{"id":9981,"date":"2010-05-01T00:00:24","date_gmt":"2010-04-30T22:00:24","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9981"},"modified":"2022-07-26T14:14:36","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:36","slug":"noam-chomsky-erhielt-den-erich-fromm-preis-2010-in-stuttgart","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/05\/noam-chomsky-erhielt-den-erich-fromm-preis-2010-in-stuttgart\/","title":{"rendered":"Noam Chomsky erhielt den Erich-Fromm-Preis 2010 in Stuttgart"},"content":{"rendered":"<p>Deutlicher wurde der Preistext von Rainer Funk und J\u00fcrgen Hardeck                 im Anschluss:<\/p>\n<p>&#8222;Wie Erich Fromm, so zeichnet Noam Chomsky die F\u00e4higkeit aus,                 die politische und gesellschaftliche Wirklichkeit unabh\u00e4ngig von                 Machtinteressen und unbeeinflusst von einer manipulierten \u00f6ffentlichen                 Meinung zu erkennen und auszusprechen&#8230; Die oft unbequeme Wahrheit                 seiner Analysen l\u00e4sst jene hoffen, die das kritische Denken noch                 nicht verlernt haben.&#8220; <\/p>\n<p>Diese Erwartungshaltung sollte Chomsky in seiner sp\u00e4teren Preisrede                 &#8222;The evil scourge of terrorism: reality, construction, remedy&#8220;                 (&#8222;Die b\u00f6se Gei\u00dfel des Terrorismus: Realit\u00e4t, Konstruktion, Abhilfe&#8220;)                 erf\u00fcllen, dass dem anwesenden US-Konsul sicherlich die Ohren geklungen                 haben. Offensichtlich unsicher, ob sie die Rede honorieren oder                 kritisieren sollte, titelte die Stuttgarter Zeitung am 25. M\u00e4rz                 &#8222;Immer noch der alte Weltverbesserer&#8220;. <\/p>\n<p>Dagegen traf der Radiojournalist Peter Zudeick bei der Preisverleihung                 in seiner spritzigen Rede auf Chomsky den Nagel auf den Kopf,                 als er meinte: &#8222;Weltverbesserer sind mir lieber, von den Weltverschlechterern                 gibt es eh viel zu viele.&#8220; W\u00e4hrend Zudeick den Part \u00fcbernahm,                 Chomsky in seiner Wirkung als Linguist und politischer Aktivist                 zu w\u00fcrdigen, erf\u00fcllte Prof. Lawrence J. Friedman von der Harvard                 University als zuk\u00fcnftiger Fromm-Biograph die Aufgabe, einen Bezug                 Chomskys zu Fromm herzustellen. Konstantin Wecker, zusammen mit                 Eugen Drewermann im Jahr 2007 selbst Fromm-Preis-Tr\u00e4ger, gelang                 es in den jeweiligen Redepausen, der Veranstaltung einen lebendigen                 Charakter zu verleihen und nebenbei Spa\u00df zu verbreiten.<\/p>\n<p>Zu kritisieren ist jedoch der zeitliche Ablauf, der dem inzwischen                 81-j\u00e4hrigen Preistr\u00e4ger zugemutet wurde. Ankunft von Boston in                 Frankfurt am 23. M\u00e4rz fr\u00fchmorgens, Weiterfahrt mit dem Zug nach                 Stuttgart, Ausruhen im Hotel, Pressekonferenz um 16 Uhr im Stuttgarter                 Landtagsgeb\u00e4ude, Preisverleihung ab 18 Uhr im Wei\u00dfen Saal des                 Neuen Schlosses, Restaurant ab 21 Uhr, am Folgetag Veranstaltungsreden                 um 10 Uhr in der Stuttgarter Universit\u00e4t und am Nachmittag in                 der Mainzer Universit\u00e4t. R\u00fcckflug nach Boston von Frankfurt am                 24. M\u00e4rz. Viel Zeit f\u00fcr ein pers\u00f6nliches Gespr\u00e4ch blieb da nat\u00fcrlich                 nicht und Noam war sichtlich \u00fcberanstrengt. Seine Bef\u00fcrchtung                 zu Anfang: &#8222;Vor 30 Jahren h\u00e4tte ich so ein Programm gut bew\u00e4ltigt,                 aber heute&#8230;?&#8220;, und sein Res\u00fcmee, nachdem er wieder nach Boston                 zur\u00fcckgekehrt war: &#8222;Very rushed. Tuesday was a hard day. Hadn&#8217;t                 gotten any sleep of course, and plunged right into a lot of activities.&#8220;<\/p>\n<h3>&#8222;Obamas Wahlkampagne? Perfektes Marketing, besser als die Apple                 Promotion&#8220;<\/h3>\n<p>Die Pressekonferenz, an der bereits der Laudator Dr. Lawrence                 Friedman und Konstantin Wecker als musikalischer Laudator beteiligt                 waren, war zwar mit knapp 30 Personen gut best\u00fcckt, doch die Fragen                 stellten eher f\u00fcnf, sechs, so dass f\u00fcr die <i>graswurzelrevolution<\/i>                 erfreulich viel Raum blieb.<\/p>\n<p>Auf die Frage, wie Chomsky Deutschlands Rolle in der Weltpolitik                 sieht, holte Noam wie gewohnt weit aus: Er betonte zun\u00e4chst Deutschlands                 wichtige wirtschaftliche Rolle als Exportnation gleichrangig mit                 China. Politisch sieht er Deutschland abh\u00e4ngig von der US-Politik.                 Die letzte von den USA unabh\u00e4ngige Entscheidung fand sich in der                 Ablehnung des Irak-Kriegs und die hatte in den USA sofort die                 Rumsfeld-Unterscheidung in das gute &#8222;neue Europa&#8220; (Polen etc.)                 und das schlechte &#8222;alte Europa&#8220; (Deutschland und Frankreich) zur                 Folge, dass, wie wir ja wissen, in der l\u00e4cherlichen Umbenennung                 der Pommes frites von &#8222;French fries&#8220; in &#8222;Freedom fries&#8220; gipfelte.                 Einen Grund f\u00fcr Deutschlands Haltung sah er darin, dass die deutsche                 Regierung der Mehrheitsmeinung in der Bev\u00f6lkerung nicht widersprechen                 wollte. Er verglich dies mit der T\u00fcrkei, wo sich 95% der Bev\u00f6lkerung                 gegen einen Angriff auf den Irak ausgesprochen h\u00e4tten, was zur                 kriegsablehnenden Haltung der t\u00fcrkischen Regierung f\u00fchrte.<\/p>\n<p>F\u00fcr die USA, so Chomsky, stellt eine unabh\u00e4ngige Europa-Politik,                 getragen von Deutschland und Frankreich, eine Gefahr dar, der                 jedoch fr\u00fchzeitig mit der Ausdehnung der NATO begegnet wurde.                 Im Augenblick des Mauerfalls verlor die NATO ihre urspr\u00fcngliche                 Bestimmung, Gorbatschow hatte Versprechungen erhalten, dass ein                 wiedervereinigtes Deutschland nicht automatisch die NATO-Grenze                 nach Osten verschiebt; diese Versprechungen wurden jedoch schnell                 vergessen.<\/p>\n<p>Stattdessen wurde die NATO mit einer neuen Bestimmung versehen                 und ausgedehnt. Ihre Aufgabe besteht seitdem darin, das Welt-Energie-System                 zu kontrollieren, das auch die Sicherung der Pipelines umfasst                 und gleichzeitig den US-Einfluss nicht nur auf Europa weiter festigt.<\/p>\n<p>Auf die Frage, ob sich durch Obamas Wahl nicht die Haltung gegen\u00fcber                 Europa wieder ver\u00e4ndert habe, meinte Noam, ge\u00e4ndert habe sich                 lediglich die Art und Weise, wie die Botschaft r\u00fcber gebracht                 wird.<\/p>\n<p>Schon die Wahl Obamas habe dies deutlich gemacht, es sei die                 bislang beste &#8222;marketing campaign&#8220; gewesen, besser als die von                 Apple. Die Regierung George W. Bush sei arrogant gewesen, mit                 der Haltung, &#8222;ihr tut, was wir sagen&#8220;, Obama behandelt die Europ\u00e4er                 dagegen als Partner und &#8222;die lieben das&#8220;. Wenn es aber darauf                 ankommt, vergleicht er Obama mit John F. Kennedy, der in der Kuba-Krise                 1962 die britische Regierung noch nicht mal informiert habe, dass                 die russischen Raketen auf Gro\u00dfbritannien gerichtet waren.<\/p>\n<p>Auf die Nachfrage, ob denn auch Obamas Politik in Chomskys Augen                 &#8222;staatsterroristische Z\u00fcge&#8220; tr\u00e4gt, sieht Noam nur leichte Ver\u00e4nderungen                 und deutet an, dass solche \u00c4nderungen auch schon in der zweiten                 Amtsperiode Bushs zu beobachten waren. Die erste Periode sei &#8222;gewaltt\u00e4tig,                 arrogant und desastr\u00f6s&#8220; gewesen, die zweite Amtsperiode &#8222;weniger                 unterdr\u00fcckerisch, weniger arrogant, weniger aggressiv&#8220;.<\/p>\n<p>Obama setze diese Politik aus der zweiten Amtsperiode fort und                 deshalb sieht Noam keinen fundamentalen Unterschied und keinen                 Politikwechsel. Dies f\u00fchrte zwangsl\u00e4ufig zu Entt\u00e4uschungen und                 so ist es kein Unfall, dass in der einstigen demokratischen Kennedy-Hochburg                 Massachusetts die Nachwahl f\u00fcr einen Senatssitz erstmalig von                 einem Republikaner gewonnen wurde. Die demokratischen und gewerkschaftlich-organisierten                 W\u00e4hlerInnen blieben entweder entt\u00e4uscht der Wahl fern oder stimmten                 sogar f\u00fcr den Republikaner.<\/p>\n<\/p>\n<p>Die Generalstreiks in Griechenland gegen die rigiden Sparma\u00dfnahmen                 der Regierung f\u00fchrten zu der Frage, ob denn den Gewerkschaften                 in Zukunft noch eine wichtige gesellschaftsver\u00e4ndernde Rolle zugetraut                 werden kann. <\/p>\n<p>In seiner Antwort unterschied Noam zun\u00e4chst die unterschiedlichen                 Auspr\u00e4gungen von Gewerkschaften am Beispiel der US- und der kanadischen                 Gewerkschaften. W\u00e4hrend er die US-Gewerkschaften als Gewerkschaften                 charakterisierte, die auf die Firmen bezogen organisieren und                 damit Einzelinteressen vertreten, sieht er die kanadischen Gewerkschaften                 dem Gesamtwohl verpflichtet und damit unabh\u00e4ngiger. <\/p>\n<p>Er nannte zwei Beispiele f\u00fcr die Anf\u00e4lligkeit der US-Gewerkschaften:                 Unter Ronald Reagan begann eine Propaganda f\u00fcr das &#8222;gemeinsame                 Interesse&#8220; von ArbeiterInnen mit ihren Firmen, im Anschluss daran                 wurden die aktiven GewerkschafterInnen von den Firmen fl\u00e4chendeckend                 entlassen. Der Klassenkampf fand statt, allerdings von oben nach                 unten.<\/p>\n<p>Im zweiten Beispiel nannte er die Gesundheitsreform. W\u00e4hrend                 die kanadischen Gewerkschaften diese Reformen in den 50er Jahren                 als Anliegen der Gesamtbev\u00f6lkerung nach dem Solidarit\u00e4tsprinzip                 f\u00fcr ganz Kanada durchsetzen konnten, verlangten die US-Gewerkschaften                 diese Reformen immer nur f\u00fcr ihren Zust\u00e4ndigkeitsbereich in den                 Betrieben und schufen letztlich Inseln f\u00fcr Besserverdienende.               <\/p>\n<p>Heute sind die Bedingungen noch schwieriger geworden, die zunehmende                 Bedeutung des finanziellen Sektors in der Weltwirtschaft erschwert                 eine wirksame Gewerkschaftsarbeit.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend dieser Sektor in den 70er Jahren noch 3% des Geldumsatzes                 ausgemacht habe, sind es heute bereits 30%, die wesentlich auf                 der Verlagerung der Produktion und damit auf der Ausbeutung der                 ArbeiterInnen beispielsweise in China und Mexiko und der Arbeitslosigkeit                 in den Industriel\u00e4ndern wie den USA basieren. Weltwirtschaftliche                 Entscheidungen kommen derzeit immer nur den Banken zugute, die                 davon profitieren; als Beispiel nennt er die dringliche Erneuerung                 des US-Schienennetzes f\u00fcr Schnellgeschwindigkeitsz\u00fcge.<\/p>\n<p>Der Auftrag ging nach Spanien, das z.T. in Mexiko billig produzieren                 l\u00e4sst, was zur Folge hat, dass US-Firmen geschlossen werden m\u00fcssen,                 das Geld abflie\u00dft und den Banken zugute kommt. Eine Antwort der                 Gewerkschaften in dieser Situation m\u00fcsste seiner Ansicht nach                 darin bestehen, das Bewusstsein zu schaffen, Fabriken zu \u00fcbernehmen,                 bevor sie geschlossen und abgebaut werden.<\/p>\n<p>St\u00e4rker als von den Gewerkschaften wurde in den 60er und 70er                 Jahren der Protest gegen den Vietnamkrieg wesentlich von der B\u00fcrgerbewegung                 getragen; deshalb lag die Frage nahe, ob es heute eine neue B\u00fcrgerbewegung                 in den USA gegen die Globalisierung gibt. Diese Bewegung gibt                 es, sie ist nach Noams Ansicht, was die Zahl ihrer AktivistInnen                 anbetrifft, sogar deutlich gr\u00f6\u00dfer als die Bewegung in den 60er                 und 70er Jahren. Allerdings sind die AktivistInnen atomisiert;                 er verbringe die meiste Zeit in den USA damit, \u00fcber Vortragsveranstaltungen                 die Menschen zusammenzubringen. Menschen, die das gleiche Anliegen                 haben, oft die gleichen Aktivit\u00e4ten entwickeln, aber nichts voneinander                 wissen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sei es schon in den 20er Jahren ein erkl\u00e4rtes Herrschaftsziel                 gewesen, die Menschen auf oberfl\u00e4chlichen Konsum hin zu orientieren,                 ihre Solidarit\u00e4t zu unterminieren und sie dar\u00fcber zu kontrollieren.<\/p>\n<p>Aber als Reaktion auf die 60er und 70er Jahre sei &#8211; nicht nur                 in den USA, auch in den Sozialdemokratien &#8211; die Haltung entstanden,                 dass die L\u00e4nder zu demokratisch w\u00fcrden. Als Beispiel f\u00fcr eine                 staatliche Reaktionsm\u00f6glichkeit dient ihm die Zerst\u00f6rung des kalifornischen                 Bildungssystems, das fr\u00fcher frei zug\u00e4nglich war und heute viel                 Geld kostet. In diesem Zusammenhang erinnert er an die Tatsache,                 dass die Public Relation Industrie in den damals f\u00fchrenden L\u00e4ndern                 f\u00fcr die Meinungsfreiheit, den USA und GB, entwickelt wurde, bevor                 sie von der Nazi-Diktatur \u00fcbernommen und erfolgreich genutzt wurde.                 Die Mechanismen der Propaganda und Meinungskontrolle sind deshalb                 nicht neu, aber die gesellschaftliche Entwicklung in den letzten                 30 Jahren, die zu einer Atomisierung der Menschen und damit des                 Widerstands gef\u00fchrt hat, erleichtert ihre Wirksamkeit.<\/p>\n<p>Dass eine Chomsky-Rezeption nicht immer einfach ist, bewies unfreiwillig                 auch die Laudatio von Peter Zudeick bei der Preisverleihung, als                 dieser meinte, Noam habe zu den Terroranschl\u00e4gen auf das World                 Trade Center gesagt, dass die Anschl\u00e4ge quasi eine nat\u00fcrliche                 Reaktion auf die Au\u00dfenpolitik der USA darstellen und dass er,                 Peter Zudeick, bei aller Wertsch\u00e4tzung Chomskys soweit nicht mitgehen                 k\u00f6nnte. <\/p>\n<p>Das Problem dabei ist nur, dass Chomsky so ein kurzgegriffenes                 Statement nie abgegeben hat, so dass Zudeick, ohne es zu wollen,                 bekannten Vorverurteilungen Vorschub leistete.<\/p>\n<p>Chomsky hat in seiner Analyse immer den weit gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang                 dargestellt, der sich mit der CIA-Ausbildung von Widerstandsgruppen                 \u00e1 la Osama bin Ladens gegen die Sowjetbesatzung Afghanistans besch\u00e4ftigte,                 die sich nach Erf\u00fcllung dieser Aufgabe gegen die &#8222;ungl\u00e4ubigen&#8220;                 Unterst\u00fctzer gewendet haben; doch damit nicht genug, hat er in                 seinen Stellungnahmen nach dem 11.09. die koloniale Geschichte                 und die Fortf\u00fchrung dieser Herrschaftsanspr\u00fcche bis heute problematisiert                 und deshalb vor einer Eskalation der Gewaltspirale gewarnt, nicht                 mehr und nicht weniger.<\/p>\n<h3>&#8222;Terrorismus &#8211; die Plage der Neuzeit&#8220;<\/h3>\n<p>In seiner Stuttgarter Rede ging es Chomsky erneut um diesen gro\u00dfen                 Zusammenhang, aufgeh\u00e4ngt am Ronald Reagan-Zitat &#8222;die b\u00f6se Geisel                 des Terrorismus, die Plage der Neuzeit&#8220; lie\u00df Noam Chomsky die                 20-j\u00e4hrige Geschichte des Staatsterrorismus bis zu G.W. Bushs                 &#8222;Krieg gegen den Terror&#8220; Revue passieren.<\/p>\n<p>Reagan st\u00fctzte die Invasion Israels im S\u00fcdlibanon 1982, die 15.000                 bis 20.000 Menschen das Leben kostete, er st\u00fctzte das s\u00fcdafrikanische                 Apartheid-System gegen eine &#8222;der schlimmsten terroristischen Gruppen                 der Welt&#8220;, gemeint war Nelson Mandelas ANC (so die Haltung Washingtons                 1988), und er bek\u00e4mpfte zahlreiche politische Aktivit\u00e4ten in Lateinamerika.                 Ein Beispiel f\u00fcr das Zusammenspiel von Politik und Medien, die                 die \u00f6ffentliche Meinung zur Zustimmung bringen oder zumindest                 ruhigstellen sollen, erw\u00e4hnt er ausf\u00fchrlich, einmal, weil es einen                 Bezug zu Deutschland hat, und zum anderen, weil es eine gewisse                 neue Qualit\u00e4t der Beeinflussung kreierte:<\/p>\n<p>Im April 1986 bombardierte die US Air Force in Libyen die St\u00e4dte                 Tripolis und Benghazi und t\u00f6tete dabei Dutzende ZivilistInnen.                 Der Reporter Charles Glass, Korrespondent f\u00fcr den Nahen Osten                 des Senders ABC, rief Noam um 6:30 Uhr abends an, er solle sich                 die 7 Uhr-Nachrichten ansehen. 1986 kamen auf allen US-Fernsehstationen                 die Hauptnachrichten um 7 Uhr abends. <\/p>\n<p>Chomsky schaltete ein und erlebte die Live-Bombardierung der                 libyschen St\u00e4dte; zum ersten Mal wurde eine Bombardierung zur                 Hauptsendezeit in den USA initiiert. Dazu war eine gr\u00f6\u00dfere Vorbereitung                 n\u00f6tig, als man gemeinhin annimmt, denn Frankreich hatte den Jagdbombern                 die \u00dcberflugrechte verweigert, so dass diese einen gro\u00dfen Umweg                 fliegen mussten, um p\u00fcnktlich zur Stelle zu sein.<\/p>\n<p>Nachdem die beeindruckenden Bilder von zwei St\u00e4dten in Flammen                 zu sehen waren, wurde nach Washington umgeschaltet, wo in einer                 &#8222;analytischen Weise&#8220; die neue Doktrin verk\u00fcndet wurde, nach der                 sich die USA &#8222;gegen zuk\u00fcnftige Terroranschl\u00e4ge fr\u00fchzeitig selbst                 verteidigen&#8220; werden. <\/p>\n<p>Dem allem vorausgegangen war ein Bombenanschlag auf eine Disco                 in Berlin, bei der ein amerikanischer Soldat get\u00f6tet wurde; eine                 Beteiligung Libyens konnte zwar nicht schl\u00fcssig nachgewiesen werden,                 Zweifel wurden ge\u00e4u\u00dfert, niemand verurteilte aber die Aktion der                 Air Force.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Reagan-Administration hatte die Bombardierung jedoch                 noch eine ganz andere Wichtigkeit. Sie kam p\u00fcnktlich vor einer                 Entscheidung des Kongresses, die Mittel f\u00fcr die Unterst\u00fctzung                 der Contras in Nicaragua gegen die sandinistische Regierung bereitstellen                 sollte. Und um sicher zu stellen, dass niemand diesen Zusammenhang                 \u00fcbersehen konnte, erinnerte Reagan &#8222;das Repr\u00e4sentantenhaus, das                 diese Woche abstimmt, dass dieser Erzterrorist Ghaddafi 400 Millionen                 Dollar, ein Waffenarsenal und Berater nach Nicaragua geschickt                 habe, um seinen Krieg in die USA selbst zu tragen&#8220;. Das, ironisiert                 Noam, sollte wohl meinen, den US-Boden in Nicaragua&#8230;<\/p>\n<p>Der Krieg in Lateinamerika richtete sich seit den 60er Jahren                 auch ganz explizit gegen linke kirchliche Kreise, namentlich gegen                 die Theologie der Befreiung. Erinnert sei in diesem Zusammenhang                 z.B. an die Ermordung des Erzbischofs Oscar Romero in El Salvador.               <\/p>\n<p>Noam macht klar, dass dazu auch gern der Windschatten wichtiger                 anderer politischer Ereignisse genutzt wird. <\/p>\n<p>So ist es kein Zufall, dass nahezu zeitgleich zum Fall der Berliner                 Mauer, im November 1989, sechs f\u00fchrende Jesuiten in El Salvador                 ermordet wurden. Von Leuten, die zuvor in der John F. Kennedy                 Special Forces School in North Carolina ausgebildet worden waren.                 Noam zeigte sich deshalb gespannt, wie der 30. Jahrestag der Ermordung                 Romeros begangen werden wird, zwar feiern unsere politischen Verantwortlichen                 gerne Jahrestage, wie zuletzt den Jahrestag der 20-j\u00e4hrigen Befreiung                 Ost-Europas von der russischen Tyrannei. <\/p>\n<p>Der Tscheche Vaclav Havel hat diese Befreiung sch\u00f6ner gekennzeichnet                 als &#8222;einen Sieg der Kr\u00e4fte der Liebe, der Toleranz, der Gewaltlosigkeit,                 des menschlichen Geistes und der Vergebung&#8220;. Chomsky bef\u00fcrchtet                 aber Stillschweigen zum 30. Todestag Romeros, der &#8222;Stimme der                 Stimmlosen&#8220;, wie dieser bezeichnet wurde. Ermordet, w\u00e4hrend er                 eine Messe las, ein paar Tage, nachdem er an US-Pr\u00e4sident Carter                 vergebens die Bitte geschrieben hatte, keine Hilfe an die Milit\u00e4r-Junta                 zu senden, die &#8222;nur wei\u00df, wie sie die Menschen unterdr\u00fcckt und                 nur die Interessen der Salvadorianischen Oberschicht verteidigt                 und die Hilfslieferungen nur dazu benutzen wird, die Organisationen                 zu zerst\u00f6ren, die f\u00fcr die fundamentale Menschenrechte k\u00e4mpfen&#8220;.                 Es springt ins Auge, so Noam, wie gern wir den Fall einer Tyrannei                 feiern, aber vor den eigenen Taten einen Mantel des Schweigens                 ausbreiten, kein Ruhmesblatt &#8222;f\u00fcr unsere moralische und intellektuelle                 Kultur&#8220;.<\/p>\n<p>Fragt man sich, wie sich &#8222;Terror&#8220; im amerikanischen und britischen                 Recht definiert, findet man, dass Terror &#8222;die kalkulierte Anwendung                 von Gewalt oder die Drohung mit Gewalt ist, um Ziele zu erreichen,                 die politischer, religi\u00f6ser oder ideologischer Natur sind &#8230;                 durch Einsch\u00fcchterung, Zwang oder eingefl\u00f6\u00dfte Angst&#8220;. Es ist keine                 Frage, dass der Anschlag auf das World Trade Center am 11.09.2001                 ein herausragender krimineller Akt war, der fast 3.000 Menschen                 das Leben kostete, ein &#8222;Verbrechen gegen die Menschlichkeit&#8220;,                 das die Welt ver\u00e4ndert hat.<\/p>\n<p>So schrecklich dieses Verbrechen war, fragt sich Noam Chomsky,                 ob es nicht noch weit schrecklicher h\u00e4tte enden k\u00f6nnen? Was, so                 spekuliert er, w\u00e4re gewesen, wenn hinter Al-Qaida eine Supermacht                 gestanden h\u00e4tte, die den Angriff unterst\u00fctzt h\u00e4tte und erfolgreich                 gewesen w\u00e4re? <\/p>\n<p>Sie h\u00e4tten das Wei\u00dfe Haus bombardiert, den Pr\u00e4sidenten get\u00f6tet,                 einen b\u00f6sartigen Milit\u00e4rdiktator etabliert, der zwischen 50.000                 bis 100.000 Menschen t\u00f6ten und um die 700.000 foltern lassen h\u00e4tte,                 der eine Terrorgruppe gebildet h\u00e4tte, spezialisiert auf Attentate                 in aller Welt, mit dem Ziel, in anderen Staaten \u00e4hnliche Regime                 zu bilden, die t\u00f6ten und foltern? Gesetzt den Fall, dieser Diktator                 h\u00e4tte sich Wirtschaftsfachleute einfliegen lassen, die in kurzer                 Zeit die Wirtschaft des Landes ruinieren, daf\u00fcr aber den Nobelpreis                 einheimsen?<\/p>\n<p>Dann, so Noam, w\u00e4re diese Fiktion doch ein schlimmeres Szenario                 als das, was am 11.09. passiert ist; &#8211; und doch ist genau das                 am 11.09., am ersten 11.09.1973, in Chile passiert.<\/p>\n<p>Das einzige, was er ver\u00e4ndert habe, er habe die Zahlen der Toten                 und Gefolterten zur Illustration auf die Bev\u00f6lkerung der USA angepasst.<\/p>\n<p>Nur: Dieser erste 11.09. habe die Welt nicht ver\u00e4ndert. Weshalb                 nicht? Ganz einfach, er war kein singul\u00e4res Ereignis, er stand                 in einer langen Reihe von \u00e4hnlichen Aktionen, die Lateinamerika                 kontrollierten und sabotierten, angefangen 1964 in Brasilien und                 weitergef\u00fchrt mit vielen Zwischenschritten bis zu Ronald Reagans                 Krieg gegen den Terror und seiner gleichzeitigen Vorliebe f\u00fcr                 die brutalen argentinischen Gener\u00e4le in den 80er Jahren.<\/p>\n<h3>Doch legt man diese unbequemen Wahrheiten zur Seite, bleibt                 die Frage, wie man die &#8222;Geisel des Terrors&#8220; wieder los wird?<\/h3>\n<p>Die Antwort scheint klar, bestimmt nicht, wie George W. Bush                 dies versucht hat, und deshalb ist es zu bezweifeln, dass der                 Krieg gegen den Terror seine wirkliche Absicht war. Dies beginnt                 laut Chomsky schon mit den Verh\u00f6rmethoden der Kriegsgefangenen.                 Selbst das FBI kritisierte die Folterungen als ineffizient. Man                 hatte viel bessere Erfolge in Indonesien mit humanen Verh\u00f6ren,                 die einzelne Gefangene zum \u00dcberlaufen bewegten und zu verl\u00e4sslichen                 Informanten machten. Das Abu Ghraib-Gef\u00e4ngnis und Guant\u00e1namo haben                 stattdessen ganze Generationen von Selbstmordattent\u00e4tern motiviert,                 die inzwischen mehr US-SoldatInnen den Tod brachten als die Anschl\u00e4ge                 selbst.<\/p>\n<p>Die Bombardierung Afghanistans wurde von oppositionellen AfghanInnen                 aller Gruppierungen als entscheidender R\u00fcckschlag betrachtet,                 im Bem\u00fchen, die Taliban zu schw\u00e4chen oder zu spalten. Und wenn                 man sich, so Noam, daran erinnert, dass Al-Qaida nach den Anschl\u00e4gen                 in der islamischen Welt von allen Seiten verurteilt wurde und                 dabei war, in eine Isolation zu geraten, dann hat Bushs &#8222;Krieg                 gegen den Terror&#8220;, der zum Krieg gegen den Islam werden konnte,                 zu Al-Qaidas nachhaltigem Einfluss auf die IslamistInnen zahlreicher                 Staaten gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Nur erg\u00e4nzend erw\u00e4hnt Noam die Invasion in den Irak, recht zynisch                 h\u00e4lt er fest, dass sie wohl nur einem Zweck dienen konnte: den                 Terrorismus zu vermehren. Mit durchschlagendem Erfolg; nach Analysen                 von Terrorismus-Experten in den USA ist der Terrorismus seitdem                 um das siebenfache angestiegen. <\/p>\n<\/p>\n<h3>&#8222;Sie&#8220; wissen, was zu tun ist&#8230;<\/h3>\n<p>Aus dem Beschriebenen leiten sich die Alternativen von selbst                 ab, wer aber weniger Phantasie hat, dem gibt Noam mit der Entwicklung                 in Nordirland noch ein Beispiel. Solange die britische Regierung                 der IRA lediglich mit Gewalt antwortete, versch\u00e4rfte sich der                 Konflikt. Als London Ende der 90er Jahre seine Politik \u00e4nderte                 und auf die Ursachen des Konflikts einging, dauerte es nicht lange,                 bis sich die Situation deutlich entspannte. Noam war zweimal in                 Nordirland: &#8222;1993 war Belfast eine Kriegszone, als ich im Herbst                 2009 dort war, gab es Spannungen, aber man musste als Au\u00dfenstehender                 schon genau hinsehen, um sie wahrzunehmen.&#8220;<\/p>\n<p>Wenn, so lautet sein Fazit, wenn wir die &#8222;Geisel des Terrorismus&#8220;                 loswerden wollen, wissen wir genau, wie wir es anstellen m\u00fcssen.                 Wir m\u00fcssen den Akt als Verbrechen kennzeichnen, die T\u00e4ter identifizieren                 und vor ein faires Gericht bringen. Dies funktioniert.<\/p>\n<p>Wenn man nicht auf diese Weise handelt, gibt es f\u00fcr ihn nur eine                 vern\u00fcnftige Erkl\u00e4rung: Die vorgegebenen Ziele sind nicht die wirklichen                 Ziele&#8230; und will man wissen, wie die wirklichen Ziele lauten,                 sollte man sich an eine juristische Maxime halten: Man bezieht                 sich auf das vorhersehbare Ergebnis einer Handlung, um einen Beweis                 f\u00fcr die dahinterstehenden Absichten zu erhalten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutlicher wurde der Preistext von Rainer Funk und J\u00fcrgen Hardeck im Anschluss: &#8222;Wie Erich Fromm, so zeichnet Noam Chomsky die F\u00e4higkeit aus, die politische und gesellschaftliche Wirklichkeit unabh\u00e4ngig von Machtinteressen und unbeeinflusst von einer manipulierten \u00f6ffentlichen Meinung zu erkennen und auszusprechen&#8230; Die oft unbequeme Wahrheit seiner Analysen l\u00e4sst jene hoffen, die das kritische Denken noch &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/05\/noam-chomsky-erhielt-den-erich-fromm-preis-2010-in-stuttgart\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Noam Chomsky erhielt den Erich-Fromm-Preis 2010 in Stuttgart - graswurzelrevolution","description":"Deutlicher wurde der Preistext von Rainer Funk und J\u00fcrgen Hardeck im Anschluss: \"Wie Erich Fromm, so zeichnet Noam Chomsky die F\u00e4higkeit aus, die politische und"},"footnotes":""},"categories":[565,1042],"tags":[],"class_list":["post-9981","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-349-mai-2010","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9981","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9981"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9981\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9981"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9981"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9981"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}