{"id":9955,"date":"2010-04-01T00:00:42","date_gmt":"2010-03-31T22:00:42","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9955"},"modified":"2022-07-26T14:14:37","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:37","slug":"eine-andere-gesellschaft-muss-auch-eine-liebevollere-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/04\/eine-andere-gesellschaft-muss-auch-eine-liebevollere-sein\/","title":{"rendered":"&#8222;Eine andere Gesellschaft muss auch eine liebevollere sein&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><b>GWR: Gestern Abend hast Du in Kaufungen ein dreist\u00fcndiges                 Konzert gegeben. Da waren wir von der <i>Graswurzelrevolution<\/i>                 mit einigen Leuten im Publikum vertreten. Wir waren sehr angetan.<\/b><\/p>\n<p><b>Du hast dort auch \u00fcber Herrschaftsfreiheit gesprochen und                 gesungen. Viele kennen Dich sicher eher aus anderen Zusammenh\u00e4ngen,                 auch im Zusammenhang mit der Linkspartei. ABER: ich habe jetzt                 in der <i>Zeitpunkt<\/i>, einer sehr lesenswerten libert\u00e4ren Zeitung                 aus der Schweiz, ein Interview mit Dir gelesen, wo Du Dich zum                 Beispiel zum Thema Anarchie und Anarchismus ge\u00e4u\u00dfert hast. Was                 bedeutet f\u00fcr Dich Anarchie?<\/b><\/p>\n<p><i>Konstantin Wecker:<\/i> Ich habe mich immer schon, auch in                 der 68er-Zeit, dem Anarcho-Lager zugeh\u00f6rig gef\u00fchlt, weil ich als                 junger Mann von Henry Miller schwer beeindruckt war. Von dem sollte                 man sich \u00fcbrigens wieder beeindrucken lassen, der ist leider sehr                 in Vergessenheit geraten, ein gro\u00dfartiger Denker und Romancier.                 Er hat mal diesen sch\u00f6nen Satz gesagt: &#8222;Als K\u00fcnstler hat man quasi                 die Verpflichtung, Anarchist zu sein. Es gibt gar keine andere                 M\u00f6glichkeit.&#8220;<\/p>\n<p>Henry Miller ist immer sehr radikal gewesen in seinen Ansichten.                 Das hat mich mit best\u00e4tigt.<\/p>\n<p>Als ich mit 14 in einem sehr strengen Gymnasium, dem Wilhelms-Gymnasium                 in M\u00fcnchen, wo noch etliche Alt-Nazis Lehrer waren, ein extrem                 konservatives Gymnasium, humanistisch, gewesen bin, da habe ich                 angefangen, mich zu politisieren, auf rein emotionale Weise. Wir                 hatten keine Vorbilder, wir hatten kaum \u00e4ltere Jungs, die einen                 da in irgendeiner Weise h\u00e4tten unterrichten oder einem etwas h\u00e4tten                 mitgeben k\u00f6nnen. Die waren alle sehr brave S\u00f6hne reicher Eltern                 und wollten alle Jurist oder Arzt werden. Aber ich habe, aus irgendeinem                 Grund und auch durch mein freies Elternhaus bedingt, etwas von                 Bakunin mitgekriegt, habe dann Stirner und Bakunin gelesen und                 unglaublich angegeben damit. <\/p>\n<p>Eigentlich kein Wort so richtig verstanden, aber richtig auf                 den Putz gehauen. Da war ich dann pl\u00f6tzlich Anarchist, hatte aber                 noch relativ wenig Ahnung, was das Ganze ist. Ich wusste nur,                 es ist gegen das, was mit der Schule zu tun hat. So habe ich mich                 mit dem Wort angefreundet.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter dann, in der 68er-Zeit, da waren wir auch intellektuell                 mehr an der Sache dran. Da war mir klar, dass die einzige M\u00f6glichkeit                 f\u00fcr eine freie Welt auch eine herrschaftsfreie Welt sein m\u00fcsse.                 Best\u00e4tigt hat mir das die Entwicklung, die auch viele linke Gruppen                 gegangen sind. <\/p>\n<p>Am Anfang war die 68er-Bewegung wirklich eine sehr anarchische,                 kann man sagen, mit sehr viel Lust und Spa\u00df dabei. Jeder konnte                 sich eigentlich und wollte sich so frei wie m\u00f6glich entwickeln.<\/p>\n<p>Dann kamen die ersten Kadergruppen. Und ich habe das gemerkt,                 dass meine Feinde in erster Linie, zwischen 1970 und 1980, weniger                 die Konservativen waren, sondern die verschiedenen Linksgruppen,                 die mich alle angegangen sind, die beim Konzert die B\u00fchne gest\u00fcrmt                 haben, das war die KPD\/ML, das waren die Marxisten-Leninisten,                 die Trotzkisten. <\/p>\n<p>Vor allem die Trotzkisten haben mir das Leben schwer gemacht.                 Die kamen dann immer zu mir und haben gesagt: &#8222;Ja, eigentlich                 bist du schon begabt, das ist alles in Ordnung, aber du hast keine                 Ahnung, wie es ideologisch wirklich l\u00e4uft.&#8220;<\/p>\n<p>Das war mir von Haus aus unsympathisch. Die wollten meine Texte                 umschreiben. Und das habe ich \u00fcberhaupt nicht eingesehen. Du hast                 gestern das Lied &#8222;Der alte Kaiser&#8220; [<i>siehe Kasten<\/i>] von mir                 geh\u00f6rt, und da gab es ganz viele Diskussionen, weil ich es gewagt                 habe, dass mir ein Herrscher, ein Diktator leid tat. Ich hatte                 ja Mitgef\u00fchl in diesem Lied f\u00fcr den 1974 gest\u00fcrzten \u00e4thiopischen                 Kaiser Haile Selassie. Das Lied wurde konsequent ausgepfiffen,                 genau wie &#8222;Wenn der Sommer nicht mehr weit ist&#8220;, das war &#8222;zu poetisch&#8220;,                 da war auch ein Cello dabei, &#8222;so etwas macht man nicht&#8220;. So habe                 ich gesp\u00fcrt, dass die Ideologisierung wie jede Form von Fundamentalismus                 der Todfeind der Kunst ist, und der Poesie und der freien k\u00fcnstlerischen                 Entwicklung.<\/p>\n<p>Du hast die Linkspartei angesprochen. Ich bin kein Mitglied der                 Linkspartei, ich habe das immer wieder betont. Ich habe auch keinen                 Wahlkampf f\u00fcr die Linkspartei gemacht. Ich hab aber gesagt, dass                 ich mich freue, dass es das gibt, weil wir einen Gegenpol im Parlament                 haben m\u00fcssen, der wenigstens den anderen ein bisschen Schrecken                 einjagt. Und das hat die Linkspartei getan, das tut sie heute                 noch. Das sieht man an den Medienreaktionen, wie zum Beispiel                 Oskar Lafontaine in einer Art und Weise gebasht wurde, wie ich                 das noch nie in Deutschland erlebt habe, dass man sich auf eine                 Person so einschie\u00dft und versucht, sie fertig zu machen. Das war                 unanst\u00e4ndig, was sie mit ihm gemacht haben.<\/p>\n<p><b>GWR: Ja. Was ich denke, ist aber auch, dass sp\u00e4testens dann,                 wenn Parteien &#8211; wie auch die Linkspartei &#8211; an die Macht kommen,                 dass sie dann an der Macht kleben und jede Schweinerei mitmachen,                 wenn ansonsten der eigene Machterhalt gef\u00e4hrdet w\u00e4re. Das sieht                 man auch an der Koalition von Linkspartei und SPD in Berlin. Sp\u00e4testens                 wenn die Linkspartei an der Macht beteiligt wird, w\u00fcrde sie sich                 kaum noch von den Gr\u00fcnen unterscheiden. Und die Gr\u00fcnen haben innerhalb                 k\u00fcrzester Zeit ihre Prinzipien \u00fcber Bord geworfen. 1998 sind sie                 noch mit der Forderung &#8222;Keine Auslandseins\u00e4tze der Bundeswehr&#8220;                 in den Wahlkampf gezogen. Kaum waren sie an der Macht beteiligt,                 haben sie 1999 den NATO-Angriffskrieg gegen Jugoslawien mitgef\u00fchrt                 und ihre pazifistischen Positionen vergessen. Ich glaube, das                 w\u00e4re bei der Linkspartei nicht anders, wenn sie an der Regierung                 w\u00e4re. W\u00fcrdest Du sie auch noch unterst\u00fctzen, wenn sie Regierungspartei                 w\u00e4re?<\/b><\/p>\n<p><i>Konstantin Wecker:<\/i> Nein, das m\u00f6chte ich nicht. Ich unterst\u00fctze                 eine starke Opposition. <\/p>\n<p>Und ich habe ja auch schon meine gro\u00dfe Entt\u00e4uschung mit den Gr\u00fcnen                 hinter mir. Ich habe die Gr\u00fcnen unterst\u00fctzt, auch im Wahlkampf                 mit Petra Kelly, als es darum ging, dass sie \u00fcberhaupt ins Parlament                 kommen, wegen der ber\u00fchmten 5 Prozent. Das war die Gr\u00fcne Raupe,                 eine wunderbare Bewegung mit K\u00fcnstlern aus allen Lagern. Das war                 wirklich sehr sch\u00f6n. Ich habe es wegen Petra Kelly gemacht. Ich                 bin ein sehr personenbezogener Mensch. <\/p>\n<p>Ich bin auch der Meinung, dass die Petra uns fehlt, das war eine                 tolle Frau, die h\u00e4tte die ganzen Schwenks nicht mitgemacht. Deswegen                 hat man sie auch in der Partei abserviert. <\/p>\n<p>Unter Petra Kelly h\u00e4tte es keine Zustimmung zum Kosovokrieg gegeben,                 da bin ich mir sicher.<\/p>\n<p><b>GWR: Ich nicht.<\/b><\/p>\n<p><i>Konstantin Wecker:<\/i> Bei manchen Leuten kann man sich darauf                 verlassen. Petra Kelly war kein Machtmensch. Auf der anderen Seite                 gebe ich Dir in einem Punkt recht. Ich habe jetzt eine interessante                 Untersuchung gelesen, Arno Gr\u00fcn hat mir das zugeschickt, ich habe                 das auch auf meiner Website ver\u00f6ffentlicht, eine Untersuchung                 einer amerikanischen Psychologin, die behauptet, dass Macht verr\u00fcckt                 macht.<\/p>\n<p><b>GWR: Ja.<\/b><\/p>\n<p><i>Konstantin Wecker:<\/i> In dem Moment, wo man Macht hat, wird                 man ein Soziopath, weil die Wirklichkeit so eingeschr\u00e4nkt wird                 und einem die Wirklichkeit dann von den Zubringern erkl\u00e4rt wird.<\/p>\n<p>Ich war mal mit Scharping unterwegs, ein paar Tage lang habe                 ich ihn mal begleitet auf einer Wahlkampftour, nicht als Wahlkampfhelfer,                 wir waren befreundet, bevor er zum Kriegsminister wurde. Da war                 er ja Kanzlerkandidat. Und da habe ich das erlebt, der arme Mann                 hat keine Gelegenheit mehr gekriegt, von der Wirklichkeit irgendetwas                 mitzukriegen, der Wirklichkeit der anderen. Der kriegt am Morgen                 als Spitzenpolitiker sein Dossier von irgendjemand, der das auch                 schon aussucht, dann kommt der Geheimdienst und gibt noch bestimmte                 Informationen, dann kommt ein Haufen Schleimer, die kreuzen deinen                 Weg, also wie sollst du da noch irgendetwas mitbekommen.<\/p>\n<p>Das ist \u00fcbrigens auch bei K\u00fcnstlern gef\u00e4hrlich, wenn sie eine                 Position erreichen, wo ihnen allgemein zu viel gehuldigt wird,                 wo sie vor allem auch \u00f6konomisch interessant sind f\u00fcr Plattenfirmen.                 Das war sicher einer der Gr\u00fcnde, warum ich mich so oft zur\u00fcckgezogen                 habe nach Italien, wo es dann hie\u00df: &#8222;Der Wecker, was ist denn                 mit dem los, der ist so unpolitisch&#8220;, als ich mit der Platte \u201aLiebesflug&#8216;                 herauskam, weil ich den ganzen Druck nicht mehr aushalten wollte.                 Das hat sicher auch mit meiner Drogenproblematik zu tun, zu sp\u00fcren,                 dass ich mich durch einen Erfolg ver\u00e4ndert habe und dadurch, was                 im Umkreis eines Erfolgs pl\u00f6tzlich auf einen zukommt, was einen                 daran hindert, dass man mit den Menschen, mit denen man eigentlich                 zu tun haben m\u00f6chte, weiterhin zu tun hat. (&#8230;)<\/p>\n<p>Wenn du mal mit Politikern unterwegs bist: wie die hofiert werden,                 also allein wenn es um so Kleinigkeiten geht, einen Platz im Restaurant                 zu kriegen, das eigentlich voll ist, wenn du Politiker bist, die                 w\u00fcrden im Restaurant sofort auf der Stelle einen Extraanbau machen,                 um dich dort bewirten zu d\u00fcrfen. Und so geht das wahrscheinlich                 \u00fcberall, du willst in die Oper, du willst ins Theater, du bist                 wer, das ist wahrscheinlich ein Gef\u00fchl, auf das man nicht gerne                 verzichtet. Dann kommt noch etwas dazu, das ich in den letzten                 Jahren nie so bedacht habe: das Gehalt eines Bundestagsabgeordneten                 ist sehr hoch, und nach sieben Jahren, glaube ich, kriegst du                 eine Superrente. Da will keiner drauf verzichten, da will man                 an der Macht bleiben, koste es, was es wolle. Da muss man schon                 sehr viel Anstand in sich haben, um das in Frage zu stellen.<\/p>\n<p>Wenn ich mir jetzt \u00fcberlege, bei der Linken sind zwei Leute,                 was ich ihnen von Herzen g\u00f6nne, ehemalige Hartz 4-Empf\u00e4nger. Ich                 meine, das ist ja f\u00fcr die wie ein Lottogewinn, allein rein finanziell.                 Ich g\u00f6nne es ihnen wirklich. Das ist auch toll, wenn ein Hartz                 4-Empf\u00e4nger pl\u00f6tzlich 7.000 Euro Gehalt im Monat kriegt. Da muss                 man menschliche Gr\u00f6\u00dfe haben, auf das zu verzichten. <\/p>\n<p>Das sind alles Sachen, die sollte man bedenken, wenn es um Abstimmungen                 geht, f\u00fcr Krieg, gegen Krieg und wie auch immer. Wenn es darum                 geht, um jeden Preis an der Macht zu bleiben, gut, in die Opposition                 geht man vielleicht noch, aber aus dem Bundestag will man, glaub                 ich, nicht raus. Aufgestellt werden, auf einen vorderen Listenplatz,                 das m\u00f6chte man. Das ist sehr menschlich. Das ist keine gro\u00dfe Anklage                 von mir. Niemand wei\u00df, wie er in der Situation reagieren w\u00fcrde.                 Aber es ist wichtig, das auch zu wissen, wenn wir wieder an Wahlen                 denken und wenn wir von Politkern erwarten, dass sie doch endlich                 mal mehr Charakterst\u00e4rke zeigen sollten. <\/p>\n<p>Das Negativbeispiel ist Gerhard Schr\u00f6der, der verdient jetzt                 1,5 Millionen im Jahr, und Fischer ist nun Berater auch von BMW.                 Das ist schon eher ekelig. Dieser Werdegang von zwei Menschen,                 denen man anfangs noch Sympathie entgegengebracht hat, ist eine                 Katastrophe. Ich sage manchmal in meinen Konzerten, dass ich oft                 von der Presse gefragt werde, warum ich nicht zynisch geworden                 sei, was wohl ein allgemeiner Werdegang ist, zynisch zu werden,                 wenn man sieht, dass man eigentlich nicht viel im politischen                 Sinne bewirkt hat. Dann sage ich meinem Publikum: &#8222;Daran seid                 Ihr schuld. Ihr geht seit 30 Jahren in meine Konzerte. Ihr habt                 nicht aufgegeben!&#8220;<\/p>\n<p>Es ist nicht jeder in diesem Land zum Schr\u00f6der oder Fischer mutiert.                 Es gibt auch die anderen, die sind halt nicht so bekannt, und                 ich erlebe die und das macht mir Mut. Die Hoffnung, die ich weiterhin                 habe, und der Glaube an den Menschen haben damit zu tun, dass                 ich immer wieder, wie gestern Abend, erleben kann, da sind 700,                 800, manchmal 1000, manchmal 2000 Leute, die ein wirkliches Bed\u00fcrfnis                 haben, etwas zu ver\u00e4ndern, die sich ber\u00fchren lassen wollen, die                 nicht aufgegeben haben, die keine Zombies geworden sind.<\/p>\n<p><b>GWR: Ich denke, Macht macht nicht nur bl\u00f6d, wie Du es gerade                 beschrieben hast, sondern Macht sorgt auch daf\u00fcr, dass sich der                 Charakter eines Menschen negativ ver\u00e4ndert. <\/b><\/p>\n<p><i>Konstantin Wecker:<\/i> Macht macht soziopathisch.<\/p>\n<p><b>GWR: Sobald eine Partei sich etabliert und in Machtstrukturen                 reinkommt, dann findet bei den Mitgliedern, die an der Macht oder                 im Parlament sind, auch ein Realit\u00e4tsverlust statt. Sie bekommen                 dann meist ein Gef\u00fchl, dass sie jetzt etwas Besseres als der &#8222;kleine                 Mann&#8220; auf der Stra\u00dfe seien. Sie sitzen dann im Raumschiff Bundestag                 oder im Raumschiff Europaparlament und schweben sozusagen \u00fcber                 dem Ganzen.<\/b><\/p>\n<p><i>Konstantin Wecker:<\/i> Dieser Realit\u00e4tsverlust, das ist auch                 etwas, das in dieser Studie herauskam, der geht mit der Macht                 nat\u00fcrlich Hand in Hand. <\/p>\n<p>Es ist eben nicht nur die politische Macht. Ich wei\u00df nicht, ob                 Du diesen Schiedsrichterskandal mitgekriegt hast?<\/p>\n<p>Selbst in so etwas popelig Uninteressantem wie dem Schiedsrichterwesen                 entwickeln sich Machtstrukturen, die bis hin zu einer sexuellen                 Abh\u00e4ngigkeit f\u00fchren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\u00dcberall, in unserem gesamten Gesellschaftssystem ist das so.                 Jeder, der auch nur ein kleines Machtp\u00f6stchen inne hat, wird es                 versuchen auszunutzen, wenn er nicht f\u00fcr sich pers\u00f6nlich eine                 andere, auch spirituelle Entwicklung gemacht hat. Es ist wichtig,                 \u00fcber die Gefahren der Macht Bescheid zu wissen, auch wenn man                 jetzt gar nicht vor hat, in die Politik oder in eine Partei zu                 gehen. Du kannst auch im ADAC eine Machtposition haben, wo du                 hundert Abh\u00e4ngige hast. Ich nehme an, das wird es dort geben,                 gerade beim ADAC, das ist eine sehr hierarchische Struktur.<\/p>\n<p>Man muss da an sich selbst arbeiten. Ich denke, vor allem auch                 als Mann gibt es eigentlich nur diesen Weg zu erkennen, dass Ohnmacht                 auch etwas sehr Vorteilhaftes haben kann. Das ist ja zun\u00e4chst                 mal ein v\u00f6llig negativ besetztes Wort, aber ohnm\u00e4chtig zu sein                 hei\u00dft ja auch, dass man sich auf eine ganz andere Weise entdecken                 kann, dass man die Z\u00e4rtlichkeit und die Liebesf\u00e4higkeit in sich                 entdecken kann. Was ich gestern Abend im Konzert gesagt habe,                 das wird f\u00fcr mich immer wichtiger: wenn wir eine andere Gesellschaft                 wollen, dann muss es durchaus aus dem Wunsch heraus geschehen,                 eine liebevollere Gesellschaft zu sein. Es kann ja nicht aus dem                 Wunsch heraus geschehen, wie im letzten Jahrhundert der gro\u00dfen                 Diktatoren, aus dem Wunsch, der Welt einen ideologischen Stempel                 aufzudr\u00fccken, in dem ich bestimme, wo es langgeht. Das ist der                 falsche Weg. Dagegen m\u00fcssen wir uns mit allen Mitteln wehren,                 wenn so ein Anliegen wiederkommt. Aber der Wunsch, eine z\u00e4rtlichere                 Welt, ein z\u00e4rtlicheres Miteinander zu schaffen, ist notwendig.<\/p>\n<p>Es ist interessant, was ich jetzt bei den Unibesetzungen [vgl.                 GWR 344 ff.] bemerkt habe. Ich war in Wien und in M\u00fcnchen. <\/p>\n<p>In Wien habe ich auch ein paar Lieder im H\u00f6rsaal gespielt. Dann                 habe ich da etwas gesagt, wenn ich das 68 gesagt h\u00e4tte, h\u00e4tten                 sie mich von der B\u00fchne gepr\u00fcgelt. Ich habe gesagt, wir m\u00fcssen                 auch lernen, wenn wir eine gerechtere Welt wollen, dass wir untereinander                 einen z\u00e4rtlicheren Umgang miteinander haben. Davon waren diese                 jungen Leute in Wien richtig begeistert angetan. Wie gesagt, 68                 h\u00e4tte ich keine Chance gehabt, das zu sagen. <\/p>\n<p>Ich habe das Gef\u00fchl, diese neue Bewegung, und es wird eine bleiben,                 auch wenn sie im Moment ein bisschen eingeschlafen ist, hat gelernt,                 auch aus den ideologischen Fehlern, die nach 68 gemacht worden                 sind.<\/p>\n<p>Und dann, das ist der Hauptgrund, haben die Frauen eine v\u00f6llig                 andere Funktion in dieser neuen Bewegung, sie sind nicht nur Teil                 dieser Bewegung, sondern meistens der gr\u00f6\u00dfere Teil. Ich habe das                 Gef\u00fchl, dass es fast 60% Frauen sind, und sie sind nicht wie 68                 irgendwelche Anh\u00e4ngsel von ein paar Machos. 68 war schon eine                 Machobewegung, muss man wirklich sagen. Das war auch spannend,                 ich fand Rudi Dutschke richtig klug und toll, aber die Frauen                 hatten dort oft eher so eine Uschi Obermeier-Funktion oder sie                 waren im radikalen Feminismus gegen die M\u00e4nner zusammen vereint.                 Was sicher notwendig war. <\/p>\n<p>Da hat sich, glaube ich, viel ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Ich war sehr angenehm \u00fcberrascht von dieser Art, wie die Leute                 in den besetzten Unis miteinander umgehen, weil ich das ja noch                 aus den 70er Jahren im Kopf hatte. Da bist du ja, egal was du                 gesagt hast, immer von irgendjemand niedergebr\u00fcllt worden. Es                 kam gar nicht zu einem richtigen Gespr\u00e4ch, weil es immer irgendeine                 Gruppe gab, die dich fertig gemacht hat. Da habe ich mir damals                 schon gedacht, auch wenn die jetzt eine neue Welt schaffen, das                 m\u00f6chte ich nicht, die ist genauso beschissen wie die alte. <\/p>\n<p>Also, nur in einer z\u00e4rtlicheren Welt k\u00f6nnen wir leben. Nur wenn                 wir eine gr\u00f6\u00dfere Z\u00e4rtlichkeit auch unter uns miteinander entwickeln,                 werden wir auch die Z\u00e4rtlichkeit gegen\u00fcber der Natur wiederentdecken,                 die ja auch verloren gegangen ist, die vom Kapitalismus zerst\u00f6rt                 wird. Wahrscheinlich liegt es im Wesen des Kapitalismus zu zerst\u00f6ren.                 Der Kapitalismus ist eine zerst\u00f6rerische Kraft.<\/p>\n<p>Trotzdem m\u00fcssen wir zwei Dinge machen. Auf der einen Seite an                 unseren Utopien einer herrschaftsfreien und gewaltfreien Gesellschaft                 festhalten, sie weiterentwickeln, zusammen mit anderen weiterentwickeln.               <\/p>\n<p>Auf der anderen Seite leben wir jetzt aber in einer Welt, wo                 wir genau wissen, dass diese Utopie nicht morgen, nicht \u00fcbermorgen                 eintreten wird. Also muss man diesen realen Bezug herstellen,                 weil wir hier leben, weil wir hier leben wollen, weil wir wissen,                 dass wir nicht mit einem radikalen Umsturz mit Waffengewalt morgen                 die bessere Welt herbeizaubern k\u00f6nnen. Also m\u00fcssen wir da ein                 bisschen schizophren sein, denke ich. Zum Beispiel muss man sich                 dann auch, obwohl man eigentlich gegen Macht ist und dagegen,                 dass eine Machtposition entsteht, freuen, dass es ein paar Politiker                 gibt, bei denen man einigerma\u00dfen das Gef\u00fchl hat, man kann ihnen                 vertrauen.<\/p>\n<p>Ich bin aus der Kirche ausgetreten. Ich mag die katholische Kirche                 wirklich nicht besonders gern, vor allem die oberen Kreise nicht.                 Aber ich kenne ein paar wunderbare Pfarrer, mit denen ich bestens                 befreundet bin, die ich f\u00fcr gro\u00dfartige Menschen halte und die                 ihre Gr\u00fcnde haben m\u00f6gen, nicht aus der Kirche auszutreten. F\u00fcr                 die gibt es sicher gute Argumente, es nicht zu tun. Und die bewirken                 auch viel Gutes. Da ist es \u00fcbrigens auch wieder sp\u00fcrbar: je h\u00f6her                 in der Hierarchie das Ganze ansteigt, desto dogmatischer, fundamentalistischer,                 unangenehmer und b\u00f6sartiger wird dann so ein System. <\/p>\n<p>Es ist immer so. Bei den unteren Mitgliedern eines hierarchischen                 Systems, da kannst du noch die besten menschlichen Kontakte kn\u00fcpfen.<\/p>\n<p><b>GWR: Das versuchen wir ja auch. <\/b><\/p>\n<p><b>Es ist au\u00dferdem wichtig, basisdemokratische Strukturen zu                 schaffen, in denen wir ein St\u00fcck gelebte Utopie realisieren k\u00f6nnen.                 Wie man etwas anders aufbaut, daf\u00fcr ist die <i>Graswurzelrevolution<\/i>                 ein gutes Beispiel.<\/b><\/p>\n<p><b>Die Zeitung gibt es seit 1972. Sie ist basisdemokratisch organisiert,                 alle Artikel erscheinen im Konsens, werden vorab im HerausgeberInnenkreis                 auch \u00fcber E-Mail diskutiert, alle Entscheidungen, die die Zeitung                 betreffen, werden kollektiv getroffen. Und was sch\u00f6n ist, also,                 du hast ja gestern nach Deinem Konzert auch Helga Weber und Wolfgang                 Zucht kennen gelernt, das hei\u00dft, es gibt Leute, die 40 Jahre und                 l\u00e4nger dabeibleiben.<\/b><\/p>\n<p><b>Wolfgang Zucht ist 81. Er hat im April 1965 schon eine Vorl\u00e4uferzeitung                 der <i>Graswurzelrevolution<\/i> in Hannover mitgegr\u00fcndet, die                 <i>Direkte Aktion &#8211; f\u00fcr Anarchismus und Gewaltfreiheit<\/i>, also                 zu einer Zeit, als ich noch gar nicht geboren war. Das finde ich                 toll. Auf der anderen Seite hast du auch viele junge Leute, zum                 Beispiel die <i>utopia<\/i>, die gewaltfrei-anarchistische Jugendzeitung                 im Verlag Graswurzelrevolution. Ich habe den Eindruck, da ist                 ein gro\u00dfer Bedarf. Die Auflage der <i>utopia<\/i> liegt mittlerweile                 bei 25.000, das ist also die auflagenst\u00e4rkste libert\u00e4re Jugendzeitung                 seit den 20er Jahren, als unter anderem der Anarchopazifist Ernst                 Friedrich anarchistische Jugendzeitungen wie <i>Freie Jugend,                 Junge Anarchisten<\/i> und <i>Schwarze Fahne<\/i> mit Auflagen bis                 zu 10.000 produziert hat.<\/b><\/p>\n<p><b>Auch im Vergleich dazu; ich denke, da ist heute eine positive                 Entwicklung festzustellen, in dem Sinne, wie Du das ja eben beschrieben                 hast.<\/b><\/p>\n<p><i>Konstantin Wecker:<\/i> Das hat alles damit zu tun. Es gibt                 ein sch\u00f6nes Argument, wenn die Leute immer sagen: &#8222;\u201aherrschaftsfreie                 Gesellschaft&#8216;, das liegt in der Natur des Menschen, dass das nicht                 m\u00f6glich ist&#8220;, also, da wird ja dann immer die &#8222;Natur des Menschen&#8220;                 angef\u00fchrt. <\/p>\n<p>Mit Arno Gr\u00fcn hatten wir einmal eine Pressekonferenz bei einem                 Pazifismus-Kongress. Meine Frage war, darum war mir das so wichtig,                 &#8222;Gibt es das \u00fcberhaupt noch &#8211; Pazifismus? Wie sieht ein moderner,                 heutiger Pazifismus aus?&#8220; Das war das, was wir diskutieren wollten,                 &#8222;Ist Pazifismus ein \u201aWeicheitum&#8216;?&#8220;, was uns immer vorgeworfen                 wird. <\/p>\n<p>Wir sind zu keinem Schluss gekommen, haben uns aber darauf geeinigt,                 es wenigstens &#8222;radikalen Pazifismus&#8220; zu nennen. Dann hat ein junger                 Reporter den Arno Gr\u00fcn gefragt: &#8222;Herr Professor Gr\u00fcn, seit 6.000                 Jahren sind doch die Menschen so.&#8220; Und da sagt er: &#8222;Ja, und seit                 6.000 Jahren machen sie es falsch.&#8220; Das war f\u00fcr mich so ein klarer                 und radikaler Satz. So ist es, seit 6.000, 7.000 Jahren ist alles                 verkehrt, die Erziehung ist verkehrt, das Gesellschaftssystem,                 die Art und Weise, miteinander umzugehen.<\/p>\n<p>Da k\u00f6nnte man jetzt die Thesen von Claudia von Werlhof einf\u00fchren                 [vgl. GWR 335], den radikalen \u00d6kofeminismus, eigentlich ein zu                 h\u00e4ssliches Wort f\u00fcr ein so sch\u00f6nes Anliegen, also, eine Gesellschaft                 des Miteinander, anstatt einer des Gegeneinander, der Konkurrenz                 und des Konkurrenzdenkens.<\/p>\n<p>Je \u00e4lter ich werde, umso \u00fcberzeugter bin ich: 6.000 Jahre sind                 im Vergleich zu 100.000 Jahren Menschheitsgeschichte nicht so                 wahnsinnig lang. Das war eine Fehlentwicklung. Es muss doch eine                 sein. Schau Dir doch an, was wir mit der Erde machen, was wir                 mit den Menschen machen. Ich wei\u00df gar nicht, wie es die Herrschenden                 immer wieder schaffen, uns einzureden, dass das selbstverst\u00e4ndlich                 sei, was da abl\u00e4uft. Man versucht uns einzureden, es sei normal                 &#8211; diese Welt voll von Kriegen, voll von Hass und Terror, voll                 von Zerst\u00f6rung, bis hin jetzt zur planetarischen Zerst\u00f6rung, weil                 wir n\u00e4mlich das Klima zerst\u00f6ren. <\/p>\n<p>Was immer vergessen wird bei Kriegen, ist, was da auch an Natur                 zerst\u00f6rt wird, an Tieren, an Pflanzen, was da vernichtet wird                 mit einer Brutalit\u00e4t, \u00fcberleg Dir diese schrecklichen Napalm-Geschichten,                 damals Agent Orange in Vietnam. Man hat immer \u00fcber Menschen geredet,                 zu Recht. Aber was ist da auch kaputt gemacht worden an unwiederbringbaren                 Ressourcen. Schau Dir diese Welt an, diese wenigen Superreichen                 und die unendlich vielen armen Menschen. Jeden Tag verhungern                 50.000 Kinder. Das muss doch das falsche System sein. Sie schaffen                 es aber, uns zu sagen, das ist ganz nat\u00fcrlich, ganz selbstverst\u00e4ndlich.                 Der Neoliberalismus will uns erkl\u00e4ren, dass das so ist, das sei                 die &#8222;Natur des Menschen&#8220;. <\/p>\n<p>Das lasse ich mir nicht einreden. Ich habe kleine Kinder und                 wei\u00df: Der Mensch ist ein empathisches Wesen, f\u00e4hig zu Liebe und                 Mitgef\u00fchl.<\/p>\n<p><b>GWR: Was mich gefreut hat, da haben wir eben schon in unserem                 Vorgespr\u00e4ch dr\u00fcber gesprochen, dass am 15. Februar 2010 rund 15.000                 Leute in Dresden verhindert haben, dass die Nazis dort ihren europaweit                 gr\u00f6\u00dften Aufmarsch machen k\u00f6nnen. Du warst schon im Vorfeld an                 der antifaschistischen Mobilisierung beteiligt. Du hast zum Beispiel                 auf youtube.com einen viel beachteten Aufruf gemacht. Kannst Du                 Deine Position dazu erl\u00e4utern?<\/b><\/p>\n<p><i>Konstantin Wecker: <\/i>Ja, meine Position war, dass ich es                 geradezu als emp\u00f6rend empfand, dass das einzige Mittel, das uns                 gewaltfrei Demonstrierenden \u00fcberhaupt noch bleibt, n\u00e4mlich die                 Blockade, dass das auch noch kriminalisiert wird. Ich meine, dann                 d\u00fcrften wir uns wirklich nur noch H\u00e4ndchen fassend in irgendwelche                 Ecken stellen, w\u00e4hrenddessen marschieren Nazis hinter uns vorbei,                 gut getrennt von der Polizei, und wir d\u00fcrfen dann &#8222;we shall overcome&#8220;                 singen und die anderen singen das Horst-Wessel-Lied. Das kann                 ja wohl nicht sein.<\/p>\n<p>Also, irgendwo geh\u00f6rt zur Demokratie der Ungehorsam. Ich h\u00e4tte                 jetzt nat\u00fcrlich nicht dazu aufgefordert, wenn da Gef\u00e4ngnis von                 drei Jahren drauf st\u00fcnde, dann h\u00e4tte ich mich zur\u00fcckgehalten,                 dann muss man f\u00fcr sich selbst entscheiden, wie mutig man ist oder                 nicht. Aber nachdem es ja nur eine Ordnungswidrigkeit ist, kann                 man die Leute ja auch auffordern und sagen: &#8222;Hey Moment mal, falsch                 parken tut ihr ja auch \u00f6fters, dann k\u00f6nnt ihr auch Nazis blockieren&#8220;.               <\/p>\n<p>Das habe ich in meiner Verantwortlichkeit noch gesehen, Menschen                 zu einer Ordnungswidrigkeit aufzurufen, ohne Menschen in gro\u00dfe                 Gewissensprobleme zu st\u00fcrzen. Man muss schon aufpassen, wenn man                 eine gewisse Funktion hat, wie bei mir, und Menschen dann auch                 schon mal hinh\u00f6ren auf das, was ich sage, vielleicht auch ein                 paar junge Menschen, da muss ich schon aufpassen, zu was ich sie                 auffordere. Wie gesagt, das konnte ich ethisch mit mir vereinbaren.               <\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen immer wieder daran denken, wie wichtig der Ungehorsam                 ist. Nat\u00fcrlich will jedes Staatssystem seine B\u00fcrger zum Gehorsam                 erziehen. Jeder Staat will sagen, &#8222;die anderen Staaten sind die                 schlechteren, die unmenschlicheren, die grausameren. Wir sind                 das beste System, das es gibt. Und damit das so bleibt, m\u00fcssen                 wir alle gehorsam sein&#8220;.<\/p>\n<p>Wenn wir aber alle gehorsam sind, bleibt es nicht so, selbst                 wenn das System ganz gut ist. Nat\u00fcrlich ist unser System gut im                 Vergleich mit einem faschistischen System, gar keine Frage. In                 den 70er Jahren hatten wir einen richtig guten Sozialstaat. Das                 wei\u00df man erst jetzt richtig zu sch\u00e4tzen. Erst jetzt wissen wir,                 wie gut der war. Damals wusste ich das nicht, muss ich ehrlich                 sagen. <\/p>\n<p><b>GWR: Ich denke, dass der Sozialstaat seit 20 Jahren peu \u00e1                 peu abgebaut wird, h\u00e4ngt auch damit zusammen, dass die Systemkonkurrenz                 nicht mehr da ist. Dadurch, dass es auf der anderen Seite des                 &#8222;Eisernen Vorhangs&#8220; den staatskapitalistischen &#8222;Realsozialismus&#8220;                 gab, war der Kapitalismus im Grunde gezwungen, das eigene System                 auch f\u00fcr unterprivilegierte Menschen in den Metropolen relativ                 ertr\u00e4glich zu gestalten. <\/b><\/p>\n<p><i>Konstantin Wecker:<\/i> Nun m\u00fcssen wir aber auch schauen, dass                 die Linke als Korrektur wirklich bleibt, auch wenn man sie im                 Grunde des Herzens nicht so mag oder wie auch immer. Aber es ist                 wichtig, es ist eine wichtige Korrektur. Es sei denn, man ist                 der Meinung, es m\u00fcsse jetzt alles zusammenbrechen, damit sich                 \u00fcberhaupt etwas \u00e4ndert. Diese Anschauung gibt es ja auch. <\/p>\n<p><b>GWR: Wenn du mit &#8222;die Linke&#8220; jetzt die Partei meinst, m\u00f6chte                 ich widersprechen. Ich denke, die wichtigsten Akteurinnen f\u00fcr                 positive soziale Ver\u00e4nderungen sind die sozialen Bewegungen von                 unten. Die Partei &#8222;Die Linke&#8220; und die parteinahe Rosa Luxemburg                 Stiftung sind als Teile in vielen sozialen Bewegungen mittlerweile                 nicht unwichtig. Aber im Parlament oder in der Regierung ist die                 Entwicklung der &#8222;Linken&#8220; mit gro\u00dfer Skepsis zu betrachten. Wie                 wir das ja eben auch diskutiert haben, kann die Macht Menschen                 so korrumpieren, dass sie dann auch &#8211; wie 1999 Gr\u00fcne und SPD &#8211;                 zu Kriegsverbrechern werden k\u00f6nnen, wenn es der eigenen Machterhaltung                 dient. Das liegt im Wesen von Parteien.<\/b><\/p>\n<p><i>Konstantin Wecker: <\/i>Wir m\u00fcssen aber sehen, dass die Linke                 bisher die einzige Partei ist, die soziale Bewegungen integriert.                 Das muss nat\u00fcrlich bleiben. Aber ich gebe dir recht, das Wichtigste                 ist, wie wir es jetzt in Dresden gesehen haben, die sozialen Bewegungen                 mehr noch miteinander zu vernetzen. Und dann auch zu sp\u00fcren, was                 wir f\u00fcr M\u00f6glichkeiten haben, die vielleicht noch gar nicht ausgesch\u00f6pft                 sind.<\/p>\n<p>Ein bisschen entmutigt wurde ich bei den ganzen Vorkommnissen                 in Stra\u00dfburg 2009, weil ich da das Gef\u00fchl hatte, da hat der Staat                 eine so h\u00e4ssliche Fratze gezeigt in einer Art und Weise und im                 Verbund mit den Medien, wie sie immer wieder dieses angeblich                 von &#8222;Chaoten&#8220; zerst\u00f6rte Hotel, in dem kein Mensch mehr gewesen                 ist, das ein Abbruchhaus gewesen ist, gezeigt haben. Ich habe                 in meinem Leben genug Demonstrationen mitgekriegt, um zu wissen,                 wie viele Agents provocateur es definitiv gibt, die dann die ersten                 sind und sagen &#8222;Kommt, lasst uns mal ein bisschen Steine schmei\u00dfen&#8220;,                 damit dieses Bild dann wieder in der Zeitung ist. <\/p>\n<p>Also, schon in Genua 2001 hast du gesehen, dass da schon faschistoide                 Kr\u00e4fte am Werk waren. Wenn man dem Buch von Jutta Ditfurth Glauben                 schenken kann, und das kann man, glaub ich, dann mussten die in                 den Gef\u00e4ngnissen Mussolini-Lieder singen und den Hitler-Gru\u00df machen.                 Allein, dass das kein Thema in den Medien war, das hei\u00dft, ab bestimmten                 Punkten halten sie alle zusammen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>GWR: Gestern Abend hast Du in Kaufungen ein dreist\u00fcndiges Konzert gegeben. 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