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Freundliche Panther

Ein neues Buch beschreibt die Geschichte der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. von jens kastner

Die Geschichte der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den USA ist geprägt von gewaltfreien Aktionen und zivilem Ungehorsam. Sit-In und Teach-In sind in diesem Kontext erfunden worden, und die ein oder andere Busfahrt in den Südstaaten machte mehr Furore als so mancher Riot ein paar Jahre später. Dennoch ist die Geschichte der Organisationen, die diesen Widerstand gegen die rassistische Unterdrückung gebündelt und getragen haben, im deutschsprachigen Raum bisher kaum erzählt worden. Vor allem die Faszination für die militanten Gruppen wie die Black Panther Party hat hier das Publikationswesen bestimmt, obwohl – und das glaubt man dem Autor Clayborne Carson gerne – die gewaltfreien AktivistInnen mindestens ebenso schlagfertig und dazu noch besser organisiert, antiautoritär strukturiert und massenkompatibler waren.

Carsons Studie beschreibt die Geschichte des afroamerikanischen Aufbruchs in den sechziger Jahren anhand des »Student Nonviolent Coordinating Committee« (SNCC). Er schildert den Beginn einer Bewegung, deren Aktivismus sich vor allem auf Gandhis Gewaltfreiheit berief. Anfangs nur die studentischen Proteste in den Südstaaten koordinierend, wuchs das SNCC im Laufe der frühen sechziger Jahre zu einer Massenorganisation an. Vor allem mit den Methoden des organisierten zivilen Ungehorsams wurde das System der Segregation herausgefordert. Die Regierung Kennedy galt dabei zunächst noch als legitime Instanz, an die Forderungen gerichtet wurden und von der Hilfe erwartet wurde. Doch bereits ab 1962 wurden auch die Demokraten in Washington als Komplizen der rassistischen Unterdrückung in den Südstaaten denunziert, ohne allerdings als Bündnispartner vollkommen diskreditiert zu sein.

Die Radikalisierung wurde aus der Sicht Carsons nicht durch die Autorität und das Charisma radikaler Einzelner ausgelöst, die eine aktive Masse hinter sich zu scharen wussten, sondern die Bewegung selbst war es, die die Einzelnen inklusive ihrer späteren Anführer radikalisiert hat. Die Ursache für diese Radikalisierung war ein Konglomerat aus sozialer Ausgrenzung und kultureller Bewusstwerdung. Nicht zuletzt die starke christliche Motivation vieler AktivistInnen der Anfangszeit sorgte dafür, dass auch die später formulierten sozialrevolutionären Ziele immer an die moralische Integrität Einzelner gebunden blieben. Die Entwicklung von der Anti-Segregation über die Bürgerrechtsforderung zu Black Power und dem schwarzen Nationalismus erscheint in Carsons Perspektive nicht wie eine logische Radikalisierung, sondern als ein widersprüchlicher, umkämpfter Prozess. Und als ein Weg, auf dem sich die direkte gewaltfreie Aktion im Gegensatz zu später hegemonialen Aktionsformen – bzw. den Ideen dazu – nicht nur als die basisdemokratischere, sondern auch als die wirkungsvollere erwiesen hat. Allerdings wurde die spätere gesetzliche Durchsetzung von Bürgerrechtsforderungen, wie Carson erstaunt feststellt, von der Bewegung selbst kaum als Erfolg wahrgenommen.

Als das SNCC sich ab Mitte der sechziger Jahre gegen den Vietnamkrieg stark machte, geschah dies nicht mehr nur »vor dem Hintergrund eines Bekenntnisses zur Gewaltfreiheit«, sondern war durchaus antiimperialistisch motiviert. Dennoch war das Bündnis mit linksradikalen Weißen ein sehr labiles. Denn die kulturellen Grundlagen des Rassismus wurden von diesen nur selten thematisiert. Die ersten separatistischen Stimmen innerhalb des SNCC stellten ihn vor eine Zerreißprobe: Ging es den einen um die Erweiterung des aktionsbezogenen Kampfes, plädierten die anderen mehr und mehr für die Entwicklung nationalistischer Werte.

Diesen Konflikt schildert Carson sehr ausführlich am Beispiel der Auseinandersetzungen um den scheinbar so griffig einfachen Slogan »Black Power«. Verhinderte dieser eine klassenbasierte Bündnispolitik mit weißen Liberalen, so war er auch nicht dazu geeignet, die schwarze Community zu einen. Zum einen als Aufruf zur bewaffneten Rebellion gegen das System interpretiert, konnten sich doch auch »schwarze Kapitalisten« damit identifizieren. Ein Gegensatz, dem die Black Panthers später perspektivisch mit einem ethnisch gleich-gültigen Sozialismus begegneten, der im SNCC aber umstritten blieb und sich in verschiedenen Flügel- und Fraktionskämpfen äußerte.

Deutlich wird, dass sich die Widersprüche hier nicht in erster Linie zwischen gewaltfreien und militanten Aktionsformen entwickelten, sondern eher Schwarze aus dem ländlichen Süden den StädterInnen aus dem Norden oder PanafrikanistInnen den VertreterInnen lokaler Klassenbündnisse gegenüberstanden. Mit der Durchsetzung der an den antikolonialen Kämpfen in Afrika orientierten Mitglieder schien die Identitätspolitik im SNCC ab 1966 endgültig gesiegt zu haben. Gleichzeitig und nicht ohne inhaltlichen Zusammenhang nahm die Repression der weißen Staatsmacht gegen die Organisation zu.

Der Weg von den massenhaften gewaltfreien Aktionen, die in den Südstaaten der frühen sechziger Jahre ihren Höhepunkt erreichten, hin zum Streit zwischen kulturellen NationalistInnen und BefürworterInnen des bewaffneten Kampfes erscheint so eher als ein langsamer Niedergang denn als selbstbewusster Aufstieg, als der er ansonsten meist rezipiert wird. Während der über Klassengrenzen hinaus vorhandene Wunsch, der Unzufriedenheit in Massenaktionen Ausdruck zu verleihen, die Basis für das Engagement und die Erfahrung der AktivistInnen des SNCC war, habe er, sagt Carson, von den spontanen und militanten Aufständen der späten Sechziger nicht befriedigt werden können. Die Balance zwischen individueller Rebellion und organisierter, kollektiver Aktion habe aber zu diesem Zeitpunkt auch das SNCC nicht mehr zu Stande gebracht.

Carson, der auch der Herausgeber der Schriften Martin Luther Kings ist, beschreibt die Geschichte des SNCC quasi als Urgeschichte neuer sozialer Bewegungen. Denn seine Studie offenbart schon Dilemmata, mit denen bis hin zur globalisierungskritischen noch alle relevanten sozialen Bewegungen zu kämpfen hatten. Die Fragen sind immer noch dieselben: Sollte man eher auf medienwirksame Führer oder auf konsequente Basisdemokratie setzen, auf die Konfrontation mit den Verhältnissen oder den Aufbau eigener Alternativstrukturen?

Etwas unklar bleibt bei Carson, welche Rolle die Frauen in der Bürgerrechtsbewegung spielten. Obwohl es auch Frauen unter den GründerInnen und in einflussreicheren Positionen gab, tauchen sie, mit Ausnahme Ella Bakers, in der Studie kaum auf. Ob das SNCC also als Anstoß oder Alternative zum martialischen Gebaren der Black Panthers gelesen werden kann, ist leider nicht zu erfahren. Was Carson jedoch prinzipiell anmahnt, gilt aber ganz allgemein auch heute noch, nämlich die Geschichte des SNCC »als einen Fundus der Inspiration und der Erfahrung für die Neue Linke zu betrachten«.

erschienen in: Jungle World 30/2004, 14. Juli 2004

Gegen Diskriminierung

Die Geschichte des SNCC in den sechziger Jahren

Die sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts markierten für die Vereinigten Staaten einen mächtigen Umbruch. Während der traditionelle Südstaaten-Rassismus noch eine große Rolle spielte, nahmen die Schwarzen ihr Schicksal immer selbstbewußter in die Hand. Einen bedeutenden Anteil an dieser Bewegung hatte das im Frühjahr 1960 gegründete "Student Nonviolent Coordinating Committee" (SNCC). Die Geschichte dieser Institution, die ihre Inspiration aus den Traditionen des religiösen Radikalismus zog und mit den Ideen Mahatma Gandhis den Weg nach Amerika gefunden hatte, wurde von Clayborne Carson bereits im Jahr 1981 geschrieben, mehrfach neu aufgelegt und liegt jetzt erstmals in deutscher Übersetzung vor. Carson stammt selbst aus dem SNCC und ediert inzwischen als renommierter Historiker an der Stanford University die Akten Martin Luther Kings.

Mit kritischer Sympathie beschreibt Carson in drei thematischen Abschnitten den Weg dieses Studentenverbandes von Schwarzen, die durch zivilen Ungehorsam und das Prinzip der Gewaltlosigkeit gegen die Rassendiskriminierung vorgingen. Keimzelle des friedlichen Protests waren die "Sit-ins". Gutgekleidete schwarze College-Studenten hatten sich erstmals im Februar 1960 in Greensboro in North Carolina an die nur für Weiße reservierte Theke eines Restaurants gesetzt und es erst bei Ladenschluß nach einem Gebet wieder verlassen - ein Beispiel, das schnell Nachahmer fand und ausgesprochen erfolgreich das Segregationssystem aushebelte. Das SNCC war bei der Schaffung lokaler Aktionszentren im ländlichen "Black Belt" des Südens erfolgreicher als die weitgehend kirchlich dominierten Bürgerrechtsbewegung unter Martin Luther King. Nach erfolgreichen Protestmärschen und Sit-ins in Alabama und Mississippi geriet das SNCC seit 1964/65 in den Sog einer weltweiten Radikalisierung, die die Emanzipation der Schwarzen als Teil eines internationalen Befreiungskampfes interpretierte. Vor allem für die bald führende Gestalt Stokey Carmichael wurden die Schwarzen in den Ghettos die Speerspitze eines Aufstands der Unterdrückten in aller Welt. Der eskalierende Vietnam-Krieg diente als Katalysator, um diesen Machtkampf zu forcieren. 1966 stand die "Black Panther Party" als radikaler Mitstreiter und Konkurrent neben dem SNCC, das sich immer mehr von seinen pazifistischen Wurzeln löste.

Das abschließende Drittel der Darstellung Carsons ist "Zerfall" betitelt und beschreibt in kritischen Worten den Niedergang der Bürgerrechtsbewegung seit dem tumultartigen Jahr 1968 und einer Radikalisierung, die in Unruhen in den Ghettos der Großstädte mündete. Anstatt sich die Erfolge der Bewegung zunutze zu machen, ging der SNCC "den Weg so vieler Organisationen in der Geschichte sozialer Bewegungen und versuchte, seine Weltsicht Menschen aufzuzwingen, die gerade dafür kämpften, für sich selbst denken zu können". Diejenigen älteren Schwarzenführer, die sich gegen die revolutionären Dogmen wehrten, wurden an den Rand gedrängt. An die Macht gelangten statt dessen Persönlichkeiten, die revolutionäre Disziplin forderten - für Carson ein Zeichen für "intellektuelle Arroganz", die den willkürlichen Gebrauch von Herrschaft legitimieren sollte.

Besonders nach dem gewaltsamen Tod von Martin Luther King im April 1968 fehlte eine politische Koordinierung, die die Gewalteskalation und die Polarisierung zwischen Schwarzen und Weißen hätte verhindern können. Der Niedergang des SNCC war durch Grabenkämpfe und langwierige interne Machtkämpfe gekennzeichnet. Stokey Carmichael war einer der ersten, der schließlich im Sommer 1968 der Auseinandersetzungen müde wurde und das Handtuch warf. Zeichen der kontinuierlichen Radikalisierung war eine signifikante Namensänderung im Juli 1969: Das Kürzel SNCC wurde zwar beibehalten, aber das "Student Nonviolent Coordinating Committee" in ein "Student National Coordinating Committee" umgewandelt. Mit der zunehmenden Militanz ging eine Mitgliederfluktuation einher, die es dem FBI erleichterte, Informanten in die Organisation einzuschleusen, was den Bedeutungsverlust nur noch beschleunigte und das in sich zerstrittene SNCC weitgehend paralysierte. Im Dezember 1973 berichtete das FBI-Büro in New York: "Angesichts der Tatsache, daß das SNCC kein bundesweites Büro mehr hat, keine nationalen Funktionäre, seit Jahren an keinen bedeutenden Aktivitäten beteiligt ist und dahin gehende Zukunftsperspektiven kaum auszumachen sind, schließt das New Yorker Büro den Fall ab."

Trotz aller Mißerfolge und des Abgleitens vieler Mitglieder in die doktrinäre Gewalt war das SNCC, wie der Verfasser betont, letztlich doch erfolgreich. Insofern ist ihre Geschichte eine typische amerikanische success story und ein Beispiel für die Selbstheilungskräfte einer Demokratie, der es gelang, auf einem steinigen Weg die Emanzipation einer bislang marginalisierten Bevölkerungsgruppe zu ermöglichen. Die Veränderungen der amerikanischen Gesellschaft erwiesen sich als irreversibel. Selbst wer nicht an den Protestaktionen teilnahm oder heute nicht einmal von deren Existenz weiß, profitiert von den Aktionen der damaligen Aktivisten. Carson zitiert einen von ihnen mit den Worten: "Schwarze, die in Schlips und Kragen herumlaufen und gute Jobs haben, sind ein Resultat des SNCC." Die abenteuerlichen einleitenden Thesen der deutschen Herausgeber, die versuchen, die Erfolge des SNCC für die Zwecke heutiger "Globalisierungsgegner" aller Couleur einzuspannen, kann man sich allerdings sparen und mit der Lektüre des Werkes auf Seite 35 beginnen.

Joachim Scholtyseck

erschienen in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. Oktober 2004

Clayborne Carson: Zeiten des Kampfes

Jedem renommierten Verlag mit anspruchsvollem historiographischem Problem hätte es gut angestanden, Clayborne Carsons Studie "Zeiten des Kampfes" über die Geschichte des Student Nonviolent Coordination Committee (SNCC) in deutscher Übersetzung herauszubringen. Doch mit fast einem Jahrzehnt Verspätung erschien das mit dem Frederick Jackson Turner Award der Organization of American Historians ausgezeichnete Werk nun sorgfältig ediert im Verlag Graswurzelrevolution, dem Verlag der libertären Gewaltfreien um die Monatszeitung Graswurzelrevolution.

Inhaltlich passt das Buch zu deren Programm, schildert es doch Entstehung, Kampagnen und die direkten gewaltfreien Massenaktionen des SNCC im Kampf der US-amerikanischen Schwarzen gegen die rassistische Diskriminierung. Mit Sit Ins, Freiheitsfahrten und Kampagnen zur Eintragung in Wahllisten kämpften die Aktivisten des SNCC gegen das Segregationssystem in den Südstaaten und stellten zugleich in basisdemokratischer Organisation die Dominanz Martin Luther Kings in Frage.

Carson, einst Mitglied im SNCC, lehrt heute Geschichte in Stanford und ist Direktor des Martin Luther King, Jr., Papers Project. Sein Buch, das auf Interviews, Insider-Materialien wie Protokollen und unveröffentlichten Diskussionspapieren sowie den erst seit einigen Jahren zugänglichen FBI-Akten basiert, ist ein Muss für antirassistische Akteure. Nicht zuletzt, da es den Militanz-Fetischismus des Kults um Malcolm X und der Gewaltästhetisierung in Teilen des Hiphop zu zersetzen vermag.

Alfred Schobert

erschienen in: DISS-Journal, Zeitung des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS), Nr. 13 (2004)

Es begann mit einem Sit-in

»Angesichts der Tatsache, daß das SNCC kein bundesweites Büro hat, keine nationalen Funktionäre, seit Jahren an keinen bedeutenden Aktivitäten beteiligt ist und dahingehende Zukunftsperspektiven kaum auszumachen sind, schließt das New Yorker Büro den Fall ab.« Mit dieser Mitteilung vom 11. Dezember 1973 beendete das Federal Bureau of Investigation (FBI) die Ausforschung, der das Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC) seit seiner Gründung im Jahre 1960 ausgesetzt war.

Die Buchstaben SNCC waren in den 1960er Jahren für unzählige Schwarze, vor allem in den Südstaaten der USA, ein Zeichen der Hoffnung. Die weiße Mehrheit der US-Amerikaner, die die brutale Rassentrennung verteidigte oder als gottgewollt hinnahm, empfand sie als Provokation, die bei ihnen Angst und Abwehr erzeugte.

Entstanden war das SNCC fast zufällig, und zwar in einem Restaurant in Greensboro, North Carolina: Vier schwarze Collegestudenten setzten sich an die Theke, die nur für Weiße reserviert war, und baten, bedient zu werden. Als ihnen das nach den Vorschriften der Rassentrennung verweigert wurde, blieben sie sitzen, einfach sitzen. Dieses »Sit-in« war wie ein Fanal, das in Windeseile von unzähligen weiteren schwarzen Studenten in den Südstaaten aufgenommen wurde: Eine Massenbewegung schwarzer Studenten zur Abschaffung der Rassentrennung war geboren.

Wie es weiterging und wie das SNCC neben der bei uns bekannteren SCLC, der Southern Christian Leadership Conference um Pastor Martin Luther King, zur bedeutendsten Organisation der Schwarzen in den 60er Jahren werden konnte, schildert Clayborne Carson in seinem Buch »Zeiten des Kampfes«. Carson, seinerzeit selbst Mitglied des SNCC, lehrt heute Geschichte an der Stanford University in San Francisco und ist zugleich Direktor des Martin Luther King, Jr., Papers Project. Als bester Kenner der US-Bürgerrechtsbewegung konnte er zu einem Prozeß und zu einem Film über die Ermordung Martin Luther Kings das beitragen, was man heute mit Sicherheit weiß: King war Opfer einer Verschwörung, an der auch der Regierung zugeordnete Institutionen beteiligt waren, zum Beispiel das FBI. Der Prozeß fand 1999 statt, mehr als 30 Jahre nach dem Mord, der Dokumentarfilm wurde 2004 fertiggestellt (Arte zeigte ihn Ende Oktober).

In der Geschichte des SNCC erkennt Carson drei Abschnitte: Der erste war gekennzeichnet durch Mobilisierung schwarzer Gemeinden mittels gewaltfreier direkter Aktionen (beispielsweise Kampagnen zur Eintragung von Schwarzen in die Wählerlisten). Diese Arbeit an der Basis, und zwar von schwarzen und weißen AktivistInnen gemeinsam, war erfolgreich und trug auch zu den Wahlrechtsgesetzen zugunsten der Schwarzen bei. Den zweiten Abschnitt versteht der Verfasser als »Innenschau«. Es war die Zeit der Weichenstellung zu einem »schwarzen Separatismus«, der dann in einem dritten Abschnitt unter anderem durch die Agitation der »Black Power«, die Trennung von den weißen AktivistInnen und zunehmende Militanz nach außen und innen schließlich zum Zerfall führen mußte. Geradezu spannend erzählt Carson vieles, an das sich europäische Leser noch von ferne erinnern, zum Beispiel den berühmten Marsch von Selma nach Montgomery, die Geschichte des kurzzeitigen SNCC-Vorsitzenden Stokely Carmichael und die der Black Panther Party.

Darüber hinaus ist das Buch mehr als nur die Geschichtsdarstellung einer Bürgerrechtsorganisation. Da die »aktuelle Massenbewegung gegen die kapitalistische Globalisierung« einen »wesentlichen ihrer vielen Ursprünge« im SNCC hat, kann man, wie der Übersetzer und deutsche Herausgeber des Buches, Lou Marin, zu Recht meint, diese Geschichte auch als ein »Lehrstück« für heutige soziale Bewegungen lesen, zur Ermutigung und als Warnung vor »Abwegen«.

Hartwig Hohnsbein

erschienen in: Ossietzy 24/2004 (27. November 2004)

Clayborne Carson: Zeiten des Kampfes

Unter den US-amerikanischen Bürgerrechtsorganisationen nahm das Student Nonviolent Coordination Committee (SNCC) stets den Platz der Avantgarde ein. Seine Aktivisten standen im Ruf eines besonderen Radikalismus, egal ob sie neue Formen des zivilen Ungehorsams erprobten oder später einer entsetzten weißen Öffentlichkeit drohten, Amerika "niederzubrennen". Der afroamerikanische Historiker Clayborne Carson hat in seiner bereits 1981 veröffentlichten Studie die wechselvolle Geschichte des SNCC nachgezeichnet. Das preisgekrönte Werk versteht sich als "Studie der Ideen". In der Entwicklung des SNCC, die der Kriegsdienstverweigerer Carson selbst als sympathisierender "teilnehmender Beobachter" begleitete, sieht der Autor rückblickend eine Reflexion der allgemeinen Veränderungen, die die afroamerikanische Politik während der sechziger Jahre durchlief.

Als Herausgeber der Schriften Martin Luther Kings ist Carsons eigene Perspektive deutlich dessen universalistischem Vermächtnis verpflichtet. Das Aufkeimen eines separatistischen schwarzen Nationalismus in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre begreift Carson nicht als Strategie der Selbstermächtigung, sondern als Niedergang einer ethnische und soziale Grenzen transzendierenden Reformkoalition. Erfolge der Bürgerrechtsbewegung in den Südstaaten waren die Abschaffung der Segregation und der rassistischen Wahlrechtsbeschränkungen.

Im Moment des Triumphs zerbrach die Bewegung: Mit dem Ende der gesetzlichen Diskriminierung verlagerte sich der Protest in die Großstädte des Nordens. Der enge Zusammenhang von Rassismus und sozioökonomischer Benachteiligung, der dabei deutlich zutage trat, machte auch eine Neuorientierung des SNCC erforderlich. Statt Klassenanalyse und Bündnispolitik dominierte jetzt aber eine Sichtweise, "die 'Rasse' stärker betonte als Klasse und Bündnisse mit der 'Dritten Welt' gegenüber Bündnissen mit verarmten Weißen bevorzugte". Unterdessen spalteten sich die SNCC-Kader über ideologische und politische Grundsatzfragen. Zugleich verlor das SNCC die im Süden entwickelte Fähigkeit, als Katalysator der politischen Selbstorganisation schwarzer Gemeinden zu dienen.

Befremdlich ist die deutsche Einleitung der Studie. Sie stilisiert ausgerechnet die globalisierungskritische Bewegung völlig unkritisch zur Erbin des libertären und pazifistischen Politikverständnisses des frühen SNCC. Geradezu bösartig ist es, der hiesigen linken Literatur über die Bürgerrechtsbewegung eine Fetischisierung der Gewalt zu unterstellen. So wird der Kampf um Emanzipation eine Frage der Etikette.

Dominik Nagel

erschienen in: konkret 2/2005

Rezension zu: Carson, Clayborne: Zeiten des Kampfes

Clayborne Carsons Werk zur Geschichte des Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC sprich "Snick") gehört in den USA zu den Standardwerken zur Bürgerrechtsbewegung. Mehr als 25 Jahre nach der Erstauflage des Buches im Jahr 1981 ist nun auch eine deutsche Übersetzung beim Verlag Graswurzelrevolution erschienen. Dass es nach so langer Zeit zu einer solchen Übersetzung gekommen ist, ist dem Verlag und dem Übersetzer Lou Marin hoch anzurechnen. Denn obwohl fast 30 Jahre seit seiner Abfassung vergangen sind, bleibt In Struggle: SNCC and the Black Awakening of the 1960s, so der amerikanische Titel, eine herausragende Studie einer der einflussreichsten und radikalsten Bürgerrechtsgruppierungen der Sechziger Jahre.

SNCC begann als eine lose Organisation afroamerikanischer Studenten aus dem Süden der USA, die sich der Abschaffung der in dieser Region vorherrschenden Rassensegregation verschrieben hatten. Wie der Name der Organisation verrät, sollte das Komitee der besseren Koordination und dem Erfahrungsaustausch im Bezug auf Protestaktionen dienen. Doch sehr bald entwickelte sich im SNCC ein Kader professioneller Organisatoren und Aktivisten, die sich bemühten den Protest in die ländlichen Regionen des tiefen Südens zu tragen. In der ersten Hälfte des Jahrzehnts verschaffte sich das SNCC so den Ruf einer Bürgerrechtsavantgarde, die auch in Regionen vorstieß, in der traditionellere Bürgerrechtsorganisationen kaum vertreten waren und die in der Verfolgung ihrer Ziele kompromissloser und radikaler war als andere Organisationen. Das SNCC wurde so zum Vorläufer und Vorbild der Neuen Linken und der Antikriegsbewegung in den USA.

Clayborne Carson gliedert seine Geschichte der Organisation in drei Teile, Zusammenkunft, Innenschau und Zerfall, wobei Teil I, Zusammenkunft, den größten Raum einnimmt. Er umfasst in etwa die Periode zwischen 1960 und 1965. Carsons Schwerpunkt liegt dabei immer auf der Eigenperzeption der Mitglieder des SNCC und den praktischen, philosophischen und ideologischen Fragen, mit denen sie sich auseinandersetzten. Carson zeigt, dass SNCC außer im Bekenntnis zur Gewaltfreiheit keine einheitliche Philosophie entwickelte. Stattdessen herrschte ein hohes Maß an Individualität und Autonomie unter den Aktivisten vor. Es zählte vor allem das Engagement in der Sache. Ziel der Organisationsarbeit in den Gemeinden des Südens war die Heranbildung lokaler Strukturen und Organisationen, die es einheimischen Afroamerikanern ermöglichen sollten, eigenständig politische und soziale Ziele zu verfolgen. Für Carson ist dies die erfolgreichste Zeit des SNCC. Auseinandersetzungen innerhalb des SNCC gab es vor allem in Bezug darauf, ob die direkte Aktion Projekten wie der Wählereinschreibung vorzuziehen sei, und inwieweit weiße Aktivisten in die Arbeit des SNCC einbezogen werden sollten. Die Debatten um letztere Frage, zeigt Carson, sollte später entscheidend zum Zerfall des SNCC beitragen.

1965 begann laut Carson die Phase der Innenschau. Trotz der von der Regierung Lyndon B. Johnsons durchgesetzten Bürgerrechtsgesetze wuchs die Frustration unter den Aktivisten der SNCC ob der zurückhaltenden und von politischen Erwägungen geprägten Haltung der Bundesregierung und des liberalen Establishment im Norden der USA. SNCC distanzierte sich zunehmend von den Liberalen des Nordens, die bisher zu seinen Unterstützern gehört hatten, aber auch von den anderen gemäßigten Bürgerrechtsorganisationen, die den Mitgliedern des SNCC zu kompromissbereit erschienen. Auf der Suche nach neuen Themen konzentrierten sich die Aktivisten des SNCC zunehmend auf die Zustände in den urbanen Ghettos des Nordens. Die Desillusionierung führte zu einer Intensivierung der Debatte, ob der Einsatz weißer Aktivisten und Freiwilliger den Zielen der Organisation zuwiderlief. Es gab Befürchtungen, dass weiße Aktivisten aufgrund ihrer besseren Vorbildung und ihres privilegierten Status zu leicht in Führungsrollen schlüpfen und dadurch Afroamerikaner hemmen und in alte Rollenmuster drängen könnten. Die Schwierigkeiten des SNCC neue Themen zu besetzen, führten dazu, dass Rufe nach einer einheitlichen Philosophie lauter wurden. Außerdem wurde die Autonomie mit der individuelle Aktivisten an Projekten arbeiteten zunehmend als Schwäche empfunden, die die Arbeit der Organisation ineffektiv und chaotisch machte.

Carson zeigt aber, dass ironischerweise die größere Kohärenz, die auf die Debatten der Innenschau folgte, letztendlich auch den Zerfall des SNCC herbeiführte. 1966 bekam SNCC mit seinem neuen Vorsitzenden Stokeley Carmichael eine charismatische Identifikationsfigur und mit dem mit ihm identifizierten Konzept der "Black Power" eine Idee, die in der afroamerikanischen Bevölkerung starken Widerhall fand. Doch mit dem neuen "starken" Mann an der Spitze der Organisation gewannen Separatismus und schwarzer Nationalismus die Überhand im SNCC. Die "richtige" revolutionäre Ideologie war nun wichtiger als das Engagement. Die letzten verbliebenen weißen Aktivisten wurden ausgeschlossen und ältere Aktivisten aus den Anfangsjahren fühlten sich durch das doktrinäre Auftreten jüngerer Mitglieder verprellt. Viele Projekte im ländlichen Süden verwaisten und wurden eingestellt. Es gelang der SNCC nicht, um die Idee des „Black Power“ realisierbare Projekte zur dauerhaften Mobilisierung der afroamerikanischen Bevölkerung ins Leben zu rufen. SNCC verlor sich zusehends in ideologischen Positionskämpfen zwischen seinen Mitgliedern. Die Mitglieder sahen sich immer mehr als Revolutionäre und verloren mehr und mehr den Bezug zu ihrer Basis. SNCC existierte zwar noch bis in die 1970er-Jahre hinein, spielte aber spätestens nach 1968 keine wichtige Rolle mehr.

Auch wenn Carsons Werk nicht den neuesten Forschungstand zur Bürgerrechtsbewegung repräsentiert, so wirkt es dennoch alles andere als veraltet. Dies liegt mit Sicherheit auch daran, dass Carson für seine Forschung eine Fülle von Primärquellen, vor allem Protokolle und Schriftverkehr des SNCC, sowie eine Reihe von Interviews mit den Akteuren der Zeit verwendete. Obwohl Clayborne Carson selbst als Aktivist in den 1960er-Jahren tätig war, ist sein Rückblick auf SNCC niemals verklärt. Carson bleibt stets distanziert. Er ist in seiner Vorgehensweise sicherlich eher deskriptiv als analytisch. Trotzdem mangelt es dem Buch nicht an einer kritischen Auseinandersetzung mit SNCC.

Die Übersetzung von Lou Marin liest sich sehr gut. Einzelne Begriffe und Institutionen, die dem deutschen Laien unbekannt sein könnten werden zumeist befriedigend erklärt. Allerdings erscheint es in diesem Zusammenhang als nicht ganz akkurat, das FBI mit dem Bundesnachrichtendienst zu vergleichen. Auch benutzt Marin zuweilen den etwas umgangssprachlichen Begriff Knast anstatt Gefängnis. Die Einführung von Marin und das Nachwort von Heinrich W. Grosse dienen vor allem dazu, Carsons Werk in den Kontext linker Debatten zu stellen. Vor allem Grosse trägt dabei wenig Erhellendes zu Carsons Werk bei. Marins These, dass Carson herkömmliche linke Interpretationen der Bürgerrechtsbewegung und ihrer „natürlichen“ Radikalisierung in Frage stellt, ist durchaus interessant. Leider fehlt dem Anhang eine ausführliche Bibliographie. Es werden lediglich einige deutschsprachige Werke zu Martin Luther King Jr. und der Bürgerrechtsbewegung aufgeführt. Die Liste der Abkürzungen ist leider unvollständig, bei der Fülle der verwendeten Abkürzungen ein erheblicher Mangel.

Insgesamt hat der Verlag Graswurzelrevolution mit Zeiten des Kampfes der deutschsprachigen Historiographie eine gelungene Übersetzung eines wichtigen Standardwerks zur Geschichte der Bürgerrechtsbewegung hinzugefügt.

Alexander Vazansky

erschienen: H-Soz-u-Kult, 23.05.2007

Clayborne Carson: Zeiten des Kampfes

An diesem Buch sind wenigstens zwei Dinge bemerkenswert. Zum einen legt das Erscheinen der gelungenen deutschen Übersetzung dieses erstmals 1981 veröffentlichten, 1996 in zweiter Auflage erschienenen und bis heute nicht übertroffenen Standardwerks zur Geschichte einer der wichtigsten schwarzen Bürgerrechtsorganisationen der 1950er/60er Jahre ein beredtes Zeugnis von dem beklagenswert unterentwickelten Interesse an US-amerikanischer Geschichte in Deutschland ab. Zum anderen ist es geschichtspolitisch interessant, dass sich ein dezidiert linker, seinem Selbstverständnis nach nicht-bürgerlicher Verlag dieses Buches angenommen hat. In seinem Vorwort begründet Lou Marin als Verleger und Übersetzer die Bedeutung, die eine historisch informierte Auseinandersetzung mit dem Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC) für die Selbstverständigungsdebatten des linken Lagers in Deutschland und überhaupt in der Welt haben könne. Auch ein eher belangloses Nachwort von Heinrich W. Grosse bemüht sich darum, die Gegenwartsrelevanz des geschichtlichen Themas herzustellen. Grosse lässt die Geschichte von SNCC und die Rezeption der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung in Deutschland Revue passieren, um dann die Inspiration freizulegen, die das Erbe von Martin Luther King, Jr., von dem sich SNCC-Aktivisten im Laufe der 1960er Jahre immerhin zunehmend entfremdeten, für einen gewaltfreien Kampf gegen "die Übel des Rassismus, der wirtschaftlichen Ausbeutung und des Militarismus" (S. 566-567) bereithält. Im Rezeptionskontext der deutschen Linken wird die Geschichte von SNCC mithin zu einem Lehrstück über Erfolge und Abwege einer sozialen Emanzipationsbewegung, aus der die "aktuelle Massenbewegung gegen die kapitalistische Globalisierung" (S. 7) etwas für den eigenen Kampf lernen könne. Das ist mit Friedrich Nietzsche gesprochen monumentalistische Geschichtsschreibung in Reinkultur. Ob man mit dieser Funktionalisierung der schwarzen Bürgerrechtsbewegung für den eigenen politischen Kampf dieser selbst historisch gerecht wird, sei dahingestellt. Auswirkungen auf die Vollständigkeit und Qualität der Übersetzung des Werkes von Clayborne Carson hat die monumentalistische Absicht zum Glück nicht, sodaß man dem Verlag insgesamt dankbar sein muß, dass er die Übersetzung dieses wichtigen Werkes unternommen hat. Mit seinem Buch erforscht Clayborne Carson als Historiker das Phänomen einer Zeit, die er als Aktivist in der Bürgerrechtsbewegung selbst miterlebt hat. Gleichwohl verlässt er sich weder allein auf die eigene Erinnerung noch auf die Selbst- und Geschichtsdarstellungen anderer Aktivisten. Vielmehr ergänzt er die vielgestaltige Erinnerungsliteratur mit von ihm selbst geführten oral history-Interviews und einer breiten Vielfalt an schriftlichen Quellen (Protokolle der verschiedenen Sitzungen, Positionspapiere, Schriftverkehr und anderes Publikationsmaterial des SNCC, FBI Akten). Herausgekommen ist eine von kritischer Distanz getragene, grundsolide, detail- und farbenreiche, oft aber auch in epische Breite drängende Darstellung, die eine dicht beschriebene Rekonstruktion der Aktivitäten des SNCC im Kontext der schwarzen Bürgerrechtsbewegung leistet. Die Entwicklung des SNCC wird in drei Phasen geteilt: (1) Zusammenkunft (1960-65), (2) Innenschau (1965/66) und (3) Zerfall (1966-1968). Damit zeichnet Carson plausibel die Geschichte einer Bürgerrechtsorganisation nach, die als spontaner und anfangs eher lockerer Zusammenschluß von zumeist afroamerikanischen Studenten, die die gegen die Segregationspolitik gerichteten Protestaktionen im Süden der USA besser koordinieren wollten, begann. Im Laufe der 1960er Jahre verwandelte sich SNCC in eine zunehmend fester gefügte, von professionellen Kadern geführte Organisation, die deutlich radikaler war als andere Bürgerrechtsorganisationen. Dieser ab 1966 im Zeichen des "Black Power" stehende militante Radikalismus, der immer mehr auf Separation als auf Integration der Afroamerikaner setzte, war selbst innerhalb der afroamerikanischen Gemeinde nicht mehrheitsfähig und ein Grund dafür, warum der Einfluss des SNCC nach 1968 rapide verfiel.

Volker Depkat

"Das Historisch-Politische Buch", 55. Jg., Heft 5/2007, S. 527f.

Ich wünsche mir bedrucktes Papier

Jahresendzeit bedeutet oft "Wünsch Dir was", warum also dem Drängen der fernen und nahen Verwandtschaft,. FreundInnen & KollegInnen nicht nachgeben und sich was wünschen, womit man sich selbst, dem örtlichen linken Buchhandel sowie den Verlagen einen Gefallen tun kann - nämlich ein Buch, oder mehrere. Wer keine Buchhandlung in der nähe hat, kann ja den Versandhandel unterstützen Und wer jetzt noch nicht weiß, welches Buch er sich wünschen könnte/sollte/würde, dem oder der soll hier ein paar Angebote unterbreitet werden.

[...]

Ein anderes, ein etwas ins Hintertreffen geratene, aber deshalb nicht weniger spannendes Kapitel US-amerikanischer Geschichte ist der gewaltfreie schwarze Widerstand in den 1960er Jahren. Hierzu liegt jetzt aus kompetenten VerlegerInnenhänden die Organisationsgeschichte vor: Clayborne Carson; Zeiten des Kampfes. Das Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC) und das Erwachen des afro-amerikanischen Widerstandes in den sechziger Jahren. (Verlag Graswurzelrevolution Heidelberg 2004 / 638 S. / 28,80 Euro). Der Autor, nicht wie so oft lediglich aus theoretischem Interesse an der Sache engagiert, sondern selbst von der Bürgerrechtsbewegung geprägt, sowie der Herausgeber der Schriften von Martin Luther King, legt hier ein umfangreiches Buch vor, welches die Strukturen, Diskussionen usw. aus den Anfängen der Widerstandsbewegung beschreibt. In Amerika wurde das Buch mit einem HistorikerInnen-Preis geehrt, und liegt nun erstmals in Deutsch vor.

[...]

So, das war nun ein Teil des Bücherberges der Neuerscheinungen, die im Laufe des Jahres sich hier so angesammelt haben, und denen ich viele LeserInnen wünsche.

Jochen Knoblauch

erschienen in: Contraste Heft 243, Dezember 2004

Clayborne Carson: Zeiten des Kampfes

In der populären wie wissenschaftlichen Publizistik über die internationale Sozialrevolte der 1960er und 1970er Jahre setzt sich immer stärker die Tendenz durch, das Augenmerk auf ihre Führungsfiguren zu konzentrieren oder mit ihrer gewalttätigen Spätphase abzurechnen. Dieser Blick auf das Spektakuläre schiebt die Auseinandersetzung mit den sozialen und mentalen Grundlagen der durch die sozialen Bewegungen erkämpften Umbrüche immer stärker beiseite. Um so mehr ist es zu begrüßen, dass ein kleiner libertär-anarchistischer Verlag nun gegensteuert und eine schon Mitte der neunziger Jahre erschienene Studie über das US-amerikanische Student Nonviolent Coordinating Committee in deutscher Übersetzung vorlegt, die sich am Beispiel dieser bedeutendsten Initiativgruppe des afro-amerikanischen Aufbruchs um eine integrierende Analyse eines der turbulentesten Jahrzehnte der US-amerikanischen Sozialgeschichte bemüht. Für diese Aufgabe war der Verfasser auch bestens qualifiziert. In den 1960er Jahren war er selbst SNCC-Anhänger gewesen und ist infolgedessen »Insider«; als professioneller Historiker - er lehrt heute an der Stanford University - ist er jedoch mit den Fallstricken der Zeitzeugenschaft und der Oral History zu gut vertraut, als dass er nicht auch um die Distanz wüsste, die für eine systematisch abwägende und gewichtende Analyse unverzichtbar ist.

Carson rekonstruiert die Geschichte des SNCC und seiner Kontexte in ihren drei wichtigsten Entwicklungsetappen. In den Jahren 1960 bis 1964 konstituierte das »Snick« sich als Assoziation afro-amerikanischer College-Studenten in den Südstaaten, die gewaltlose Massenaktionen gegen die Rassensegregation organisierten und sich in den ländlichen Gemeindestrukturen des Black Belt verankerten. (S. 45 ff.) In dieser Etappe wurden die AktivistInnen des SNCC von den Liberals des Westens und der Ostküste unterstützt. Ihre Bemühungen wurden 1964/65 durch die bundesgesetzliche Aufhebung der Rassensegregation und der die Schwarzen diskriminierenden Wahlrechtsbestimmungen gekrönt.

Aber dieser langfristig so bedeutsam politische Teilerfolg wurde von den Militanten des SNCC kaum wahrgenommen, denn durch ihn war die sozioökonomische Gleichstellung der Schwarzen noch keineswegs gesichert. Auf das erste Jahrfünft des Aufschwungs der Massenbewegung folgte 1965/66 eine Phase der »Innenschau« (S. 255 ff.), in der die afro-amerikanischen Militanten nach neuen Orientierungen jenseits ihrer bisherigen bürgerrechtlichen Zielstellungen suchten. Die aber waren im Wesentlichen durch zwei äußere Faktoren bestimmt, denen sie sich nicht entziehen konnten: Die Getto-Revolten der afro-amerikanischen Armen und Jugendlichen in den von den Weißen dominierten Großstädten und den sich ausbreitenden Widerstand gegen den Vietnamkrieg. Um ihnen gerecht zu werden, testeten sie zwei alternative Richtungen: Erstens ihre Annäherung an die von Weißen dominierte New Left, die seit den Erfolgen des Free Speech Movement und ihrer Kampagne gegen die Wehrpflicht inzwischen ebenfalls über einen Massenanhang verfügte und von einer alle Hautfarben umfassenden antikapitalistischen Sozialrevolte träumte; und zweitens den Zusammenschluss mit den Avantgarden der afro-amerikanischen Getto-Aufstände, für die die SNCC-Aktivisten seit der Proklamation eines selbstbewussten Black Power zunehmend attraktiv wurden. Für welche Richtung sie sich dabei auch entschieden: In beiden Fällen war der Verlust der bisherigen Unterstützung durch die Liberals sicher, die sich zwar für universelle politische Bürgerrechte einsetzten, aber an den etablierten sozioökonomischen Machtstrukturen festhielten. Carson zeichnet detailliert nach, wie und warum nach der politischen Überwindung der Rassensegregation das Pendel schließlich zugunsten eines schwarzen Separatismus ausschlug. Diese Entscheidung ging mit einem inneren Umschlag zur hierarchisch strukturierten Kaderpolitik einher und wurde nach außen durch autoritäre Führungspersönlichkeiten vermittelt. Man rückte von der überwiegend weißen New Left ab und kompensierte die zunehmende innenpolitische Isolierung durch den Schulterschluss mit dem Panafrikanismus und den antiimperialistischen Befreiungsbewegungen. Aber es gelang den Führern und »Hauptamtlichen« des SNCC seit 1966/67 nicht mehr, aus diesen Weichenstellungen eine konsistente Politik zu machen. (S. 391 ff.) Die Fusion mit der 1966 gegründeten Black Panther Party scheiterte, und die bis 1968 eskalierenden Getto-Revolten konnten sich nicht in Institutionen der politischen Gegenmacht stabilisieren. Besonders fatal wirkte sich der Versuch aus, den sich immer deutlicher abzeichnenden Niedergang durch eine wortradikale Phraseologie zu kompensieren: Sie lieferte die Vorwände, die das FBI benötigte, um das SNCC 1967 in seine Counter Intelligence-Projekte einzubeziehen und die inneren Widersprüche und Krisentendenzen zu verstärken. Knapp zehn Jahre nach seiner Gründung war das SNCC nur noch ein Schatten seiner selbst und verlor genau so wie die übrigen Organisationen des Black Power und der New Left den Kontakt zur sozialen Wirklichkeit.

Clayborne Carson ist es auf hervorragende Weise gelungen, den innerhalb eines dramatischen Zehnjahreszyklus erfolgten Aufstieg und Niedergang der afro-amerikanischen Emanzipationsbewegung der USA zu rekonstruieren. Er gewichtet ihre Erfolge und Rückschläge genauso wie die heute manchmal schwer nachvollziehbaren Fehler und Irrwege in einer bewundernswerten Mischung von Distanz und Einfühlungsvermögen, und so gelingt ihm ein historisches Verstehen, dem die nachträgliche Häme genauso fremd ist wie die affektive Identifizierung. Im dritten Teil seines Triptychons hätte man sich in Fortsetzung der Analyse für die Jahre 1964 bis 1966 ein Kapitel über die Beziehungen des SNCC/Black Panther-Komplexes zur New Left gewünscht. Infolgedessen fehlt in dem ansonsten so »runden« Buch die Auseinandersetzung mit der 1967 vom SNCC, den Black Panthers und den Students for a Democratic Society (SDS) gemeinsam getragenen Entscheidung, ihren Kampf gegen die Wehrpflicht zu einer Desertionskampagne auszuweiten, was wegen der fast weltweiten Dislozierung der U.S. Army weitreichende Folgen für die internationale Sozialrevolte hatte. Auch eine Reflexion darüber, was wohl geschehen wäre, wenn sich das SNCC alternativ zum schwarzen Separatismus für einen transkulturellen Schulterschluss mit der New Left entschieden hätte, hätte die Untersuchung zweifellos noch weiter abgerundet.

Mit diesen kritischen Hinweisen möchte ich jedoch die Bedeutung dieser Studie nicht schmälern. Leider ist die Übersetzung dem Originaltext nicht immer gewachsen und schwankt manchmal zwischen zu naher Wörtlichkeit und zu freier Paraphrasierung hin und her. Problematisch ist auch das Vorwort des Übersetzers. Durch den Versuch, die basisdemokratische Frühphase des SNCC »graswurzelhaft« zu ideologisieren, verstellt Lou Marin den Blick auf die Zugzwänge, mit denen die Aktivistinnen und Aktivisten des SNCC seit dem Ende der bürgerrechtlichen Phase der afro-amerikanischen Massenbewegung konfrontiert waren.

Karl Heinz Roth, Sozial.Geschichte Heft 1/2005

Das Erwachen des afroamerikanischen Widerstands

Carsons monumentale Studie auf deutsch erschienen

Obwohl das Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC, sprich "Snick") eine der bedeutendsten afroamerikanischen Bürgerrechtsorganisationen des 20. Jahrhunderts war, ist es in Deutschland bisher relativ unbekannt. Mit dem Buch des Stanforder Geschichtsprofessors und früheren SNCC-Mitglieds Clayborne Carson ist es nun jedoch auch hierzulande möglich, sich eingehend mit der wechselvollen Entwicklung des SNCC vertraut zu machen.

Den ersten Teil seiner Studie widmet Carson der Beschreibung der Gründungsphase des SNCC. Die BürgerrechtaktivistInnen, die im April 1960 in Raleigh, North Carolina, zur Gründungskonferenz zusammentrafen, einte die Empörung über die eklatante Diskriminierung, denen AfroamerikanerInnen ausgesetzt waren. Besonders im Süden der USA waren seit den 1880er Jahren öffentliche Einrichtungen und Plätze wie Restaurants, Kinos und Schulen nach Hautfarben segregiert. Darüber hinaus wurde den Schwarzen ihr verfassungsmäßig garantiertes Wahlrecht systematisch verweigert: Um in den USA wählen zu können, ist es notwendig, sich in das Wahlregister seines Wahlkreises einzutragen. Allerlei Schikanen und die Einschüchterung durch rassistische Wahlhelfer, Ku Klux Klan und Polizei bewirkten aber, dass sich ein Großteil der AfroamerikanerInnen nicht registrieren lassen konnte.

Die StudentInnen, die sich deshalb im SNCC organisierten, strebten eine Organisation an, die die Protestaktivitäten der BürgerrechtsaktivistInnen koordinieren sollte. Sehr großer Wert wurde von Anfang an darauf gelegt, dass diejenigen, die in die verschiedenen Städte des Südens fuhren, um dort Aktionen gegen den institutionalisierten Rassismus durchzuführen und die ansässige Bevölkerung zu mobilisieren, nicht als abgehobene politische Avantgarde agierten. Vielmehr verband die im SNCC Organisierten ein basisdemokratischer Anspruch; die Aktionen sollten im Einklang mit den in den jeweiligen Communities lebenden Menschen stehen. Die Protestformen waren äußerst vielfältig, kreativ und dabei von den Grundsätzen der Gewaltfreiheit und der Strategie des zivilen Ungehorsams inspiriert.

Wellen von Sit-Ins und Freedom-Rides

Am 1. Februar 1960 starteten vier Studenten die Protestbewegung, die dann zur Gründung des SNCC führen sollte, als sie sich in Greensboro, North Carolina, in ein nur für Weiße vorgesehenes Restaurant setzten und darauf warteten, bedient zu werden. Dieses erste Sit-In löste eine ganze Welle weiterer Sit-Ins in anderen Südstaaten aus, so dass sich Mitte April um die 50.000 Aktive an den diversen Protestaktionen beteiligten. Rassisten reagierten darauf mit physischer Gewalt; die jeweiligen Landesregierungen der Südstaaten versuchten mit polizeilicher Repression die AktivistInnen einzuschüchtern. Diese intensivierten daraufhin jedoch den praktizierten zivilen Ungehorsam, war dies doch Teil ihrer Strategie. Durch die von Presse und Fernsehen dokumentierte enorme Brutalität des rassistischen Mobs, oftmals flankiert von den nicht weniger rassistischen Polizeikräften, die die TeilnehmerInnen der Sit-Ins inhaftierten, wurde die Bundesregierung unter Kennedy großem Druck, auch auf internationaler Ebene, ausgesetzt.

Die Kritik an der Bundesregierung wurde schärfer, als die Gewalt gegen die BürgerrechtlerInnen anlässlich der sogenannten Freedom-Rides (Freiheitsfahrten) im Jahr 1961 weiter eskalierte. Die Freedom-Rides hatten zum Ziel, lokale Protestaktionen in den Südstaaten zu unterstützen, indem StudentInnen aus dem Norden dorthin fuhren und sich an direkten gewaltfreien Aktionen beteiligten. Die ersten Busse der Freedom-Riders nach Montgomery und Birmingham in Alabama wurden bei ihrer Ankunft vom rassistischen Pöbel sogleich demoliert und die AktivistInnen brutal verprügelt, während die Polizei untätig zusah. Aber obgleich nur wenige hundert Menschen das Risiko der Freiheitsfahrten auf sich nahmen, war diese Protestform ungemein öffentlichkeitswirksam und bewog viele Menschen, sich aktiv in der Bürgerrechtsbewegung zu engagieren.

Carson zeichnet in seiner Studie die kontroversen Diskussionen innerhalb des SNCC nach, die von den Mitgliedern über die zukünftige organisatorische und ideologische Ausrichtung geführt wurden. Die Gründungsmitglieder James Lawson und Bob Moses wollten sowohl den anfänglich stark von religiös-gandhianischen Motiven geprägten Charakter wie auch die dezentral- basisdemokratische Organisationsstruktur beibehalten. Andere verlangten nach einer Kaderorganisation, die die wachsende Zahl der BürgerrechtsaktivistInnen effektiver einsetzen könnte. Schließlich obsiegten die Adepten der Effektivität gegenüber den Leuten, für die das Festhalten an den in der Gründungsphase formulierten Prinzipien oberste Priorität hatte. Diese Spannung zwischen Prinzipientreue und Effektivität kennzeichnete die gesamte Geschichte des SNCC. Der Autor sieht in der mangelnden Vermittlung beider Pole eine wesentliche Ursache für dessen späteren Niedergang.

Zwischen Prinzipientreue und Effektivität

Wie Carson anschließend darstellt, war ein wesentliches Element der Arbeit des SNCC seine Kooperation mit anderen Organisationen wie der NAACP(National Organisation for the Advancement of Colored People), CORE (Congress for Racial Equality) oder der SCLC (Southern Christian Leadership Conference), Martin Luther Kings Organisation. Selbst wenn die Zusammenarbeit infolge der unterschiedlichen politischen Ansichten auch nicht immer ohne Friktionen ablief, konnte die Bürgerrechtsbewegung ihren Einfluss durch die Bündelung der Kräfte doch erheblich steigern.

An der im Herbst 1960 in Atlanta stattfindenden SNCC-Konferenz nahmen auch Vertreter radikaler sozialistischer Gruppen teil und leiteten eine weitere Vernetzung mit linken Gruppen ein. Die Radikalisierung des SNCC setzte sich Anfang des Jahres 1963 fort, als die AktivistInnen sich vermehrt auf die Mobilisierung von Schwarzen aus der Unterschicht mit geringer Schulbildung im ländlichen Süden konzentrierten. Viele im SNCC Organisierte sahen die moderaten Bürgerrechtsgruppen wie NAACP und SCLC mit zunehmender Skepsis, weil diese nach wie vor unkritisch auf eine Zusammenarbeit mit der Bundesregierung setzten. Demgegenüber wurden im SNCC nun stärker soziale Fragen und der Zusammenhang zwischen Rassismus und Klassengegensätzen debattiert.

Von "Nonviolent" zu "National"

Mitte der 1960er Jahre machte der SNCC-Kader und spätere Vorsitzende Stokely Carmichael den Slogan "Black Power" populär. Darunter verstand er die Notwendigkeit, die kulturelle und politische Autonomie der Schwarzen in ihren Communities zu erlangen. Wann immer Carmichael auch betonte, dass "Black Power" kein Bekenntnis zu einem anti-weißen "reverse racism" sei, wurde er in der konservativen US-amerikanischen Presse dafür scharf angegangen. Bewusst ausgeblendet wurde, dass Carmichael sich von der Gruppe der schwarzen Separatisten unter Bill Ware aus Atlanta distanzierte, die den Ausschluss der Weißen aus dem SNCC forderten. Die BefürworterInnen des Ausschlusses kritisierten, dass einige weiße BürgerrechtlerInnen aufgrund ihres privilegierten Bildungshintergrundes eine dominierende Stellung in Führungspositionen eingenommen hätten. Darüber hinaus wurde moniert, dass die ohnehin schon existierende Einschüchterung der schwarzen ländlichen EinwohnerInnen des Südens durch die SNCC-Kader mit Universitätsabschluss infolge der Präsenz von Weißen noch größer wurde.

Doch trotz des Umstandes, dass diejenigen, die sich für einen Rauswurf der Weißen einsetzten, nur eine zahlenmäßig unbedeutende und lediglich medial gepushte Minderheit waren und die Zahl der weißen SNCC-Mitglieder ohnehin gering und rückläufig war, wurde auf einem Treffen der hauptamtlichen Mitarbeiter in New York im Dezember 1966 deren Ausschluss beschlossen. Diese sehr knappe Entscheidung kam allerdings auch nur dadurch zustande, dass die meisten TeilnehmerInnen aufgrund der sich mehrere Tage hinziehenden enervierenden Diskussionen frustriert abreisten und somit bei der Abstimmung nicht mehr anwesend waren. Ironischerweise wurden die schwarzen Separatisten kurze Zeit später selbst aus dem SNCC verbannt.

Anfang 1967 wurde Hubert "Rap" Brown zum neuen Vorsitzenden gewählt. Unter seinem Vorsitz wurde die stetige Radikalisierung vieler AktivistInnen in Bezug auf die Gewaltfrage dadurch deutlich, dass das "Nonviolent" im Namen der Organisation gestrichen und durch "National" ersetzt wurde. Von Rassisten begangene Morde und Polizeibrutalität hatten bei vielen Schwarzen Wut erzeugt - und das Bedürfnis, sich zur Selbstverteidigung zu bewaffnen. Die Ende 1966 von Huey Newton und Bobby Seale gegründete Black Panther Party for Self-Defense (BPP) genoss durch das ostentative Gewehre Tragen schnell große Sympathien in weiten Teilen der Black Community. Die vor allem von Stokely Carmichael forcierten Versuche der Fusion zwischen SNCC und BPP scheiterten jedoch.

Richtungskämpfe erleichtern FBI die Arbeit

Neben internen Differenzen des SNCC über die weitere ideologische und organisatorische Zielsetzung war nicht zuletzt die massive Repression von Seiten staatlicher Behörden wie dem FBI ein wichtiger Faktor für die Schwächung und den schließlichen Niedergang der radikalen Schwarzengruppen. Das geheime "Counter Intelligence Programm" (COINTELPRO) des FBI sah allerlei perfide und illegale Maßnahmen gegen SNCC und BPP vor: verdeckte Ermittler wurden eingeschleust, Anklagen gegen Führungskader fingiert, Zwietracht zwischen den verschiedenen Gruppen gesät und sogar Mord war Teil des Programms. Clayborn Carson hat für sein Buch einige Archive der Bundesregierung mit COINTELPRO-Akten durchforstet, kommt jedoch zu dem Schluss, dass das Ausmaß an Verheerungen, welches dieses Programm angerichtet hat, bisher noch schwer abgeschätzt werden kann.

Was Carson in seiner 1996 im Original erschienenen Studie leider nicht mehr berücksichtigen konnte, ist der im Jahre 2000 von dem Historiker Ward Churchill herausgegebene Dokumentenband The COINTELPRO Papers, in dem der Grad der staatlichen Repression noch deutlicher zu Tage tritt. Vor diesem Hintergrund müssen wohl auch viele interne Differenzen des SNCC als vom FBI noch massiver beeinflusst angesehen werden, als dies Carson angenommen hatte. Dem Autor ist indessen darin zuzustimmen, dass politische Richtungskämpfe und Autoritarismus zur politischen Marginalisierung und dem schließlichen Niedergang des SNCC in nicht unerheblichem Maße beitrugen und die Arbeit des FBI bei der Zerstörung der radikalen schwarzen Organisationen erleichterten.

Insgesamt ist "Zeiten des Kampfes" also ein sehr lohnendes Buch, weil es ein wichtiges Kapitel der usamerikanischen Bürgerrechtsbewegung kenntnisreich aus einer kritisch-solidarischen Perspektive anschaulich und spannend darstellt.

Philipp Dorestal

erschienen in: ak - Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 498 (16.9.2005)

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