Anarchismus - Theorie, Kritik, Utopie
Vorwort zur Neuauflage 2007
Der Band Anarchismus - Theorie/Kritik/Utopie wurde Ende der 1960er Jahre konzipiert und ist 1970 erschienen. Es waren die Jahre einer stürmischen »antiautoritären« Bewegung, die gegen ein reformunwilliges, sich verhärtendes Establishment rebellierte. Verständigung zwischen beiden Seiten wurde zusehends unmöglich. Die »Alternativen« propagierten ihre emanzipatorischen Doktrinen nicht nur in aggressiver Sprache, sondern auch zunehmend gewalttätig; und die »Etablierten« reagierten, indem sie die alternativen Tendenzen unterschiedslos schmähten und kriminalisierten. Dazu gehörte auch das alte Zerrbild des Anarchismus, dessen denunziatorische Reduzierung auf blindwütiges Gewaltdenken und terroristische Praxis.
Unter diesen Umständen erschien es den Herausgebern wichtig, eine Textsammlung vorzulegen, die dem unvoreingenommenen Leser/in eine differenzierte Urteilsbildung über die geschichtliche Entwicklung, die verschiedenen Richtungen und, nicht zuletzt, die von der Polemik meist unterschlagenen konstruktiven Tendenzen des Anarchismus erlaubte. Wir waren damals und sind auch heute davon überzeugt, daß es sich bei der antiautoritären Tradition des Anarchismus um eine ernstzunehmende Form entschieden freiheitlichen Denkens handelt, die aus den sozialen und politischen Auseinandersetzungen des 19. und 20. Jahrhunderts erwachsen ist und innerhalb derselben dank ihres kritischen Potentials und ihres emanzipatorischen Impetus einen bedeutenden Platz einnimmt. Es waren Anarchisten, die schon früh die autoritäre Grundtendenz des Marxismus und später die bolschewistische Parteidiktatur kritisierten. Der spanische Anarchosyndikalismus wagte in den ersten Jahren des Spanischen Bürgerkrieges (1936/37) ein beispielloses sozialrevolutionäres Experiment. Der Kampf gegen repressive Strukturen auf allen Ebenen des gesellschaftlich-politischen Lebens und das Eintreten für weltweite soziale Gerechtigkeit und Völkerverständigung sind Grundelemente der anarchistischen Tradition.
Es bleibt offen und kann nur durch weitere, langfristige geschichtliche Erfahrung entschieden werden, ob das Ziel des Anarchismus, eine herrschaftsfreie solidarische Gesellschaft, auf den von ihm selbst propagierten Wegen, ja ob es überhaupt in der vorgestellten Form erreichbar ist. Das mindert nicht die Bedeutung dieser Utopie einer libertären Ordnung sozialer Gleichheit und menschlicher Solidarität als Gegenentwurf zu allen Herrschafts- und Gewaltverhältnissen - gerade auch zu denen einer Globalisierung unter kapitalistischen Bedingungen. Daß ein kritisch-alternatives Denken wie dieses in unserer gedankenlosen Produktions- und Konsumgesellschaft gewöhnlich als »abwegig« oder als bloße »Narretei« abqualifiziert wird, spricht nicht gegen den Anarchismus, sondern bezeugt nur Ignoranz und eine erschreckende Verkümmerung der sozial-philosophischen Reflexion. Das Prinzip Hoffnung der anarchistischen Utopie bleibt unverzichtbar, wenn wir uns nicht einer resignativen Kapitulation vor den Trägheitskräften des Bestehenden und ebensowenig der destruktiven Dynamik eines ungehemmten Neoliberalismus ausliefern wollen!
Die Textsammlung wird hier so nachgedruckt, wie sie 1970 erschienen ist. Dasselbe gilt für die Kommentare, die seinerzeit nicht »missionieren«, sondern informieren sollten. Für die Neuauflage wurden Lebensdaten ergänzt, offensichtliche Fehler korrigiert und bibliographische Angaben aktualisiert. Wir hoffen, die neuen Leserinnen und Leser davon überzeugen zu können, daß der sachliche Gehalt des Bandes, mit all seinen Grenzen und ungeachtet neuerer Literatur zum Thema, einen unveränderten Nachdruck rechtfertigt. Als Dokument aus den bewegten Jahren um 1968 ist er im übrigen selbst ein Stück Zeitgeschichte. Er repräsentiert Ausschnitte aus einer sozialphilosophischen Tradition, die in jenen Jahren von einem Teil der »emanzipatorischen« Linken wiederentdeckt worden war, mit manchen ideologischen Übersteigerungen bei ihren neuen Anhängern und Anhängerinnen, und die sich sogleich den üblichen polemischen Mißdeutungen von seiten ihrer konservativen wie ihrer orthodox-marxistischen Gegner ausgesetzt sah.
Welche konstruktiven Anstöße von einer kritischen Rezeption dieser Tradition unter den veränderten gesellschaftlich-politischen Verhältnissen von heute - und morgen! - ausgehen können, wird sich zeigen. Peter Marshall, der englische Autor der umfassendsten zurzeit vorliegenden Geschichte des Anarchismus, kommt am Schlusse seines 1993 erschienenen Werkes zu dem Fazit: »Weit davon entfernt, die kindliche, naive, utopische Phantasie zu sein, die oberflächliche Beobachter sich vorstellen, ist anarchistisches Denken, wie die vorliegende Studie hoffentlich demonstriert hat, grundlegend, komplex und subtil. Es ist mehr als eine Doktrin persönlichen Lebens. Es stellt Fragen und hat Antworten zu vielen fundamentalen Problemen der Moralphilosophie und der Politischen Philosophie. Es richtet sich auf viele der brennenden Fragen des Tages. Als Resultat bleibt es eine der bedeutendsten und stimulierendsten intellektuellen Tendenzen der Moderne.«
(Demanding the Impossible. A History of Anarchism. London 1993, S. 664)
Achim v. Borries, Bremen
Ingeborg Weber-Brandies, Hattingen
Februar 2007
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