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411 september 2016
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stern / zerbrochenes gewehr
es wird ein lächeln sein
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Wir gründen eine Freie Schule

Seit einem Jahr gibt es uns. Die Freie Schule Wendland in Grabow oder auch "Freie Morgenrotschule Wendland", noch benannt nach ihrer Vorgängerschule. 67 SchülerInnen der Jahrgänge 1 bis 7, unterstützt von zehn LernbegleiterInnen und fast ebenso vielen IntegrationshelferInnen. Später wollen wir bis zur 10. Klasse und maximal 100 SchülerInnen wachsen. Dies ist meine Geschichte unserer Elterninitiative.

Als SchülerInnenvertreter in den 1980er Jahren träumte ich von Summerhill. Diese vom Reformpädagogen A.S. Neill gegründete Schule, in der die Kinder selber entscheiden durften, ob sie lernen und zum Unterricht kommen wollten, erschien mir in den täglichen Auseinandersetzungen in Klassen- und Schulkonferenzen wie eine unerreichbare Utopie.

Wahrscheinlich hätte ich 25 Jahre später mein Kind daher ganz selbstverständlich in die lokale Grundschule eingeschult. Eher zufällig ging ich vor zweieinhalb Jahren zu einem Infotreffen der Elterninitiative für eine Freie Schule Wendland und war begeistert: Inzwischen gibt es auch in Deutschland 92 Freie Alternative Schulen (FAS), in denen die Kinder selbstbestimmt lernen und frei von Klassenarbeiten und Notendruck aufwachsen können. Klar, dass ich das auch für meine Kinder wollte und in die Gründungsinitative einstieg.

Zum Glück wussten wir nicht, auf was wir uns eingelassen hatten. Anfangs schienen sich alle Probleme von selbst aufzulösen.

Schulmöbel erhielten wir von anderen Schulen, ein Gebäude stand in Aussicht, die Schulbehörde schien aufgeschlossen und die Finanzierung, naja, dafür bekommen wir dann den Kredit. Doch manche Probleme blieben hartnäckig. Dass wir sie schließlich doch alle lösen konnten, ist vor allem der Gruppe zu verdanken. Mit gut zwanzig Familien waren wir groß genug, um die meisten Aufgaben abdecken zu können. Wenn wir mal etwas nicht selber machen konnten, so kannte jemand bestimmt jemanden. Das Wendland ist klein und unsere Gruppe war gut vernetzt. Mit den Menschen in allen Behörden konnten wir immer gut sprechen, waren es doch auch unsere NachbarInnen.

Schon bald hatten wir das Gefühl, mit dieser Gruppe von kreativen und starken Persönlichkeiten alles erreichen zu können. Doch je konkreter unsere Schule wurde, desto klarer zeigten sich auch unsere unterschiedlichen Träume. Zudem stieß unsere Entscheidungsstruktur in vierzehntägigen Gesamttreffen an ihre Grenzen.

Immer mehr Kleingruppen gründeten sich und wussten doch nicht, was sie entscheiden durften oder mussten. Für die großen Fragen mussten Tagestreffen her, außerdem Kennenlernfrühstücke, denn unsere Gruppe wuchs immer weiter. Schon bald wurde es kompliziert. Erste Konflikte drohten die Stimmung zu kippen.

In dieser Phase half uns die Gründung der "Wohlfühl-, Kommunikations- & Prozessgruppe", die auf das Klima in der Gruppe achten und die Wochenenden gestalten sollte. Hier setzen wir uns selber mit verschiedenen Demokratie- und Konsensmodellen auseinander. Wir setzten uns Regeln, nach denen alle Kleingruppen Entscheidungen treffen sollten, solange alle darüber informiert werden und jedeR die Ausführung aufhalten oder wieder rückgängig machen kann. Wir entwickelten eine Kultur der gegenseitigen Achtsamkeit. "Niemanden ausgrenzen, jede und jeden mitnehmen" wurde zum unausgesprochenen Motto unserer Gründungsgruppe.

Dennoch machten wir Fehler und verletzten uns. Als wir endlich den Trägerverein gründeten und den Vorstand wählten, ließen wir uns von den Formalia überwältigen. Kleinbürgerlich arbeiteten wir die vorgesehene Tagesordnung ab und ließen es zur Kampfkandidatur kommen, bei der eine Bewerberin abgewählt wurde. Wie dumm waren wir, jemanden aus unserer Mitte einfach so abzustrafen. Anstelle sich vor der Wahl zusammenzusetzen und eine Lösung zu finden, mussten wir über ein halbes Jahr immer wieder schlichten und versöhnen. Seitdem ist klar: Gewählt wird nur, wenn das Ergebnis vorher von allen gewollt wird. Abstimmungen sind immer nur Meinungsbilder, nach denen wir schauen, wie wir die Bedenken der Minderheit auflösen und eine bessere Lösung finden können.

Sind wir deshalb jetzt demokratisch, gar anarchistisch? Ich weiß es nicht. Auch nach einem Jahr Schulbetrieb sitzt die Angst davor, überstimmt zu werden oder nicht bestimmen zu können, tief in den Herzen mancher SchülerInnen und LernbegleiterInnen, aber vor allem von uns Eltern, die wir das Loslassen noch üben. Manchmal leiden wir darunter, dass Entscheidungen sehr lange in der Schwebe hängen, bis wir eine Lösung finden und sie umsetzen können. Wir haben bis heute kein großes Eröffnungsfest gefeiert, weil zuerst alle so viel mitreden wollten, dass später Niemand mehr entscheiden wollte und alle zu überarbeitet waren, um es umzusetzen. Auch die anderen großen Konflikte des ersten Schuljahres benötigten viel Zeit und gegenseitiges Verständnis, bevor sie gelöst werden konnten:

So kam es beim ersten Elternabend zum Tumult. Die SchülerInnen und LernbegleiterInnen der älteren Jahrgänge (4.-6. Klasse) hatten sich Regeln erarbeitet, nach denen Handys unter bestimmten Bedingungen genutzt werden konnten. Nun wurden Geschichten erzählt von Gewaltvideos und Computerspielen, die auch jüngeren Kindern gezeigt wurden, die bei vielen Eltern den Impuls auslösten, Handys ganz aus der Schule zu verbannen. Den SchülerInnen in der wöchentlichen Schulversammlung fühlten sich plötzlich gar nicht mehr frei, aber sie ließen sich darauf ein, die Handynutzung einen Monat bis zum eilends anberaumten Gesamttreffen auszusetzen. Dort wurde dann klar, dass die schlimmsten Geschichten gar nicht in der Schule, sondern im Schulbus geschehen waren. Vor allem aber konnten die Eltern erkennen, dass die SchülerInnen ihre Bedenken ernst genommen und verantwortungsvolle Lösungsideen entwickelt hatten. In der anschließenden Zustimmung zum Beschluss der SchülerInnen und LernbegleiterInnen spiegelte sich daher auch die Erkenntnis, dass nicht nur wir Eltern dabei etwas über Demokratie und rücksichtsvolle Konfliktentscheidungen gelernt hatten.

Ich hätte diese Gründungsgeschichte auch anders erzählen können: als Kampf um die Finanzen, in dem FAS Startkredite brauchen, um diese dann (in Niedersachsen) mit einer Förderung von nur 60% der üblichen Schulkosten zurückzuzahlen. Als Auseinandersetzung mit den Behörden, um eine grundsätzlich andere Pädagogik mit den Normen der Schulaufsicht in Einklang zu bringen. Als Geschichte der Rettung und Fusion mit einer gescheiterten Freien Schule. Vielleicht auch einfach nur als Verwirklichung eines Traumes. Oder als Geschichte, wie der Traum auf die Wirklichkeit stieß, mit überarbeiteten LernbegleiterInnen und Mobbing in der Klasse. Als Loblied auf das Team oder auf die unermüdlich putzende, reparierende, bauende und Geld besorgende Elternschaft. Sicher ist auch: Meine Tochter hätte eine ganz andere Geschichte erzählt. Sie würde davon erzählen, wie auch ältere Kinder in den von ihr als Erstklässlerin angebotenen Tanzunterricht gekommen sind. Wie sie sich in einem halben Jahr Lesen und Schreiben beibrachte, um jetzt doch noch Rechnen zu lernen. Sie würde von ihren Auftritten bei der wöchentlichen Präsentationszeit erzählen oder dem selbstgemachten Geschichtenbuch. Es wäre eine freudige Geschichte, aber sie wüsste auch, wer sich gerade nicht wohlfühlt oder zerstritten hat. Auch hier gilt, andere Kinder (und Eltern) würden andere Geschichten erzählen. Dass es uns gibt und wir das erste Jahr überstanden haben, ist das Ergebnis dieser Vielfalt und wie wir lern(t)en, damit um zu gehen.

Björn Kunter
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Anmerkungen

Björn Kunter ist Diplompädagoge, Vater zweier Kinder und Friedensarbeiter im Vorstand des Freien Schule Wendland e.V.

Weitere Infos: www.freie-schule-wendland.de

Freie Alternative Schulen

Die ersten Freien Alternativschulen (FAS) gründeten sich in den siebziger Jahren. Heute sind im Bundesverband Freier Alternativer Schulen (BFAS) 92 Schulen und 9 Gründungsinitiativen vereint. Ihnen gemein ist die Vorstellung, dass Kinder lernen wollen und ein Recht haben, selbstständig darüber zu entscheiden. Die Erwachsenen sind dabei nicht LehrerInnen, die ihr Wissen vermitteln sollen, sondern LernbegleiterInnen, die Materialien, auch Anregungen und in höheren Jahrgängen Informationen über Wege zu angestrebten Schulabschlüssen bereitstellen. Sie gestalten vor allem den Raum, in dem die Kinder und Jugendlichen lernen und wachsen: als Lernräume im Sinne vorbereiteter Lernlandschaften, oder Entdeckungsräume und Labore. Als Freiräume, die selbst gestaltet werden können und müssen. Als sozialer Raum, in dem die Menschen zusammenleben, sich selbst organisieren, Konflikte austragen und Beziehungen aufbauen, und nicht zuletzt als Räume, die nicht mit Disziplinarmaßnahmen verteidigt, sondern immer wieder hinterfragt und verändert werden können.

FAS sind vielfältig und unterschiedlich. Teils orientieren sie sich am Konzept der "Aktiven Schule" nach Rebecca Wild, bei der vor allem die Eigenaktivität der SchülerInnen zählt und die Erwachsenen explizit auch nicht ermutigen oder "motivieren". Die "Demokratischen Schulen" orientieren sich am Beispiel der Sudbury Valley School in den USA und stellen die demokratische Organisation des Schullebens in den Mittelpunkt. Auch hier sollen die SchülerInnen zu nichts überredet werden. Die Mehrzahl der Freien Alternativen Schulen lässt sich jedoch keiner Kategorie zuordnen, sondern hat aus einer bunten Mischung unterschiedlicher Methoden und Ansätzen eigene Wege entwickelt. Im Wendland bedeutet das zum Beispiel, dass neben Freiarbeit auch eine Reihe von Angeboten und Projekten von LernbegleiterInnen (sowie von SchülerInnen und Eltern) vorgeschlagen werden. Zudem lernen die SchülerInnen im Gespräch mit ihren MentorInnen, den eigenen Wissens- und Kenntnisstand einzuschätzen, erhalten also Feedback und Orientierung, was sie können und was sie noch lernen können. Bezugsrahmen und Vergleichsmaßstab sind dabei die Niedersächsischen Lernpläne.

Zurzeit ist das halb von der Schulbehörde aufgezwungen und halb stimmig, weil wir selber noch unsicher sind und uns die Einteilung in Fachbereiche und Jahrgangsstufen hilft, den Überblick zu behalten. Vielleicht aber werden wir in einigen Jahren gelernt haben, uns und den SchülerInnen so zu vertrauen, dass wir auch diese Krücken hinter uns lassen können.

Infos entnommen von www.freie-alternativschulen.de
Nächstes Bundestreffen vom 29.9.-2.10. in Darmstadt
www.bundestreffen2016.de


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