheidungen zu leiden h\u00e4tten.                 Mit anderen Worten: Eine Mehrheit entscheidet eigentlich nur f\u00fcr                 sich und nicht f\u00fcr eine Gesamtheit. Aber in dem Falle h\u00e4tten wir                 es nicht mehr mit dem klassischen Mehrheitsprinzip zu tun, sondern                 mit einem Grundsatz des Konsensprinzips. Und damit ist jenes Entscheidungsprinzip                 genannt, das dem Anspruch auf Herrschaftslosigkeit am ehesten                 entgegen zu kommen scheint. <\/p>\n<h3>Anarchistisches Konsensprinzip<\/h3>\n<p> <b><\/b>Im Unterschied zu dem, was z.B. von Regierungen unter                 &#8222;Konsens&#8220; verstanden wird (Konsens als Einigung unter F\u00fchrungsspitzen),                 ist das anarchistische Konsensprinzip &#8222;inklusiv&#8220; (einschlie\u00dfend).                 Das hei\u00dft, es geht um Prozesse der Entscheidungsfindung, bei denen                 Betroffene (und nicht Eliten) das Mitwirkungsrecht bei Entscheidungen                 innehaben. Konsens bedeutet &#8222;Zustimmung&#8220; bzw. &#8222;Einwilligung&#8220; und                 ist hier ganz praktisch im Sinne einer Beteiligung s\u00e4mtlicher                 Betroffenen an den sie angehenden Entscheidungen gemeint. <\/p>\n<p>Einem anarchistischen Konsensprinzip zufolge h\u00e4tten &#8211; erstens                 &#8211; s\u00e4mtliche Betroffenen einer Entscheidungsperspektive das Recht,                 zu Entscheidungen hinzugezogen zu werden. Damit sie nicht \u00fcbergangen                 werden k\u00f6nnen, h\u00e4tten &#8211; zweitens &#8211; die von einer Entscheidungsperspektive                 negativ Betroffenen (also Nachteilsempf\u00e4ngerInnen) ein Widerspruchs-                 bzw. Vetorecht, um zu ihren Lasten gehende Entscheidungen zu verhindern                 und nicht \u00fcbergangen zu werden. Dem Vetorecht f\u00e4llt die Funktion                 zu, Herrschaft zu verhindern. <\/p>\n<p>Dagegen gibt es in der Entscheidungspraxis von Repr\u00e4sentativdemokratien,                 also der mehrheitlich (bzw. von der gr\u00f6\u00dften Zahl) gew\u00e4hlten Regime                 kein Vetorecht betroffener Minderheiten, wie sich an den Beispielen                 der Migrationspolitik, dem Hartz-Konzept, der Atomm\u00fclllagerung                 sowie an so vielen anderen Vorg\u00e4ngen darlegen lie\u00dfe. Hier werden                 Menschen t\u00e4glich \u00fcbergangen, basisferne Entscheidungsprozesse                 sind die Regel. Doch nicht nur die Repr\u00e4sentation, sondern auch                 das (zu Unrecht aus dem kritischen Blickfeld geratene) Mehrheitsprinzip                 f\u00f6rdert dann soziale Ausschl\u00fcsse (nach Christian Fuchs <i>&#8222;Exklusionen&#8220;<\/i>),                 wenn es Oppositionen auf die Entscheidungsergebnisse einer Mehrheit                 verpflichtet und somit an den Rand stellt.<\/p>\n<p>Herrschaftslose Entscheidungsfindung h\u00e4tte solchen Prozessen                 entgegenzuwirken. Und zwar, indem sie oppositionelle oder Minderheitspositionen                 in eine Entscheidungsfindung von vorneherein integriert, so dass                 am Ende eine Entscheidung steht, mit der alle Betroffenen (also                 jene, die die Folgen der Entscheidung zu tragen haben) leben k\u00f6nnen,                 weil sich der Willen aller Seiten in einer Entscheidung widerspiegelt.                 Entgegen einem Vorurteil geht es dem anarchistischen Konsensprinzip                 nicht darum, Mehrheitsherrschaft durch Minderheitenherrschaft                 zu ersetzen, sondern um ein kreatives Zusammenflie\u00dfen von Ideen,                 um zu einer Entscheidung zu gelangen, die f\u00fcr alle Betroffenen                 <i>inklusiv<\/i> ist.<\/p>\n<p>Traditionell-hierarchische Nullsummenspiele k\u00f6nnten \u00fcberwunden                 werden, die als solche besagen, dass ein Vorteil der einen Seite                 auf Kosten einer anderen gehen darf ((4)).                 Ziel ist die Herstellung solcher Entscheidungen, die Vorteile                 f\u00fcr alle Betroffenen beinhalten. <\/p>\n<p>Soweit das Ideal, das in der Praxis oft jedoch (selbst mit Blick                 auf die M\u00f6glichkeit verschiedener Konsensabstufungen ((5)))                 schwer durchf\u00fchrbar ist, insbesondere dann, wenn nur wenig Zeit                 f\u00fcr Entscheidungsprozesse zur Verf\u00fcgung steht.<\/p>\n<p>Genau daraus aber lie\u00dfe sich ein Argument f\u00fcr die Abschaffung                 des Kapitalismus ableiten, der unsinnig viel Lebenszeit kostet,                 weil die Lohnabh\u00e4ngigen den Unterhalt von KapitalistInnen und                 sonstigen Eliten miterarbeiten m\u00fcssen. Eine anarchistische Gesellschaft                 auf Basis von Konsens w\u00e4re auf der Ebene der Zeitlichkeit tats\u00e4chlich                 eine andere als die heutige; n\u00e4mlich eine der direkten Kommunikation                 &#8222;face-to-face&#8220;, was vor allem auch Langsamkeit, Bed\u00e4chtigkeit                 und Mu\u00dfe bedeutet und eine im libert\u00e4ren Sinne sozialisierte (z.B.                 anarchokommunistische) Wirtschaft verlangt, die dieses erm\u00f6glicht.                 Dies vorausgesetzt, wirkt dann vielleicht das folgende Bild nicht                 allzu banal: So wie Fu\u00dfballfans heute bei Spielen ihres Vereins                 zusammenkommen, w\u00fcrden Menschen in einer anarchistischen Gesellschaft                 sich auf Wiesen, in Hallen und anderen \u00f6ffentlichen Orten zu (diesmal                 w\u00f6rtlich genommenen) Entscheidungsspielen versammeln, die dann                 Tage andauern k\u00f6nnen. Wom\u00f6glich w\u00fcrden die Teilnehmenden hinterher                 mit einiger Befriedigung sagen: Ich war dabei, es war schwierig                 und hat lang gedauert, aber wir haben es geschafft. <\/p>\n<h3>Begr\u00fcndungszusammenhang<\/h3>\n<p> <b><\/b>Warum aber sollten die Individuen dem Konsensprinzip                 zustimmen bzw. auf die Aussicht mehrheitlicher Herrschaftsaus\u00fcbung                 verzichten? Eine Begr\u00fcndung hat sich &#8211; ganz postmodern &#8211; den W\u00fcnschen                 eines nutzorientierten Individuums zu stellen. Auch dieses Individuum                 k\u00f6nnte einen guten Grund daf\u00fcr finden, sich mit dem Konsensprinzip                 zu arrangieren.<\/p>\n<p>Einerseits wegen der positiven Folge, nicht \u00fcbergangen zu werden                 und eigene Pr\u00e4ferenzen (Willensziele) in kollektiven Beschl\u00fcssen                 abbilden zu k\u00f6nnen, andererseits aus der Einsicht heraus, dass                 selbst das Aus\u00fcben von Herrschaft immer wieder Gegenbestrebungen                 weckt und mit einer Ungewissheit \u00fcber zuk\u00fcnftige Gegnerschaften                 und m\u00f6glicherweise verdeckte Allianzen von WidersacherInnen einhergeht.                 Um Ziele gegen andere durchzusetzen, ist daher der soziale Aufwand                 des nachtr\u00e4glichen Sicherns nach allen Seiten erforderlich, ein                 Aufwand, den man sich durch Herrschaft doch eigentlich sparen                 wollte und sich somit eine Unsinnigkeit einhandelt.<\/p>\n<p>Weiterhin bietet das Konsensprinzip langfristige Vorteile, die                 auf den Effekten sozialer Gegenseitigkeit beruhen (Ideenreichtum,                 gegenseitige Hilfe u.a.). Ein gro\u00dfer Vorteil des Konsensprinzips                 liegt in dem Effekt sozialer Stabilit\u00e4t und wechselseitiger Erwartungssicherheit,                 die darauf gr\u00fcndet, dass niemand \u00fcbergangen wird und daher auch                 keine Seite zu rigiden (z.B. gewaltsamen) Mitteln greifen muss,                 um sich zu sch\u00fctzen. Das anarchistische Konsensprinzip ist demnach                 als Modell sozialer Sicherheit zu begreifen und eine Alternative                 zu Sicherheitslogiken, auf welche sich die Bef\u00fcrwortung von Staaten                 bzw. Regierungen bezieht ((6)).               <\/p>\n<h3>Anarchistische Gesellschaft und Konsens <\/h3>\n<p> <b><\/b>Das anarchistische Konsensprinzip verk\u00f6rpert die Aussicht                 auf ein Entscheidungsmodell, das in klassische Revolutionsziele                 des Anarchismus integriert werden kann als ein ideales Entscheidungsmodell                 einer k\u00fcnftigen Gesellschaft der Freien (Heterogenen). <\/p>\n<p>Der Anarchismus strebt nach einer Gesellschaft der Ungebundenen,                 der M\u00fcndigen, der Autonomen, die sich keiner \u00fcbergeordneten Instanz                 f\u00fcgen, sondern aus eigenem Willen kooperieren. In der anarchistischen                 Gesellschaft g\u00e4be es keine Politikinstitutionen im heutigen Sinne,                 sie w\u00e4re dezentral strukturiert, st\u00e4ndig im Flusse und als Gesellschaft                 der &#8218;Freien&#8216; ohne konstituierten Einheitscharakter ((7)).               <\/p>\n<p>In einer solchen Gesellschaft, in der als alleiniges soziales                 Bindemittel der autonome Wille der Einzelnen fungiert, erscheint                 das Konsensprinzip als einziger Garant, stabile kollektive Zusammenh\u00e4nge                 und Entscheidungen herzustellen. <\/p>\n<p>Wenn s\u00e4mtliche Willensziele in eine kollektive Entscheidung einflie\u00dfen,                 so schafft dies g\u00fcnstige Voraussetzungen f\u00fcr Verbindlichkeit,                 die beinhaltet, dass sich alle Seiten an einen Beschluss halten.                 Wenn negativ Betroffene bei kollektiven Beschl\u00fcssen nicht \u00fcbergangen                 werden k\u00f6nnen, so verhindert dies soziale Erosionen und kollektive                 Rutschpartien.<\/p>\n<p>Anarchistischer Konsens erscheint aus dieser Sicht als <i>das<\/i>                 Entscheidungsprinzip heterogener Subjekte, also gerade auch f\u00fcr                 Entscheidungssituationen geschaffen, in denen keine oder nur wenige                 Gemeinsamkeiten zwischen Individuen bestehen. Verneint man eine                 \u00fcberindividuelle Einheitlichkeit der in einer Gesellschaft lebenden                 Menschen &#8211; wie es AnarchistInnen \u00fcblicherweise tun &#8211; und betont                 die Vielfalt der Individuen und Interessen, dann kann dies konsequent                 mit der Forderung nach Einf\u00fchrung des anarchistischen Konsensprinzips                 verbunden werden ((8)). <\/p>\n<h3>Praktikabilit\u00e4t des Konsensprinzips<\/h3>\n<p> <b><\/b>Im Buch &#8222;Anarchismus und Konsens&#8220; bin ich auf Fragen                 der Realisierbarkeit sowie auf Kritik am anarchistischen Konsensprinzip                 ausf\u00fchrlich eingegangen ((9)).                 Besonders schwierig scheinen demnach Konsensprozesse, wenn sehr                 viele Menschen mitentscheiden. <\/p>\n<p>Die &#8222;Werkstatt f\u00fcr gewaltfreie Aktion Baden&#8220; bem\u00fcht sich erfolgreich,                 die Perspektive einer Konsensfindung f\u00fcr gro\u00dfe Gruppen bis hin                 zum Konsens mit mehr als tausend Personen zu entwickeln (Modell                 des SprecherInnenrats ((10))).<\/p>\n<p>Jedoch ist ein &#8222;anarchistischer Konsens&#8220; zwischen Millionen Menschen                 weder vorstellbar noch praktizierbar. Nun scheint aber gerade                 das Prinzip des Einschlusses aller Betroffenen bei Entscheidungen                 nahe zu legen, dass k\u00fcnftig sehr viele Menschen bei Entscheidungen                 herbeizitiert werden m\u00fcssten. Wie also w\u00e4re das anarchistische                 Konsensprinzip zu handhaben, ohne die menschlichen M\u00f6glichkeiten                 zu \u00fcberfordern? <\/p>\n<p>Zun\u00e4chst ist zu kl\u00e4ren, was &#8222;Betroffenheit&#8220; eigentlich meint,                 um nicht dazu beizutragen, dass Konsensentscheidungen durch eine                 allzu hohe Zahl von Personen verunm\u00f6glicht w\u00fcrden. Z.B. w\u00e4ren                 bei der Ber\u00fccksichtigung von Betroffenheiten imagin\u00e4re, quasireligi\u00f6se                 und esoterische Befindlichkeiten auszuschlie\u00dfen. Es ist keine                 qualifizierte Betroffenheit, wenn jemand gegen ein Stra\u00dfenbauprojekt                 einwendet, es w\u00e4re eine Verletzung der g\u00f6ttlichen Ordnung. <\/p>\n<p>Betroffenheit ist stattdessen auf Grundlage von aufgekl\u00e4rtem                 Menschenverstand zu bestimmen, d.h. negative Betroffenheiten sollten                 empirisch nachvollziehbar und konkrete Einbu\u00dfen f\u00fcr das Wohlergehen                 benennbar sein. Beispielsweise sollte veranschaulicht werden k\u00f6nnen,                 dass durch eine bestimmte Entscheidung materielle, gesundheitliche,                 organisatorische oder strukturelle Lebensgrundlagen verletzt werden.               <\/p>\n<p>Weiterhin sollten keine Personen an Konsensbeschl\u00fcssen teilnehmen,                 die die Folgen einer Entscheidung nicht zu tragen h\u00e4tten und somit                 zu Unrecht Einfluss auf das Leben anderer nehmen w\u00fcrden. Aber                 von gro\u00dfer Bedeutung bei der Realisierung des anarchistischen                 Konsensprinzips scheint mir die inhaltliche <i>Entscheidungsreduktion<\/i>.               <\/p>\n<h3>Entscheidungsreduktion statt Herrschaft <\/h3>\n<p> <b><\/b>Da z.B. Folgen regionaler Entscheidungen an weit entfernten                 Orten sp\u00fcrbar sein k\u00f6nnen, ohne dass negativ Betroffene &#8211; aufgrund                 des Entfernungshindernisses &#8211; eine M\u00f6glichkeit h\u00e4tten, in die                 Entscheidungsprozesse \u00fcberhaupt (und rechtzeitig) pers\u00f6nlich einbezogen                 zu werden, und um Konsensprozesse von dem Problem der gro\u00dfen Zahl                 zu entlasten, scheint es sinnvoll, &#8222;Betroffenheitspartizipation&#8220;                 anders umzusetzen, als es bislang anklang. Und zwar im Sinne einer                 Umschichtung m\u00f6glicher Entscheidungsinhalte mit dem Ziel, dass                 m\u00f6glichst wenig negative Betroffenheiten entstehen und sich z.B.                 regionale Entscheidungen auf regionale Folgen reduzieren. Entscheidungen                 sollten also stets so beschaffen werden, dass sie keine Inhalte                 aufzeigen, die negative Betroffenheiten einer gr\u00f6\u00dferen Zahl von                 Menschen ausl\u00f6sen k\u00f6nnen. Eine solche inhaltliche Beschr\u00e4nkung                 bei Konsensentscheidungen scheint zwingend, wenn man den Anspruch                 auf Partizipation Betroffener weder hintergehen bzw. aufgeben                 noch die Entscheidungsorganisation zahlenm\u00e4\u00dfig \u00fcberfordern will.                 Es ist die Verringerung der sozialen Tragweite von Entscheidungen,                 die das Konsensprinzip realisierbarer macht. Am Ende st\u00fcnde eine                 Regionalisierung negativer Entscheidungsfolgen, w\u00e4hrend nur solche                 kollektiven Entscheidungen \u00fcber die regionalen Spektren hinausgeraten,                 die Vorteile bedeuten und daher \u00fcberregionale bzw. allgemeine                 Zustimmung erfahren.<\/p>\n<p>Solche (inklusiven) Entscheidungsperspektiven w\u00fcrden sich wohl                 herausfinden lassen, w\u00fcrde die kreative Phantasie nicht stets                 beim Repr\u00e4sentations- oder beim Mehrheitsprinzip Halt machen und                 nicht mehr in Gang kommen. <\/p>\n<p>Gleichwohl bringt die Begrenzung der Entscheidungsinhalte dem                 anarchistischen Konsensprinzip den Vorwurf des technologischen                 Konservatismus ein, ganz zu schweigen vom Vorwurf eines derzeit                 unvorstellbaren gesellschaftlichen Umbruches, der notwendig ist,                 um die heutigen hierarchischen Ebenen politischer Entscheidungsfindung                 aufzul\u00f6sen, ganz zu schweigen auch von extremen Umw\u00e4lzungen im                 Bereich der \u00d6konomie und der Abschaffung der Eliten, die bislang                 nicht m\u00fcde werden, die t\u00e4glich wahrzunehmenden Einspr\u00fcche von                 Betroffenen zu ignorieren. <\/p>\n<p>Doch selbst wenn das anarchistische Konsensprinzip in Theorie                 und Praxis zugegebenerma\u00dfen noch in den Kinderschuhen steckt,                 so ist dies eher ein Grund, den Ansatz weiter zu entwickeln und                 die Vorstellung von einer herrschaftslosen Welt damit ein St\u00fcck                 weit fassbarer zu machen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf der Suche nach der idealen &#8218;Gesellschaft&#8216; ((1)) sind im Anarchismus etliche Fragen intensiv bearbeitet worden: Wie s\u00e4he eine anarchistische Wirtschaft aus (Proudhon, Bakunin, Kropotkin, Rocker, Castoriadis, um nur ein paar Klassiker zu nennen)? 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