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Gewaltfreier Anarchismus & anarchistischer Pazifismus

Rezensionen

neues deutschland
Gai Dao
Alpine Anarchist Productions

Von Provos und Spontis

Sebastian Kalicha würdigt den gewaltfreien Anarchismus

»Je mehr Gewalt, desto weniger Revolution« lautete das Credo des holländischen Anarchisten Bart de Ligt. Das mag alle überraschen, die Anarchismus noch immer mit Chaos und Gewalt in Verbindung bringen. Doch damit wird schlichtweg die lange Tradition eines gewaltfreien Anarchismus und Syndikalismus ignoriert, die Einfluss in vielen linken Bewegungen in aller Welt hatte und hat.

Der Wiener Autor Sebastian Kalicha hat sich seit Jahren mit dieser gewaltfreien Strömung befasst und sie in verschiedenen Veröffentlichungen bekannt gemacht. Jetzt begab er sich erneut auf die Suche nach den historischen Wurzeln und Spuren des anarchistischen Pazifismus. Es ist nur konsequent, dass sein sachkundiges wie streitbares Buch im Verlag Graswurzelrevolution erschienen ist, einem Editionshaus, das zur Infrastruktur der gewaltfreien Bewegung gehört und auch regelmäßig eine Zeitschrift gleichen Namens herausgibt.

Das Buch ist in drei Kapitel gegliedert. Im ersten Kapitel geht es um die theoretischen Grundlagen der gewaltfreien Bewegung, im zweiten werden 55 bekannte und unbekannte Aktivisten und Aktivistinnen vorgestellt, und im dritten Teil folgt ein Überblick über Organisationen und Bündnisse, die sich in der Vergangenheit und in der Gegenwart teilweise oder vollständig mit gewaltfreier Theorie und Praxis beschäftigen.

Als zentral für das theoretische Fundament der gewaltfreien Bewegung nennt der Autor die Zweck-Mittel-Relation, nach der mit Gewalt eine Bewegung vielleicht siegen kann, aber selber wieder neue Gewalt reproduziert. Dabei wird allerdings ausgeblendet, dass es historische Situationen geben kann (und auch hinlänglich gab), in denen auch überzeugte Gewaltfreie von diesem Credo abweichen müssen. Erinnert sei an den jüdischen Anarchisten Pierre Ruff, der im Zweiten Weltkrieg den Mut der Kommunisten lobte und hoffte, dass die Rote Armee das NS-System zerschlägt. Ruff erlebte die Befreiung nicht mehr, er starb im KZ Neuengamme.

In oder aus der Not geborene Widersprüche erkannten auch viele andere Gewaltfreie, was sie auch sympathisch macht. Zeigt dies doch zugleich, dass sie keine Doktrinären sind, sondern ihre Überzeugungen an der konkreten Praxis überprüfen und auch mitunter revidieren. Es wäre wünschenswert gewesen, wenn Kalicha den Mut aufgebracht hätte, diesen Widersprüchen in den 55 Kurzporträts von Menschen aus aller Welt Raum zu geben.

Der Autor erinnert an prominente Persönlichkeiten wie Mahatma Gandhi, Leo Tolstoi und Albert Camus, Bertram Russell und Aldous Huxley. Erfreulicherweise sind in dem Buch auch viele Frauen porträtiert, die Teil der gewaltfreien Bewegung waren und - wie in anderen Teilen der Linken - oft im Schatten der vermeintlich bedeutsameren männlichen Mitstreiter standen. Simone Weil gehört noch zu den einigermaßen bekannten Frauen der anarchistischen Bewegung. Doch wer kennt Marie Kugel, Ethel Mannin, Dorothy Mannin, Judi Bari und Utah Philips? Sie waren zu unterschiedlichen Zeiten aktiv und blieben ihren Überzeugungen zeitlebens treu, obwohl sie oft noch stärker von Repression betroffen waren als die Männer.

Erfreulich ist, dass Kalicha der syndikalistischen Strömung große Aufmerksamkeit widmet. Dieser Strang der Arbeiterbewegung zählte den Generalstreik und die direkte Aktion zu seinen Kampfformen. Die Syndikalisten lehnten die Verletzung von Personen ab, nicht aber Sachbeschädigung oder die Besetzung von Fabriken. Nur wenige von ihnen bezeichneten sich explizit als Anarchisten oder Anarchistinnen. Henriette Roland Holst, ebenfalls hier porträtiert, gehörte zur holländischen marxistischen linkskommunistischen Schule, die die Oktoberrevolution begrüßte, aber die folgende Entwicklung der Sowjetunion ablehnte.

Im letzten Kapitel zeigt Kalicha auf, welchen Einfluss gewaltfreie Theorien und Praktiken auf die Antikriegs- und Ökologiebewegung hatten. Die holländische Provobewegung beeinflusste beispielsweise die westdeutschen Spontis. Weniger bekannt ist die holländische Kabouter-Bewegung, die Kalicha als »freundliches Gesicht des Kropotkinismus« einführt. Interessant ist, dass die Kabouter Mitte der 1970er Jahre Wahllisten aufstellten und die Theorie vom parlamentarischen und außerparlamentarischen Standbein in die Diskussion brachten, die einige Jahre später die Grünen in der Bundesrepublik übernahmen. In einem sehr kurzen Kapitel geht Kalicha auch auf die Inspiration der gewaltfreien Anarchisten für die Oppositionsbewegung in der DDR ein. Dabei wird vor allem auf die Dresdner Gruppe »Wolfspelz« hingewiesen. Auch der israelischen Gruppe »Anarchists against the Wall« ist ein kurzes Kapitel gewidmet. Ausführlicher wird die globalisierungskritische Bewegung, darunter Occupy, behandelt. Gewaltfreie Aktionsformen werden hier mit einer marxistischen Staatskritik verbunden, was sehr zu begrüßen ist. Denn der Marxismus braucht die libertäre Staats- und Machtkritik ebenso, wie die Anarchisten von der oft moralisch grundierten Staatsablehnung der Marxisten lernen können.

Peter Nowak
erschienen in: neues deutschland, 10.10.2017

Gegen Gewalt und Herrschaft

Der umtriebige Schriftsteller und Herausgeber Sebastian Kalicha hat sich mit seinem neuesten Buch "Gewaltfreier Anarchismus & anarchistischer Pazifismus" eine nicht einfache Aufgabe gestellt und diese auf sehr ansprechende Art und Weise gelöst. Es geht um den Versuch, die facettenreiche Bewegung des gewaltfreien Anarchismus und anarchistischen Pazifismus in seiner Komplexität und Vielfalt darzustellen, sowohl auf seiner historischen und theoretischen Ebene, als auch aufjener der Personen und deren Biographien.

Diese Vorgehensweise der geschichtlichen und biographischen Aufbereitung eines Themas ist grundsätzlich gut erprobt und macht durchaus Sinn. Einen auffälligen und wichtigen Beitrag zu dieser Publikation bilden die Grafiken von Daniel Grunewald. Sie geben dem doch umfangreichen und vor allem dichten Buch wieder mehr an Raum, gestalten den biographischen Teil durch die gekonnt gezeichneten Porträts griffiger und heben die Lust, sich durch die Biographiesammlung treiben zu lassen.

Das Originelle an diesem Buch ist, dass der Autor an diesem Punkt nicht stehen bleibt, sondern im dritten Teil Gruppen und Projekte dieser Strömung porträtiert und ihre Spuren auch in anderen politischen Bewegungen wie etwa in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung des 20. Jahrhunderts nachgeht. So zeigt Kalicha, wie die Idee des gewaltfreien Anarchismus von der Anarchopunkband Crass aufgegriffen und propagiert wurde oder wie die Aktionsformen der holländischen Provo-Bewegung, als diese bei ihrem "Weißen Fahrradplan" weiß bestrichene Fahrräder kostenlos in Amsterdam verteilten, um gegen den "Asphaltterror der motorisierten Massen" (S.222) zu protestieren, durchaus unter diesem Gesichtspunkt betrachtet werden können.

Die Auswahl der über gut 60 Seiten beschriebenen Gruppen und Projekte bildet einen vielfältigen Querschnitt und umfasst neben den bereits erwähnten auch jene "klassischen" Organisationen, die ansonsten mit gewaltfreiem Anarchismus in Verbindung gebracht werden, wie die War Resisters International (WRI) als eine der größten und ältesten weltweiten antimilitaristischen Organisationen, die seit 1921 u.a. Kriegsdienstverweigerung propagiert und unterstützt und immer auch eine antikapitalistische Ausrichtung hat, oder die syndikalistischen Gruppen der 20er Jahre, wie etwa der Syndikalistische Frauenbund, die eine starke antimilitaristische und gewaltfreie Ausprägung hatten. Erwähnt werden auch neuere Bewegungen der Gegenwart, wie die Animal Liberation Front und die Earth Liberation Front, zwei Netzwerke, die bei ihren spektakulären Aktionen zwar Sachbeschädigungen durchführen und den Ausbeuterfirmen maximalen ökonomischen Schaden zufügen wollen, aber darauf bedacht sind, dass weder Mensch noch Tier bei den Aktionen zu Schaden kommen. Auch dieser Teil wird von Grunewald durch teils szenische Grafiken bereichert und hilft unseren Vorstellungen von den Aktionen und Aktivitäten aufdie Sprünge.

Im zweiten Teil des Buches gibt es eine, bereits eingangs erwähnte, umfangreiche geschriebene und gezeichnete Porträtsammlung von 54 bekannten und weniger bekannten Theoretiker_innen, Intellektuellen und Aktivist_innen des gewaltfreien Anarchismus und des anarchistischen Pazifismus. Die einzelnen Porträts sind kurz und knapp gehalten und bieten gute Einstiegshilfen für weitere (Internet-)Recherchen. Um einige hier zu erwähnen: Der US Historiker Howard Zinn, bekannt vor allem durch sein Buch "A People‘s History ofthe United States"; die radikale Ökoaktivistin Judi Bari (sie hat in den 80er Jahren eine gewaltfrei-feministische Kritik formuliert, die sich auch gegen den Machismus innerhalb der Ökobewegung richtete); die jung verstorbene anarchistische Theoretikerin Clara Wichmann, die in den 20er Jahren einige wichtige Aufsätze zur Gewaltfreiheit schrieb (für sie bedeutete für sie die Ablehnung der Gewalt kein passives Erdulden, sondern eine aktive Form der politischen Einflussnahme. Somit verband sie ihre Propagierung der Gewaltfreiheit mit einer radikalen Kritik an Kapitalismus und Militär).

Auch der gegenwärtig kaum mehr bekannte Sufi Mahmud Muhammad Taha findet sich in der Auflistung. Der als Gandhi des Sudans bezeichnete Theologe propagierte ab den 1940er-Jahren libertärgewaltfreie Positionen, die er aus den Suren des Korans zog. Seine theologisch umstrittene Position, die er als "zweite Botschaft" des Koran bezeichnete, wurde ihm schließlich Anfang der 1980er Jahre zum Verhängnis: Er wurde dafür hingerichtet. Gegenwärtig stößt seine Koraninterpretation in Kreisen liberaler und säkularer Muslime wieder auf Interesse. Gandhi selbst findet sich natürlich ebenfalls in dieser Reihe, wie auch der Schriftsteller Aldous Huxley und die Philosophin Simone Weil.

Auf die repräsentative Auswahl der porträtierten Personen, Gruppen und Bewegungen geht Sebastian Kalicha ausführlich im Vorwort ein und macht diese nachvollziehbar. Denn Auflistungen führen Fragen wie: Warum ist wer drinnen und wer draußen? – stets im Handgepäck mit sich. Dass sich der Autor auf ein sehr weit gefasstes Auswahlkriterium eingelassen hat, gereicht dem Buch zum Vorteil. Nicht nur die Eigendefinition – als gewaltfreie_r Anarchist_in – ist für ihn ausschlaggebend, sondern auch, ob die porträtierten Menschen in ihren Ideen und Handlungen gewaltfreie Prinzipien angewandt und für die Bewegung eine gewisse Bedeutung erlangt haben. Dadurch öffnet er den inhaltlichen Diskurs und geht über einen rein auf (Selbst-)Zuschreibungen basierenden hinaus.

Um die Idee selbst geht es im ersten Teil des Buches. Der Autor skizziert hier die Grundzüge gewaltfreier anarchistischer Theorie. Zu Beginn verweist er auf die zweifache Gewaltkritik, bei der "einerseits Gewalt (ob direkte / physische oder strukturelle) als Widerspruch zu den emanzipatorischen Bestrebungen des Anarchismus" betrachtet und abgelehnt wird und "andererseits Gewaltkritik aber auch als essentielle[r] Bestandteil anarchistischer Herrschafts- und Gewaltkritik" begriffen wird (S.18). Aus dieser grundsätzlichen Positionierung ergeben sich nach Kalicha einige weitere Kritiken, wie die Ziel-Mittel-Relation, was so viel bedeutet, wie dass der Zweck bzw. das Ziel nicht die Mittel "heiligt", sondern zu einer Ablehnung auch der revolutionären Gewalt führen muss. Das in der Folge ausgeführte Unterkapitel über das Verständnis von sozialer und gewaltfreier Revolution bietet in seiner Kürze nur einen Orientierungsrahmen über Mittel und Konzepte gewaltfreier gesellschaftlicher Umwälzungen. Was die Fragen nach Gewalt(kritik) im Kampf gegen Faschismus und Nationalsozialismus betrifft, geht Kalicha nur kurz darauf ein, wobei auch dies eine interessante Diskussion wäre; vor allem in Bezug auf historische Widerstandsbewegungen in Deutschland und Österreich, die natürlich nicht immer aus einer gewaltfreien Überzeugung hervorgingen, aber doch großteils gewaltfrei waren.

In einem ähnlichen Umfang wie beim theoretischen Teil werden auch die Begriffsklärungen ausgeführt. Fällt die Theorie für meinen Geschmack etwas zu kurz aus, finde ich die Erklärung der Begriffe ausreichend. Die Frage, die der Autor am Ende dieses Kapitels stellt, "Was ist gewaltfreie Aktion – und was nicht?", bietet auf jeden Fall ausreichend Diskussionsstoff. Und dies nicht nur, weil eine große Bandbreite, die vom Flugzettelverteilen und Transparenteaufhängen über Blockadeaktionen bis hin zu Sachbeschädigungen reicht, in den Bereich gewaltfreier Aktionsformen fällt. Es geht primär um die Unversehrtheit von Leib und Leben. Diese Prämisse bildet auch den Rahmen, in dem sich ein Großteil der Aktivist_innen bewegt, und dies nicht zwangsläufig aus einer gewaltfreien Überzeugung heraus. Es muss hier von einer oft in bürgerlichen Medien geführten Gewalt"Diskussion" unterschieden werden, die meist die Frage der Legalität im Fokus hat. So befinden sich Aktionsformen, die Blockade und Sachbeschädigung als Mittel anwenden, wie beispielsweise jene gegen die Atommülltransporte, oft bereits außerhalb eines rechtlich gedeckten Rahmens.

Jedoch sollten sich Aktionsformen nicht – und das wird sowohl in der von Kalicha dargestellten Geschichte als auch in den Biographien und Gruppenporträts sichtbar – an der staatlichen Legalität orientieren, sondern an der politischen Legitimität. Hier kann eine Auseinandersetzung mit gewaltfreiem Anarchismus und dessen unterschiedlichen Aktionsformen hilfreich sein. Denn in Zeiten, in denen die Handlungsmöglichkeiten von Staats wegen immer mehr eingegrenzt werden, braucht es Kreativität, Klarsicht und wohl immer auch eine Portion Mut.

Andreas Gautsch (anarchismusforschung.org)
erschienen in: Gai Dao, Nr. 83 / November 2017

Gewaltfreier Anarchismus & anarchistischer Pazifismus

"Gewaltfreie Anarchist*innen" werden oft als Anarchist*innen verstanden, die Gewalt ablehnen. Dies wird entweder moralisch gelobt oder taktisch abgelehnt, Letzteres gerne mit spöttischem Einschlag ("Hippies", "Müslis", "Friedenspolizei"). Einer der größten Verdienste von Sebastian Kalichas nun vorliegendem Überblicksband Gewaltfreier Anarchismus und anarchistischer Pazifismus (Begriffe, die er synonym verwendet) ist es, diesen vereinfachten Blick zurückzuweisen. Kalicha erklärt:

"In vielen ... Debatten wird ... übersehen, dass, bei aller Wichtigkeit von Fragen der Mittel, die Kritik gewaltfreier AnarchistInnen sich keineswegs in der Frage ‚Sollen wir Gewalt anwenden oder nicht?' erschöpft. Sie ist keine negative Kritik, die Gewalt schlicht ablehnt, ohne dabei eine sie ersetzende Alternative vorzuschlagen. Gewaltfrei-anarchistische Praxis bleibt nicht einfach an dem Punkt stehen, an dem es potentiell zur Gewalt kommt, ihre Analyse nicht bei dem Für und Wider direkter, physischer Gewalt. Die Argumentation hat drei Hauptaspekte: Gewaltkritik wird als integraler und essentieller Bestandteil einer umfassenden anarchistischen Theorie und (Gesellschafts-)Kritik, Gewaltfreiheit als eine revolutionäre, aktive und subversiv-herrschaftslose Praxis und Kampfform verstanden, die viel tiefer geht und in der Aktion viel weitreichendere Alternativen anbietet, als dies einschlägige Debatten vermuten lassen. Und drittens ist praktizierte Gewaltfreiheit viel mehr als eine schlichte Entscheidung für eine bestimmte Taktik, sondern auch immer die Vorwegnahme eines konkreten Ziels, nämlich der gewaltfreien und herrschaftslosen - also anarchistischen - Gesellschaft." (S. 11)

Kalicha teilt seinen 250 Seiten starken Band in drei Teile:

Teil Eins diskutiert für die Bestimmung des gewaltfreien Anarchismus wichtige Themen wie die Relation von Zielen und Mitteln, die sogenannte "vorwegnehmende" (oder "präfigurative") Politik und begriffliche Fragen zu Antimilitarismus, Pazifismus, Gewaltfreiheit und Gewaltlosigkeit.

Teil Zwei porträtiert 54 Denker*innen, die einen gewaltfreien Anarchismus vertraten, einem solchen nahestanden oder ihn und seine Überzeugungen beeinflussten. Neben zu erwartenden Größen wie Henry David Thoreau oder Leo Tolstoi finden sich hier auch Überraschungen wie Simone Weil oder Kurt Vonnegut sowie weniger bekannte Persönlichkeiten wie Olga Misa? oder Madeleine Vernet, deren Kurzbiografien von besonderem Wert sind.

Teil Drei fokussiert auf Bewegungen, Organisationen und Projekte, in denen Ideen des gewaltfreien Anarchismus eine Rolle spielten. Dies ist aus mehreren Gründen erfreulich: die Behandlung des Themas bleibt nicht, wie so oft, bei der Präsentation einzelner, herausragender Vertreter*innen stehen; die Bedeutung des gewaltfreien Anarchismus wird durch seine Verortung in Basisbewegungen - von der No Conscription League über die Pflugscharbewegung bis zu Anarchists Against the Wall lebendig und greifbar; und es kommt zu interessanten Perspektiven auf Phänomene wie die Punk-Bewegung, die politische Opposition in der DDR und den "Hacktivismus".

Das vielleicht größte Verdienst des Buches ist es, konsequent jene Polarisierung zu vermeiden, die in der "Gewaltdebatte" auch (oder gerade?) im Anarchismus so unerhört unproduktiv ist: Gewaltfreie und Pazifist*innen hier - Gewaltbereite und Militante dort.

Kalichas Ton ist weder belehrend noch moralisierend. Sachlich und unaufgeregt stellt er eine seit Beginn der anarchistischen Bewegung einflussreiche Strömung in ihren vielfältigen Ausdrucksformen dar. Damit profitieren gerade auch Leser*innen von dem Buch, die sich selbst nicht als gewaltfreie Anarchist*innen verstehen. Letztere wiederum werden sich über die lange überfällige Einführung freuen. Dass dieser im Verlag Graswurzelrevolution erschien, ist nur stimmig, steht das Projekt Graswurzelrevolution doch wie kein anderes für die anhaltende Bedeutung des gewaltfreien Anarchismus im deutschsprachigen Raum.

Ein erfreulicher Bonus des Buches sind die Illustrationen von Daniel Grunewald, die die porträtierten Persönlichkeiten und Bewegungen - im wahrsten Sinne des Wortes - noch anschaulicher machen.

Gewaltfreier Anarchismus und anarchistischer Pazifismus. Auf den Spuren einer revolutionären Theorie und Bewegung ist allen an anarchistischer Theorie und Praxis Interessierten zu empfehlen. Wie sie sich in der "Gewaltfrage" positionieren, spielt dabei keine Rolle.

Gabriel Kuhn (Juni 2017)
erschienen auf: Alpine Anarchist Productions, Juni 2017

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Gewaltfreier Anarchismus & anarchistischer Pazifismus
Auf den Spuren einer revolutionären Theorie und Bewegung

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Self-Tracking im kybernetischen Kapitalismus

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"Kommen Sie da runter!"
Kurzgeschichten und Texte aus dem politischen Alltag einer Kletterkünstlerin

Deutsche AntifaschistInnen in Barcelona (1933-1939)
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Indien: Der Widerstand an der Narmada

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Ein schwarz-roter Leitfaden - Comic

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Nach dem Mauerfall: Diskussion um Albert Camus' "Der Mensch in der Revolte"

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Der Intimfeind
Verlust und Wiederaneignung der Persönlichkeit im Kolonialismus

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Zur Geschichte der Sozialen Revolution in Spanien 1936-1939

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Der 11. September und die neuen Kriege
Von der Bewegung gegen neoliberale Globalisierung zu einer weltweiten Antikriegsbewegung?

Das andere Indien
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