{"id":9910,"date":"2010-03-01T00:00:41","date_gmt":"2010-02-28T22:00:41","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9910"},"modified":"2022-07-26T13:05:55","modified_gmt":"2022-07-26T11:05:55","slug":"aufgekochter-schnee-von-gestern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/03\/aufgekochter-schnee-von-gestern\/","title":{"rendered":"Aufgekochter &#8222;Schnee von gestern&#8220;?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Stefan Niehoff: Im Studio begr\u00fc\u00dfe ich zum Gespr\u00e4ch die Uni-Dozenten Dr. Bernd Dr\u00fccke und Dr. Dieter Keiner. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Jetzt geht es um den &#8222;Mescalero-Nachruf&#8220; im Zusammenhang mit der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback am 7. April 1977 durch das RAF-&#8222;Kommando Ulrike Meinhof&#8220; sowie um die aktuelle Debatte um den Mescalero-Text. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Das ist doch eigentlich schon lange her. Heute wird im Bundestag \u00fcber diesen Text gesprochen. Wie kommt es, dass wir jetzt dar\u00fcber diskutieren m\u00fcssen?<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Bernd Dr\u00fccke:<\/em><\/strong> Ein Problem ist, dass in dieser Gesellschaft nicht wirklich \u00fcber diesen Text diskutiert wurde und auch nicht diskutiert wird. Stattdessen geht es um bestimmte Aussagen, die sich in ihm finden, vor allem um die &#8222;klammheimliche Freude&#8220;, die der Autor des Artikels, ein Mitglied der G\u00f6ttinger Spontigruppe &#8222;Mescalero&#8220;, damals empfunden habe, als bekannt wurde, dass die RAF den Generalbundesanwalt Buback ermordet hat.<\/p>\n<p>Der am 25. April 1977 unter dem Pseudonym &#8222;Mescalero&#8220; in den <em>G\u00f6ttinger Nachrichten<\/em>, der Zeitung des dortigen Uni-AStA, ver\u00f6ffentlichte &#8222;Buback-Nachruf&#8220; ist n\u00e4mlich prim\u00e4r eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte und Politik der RAF, mit der &#8222;Liquidierung von Pers\u00f6nlichkeiten der herrschenden Klasse&#8220;. Ich denke, dass viele Menschen nicht wissen, was in &#8222;Buback. Ein Nachruf&#8220; steht. Viele Leute kennen nur bestimmte Passagen des inkriminierten Diskussionspapiers, aber nicht seine eigentlichen Kernaussagen. Ich zitiere eine wichtige Textstelle, die in der \u00d6ffentlichkeit unter den Teppich gekehrt wurde:<\/p>\n<p><em>&#8222;Wir brauchen nur die Zeitungen aufzuschlagen und die Tagesmeldungen zu verfolgen: die Strategie der Liquidierung, das ist eine Strategie der Herrschenden. Warum m\u00fcssen wir sie kopieren? Die Leute (das Volk) haben Angst davor, sie haben ihre Erfahrungen damit gemacht, genauso wie mit Einkerkerung und Arbeits1ager. Was wir auch tun: es wirft immer ein Licht auf das, was wir anstreben. Wir werden unsere Feinde nicht liquidieren. Nicht in Gef\u00e4ngnisse und nicht in Arbeitslager sperren und deswegen gehen wir doch nicht sanft mit ihnen um.<\/em><\/p>\n<p><em>Unser Zweck, eine Gesellschaft ohne Terror und Gewalt (wenn auch nicht ohne Aggression und Militanz), eine Gesellschaft ohne Zwangsarbeit (wenn auch nicht ohne Plackerei), eine Gesellschaft ohne Justiz, Knast und Anstalten (wenn auch nicht ohne Regeln und Vorschriften oder besser: Empfehlungen), dieser Zweck heiligt eben nicht jedes Mittel, sondern nur manches. Unser Weg zum Sozialismus (wegen mir: Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden.&#8220;<\/em><strong> <\/strong>((1))<\/p>\n<p><strong>Stefan Niehoff: 68er wie Trittin und Fischer distanzierten sich im Bundestag von dieser Zeit. Wieso wird aktuell so dar\u00fcber diskutiert? Das ist doch Schnee von gestern. So radikal ist doch heute keiner mehr.<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Dieter Keiner:<\/em><\/strong><em> <strong><\/strong><\/em>Ja, aber &#8222;Schnee von gestern&#8220; hei\u00dft nicht, dass der Schnee von gestern nicht immer wieder f\u00fcr neue Interessen geschmolzen und aufgekocht werden kann, so dass am Ende nichts mehr von dem Schnee erkennbar ist, sondern nur noch andere Aggregatzust\u00e4nde erkennbar bleiben.<\/p>\n<p>Der Kontext, in dem der Mescalero-Text erneut in die \u00f6ffentliche Debatte gekommen ist, ist der der Debatte um die Biografie des derzeitigen Au\u00dfenministers, Herrn Joseph Fischer. Dieser Kontext ist, bezogen auf ein zentrales Problem, das die Geschichte des Mescalero-Textes kennzeichnet, sehr aktuell. Fischer hat in der Debatte deutlich gemacht, dass er das staatliche Gewaltmonopol voll bef\u00fcrwortet &#8211; bis hin zum Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien -, dass er sich von allen damaligen Gewaltanwendungen distanziert und sich bei m\u00f6glichen Opfern seiner Gewaltt\u00e4tigkeit entschuldigt. Das staatliche Gewaltmonopol wird weiter legitimiert, und der Mescalero-Text dient in der ganzen Verzerrung, in den ausgew\u00e4hlten Zitaten dazu zu sagen: Die 68er, und in der Folgezeit die Bewegung in den 70er Jahren, die dann in den Terrorismus f\u00fchrte, hatte als zentrale Botschaft den Angriff auf das staatliche Gewaltmonopol. Und das gibt der Text nicht her. Im Anschluss an Bernds Zitat ist vielleicht der letzte Satz noch zu zitieren: <em>&#8222;Damit die Linken, die so handeln, nicht die gleichen Killervisagen wie die Bubacks kriegen.&#8220;<\/em> Das ist die zentrale Botschaft dieses Textes.<\/p>\n<p>Die Geschichte dieses Textes ist offenbar bis in die Gegenwart von Verzerrungen, von Instrumentalisierungen begleitet und lenkt insofern wieder den Blick auf die heute herrschenden Gruppen und Eliten, ihren Umgang mit &#8217;68 und der Phase des deutschen Terrorismus in den 70er Jahren.<\/p>\n<p><strong>Stefan Niehoff: Das wirft ein Licht auf die Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit von staatlicher Gewalt, auch wenn man sich anguckt, was damals im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text los war.<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Bernd Dr\u00fccke:<\/em><\/strong> Ich denke, dass der Umgang des Staates mit linksradikalen Bewegungen im Jahre 1977 tendenziell Z\u00fcge von Staatsterrorismus angenommen hatte. Ich meine damit nicht nur die auch von amnesty international als Folter bezeichnete Isolationshaft und die Berufsverbote gegen radikale Linke. Die Repression war gro\u00df, Meinungs- und Pressefreiheit wurden massiv eingeschr\u00e4nkt. Bayerns Ministerpr\u00e4sident Franz Josef Strau\u00df und andere forderten 1977 die Wiedereinf\u00fchrung der Todesstrafe. Tats\u00e4chliche oder vermeintliche Mitglieder der &#8222;Baader-Meinhof-Bande&#8220; wurden von vielen nicht mehr als Menschen, sondern als Monster betrachtet. Die Forderung, &#8222;inhaftierte Terroristen als Geiseln zu erschie\u00dfen&#8220;, wurde ernsthaft diskutiert. Das ist zu h\u00f6ren auf der 1978 im Trikont-Verlag erschienenen Schallplatte &#8222;&#8218;Die Arbeit ist erledigt &#8211; oder? Die Dramatik hat auf meine Kopfh\u00f6rer geschlagen&#8216;. Originalton-Dokumente zum Fall Schleyer im Herbst 1977&#8220;.<\/p>\n<p>Der Mescalero-Text ist einer der am meisten kriminalisierten Artikel in der Geschichte der Bundesrepublik. Betroffen waren nicht nur militante Linke. Ein damaliges Mitglied der <em>Gewaltfreien Aktion G\u00f6ttingen<\/em> wurde zum Beispiel zu einer Geldstrafe von 1.800 D-Mark verurteilt, weil er als Mitglied des G\u00f6ttinger Uni-AStA mitverantwortlich f\u00fcr die Ver\u00f6ffentlichung des Mescalero-Textes gewesen sein soll. Die damalige G\u00f6ttinger Redaktion der gewaltfrei-anarchistischen <em>Graswurzelrevolution<\/em> wurde im Zuge der staatlichen Repression gegen den angeblichen &#8222;Sympathisantensumpf&#8220; der &#8222;Rote Armee Fraktion&#8220; (RAF) durchsucht. Die Graswurzelgruppen haben aus diesem Anlass 1977 eine Brosch\u00fcre zu staatlicher Repression und Terrorismus ver\u00f6ffentlicht: &#8222;Feldz\u00fcge f\u00fcr ein sauberes Deutschland. Politische Erkl\u00e4rung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Aff\u00e4re&#8220;. ((2)) Hierin hatten sie eine gewaltfrei-anarchistische Positionsbestimmung zur RAF formuliert, die die Politik im &#8222;Deutschen Herbst&#8220; 1977 und die Repression analysiert. Die &#8222;staatliche Terroristenhatz&#8220;, so die AutorInnen der &#8222;Feldz\u00fcge&#8220;, w\u00fcrde haupts\u00e4chlich als Vorwand dienen, um repressive Tendenzen vorbeugend gegen potentiell gef\u00e4hrliche soziale Bewegungen, allen voran die Anti-AKW-Bewegung, durchzusetzen.<\/p>\n<p>Der G\u00f6ttinger AStA und viele Alternativmedien, die den Mescalero-Text nach der Inkriminierung dokumentiert haben, wurden kriminalisiert und eingesch\u00fcchtert. Es gab insgesamt mehr als 140 Beschuldigte. Gegen 13 nieders\u00e4chsische Hochschullehrer und 35 Kolleginnen und Kollegen aus dem \u00fcbrigen Bundesgebiet, die &#8222;Buback. Ein Nachruf&#8220; im Wortlaut dokumentiert hatten, wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet. Einige Prozesse, zum Beispiel gegen die Berliner Szenezeitschrift <em>radikal<\/em>, endeten mit hohen Geldstrafen f\u00fcr die presserechtlich verantwortlichen Redakteure. Die presserechtlich verantwortliche Redakteurin der <em>Arbeiterstimme<\/em> wurde am 26. Februar 1978 zu sechs Monaten Haft ohne Bew\u00e4hrung verurteilt, weil sie den Text dokumentiert hat. ((3))<\/p>\n<p>Es hat Berufsverbote f\u00fcr Menschen gegeben, weil sie den Buback-Nachruf nachgedruckt oder verbreitet oder sich f\u00fcr seine ungek\u00fcrzte Ver\u00f6ffentlichung eingesetzt haben. Der anonyme Autor wurde als Verr\u00fcckter, als durchgedrehter Psychopath in den Massenmedien dargestellt. Auch die linksliberale <em>Frankfurter Rundschau<\/em> hat sich in diesem Zusammenhang nicht mit Ruhm bekleckert. Im Grunde waren, abgesehen von einigen, kleinen Alternativbl\u00e4ttern, die Medien gleichgeschaltet. 1977 wurde \u00fcber die Massenmedien eine staatlich gef\u00f6rderte Hetzkampagne losgetreten, die die repressive Stimmung innerhalb gro\u00dfer Teile der Bev\u00f6lkerung verst\u00e4rkte: die Terroristenhysterie.<\/p>\n<p>Das, was in den letzten Wochen dazu gelaufen ist, das sind sozusagen Nachwehen.<\/p>\n<p>Um zu verdeutlichen, wie die Stimmung 1977 in weiten Kreisen der Bev\u00f6lkerung war, m\u00f6chte ich einen von vielen \u00e4hnlichen Leserbriefen vorlesen, der damals an den AStA der Uni G\u00f6ttingen geschrieben wurde. Im Wortlaut:<\/p>\n<p><em>&#8222;ASTA &#8211; LUMPE-Strolche <\/em>[sic!]<em> und Verbrecher am deutschen Volk. Ihr Parasiten geh\u00f6rtet alle in ein Straflager und jeden Tag vor dem Kaffee schon eine Tracht Pr\u00fcgel, da\u00df ihr die W\u00e4nde raufgeht. Euch Br\u00fcdern, ihr feigen Kojoten, Eucht <\/em>[sic!]<em> fehlte weiter nichts wie ein richtiger Krieg, jhr <\/em>[sic!]<em> wollt doch so Helden sein, aber ihr k\u00f6nnt ja nur feige aus dem Hintergrund k\u00e4mpfen und morden. Ihr seit <\/em>[sic!]<em> die Brutst\u00e4tte der Baader-Meinhof Bande. Ihr dreckiges Saupack, geht doch nach Ru\u00dfland, da werden Sie schon der <\/em>[sic!]<em> Arsch aufrei\u00dfen bis an den Stehkragen, ihr sehnt euch doch nach dem Kommunismus. Die w\u00fcrden mit Euch faulen Pack aber kurz Federlesen machen. Dies <\/em>[sic!]<em> ganzen letzten Anschl\u00e4ge habt ihr mit auf dem Gewissen.&#8220;<\/em> ((4))<\/p>\n<p><strong>Stefan Niehoff: Warum hat der Mescalero-Text solche Reaktionen ausgel\u00f6st? Wie k\u00f6nnte man darauf reagieren? Wie w\u00fcrde man heute darauf reagieren?<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Dieter Keiner:<\/em><\/strong> Zu den Reaktionen, die es darauf gab, w\u00fcrde ich gerne auf zwei Kontexte verweisen. Einmal auf Erich Fried. Er hat ein Gedicht geschrieben mit dem Titel &#8222;Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback&#8220;, und er beendet dieses Gedicht folgenderma\u00dfen:<\/p>\n<p><em>&#8222;es w\u00e4re besser gewesen<br \/>\n<\/em><em>so ein mensch<br \/>\n<\/em><em>w\u00e4re nicht so gestorben<br \/>\n<\/em><em>es w\u00e4re besser gewesen<br \/>\n<\/em><em>ein mensch<br \/>\n<\/em><em>h\u00e4tte nicht so gelebt&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Erich Fried ist aufgrund dieses Gedichtes Angriffen, Verleumdungen ausgesetzt gewesen, und er hat dann, Ende November 1977, wie er sagt, veranlasst &#8222;durch ungute Auslegung&#8220; des Gedichtes &#8222;Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback&#8220;, ein Gedicht geschrieben mit dem Titel &#8222;Klage um eine Klage&#8220;. In diesem Gedicht klagt er sowohl um die, die sein Gedicht willentlich missverstanden haben, wie um die T\u00e4ter, als auch um die Opfer. Er schreibt:<\/p>\n<p><em>&#8222;ich klage um ihre k\u00f6pfe weil sie nicht denken wollen dass man auch klagen kann um einen der anders dachte und ich schrieb meine klage auf als klage gegen das morden als klage gegen das unrecht und gegen unsere zeit&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Ein weiterer Kontext, der deutlich macht, mit welcher Sch\u00e4rfe im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text verfolgt, diskriminiert und verleumdet wurde, ist mit dem Namen Peter Br\u00fcckner verbunden. Peter Br\u00fcckner war Hochschullehrer f\u00fcr Psychologie in Hannover. Am 1. August 1977 berichtete dpa mit Blick auf den CDU-Vorsitzenden des Landes Niedersachsen und Bundesratsminister, Wilfried Hasselmann, dass er gesagt habe, die Bev\u00f6lkerung erwarte, dass nun endlich Taten folgten. Alle Lobredner des Terrors und alle Besch\u00f6niger terroristischer Erg\u00fcsse m\u00fcssten von den Hochschulen entfernt werden. F\u00fcr die Parteig\u00e4nger der Gewalt d\u00fcrfe es keinen Platz in den Hochschulen geben.<\/p>\n<p>Dieses Zitat, neben dem Gedicht von Erich Fried und den auf dieses Gedicht bezogenen Angriffen, verdeutlicht, welches Klima in der Bundesrepublik herrschte und welche Versuche gemacht wurden, die Rolle des Staates in der Gewalteskalation der 70er Jahre zu tabuisieren, nicht zu thematisieren und ausschlie\u00dflich sich darauf zu beziehen, dass sich in der RAF ein Terrorismus ausdr\u00fccke, der mit anderen Mitteln bek\u00e4mpft werden m\u00fcsse. Dass es darum gehe, die geistigen Urheber dieses Terrorismus zu entlarven und zum Beispiel aus den Hochschulen zu entfernen. Das hei\u00dft also: keine Debatte, die mit analytischer Klarheit gef\u00fchrt worden w\u00e4re und in der auch Erkenntnisse h\u00e4tten gewonnen werden k\u00f6nnen, in welcher Weise eigentlich die Gewalteskalation in den 70er Jahren in der Bundesrepublik erkl\u00e4rt werden m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Diese Debatte ist deswegen noch so schwierig, weil jeder Versuch, dieses Wechselspiel von Staat und RAF zu diskutieren, diejenigen, die das tun, sofort in die Ecke derjenigen bringt, die die Gewalt bef\u00fcrworten, die die RAF-Morde bef\u00fcrworten. Das Spiel wird bis heute gespielt. Es ist von daher gut, dass wir auch anhand des Mescalero-Textes deutlich machen k\u00f6nnen, dass die Verzerrungen aktuell sind und eine lange Tradition haben.<\/p>\n<p><strong>Stefan Niehoff: Bernd, was f\u00fcr einen Eindruck hinterl\u00e4sst es, wenn Du solche Diffamierungen mitbekommst, wie sie zum Beispiel in Reaktion auf den Mescalero-Aufruf hinten auf der Brosch\u00fcre &#8222;Feldz\u00fcge f\u00fcr ein sauberes Deutschland&#8220; dokumentiert sind. Aber auch, wenn man sich anguckt, welchen Verfolgungen Leute ausgesetzt waren, die einfach nur den Mescalero-Text in ihren Zeitungen und Publikationen nachgedruckt haben? Du bist auch Journalist, kannst Du das aus dieser Perspektive analysieren?<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Bernd Dr\u00fccke<\/em>:<\/strong> Ich halte das nicht f\u00fcr ein historisches Ereignis in dem Sinne, dass es etwas Au\u00dfergew\u00f6hnliches ist. Es gab verst\u00e4rkt seit 1968 und bis heute immer wieder Ermittlungsverfahren und andere Repressionsma\u00dfnahmen gegen unliebsame, linke Alternativmedien. Davon bekommt die \u00d6ffentlichkeit aber in der Regel kaum etwas mit.<\/p>\n<p>Ich sehe es so, dass die staatliche Repression noch aktuell ist, dass sie sich bei Bedarf versch\u00e4rfen l\u00e4sst, dass sie sozusagen als Damoklesschwert \u00fcber den Macherinnen und Machern von alternativen Medien schwebt. Von Zeit zu Zeit werden kritische Journalistinnen und Journalisten, kritische Menschen, Macherinnen und Macher von linken Bewegungsmedien kriminalisiert. Gegen mich wurde zum Beispiel w\u00e4hrend des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien 1999 ein Ermittlungsverfahren wegen &#8222;\u00f6ffentlicher Aufforderung zu Straftaten&#8220; (\u00a7 111 StGB) eingeleitet, weil ich als presserechtlich verantwortlicher Redakteur der <em>Graswurzelrevolution<\/em> die Soldatinnen und Soldaten zur Desertion aufgerufen habe.<\/p>\n<p>Bundesweit wurden 1999 im Zusammenhang mit dem NATO-Krieg gegen Jugoslawien gegen 40 Leute Ermittlungsverfahren wegen Desertionsaufrufen eingeleitet.<\/p>\n<p>Ein Aspekt der aktuellen &#8222;Buback-Debatte&#8220; ist, dass sich Gr\u00fcne, allen voran J\u00fcrgen Trittin, von direkten gewaltfreien Aktionen gegen die Castor-Transporte distanziert haben. Das war im Grunde eine direkte Reaktion auf die CDU- und Bildzeitungs-Kampagne, die gegen Trittin und Fischer gelaufen ist, dass Trittin gesagt hat: &#8222;Aktionen gegen die Castortransporte sind nicht legitim.&#8220; Diese Distanzierung ist ein nicht unerw\u00fcnschter Nebeneffekt dieser Kampagne.<\/p>\n<p>Trittin war in seiner G\u00f6ttinger Zeit als Student der Sozialwissenschaften Hausbesetzer, Aktivist in studentischen Gruppen, im &#8222;Kommunistischen Bund&#8220; und zeitweise im AStA. Noch, nachdem er 1990 gr\u00fcner Minister in Niedersachsen geworden war, wollte er sich nicht von dem Mescalero-Text distanzieren. Er war kein Mitglied der &#8222;Mescalero&#8220;-Sponti-Gruppe, er war weder an der Entstehung noch an der Ver\u00f6ffentlichung des Textes beteiligt, hatte ihn aber noch 1993 als eine &#8222;radikal pazifistische Absage an den Terrorismus&#8220; charakterisiert. Damit hatte er recht.<\/p>\n<p>Aber eine solch unerw\u00fcnschte Tatsache \u00fcber einen von den Massenmedien und Politikern immer wieder verf\u00e4lscht dargestellten Text zu \u00e4u\u00dfern, das kann sich ein Bundesumweltminister nicht erlauben. Er muss sich distanzieren, wenn er sein Amt behalten will. Und das tat der von der Springerpresse ins Visier genommene Minister umgehend.<\/p>\n<p>Ich denke, dass der Text &#8222;Buback. Ein Nachruf&#8220; immer noch aktuell ist, n\u00e4mlich aufgrund der Fragen, die er aufwirft: Staatliche Legitimit\u00e4t, gibt es die? Gibt es ein legitimes Monopol auf Gewalt? Oder gibt es dies nicht? Und wenn nicht, wie kann gewaltfreier Widerstand, wie kann sogenannte &#8222;Gegengewalt&#8220; von unten aussehen, wenn sie nicht in Terror umschlagen soll?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stefan Niehoff: Im Studio begr\u00fc\u00dfe ich zum Gespr\u00e4ch die Uni-Dozenten Dr. Bernd Dr\u00fccke und Dr. Dieter Keiner. 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