Für einen heißen Sommer
... der Anarchie
Liebe Leserinnen und Leser,
offenbar wirkt sich der Sommer irgendwie auf unsere AutorInnen
aus. Diesmal wurden gleich fünf der für diese Ausgabe eingeplanten
Artikel nicht rechtzeitig fertig, darunter zwei, die eigentlich
auf Seite 1 erscheinen sollten. Das hat natürlich auch sein Gutes.
Erstens könnt Ihr Euch auf die nächste Ausgabe freuen, die Ende
September erscheinen wird, nach unser alljährlichen Sommerpause
und inklusive einer neuen Ausgabe der "Libertären Buchseiten".
Zweitens konnte ich somit ein ansprechenderes und weniger bleiwüstiges
Layout umsetzen.
Die letzte Ausgabe und insbesondere der Artikel "(Nichts)
Neues in der deutschen Nahost-Debatte" über die Kölner "Stop
The Wall"-Konferenz haben ein erstaunliches Medienecho ausgelöst.
Positiv hat überraschender weise Thomas Ebermann in der Konkret
7/04 reagiert: "Solcherlei verdienstvolle Recherchen nach
dem Who is who sind nicht meine Stärke. Alfred Schobert hat sich
in einem Beitrag in der Zeitschrift 'Graswurzelrevolution' mit
der Zusammensetzung der Unterstützer und Veranstalter dieses Kongresses
ausführlich beschäftigt." Zum Teil übelste Diffamierungen gab
es dagegen aus den Reihen von Antiimps, Stalinisten und Antideutschen.
Die Polemik "Viel Feind, viel GWR", die diese Hetze gegen uns
und einen unserer Autoren aufs Korn nimmt, wurde bis zuletzt im
GWR-HerausgeberInnenkreis kontrovers diskutiert und erscheint
voraussichtlich in der GWR 292. Ebenso wie Beiträge zur "Renaissance
des Zivilen Ungehorsams", zum antifeministischen "Backlash auf
leisen Füßen", ...
Obwohl in dieser Ausgabe einiges zu kurz kommt oder aus Platzmangel
in die "Warteschleife" verschoben werden musste, bietet sie noch
genug Lesestoff. Die in GWR 290 verstärkte Auseinandersetzung
mit dem Thema Folter wird mit
"Keine ausgestreckten Hände. Zur Tabuisierung der Folter" (S.
8) von Jörg Siegert und einem Artikel der US-amerikanischen Feministin
Linda Burnham fortgesetzt: "Sexuelle
Herrschaft in Uniform: Ein amerikanischer Wert" (S. 1, 9).
Wir werden am Thema bleiben.
Sarah Althäuser beleuchtet die Situation
slowakischer Feministinnen (S. 9), das "Dilemma des postmodernen
Feminismus" und mögliche Wege der Befreiung (S. 20). Auch eine
Nachbereitung der Europawahlen (S. 3),
der Kölner Konferenz "Stop The Wall" (S. 6) und des buko 27 (S.
7) durch drei kritische Korrespondenten fehlt nicht. Die drohende
Renaissance der Atomkraft (S. 4) wird
ebenso thematisiert wie die Gewaltfreie Revolution (S. 14 f.)
und der vielfältige Widerstand gegen Staat und Krieg. Und dass
dieser Widerstand nicht auf eine radikale Jugendphase beschränkt
sein muss, zeigen die GraswurzelrevolutionärInnen, die auch im
Alter für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft kämpfen.
An das aktive Leben der nun gestorbenen "Alt-Graswurzelrevolutionäre"
Anthony Smythe (1939-2004) und Helmut
Schönberg (1941-2004) erinnern Andreas Will, Helga und Wolfgang
Weber-Zucht (S. 12 f.).
In Barcelona begann 1936 der "kurze Sommer der Anarchie". Ich
hatte nun das Glück, Abel Paz, einen Zeitzeugen
und Beteiligten dieser Libertären Revolution, kennen zu lernen.
Das Interview mit dem "Durruti"-Biographen (S. 10 f.) bietet ungewöhnliche
Antworten und bisweilen gewagte Thesen, die wir nicht teilen müssen
und bei denen vielleicht nicht immer klar ist, ob sie nun ironisch
oder ernst gemeint sind. Ich denke aber, es ist richtig, das Interview
mit diesem 83-jährigen Anarchisten als Dokument im Wortlaut und
weitgehend ungekürzt zu veröffentlichen.
Unbedingt lesenswert ist auch Barbara Rupflins Bericht aus Barcelona
(S. 1, 15), der an die in der GWR bereits erschienenen Diskussionsbeiträge
zum Forum der Kulturen 2004 anknüpft.
Den Blick über den europäischen Horizont hinaus werfen Artikel
über Argentinien, Venezuela und Mexiko (S. 16 f.). Und - last
but not least - findet sich in der GWR 291 auch eine Rezension
des m.E. recht schwachen Kinofilms "Power
And Terror - Noam Chomsky In Our Times" (S. 18). Außerdem:
Prozess- und Aktionsberichte (S. 4 f.), Informationen über das
Projekt IDK-Archiv und das "Lobbylabyrinth Brüssel" (S. 5), eine
Erinnerung an den vor zehn Jahren gestorbenen Zukunftsforscher
Robert Jungk (S. 13) sowie eine Glosse für "Fans" der Deutschen
Bahn (S. 18).
In der Sommerpause werdet Ihr nicht ganz auf die GWR verzichten
müssen. Aktuelle Infos werden auf unserer Homepage www.graswurzel.net
unter der Rubrik "News" veröffentlicht.
Auch weil ich voraussichtlich in den nächsten Tagen zum zweiten
Mal Vater werde, wird das Münsteraner GWR-Büro in dieser Zeit
nicht rund um die Uhr besetzt sein. Ich wünsche uns allen einen
schönen Spätsommer.
Li(e)bertäre Grüße,
Bernd Drücke (GWR-Koordinationsredakteur), 27. Juni 2004
GWR 292-Redaktionsschluss: 10. September 2004