{"id":9921,"date":"2010-04-01T00:00:11","date_gmt":"2010-03-31T22:00:11","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9921"},"modified":"2022-07-26T12:58:58","modified_gmt":"2022-07-26T10:58:58","slug":"warum-ich-nicht-queer-bin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/04\/warum-ich-nicht-queer-bin\/","title":{"rendered":"Warum ich nicht queer bin"},"content":{"rendered":"<p>Bis vor kurzem war das f\u00fcr mich kein Problem, weil die Frauen,                 mit denen ich politisch-feministisch zusammenarbeite, ebenfalls                 keine &#8222;Butlerianerinnen&#8220; sind. <\/p>\n<p>Seit ich aber ein Blog schreibe und andere feministische Blogs                 lese und dort kommentiere, begegne ich dem auf Butlers Denken                 zur\u00fcckgehenden Queer-Feminismus h\u00e4ufig, und in Kommentardiskussionen                 ergeben sich daraus immer wieder \u00e4hnliche Missverst\u00e4ndnisse und                 Differenzen.<\/p>\n<p>Deshalb m\u00f6chte ich hier einmal aufschreiben, warum ich nicht                 queer bin. Und zwar ausgehend von meiner pers\u00f6nlichen Geschichte,                 denn vermutlich sind biografische Gr\u00fcnde ziemlich bedeutsam f\u00fcr                 die theoretischen Wege, die jemand geht.<\/p>\n<p>Als ich 19 war, zog ich vom Dorf in die Gro\u00dfstadt, nach Frankfurt,                 um zu studieren. Das war 1983. Vom Feminismus als politischer                 Bewegung hatte ich noch nichts geh\u00f6rt, sehr wohl aber war mir                 bewusst, dass sich Frauenrollen ganz heftig in \u00c4nderungsprozessen                 befanden. Zumindest war ich fest entschlossen, dass alles, was                 man bisher \u00fcber Frauen gesagt hatte (und auch zu mir), f\u00fcr mich                 absolut keine G\u00fcltigkeit haben w\u00fcrde. Ich f\u00fchlte mich frei, unabh\u00e4ngig                 und emanzipiert &#8211; ob es daf\u00fcr nun einen Namen gab oder nicht.<\/p>\n<p>Konkret bedeutete das, dass ich mir von niemandem Vorschriften                 machen lie\u00df, weder von den &#8222;Erwachsenen&#8220;, noch von den M\u00e4nnern,                 mit denen ich Beziehungen hatte. Ich diskutierte nicht, ich verk\u00fcndete                 meine Entscheidungen: meiner Mutter, dass ich nicht beabsichtigte,                 jemals Unterhemden zu b\u00fcgeln, meinem damaligen Freund, dass Penetrationssex                 f\u00fcr mich nicht in Frage kommt, weil er mir keinen Spa\u00df macht.                 Solche Dinge. Auf die Idee, ich k\u00f6nnte in unserer WG irgendwie                 mehr f\u00fcr Putzen und Kochen zust\u00e4ndig sein als die M\u00e4nner, die                 dort wohnten, w\u00e4re ich ohnehin nicht gekommen (die M\u00e4nner \u00fcbrigens                 auch nicht).<\/p>\n<p>Die Frauenbewegung, die ich dann an der Uni vorfand, bot mir                 also lediglich eine Theorie f\u00fcr das, was ich ohnehin selbstverst\u00e4ndlich                 fand: dass ich, eine Frau, tun und lassen kann, was ich will,                 und dass der Wunsch danach (und die kompromisslose Entschlossenheit                 dazu) nicht eine individuelle Macke von mir ist, sondern Teil                 eines umfassenden politischen Projektes zur Befreiung aus altmodischen                 Rollenklischees.<\/p>\n<p>Diese selbe Frauenbewegung langweilte mich aber auch, weil sie                 mir pers\u00f6nlich nicht weiterhelfen konnte. Wie gesagt, sie konstatierte                 ja aus meiner Sicht nur das ohnehin Selbstverst\u00e4ndliche. Interessant                 fand ich lediglich das eine oder andere konkrete Thema: das Experimentieren                 mit geschlechterbewusster Sprache zum Beispiel oder die Erforschung                 von Frauengeschichte. Was das Thema pers\u00f6nliche Befreiung betraf,                 so sah ich nat\u00fcrlich ein, dass nicht alle Frauen so selbstbewusst                 waren wie ich, dass ich als Kind der Mittelschicht bessere Startchancen                 hatte als andere und so fort. Deshalb, so dachte ich, brauchte                 es nat\u00fcrlich den Feminismus, brauchte es Solidarit\u00e4t etcetera.                 Aber ich, pers\u00f6nlich, brauchte die Frauenbewegung nicht.<\/p>\n<p>Bei all dem w\u00e4re ich aber nie auf die Idee gekommen, die Tatsache                 meines Frauseins in Frage zu stellen. Wenn ich Motorrad fuhr,                 wenn ich Sex mit Frauen hatte, wenn ich andere in Grund und Boden                 diskutierte, wenn ich unger\u00fchrt zusah, wie sich der Abwasch in                 der Sp\u00fcle stapelte &#8211; dann w\u00e4re ich nicht f\u00fcr eine Sekunde auf                 den Gedanken gekommen, dass ich damit die Grenzen meiner Geschlechtszugeh\u00f6rigkeit                 \u00fcberschreiten w\u00fcrde. Ganz im Gegenteil: Ich war dadurch erst recht                 eine Frau, so &#8222;unbeschreiblich weiblich&#8220; wie Nina Hagen, wenn                 sie sich keine kleinen Kinder anschaffen wollte.<\/p>\n<p>Und auch die M\u00e4nner waren ja l\u00e4ngst nicht mehr so wie das Klischee.                 Sie hatten lange Haare, trugen Bl\u00fcmchenblusen und \u00fcbten gewaltfreie                 Kommunikation. Sie gingen einkaufen und putzten das Bad, sie diskutierten                 \u00fcber ihre Gef\u00fchle, manche wurden schwul. Und niemals w\u00e4ren wir                 auf die Idee gekommen, sie w\u00fcrden dabei irgendwelche &#8222;weiblichen                 Seiten&#8220; an sich entdecken, ganz im Gegenteil: Es wurden doch &#8222;neue                 M\u00e4nner&#8220; aus ihnen!<\/p>\n<p>Aber dann kam Judith Butler. Am Anfang fand ich ihren Gedanken,                 dass nicht nur soziale Geschlechtsrollen konstruiert sind (was                 damals schon ein alter Hut war), sondern auch der biologische                 K\u00f6rper, durchaus spannend. Und es leuchtete mir auch absolut ein,                 jedenfalls auf einer theoretischen Ebene. Allerdings fand ich                 es nicht wirklich alltagsrelevant. Zum Beispiel \u00e4nderte diese                 theoretische Erkenntnis ja nichts an der Tatsache, dass ich schwanger                 werden konnte, die M\u00e4nner, mit denen ich Sex hatte, aber nicht.                 So what.<\/p>\n<p>Eines Abends sah ich dann im Fernsehen ein Interview mit Judith                 Butler, in dem sie auf mich doch sehr altbacken wirkte. Sie erz\u00e4hlte,                 wie sie auf die Idee f\u00fcr ihr Buch gekommen war: Eines Abends habe                 sie in einer Schwulendisko M\u00e4nnern beim Tanzen zugeschaut und                 ihr sei aufgefallen, dass diese sich vollkommen &#8222;weiblich&#8220; bewegten.                 So ein Schwachsinn, dachte ich, seit wann ist es denn weiblich,                 wenn M\u00e4nner mit den H\u00fcften wackeln.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich waren gerade solche Zuschreibungen nicht etwa ein Fortschritt                 im Bezug auf die \u00dcberwindung von Geschlechterklischees, sondern                 ein R\u00fcckschritt. Ein Mann, der mit den H\u00fcften wackelt, bewegt                 sich nicht &#8222;weiblich&#8220;, sondern er macht aus dem H\u00fcftenwackeln                 eine m\u00e4nnliche Bewegungsform. So wie Frauen, die Hosen tragen,                 keine &#8222;M\u00e4nnerkleidung&#8220; anziehen, denn Hosen sind l\u00e4ngst Frauenkleidung                 geworden. Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau. Ganz egal, was                 sie tut. Und ein Mann auch.<\/p>\n<p>Und dieser Meinung bin ich heute noch. Meinetwegen k\u00f6nnen einzelne                 Frauen M\u00e4nner werden und andersherum, oder sie k\u00f6nnen sich weitere                 Geschlechter erfinden, dagegen habe ich nichts. Ich werde aber                 allergisch, wenn das mit &#8222;weiblichem&#8220; oder &#8222;m\u00e4nnlichem&#8220; Habitus                 analysiert wird. Ich kann nicht sehen, warum ein Mann sich &#8222;weiblich&#8220;                 gibt, wenn er sich die Lippen schminkt oder St\u00f6ckelschuhe tr\u00e4gt                 &#8211; ich tue weder das eine noch das andere und bin trotzdem ganz                 unbestreitbar eine Frau. Also wenn, muss es andere Gr\u00fcnde haben.<\/p>\n<p>Die Entwicklung des Feminismus in den 1990er Jahren war f\u00fcr mich                 im Gro\u00dfen und Ganzen eine Entt\u00e4uschung. An den Unis wurde mehr                 oder weniger nur noch \u00fcber Judith Butler diskutiert (was allerdings,                 soweit ich es beurteilen kann, ein deutsches Ph\u00e4nomen ist, in                 den USA blieb die Bewegung auch im Hinblick auf die Theoriearbeit                 vielf\u00e4ltiger), w\u00e4hrend in den staatlichen Institutionen die Gleichstellung                 einzog, die immer weniger revolution\u00e4re Ambitionen hatte.<\/p>\n<p>\u00dcber italienische Feministinnen stie\u00df ich dann Anfang der neunziger                 Jahre auf andere Theorien, die sich f\u00fcr meinen politischen Alltag                 und das Projekt &#8222;Wie kann ich eine freie Frau sein&#8220; als hilfreich                 erwiesen und die mich letztlich doch noch zur ausgewiesenen Feministin                 machten &#8211; doch das ist eine andere Geschichte, die ich vielleicht                 an anderer Stelle mal erz\u00e4hle.<\/p>\n<p>Heute haben wir es jedenfalls in der Alltagskultur wieder mit                 Geschlechterklischees zu tun, von denen ich mir vor f\u00fcnfundzwanzig                 Jahren niemals h\u00e4tte tr\u00e4umen lassen, dass das m\u00f6glich w\u00e4re. Jungs                 tragen blau, M\u00e4dchen stehen auf rosa &#8211; tiefster f\u00fcnfziger Jahre-Mist.<\/p>\n<p>Wenn ich mir anschaue, wie sich M\u00e4dchen und Jungen heute schon                 in Schulen voneinander separieren, dann leben wir im Vergleich                 zu meiner Kindheit in Zeiten krasser Geschlechterapartheid. Und                 was die Machismo-Inszenierungen junger M\u00e4nner oder der nuttige                 K\u00f6rperexhibitionismus junger Frauen soll, ist mir schleierhaft.                 Nicht, dass ich das moralisch verwerflich finde. Mir ist blo\u00df                 schleierhaft, wie man damit Freiheit verbinden kann.<\/p>\n<p>Ich kann es mir nur so erkl\u00e4ren, dass es nach wie vor offenbar                 eine tiefe Sehnsucht gibt, Frau und Mann zu sein. Dass es aber                 an Ideen und Beispielen daf\u00fcr fehlt, wie das in Freiheit m\u00f6glich                 w\u00e4re. Es gibt keine Vorbilder, nur noch Klischees. In dem Versuch,                 das Geschlecht abzuschaffen, wurde so viel \u00fcber die Geschlechterunterschiede                 diskutiert und geforscht, dass sie sich hinterr\u00fccks zu Riesenmonstern                 ausgewachsen haben.<\/p>\n<p>Was aus meiner Sicht notwendig w\u00e4re, ist, die Praxis des freien                 Frauseins und des freien Mannseins weiter zu verfolgen, zu verfeinern,                 darin zu Meisterinnen und Meistern zu werden.<\/p>\n<p>Und deshalb bin ich nicht queer. Denn wenn Frauen, die &#8222;anders&#8220;                 sind, gar nicht mehr als Frauen wahrgenommen werden, sondern als                 Queer, dann bleibt f\u00fcr diejenigen, die weiterhin Frauen sind,                 eben nur das Klischee \u00fcbrig. Und wenn sich die ganze feministische                 Energie darauf konzentriert, den Sinn der Existenz von Frauen                 (und M\u00e4nnern) zu bestreiten, dann wird der Feminismus logischerweise                 auch nichts zur Freiheit von Frauen und M\u00e4nnern beitragen k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bis vor kurzem war das f\u00fcr mich kein Problem, weil die Frauen, mit denen ich politisch-feministisch zusammenarbeite, ebenfalls keine &#8222;Butlerianerinnen&#8220; sind. 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