graswurzelrevolution
428 april 2018
aktuelle ausgabe abo & service archiv buchverlag news & infos vernetzung über uns graswurzelladen home
stern / zerbrochenes gewehr
editorial

Gegen die digitale Demenz

Liebe Leserinnen und Leser,

"Tichys Einblick" bezeichnet sich als "liberal-konservatives Meinungsmagazin". Inhaltlich liefern der Kopp-Verlag, "Welt"-Onlineforen und besorgtbürgerliche Facebook-Gruppen "das Gleiche weniger verschwiemelt und amüsanter", so "Titanic"-Redakteur Tim Wolff treffend über das AfD-nahe Blatt.

Unter dem Titel "Zeit(ungs)reise. Auf der Buchmesse nach links geblättert" wettert Frank Hennig in "Tichys Einblick" vom 20. März 2018 über die auf der Leipziger Buchmesse "standörtlich konzentrierten Erzeugnisse der vereinigten aber uneinigen links-Blätter mit marxistischer, stalinistischer oder anarchistischer Ausrichtung, zu denen sich auch die taz gesellt". Nachdem er sich u.a. über "Le Monde diplomatique", UZ, ND, taz und "junge Welt" ereifert, kommt am Ende auch die GWR an die Reihe:

"Wer denkt, weiter links geht nicht, sieht bei graswurzelrevolution, dass es doch geht. 'Der Pestgeruch des Faschismus zieht durchs Land und durch das Reichstagsgebäude', heißt es in einer Ausgabe vom Oktober 17. Viel wird über anarchistische Projekte gesprochen, oft mit dem Verweis auf Gewaltlosigkeit, die in diesen Kreisen nicht selbstverständlich und wohl auch nicht so gemeint ist, wenn man die Berichterstattung zur 'Rote-Linie-Aktion' am Hambacher Forst liest. Hier brütet das geistige Hinterland der gewalttätigen Aktionen mangels Castor-Transporten gegen die Braunkohle in Eintracht von Kapitalismus- und Klimaschutz." (1)

Na, da "brüten" wir doch gerne weiter. Wenn sich ein neoliberal-rechtsnationalistisches Organ von "Salonhetzern" (Spiegel) so über die GWR mokiert, dann haben wir als antirassistisches Bewegungssprachrohr ja alles richtig gemacht.

DadA-Studien

Gefreut haben wir uns über die erste Ausgabe der neuen Schriftenreihe "DadA-Studien" von Günter Hoerig: "Deutschsprachige anarchistische Periodika heute. Ein Bericht zum digitalen Medienwandel". (2) Über die GWR heißt es dort u.a.: "Seit 1972 ist die Monatszeitschrift Graswurzelrevolution eine feste Größe in der deutschsprachigen anarchistischen Presselandschaft. Sie versteht sich als Teil der internationalen Graswurzelbewegung und setzt sich 'für eine gewaltfreie herrschaftslose Gesellschaft' (Untertitel) ein. (...) Inhaltliche Schwerpunkte bilden die Themenbereiche Gleichberechtigung, Antimilitarismus und Ökologie. Darüber hinaus werden viele Artikel zu historischen Themen, kulturellen Aktivitäten und aktuellen Entwicklungen veröffentlicht. Mit dieser thematisch breiten Aufstellung und der ethischen Orientierung an der Gewaltfreiheit wird die Zeitschrift weit über den engen Kreis anarchistischer Gruppierungen hinaus als gesellschaftskritische Stimme wahrgenommen. Die Graswurzelrevolution ist die langlebigste und einflussreichste anarchistische Zeitschrift in der deutschen Nachkriegszeit. Entscheidend dafür ist sicher auch nicht zuletzt die professionelle Arbeitsweise mit einem großen Beirat und ein bis zwei bezahlten Stellen für diverse Arbeiten in den Bereichen Druck, Layout und Redaktion.

Die Zeitschrift erscheint über die Jahre in unterschiedlichen Formaten, jedoch bis heute konsequent auf Papier. Es kann aber eine Entwicklung von einem eher textlastigen Erscheinungsbild zu einem modernen Design im Zeitungsformat (...) festgestellt werden. (...) Schon auf der Titelseite zeigt sich das aufgeräumte und übersichtliche Layout, das eine schnelle Orientierung über die behandelten Themen ermöglicht. Direkt unter dem Kopf der Zeitschrift wird mit Titel und Untertitel auf wichtige Artikel im Heft hingewiesen, so dass die Themenbreite auf einen Blick ersichtlich wird. Das Schwerpunktthema der Ausgabe mit mehreren Beiträgen (...) wird durch ein Farbfoto angezeigt, das etwa die Hälfte der Titelseite einnimmt. Den danach folgenden Artikelanfängen sind jeweils einige Sätze vorangestellt, die genauer beschreiben, um was es in den jeweiligen Texten geht. Diese auf Verwendung von Bildern und den Einsatz von Textmarkierungen basierenden Gestaltungs- und Strukturierungsprinzipien werden in der gesamten Ausgabe durchgehend eingesetzt. Auch wenn sich das komplette Durchlesen der Zeitschrift auf jeden Fall lohnt und sicher gewollt ist, werden die oben beschriebenen Designprinzipien, die für elektronische Medien in noch stärkerem Maße sinnvoll sind, im Zeitungsformat der Graswurzelrevolution konsequent genutzt. (...) Zusammenfassend muss gesagt werden, dass die Webpräsenz der Graswurzelrevolution erheblich hinter die professionell und mediengerecht aufgemachte Papierausgabe zurückfällt."

Gerade die GWR und die DA haben, so Günter Hoerig, "mit dem professionellen Layout ihrer Druckausgaben sicher gute Erfahrungen gemacht, die auf den Onlinebereich übertragen werden sollten". In der Studie erwähnt der Anarchismusforscher auch eine Podiumsdiskussion zu Fragen der Medienproduktion, die anlässlich des zehnjährigen Bestehens der anarchistischen Zeitschrift "Feierabend!" mit Vertretern unter anderem der DA und der GWR 2013 stattfand: "Dabei wurde die provokante Frage aufgeworfen: 'Wozu brauchen wir heute noch libertäre Printmedien?' (...) Das einhellige Fazit dazu: Um der 'digitalen Demenz' entgegenzuwirken, braucht es weiterhin Printmedien. 'Periodizität der Erscheinungsweise, Gewichtung und Konzentration der Themen bleiben wichtige Wesensmerkmale gedruckter Presse, die das Internet kaum zu bieten vermag.'"

Wir werden diese spannende Studie beim nächsten GWR-Herausgeber*innentreffen diskutieren und die vielen darin enthaltenen Anregungen auch für den noch für 2018 geplanten Relaunch der Internetseite www.graswurzel.net nutzen.

Widmung

Emma Gonzalez, Schülerin an der High School in Parkland, an der ein Attentäter Mitte Februar 17 Menschen erschoss, hat uns mit ihrer Rede am 24. März auf dem March For Our Lives vor 800.000 Menschen in Washington tief bewegt. (3) Sie redete nur kurz, dann schwieg sie. Insgesamt 6:20 Minuten. So lange dauerte der Amoklauf an ihrer Schule. Die aktuelle GWR widmen wir den Hunderttausenden, die in den USA gegen die mächtige NRA-Waffenlobby auf die Straße gehen. Ihr seid Hoffnungsträger*innen! Das gilt auch für hunderttausende Frauen, die am Internationalen Frauentag trotz Verbot in Istanbul und anderswo auf die Straße gegangen sind, um für Emanzipation zu kämpfen. Ebenso nähren die vielen Frauen, die im März in Polen gegen die rechte PIS-Regierung und die Verschärfung der Abtreibungsgesetze demonstriert haben, die Hoffnung auf eine bessere Welt (mehr dazu in GWR 429).

Trauer

Wir erinnern auf Seite 18ff. an den Friedensforscher, Staats- und Kriegskritiker, Freund und Autor u.a. von GWR-Artikeln sowie seiner Autobiographie "Lebensfäden" im Buchverlag Graswurzelrevolution, Ekkehart Krippendorff. "Tot ist nur, wer vergessen wird." (Kant)

Bernd Drücke (GWR-Koordinationsredakteur)

(1) Siehe: https://www.tichyseinblick.de/feuilleton/medien/auf-der-buchmesse-nach-links-geblaettert/

(2) Von Günter Hoerig. DadA Berlin - Potsdam: DadAWeb.de, Dezember 2017 (= DadA-Studien; 1), 74 Seiten. Weitere Infos: http://dadaweb.de/wiki/Willkommen_im_neuen_DadAWeb_!

DOWNLOAD: http://dadaweb.de/images/6/6c/Hoerig-Deutschsprachige_anarchistische_Periodika_heute.pdf

(3) Siehe: https://t.co/0dncdxsiPs

Tipps in eigener Sache:

"Es ist ein Auf und Ab." Interview mit GWR-Mitherausgeberin Cécile Lecomte über Anti-AKW-Kampf, taz, 12.3.2018: https://www.taz.de/Cecile-Lecomte-ueber-Anti-AKW-Kampf/!5487962/

"Für Frieden und Anarchismus. Graswurzelrevolution", Interview aus: Ox Nr. 135, Dezember 2017, S. 54 f. Jetzt online: www.graswurzel.net/ueberuns/ox135.pdf

Geschichte des Häuserkampfes und der Wohnprojekte in Münster. Vortrag von GWR-Redakteur Bernd Drücke, gehalten am 2.3.2018 im Odak-Kulturzentrum: https://www.youtube.com/watch?v=OIn2jUT0Ab0

Paul Wulf - Geschichte des von den Nazis 1938 zwangssterilisierten Anarchisten. Vortrag von GWR-Redakteur Bernd Drücke, gehalten am 22.1.2018 in der Kulturkneipe Frauenstraße 24, Münster: https://www.youtube.com/watch?v=Ff23HmDZ6as

 

inhalt

Atomkraft NEIN!

die waffen nieder!

Die GroKo auf Kriegskurs
Mehr Geld, mehr Einsätze, mehr Krieg!


so viele farben

Lechts oder rinks?
Nach der Parlamentswahl: Wohin rückt Italien?


moment mal!

Krieg gegen Rojava
Erdogans Traum von einem neuen Osmanischen Reich. Kommentar


quer gestellt

Protest gegen das AKW Tihange
Eine ganze Region kämpft für die sofortige Stilllegung des belgischen Schrottreaktors. Nun ehrt die Stadt Aachen ausgerechnet dessen größten Besitzer mit dem Karlspreis

Die Bruchlinien von Cigéo
Der Plan, im französischen Bure ein Atommüll-Endlager einzurichten, stößt auf entschlossenen Widerstand

Gelber Tod auf Schienen
Brennelemente "Made in Germany" für ein neues finnisches Atomkraftwerk

Das marode AKW Beznau ist wieder am Netz
Höhere Grenzwerte für Radioaktivität in der Schweiz?

Das älteste AKW in Frankreich
Warum wird Reaktor 2 in Fessenheim trotz hohem Risiko für die Bevölkerung wieder "hochgefahren"?


die waffen nieder!

Aktion Offener Brief / Freikauf aus dem Gefängnis


so viele farben

Neue Querfront in Griechenland
"Mazedonien ist unser!" Oder: Wer als Patriot einschläft, wird als Faschist aufwachen

Der Fall der Moria35 auf Lesbos
Staatliche Repression gegen den Protest von Geflüchteten an den Außengrenzen der EU

Nazif Mujic - wieviel ist ein Leben wert?
Kommentar

Nicht in meinem Namen
Zur Tafel in Essen. Kommentar


kleine unterschiede

Frauenbewegung und Selbstorganisation in Polen
Die polnische Basisgewerkschaft IP ("Inicjatywa Pracownicza"; "Arbeiter-Initative") kämpft u.a. für höhere Löhne und niedrige Mieten. Monika Kupczyk im Gespräch mit IP-Aktivistin Agnieszka Mróz (Teil 2)


wir sind nicht alleine

"Ich brauche einen Ort zum Leben"
Offener Brief der indonesischen Umweltaktivistin Gunarti an HeidelbergCement


nerds

Digitale Selbstverteidigung
Sicherer browsen


concert for anarchy

Revolutionsromantik und Gewüte
Drei aktuelle, politische Alben kurz besprochen und kritisiert wo nötig


stichworte

Stichworte zum Postanarchismus 3.
Erziehung: Zur Unvereinbarkeit von Anarchismus und Kindern


es wird ein lächeln sein

"Welche Welt wollen wir schaffen?"
Ein Interview mit Scott Crow über die Situation in den USA, selbstorganisierte Katastrophenhilfe und mögliche Perspektiven eines anarchistischen Infrastrukturaufbaus


memorial

Erinnerung an Ekkehart Krippendorff
geboren am 22. März 1934 in Eisenach - gestorben am 27. Februar 2018 in Berlin
50 Jahre 1968 und der "Fall Krippendorff"

Aufrechter Gang - Ekkehart Krippendorff
Poem von Wolf-Dieter Narr anlässlich der Emeritierung Ekkehart Krippendorffs am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin, 8. Juli 1999 (Auszüge)

In memoriam Ekkehart Krippendorff
Von der Friedensforschung zur Staats- und Militärkritik

Dario Fo erleben!
Ekkehart Krippendorff und das Theater


wunderkammer

Emanzipatorischer Klassenkampf
Die Klischees von Arbeiter_innenbewegung und Bionadenbourgeoisie. Identitäten, 68 und die Verklärung der real existierenden Unterschicht

20 Aktionswochen gegen 20 Bomben! Auf geht's nach Büchel!

1. Klimacamp im Leipziger Land: Eine andere Welt ist möglich


 aktuelle ausgabe   abo & service   archiv   buchverlag   news & infos   vernetzung   über uns   graswurzelladen   home 
graswurzelrevolution redaktion@graswurzel.net / www webmaster@graswurzel.net