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Achim von Borries 95 Seiten, 8,80 EUR |
Der Ausbruch der europäischen Jahrhundertkatastrophe im Herbst 1914 wurde zu einem tiefen Einschnitt im Leben und Selbstverständnis des englischen Philosophen Bertrand Russell (1872-1970). Mit einem staatlich verordneten Morden konfrontiert, das ihn entsetzte und empörte, sah er sich herausgerissen aus seiner bisherigen »theoretischen« Existenz. Er war schockiert über die um sich greifende nationalistische Massenhysterie, die Orgie des Hasses, den Taumel eines irregeleiteten »Patriotismus« - und über den »Verrat der Intellektuellen«, die, in England, wie in den anderen kriegführenden Ländern, zu Wortführern der Kriegspropaganda wurden. Gegen all dies begehrte er auf, mit jener Entschiedenheit, die ihm bis in sein hohes Alter eigen war.
Seit Mitte August 1914 protestierte Russell unermüdlich in Artikeln und Vorträgen gegen den Krieg und forderte einen schnellen Verhandlungsfrieden. Er engagierte sich in der Organisation der englischen Kriegsgegner und -gegnerinnen, verlor deswegen sein Lehramt an der Universität Cambridge, wurde einer der »meistgehassten Männer Großbritanniens« (Ronald W. Clark) und erhielt Anfang 1918 eine mehrmonatige Gefängnisstrafe.
Russell dachte aber während des Krieges schon über
den Krieg hinaus, der die Destruktivität des herrschenden
gesellschaftlich-politischen Systems demonstrierte. Ein radikales
Umdenken über Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Erziehung
erschien ihm notwendig, wenn die Katastrophe sich nicht wiederholen
sollte. In drei für sein politisches Denken grundlegenden
Schriften skizzierte er seine Systemveränderung im freiheitlich-sozialistischen
Sinne: die Vision einer von autoritären Strukturen und kapitalistischer
Ausbeutung freien Ordnung mit einer Verbindung von Freiheit und
sozialer Gerechtigkeit. Dabei warnte er auch schon vor einem bürokratisch-zentralistischen
Staatssozialismus mit seinen Gefahren für die Freiheit, wie
er wenig später in der Sowjetunion etabliert werden sollte.
Viele der von Russell in diesen Weltkriegsschriften angesprochenen
Probleme, nicht zuletzt das einer internationalen Friedensordnung,
sind nach wie vor aktuell.
Bertrand Russells Engagement wider den Krieg 1914-18, auf publizistischer,
politischer und sozialphilosophischer Ebene, ist ein eindrucksvolles
Beispiel moralischer Unabhängigkeit wie kreativen Denkens,
wie sie Russell auch später immer wieder ausgezeichnet haben,
vor allem in seinem Kampf gegen das atomare Wettrüsten.
Achim von Borries, Herausgeber mehrerer Schriften Bertrand Russells
in deutscher Übersetzung, stellt in drei Hauptabschnitten
»Protest«, »Widerstand« und »Neues
Denken« des englischen Philosophen im Ersten Weltkrieg dar.
Inhalt
I. 1914: Der Dammbruch
II. Protest: 1914/15
III. Widerstand: 1916/18
IV. Ein neues Denken
V. Anwalt des Lebens
Bibliographische Hinweise
Biographische Daten
Über den Autor
Achim von Borries ist freier Publizist in Bremen. Publikationen u. a.: Selbstzeugnisse des deutschen Judentums 1870-1945 (Hg., 1962, 1988); John Stuart Mill: Über Freiheit (Hg. u. Übers., 1969); Bertrand Russell: Politische Schriften (Hg. 1972); Preußen und die Folgen (Hg., 1981).

