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Die Revolution bist Du!

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"Ein guter Christ ist Pazifist und ein guter Pazifist ist Anarchist" - Tolstojaner in den Niederlanden

Der kleine Verlag Graswurzelrevolution, der im libertär-gewaltfreien Milieu zu verorten ist, hat sich bleibende Verdienste damit erworben, dass er wie kein anderer wichtige und kritische Arbeiten über den Spanischen Bürgerkrieg bzw. Revolution herausgebracht hat, in denen mancher Mythos auch über die ehemals so starke anarchistische Bewegung auf der iberischen Halbinsel hinterfragt worden ist. Mit Büchern zu Simone Weil, Albert Camus und den christlichen Anarchismus liegt ein weiterer Schwerpunkt seiner Editionsarbeit darauf, Verbindungen zwischen religiösem, philosophischem und kritischem Denken aufzuzeigen.

Mit dem vorliegenden Band betritt der Verlag insofern Neuland als es um Herkunft, Geschichte und Wirksamkeit einer von den christlich-anarchistischem Ideen des russischen Schriftstellers Leo Tolstoi (1828-1910) inspirierten Bewegung in den Niederlanden geht. Hier handelt es sich eine Strömung, die nicht in unmittelbarem Kontext zur Gewalt in Kriegen und Bürgerkriegen stand, sondern sich in einer Sondersituation entwickelte. Diese war durch eine massive kapitalistische Modernisierungs- und Transformationsbewegung Ende des 19. Jahrhunderts in den zuvor eher agrarisch und handelsbürgerlich geprägten Niederlanden gekennzeichnet. Geert Maak gibt in der Biographie seines Vaters "Das Jahrhundert meines Vaters" davon ein ebenso detailreiches wie literarisch lesenswertes Bild – einem Land, in dem bis kurz vor 1900 mehrere Zeitzonen galten und Reisende aufs Pferdefuhrwerk angewiesen waren. In der stark religiös geprägten Gesellschaft der Niederlande entwickelte sich eine Strömung, die mit der Jahrhunderte geltenden rigiden christlichen (calvinistischen) Gehorsamskultur brach und den Menschen frei machte für wissenschaftliche Erkenntnis, Rationalismus und moralische und weltanschauliche Prinzipien außerhalb der christlichen Kirchen und Gemeinden. Diese als Modernismus bezeichnete Periode geriet Ende der achtzehnhundertsiebziger Jahre unter Druck. "Der Empirismus hatte den Verstand des Menschen von seinem Herzen und Gewissen getrennt."(S. 31). Der sich nun entwickelnde "ethische Modernismus" fragte nicht mehr nach der Historizität Jesus Christus, sondern was er gesagt hatte. Dieses Denken entwickelte "eine ausgeprägte mystische und asketische Gesinnung" (S. 33). Diese Variante des Protestantismus wurde zudem mit der sich seit den achtzehnhundertsechziger Jahren beschleunigenden Industrialisierung und dem damit einhergehenden Massenelend konfrontiert. Während die protestantische Kirche sich auf Almosenverteilung beschränkte, entwickelte sich aus dem ethischen Modernismus eine aktive Bewegung, die auf die "soziale Frage" mit Volksbildungs-,Stadtteilarbeit und Forderungen nach Bodennationalisierung reagierte und begann, über die aufkommende sozialistische Arbeiterbewegung zu diskutieren.

In dieser Situation wurde nun die Wendung Leo Tolstojs zu einem radikalen Christentum rezipiert. Der Kern der christlichen Lehre lag danach in der Bergpredigt Jesu. "Militarismus und Patriotismus waren daher auch nicht mit einem reinen Christentum in Einklang zu bringen. Heere, Rechtsprechung und der Eid waren unchristlich. Der Staat und die gesamte Gesellschaft waren unchristlich. Ein guter Christ war Pazifist und ein guter Pazifist war Anarchist und darum war Tolstoj einer." (S. 36) Ganz wesentlich war für Tolstoj aber, dass der Ausgangspunkt für die Errichtung des "Reiches Gottes auf Erden" der einzelne Mensch war und nicht eine "abstrakte" Gesellschaft. "Verändere dein eigenes Leben, übe dich in Entsagung, gib ein ermutigendes Beispiel, und sei es noch so klein. Widerstehe nicht dem Bösen. Ferner lasse niemanden für dich arbeiten, sondern arbeite selbst: erwirb dein tägliches Brot mit deiner eigenen Hände Arbeit, am besten auf dem Lande."(S. 36).

Diese radikale Version des Christentums zeigt deutliche Schnittmengen mit sozialistischem und anarchistischem Denken. Allerdings erwarteten die sich zunächst in der Universitätsstadt Leiden bildenden Zirkel nichts von einem parlamentarischen Weg zum Sozialismus und dem Aufschieben aller Gesellschaftsänderung auf einen "revolutionären Kladderadatsch" wie die überwiegende Mehrheit der Sozialdemokraten jener Tage. Die Änderung hatte bei den Individuen selbst zu beginnen. So unterschiedlich die Entwicklung der von de Lange porträtierten Träger der niederländischen tolstojanischen Bewegung auch war, sie alle waren "Männer mit ernster Lebenshaltung"(S. 42), die mit den ersten praktischen Schritten für die Veränderung ihres und des gesellschaftlichen Lebens beginnen wollten. Die Herausgabe eines eigenen Organs, des "Vrede" ab 1897 war daher nur das Spiegelbild einer Vielzahl von konkreten Aktivitäten, die "Erziehung des Erziehers" (Marx) vom papiernen Wort zur lebensverändernden Tat zu fördern. So wurde nach dem Vorbild von Kolonien in den Vereinigten Staaten, der Duchoborzen, einer pazifistischen Sekte in Russland und einer anderen Gründung in den Niederlanden eine landwirtschaftliche Kommune in Blaricum , einem kleinen Ort in Nordholland, errichtet, die zwischen 1899 und 1911 existierte, aber an der Feindseligkeit der Umwelt und internen Querelen zugrunde ging.

Wichtiger waren die tolstojanischen Impulse in den Organisationen, die auf eine Veränderung individueller Verhaltensweisen abzielten, wie dem Niederländischen Vegetarierbund, dem Bund gegen Vivisektionen, also Eingriffen an lebendigen Organismen, der Antialkoholbewegung, einer asketisch ausgerichteten "Rein-Leben"-Bewegung, aber auch der Stadtteilarbeit in sozialen Brennpunkten in den größeren Städten. 1903 wurde eine "Humanitäre Schule" gegründet, die sich durch die Förderung von Kreativität und der Verbindung von Lernen und praktischem Arbeiten von den Staatsschulen absetzte. Die in Laren gegründete Schule besteht als Montessorischule bis heute. Eine ebenfalls 1903 gegründete Stiftung arbeitete bis 1966 als Verlag für die Verbreitung christlich-anarchistischer-lebensreformerischer Vorstellungen (S. 108ff.). Große Verdienste für die Entwicklung einer Bewegung von und für Kriegsdienstverweigerern in den Niederlanden gingen ebenfalls auf die Arbeit der Christen-Anarchisten zurück, deren Einfluss im Übrigen aber wegen des Erstarkens einer militanteren Arbeiterbewegung zurückging. So wurde 1915 ein Dienstverweigerermanifest initiiert, das von Vertretern verschiedener pazifistischer Richtungen unterzeichnet wurde und dazu führte, das 460 Männer sich weigerten, den Militärdienst anzutreten (S. 138). Für die weitere Entwicklung gilt, was de Lange so beschreibt: "Tolstoj schwebte hier wohl noch im Hintergrund, aber der Krieg und die Revolution hatten mit den Menschen auch die Parolen verändert, sodass deren Schärfe alles innige, frohe und Liebenswerte des christlichen Anarchismus übertönte."(S. 139) Vielleicht hängt dies auch damit zusammen, dass die besonderen Persönlichkeiten, die die tolstojanischen Bewegungen prägten, einem soziokulturellen Milieu entstammten, das sich im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts auflöste: "hart arbeitend und durchsetzungsfähig mit einem extremen Gerechtigkeitsempfinden, eigenwillig und immer bereit, ihre Meinung zu vertreten oder Aktivitäten anzuleiten, von denen sie überzeugt waren."(S. 153) Dieses "Streben nach kognitiver Konsistenz" wurde nicht in den Hauptströmungen der Arbeiterbewegung und schon gar nicht den reaktionären Massenorganisationen gefördert.

Aber sind die Tolstojaner gescheitert? De Lange zieht für sie folgendes Resumée: "Militarismus und Kapitalismus galten den TolstojanerInnen als die größten gesellschaftlichen Übel. Sie glaubten aber weder an die Revolution noch an den Klassenkampf. Es hatte für sie keinen Sinn, die Institutionen zu verändern, wenn sich nicht zuerst die Mentalität der Menschen veränderte. Selbstverständlich erwartete man auch kein Heil vom Staat. Durch ein reines Leben und die Wirkung von Vorbildern in Bezug auf gewaltlosen Widerstand, Alkoholverzicht, Vegetarismus und Vivisektion sollte der Mensch zu einem besseren Wesen werden und im Stande sein, ein wahres Leben im Geiste Jesu zu führen."(S. 159f.) Wenn man in Betracht zieht, dass die Hauptströmungen der Arbeiterbewegung mit ihrem Ziel, die "Emanzipation der Arbeit" zu erreichen, nicht nur gescheitert sind, sondern durch ihr Versagen in historischer Stunde oder ihre Transformation in totalitäre Formationen tausende von Toten zu verantworten haben, dass keine der Befreiungsbewegungen friedvolle oder auch nur demokratische Zustände zustande gebracht hat – wer ist dann gescheitert? In veränderter Form leben die Ideen der Tolstojaner in der Friedensbewegung, Umweltbewegung, den Freien Schulen, dem veränderten Verhältnis der Geschlechter zueinander und zu den Kindern weiter – erfolgreich und nachhaltig, auch in den Niederlanden. Das verstärkt ins Bewusstsein zu bringen, ist ein Verdienst der Arbeit von de Lange und dem kleinen Verlag Graswurzelrevolution.

Hannes Denck
sopos - Sozialistische Positionen 2/2017

Radikal und gewaltfrei

Dennis de Lange stellt die Tolstojaner der Niederlande vor

»Im Grunde ist ein jeder Mensch ein wenig Tolstojaner«, heißt es im Vorwort. Naja, ob das stimmt? Lew Tolstoi war schließlich ein Geistesriese, schuf Werke der Weltliteratur. Sein »Krieg und Frieden« ergreift heutige Leser ebenso wie zu seiner Zeit. Weil die Zeiten sich nicht sehr verändert haben. Am Lebensabend ist der Russe tief gläubig gewesen, wurde von der Kirche exkommuniziert, inspirierte aber Gandhi. Trotz des stutzig machenden Eingangssatzes liest man begierig weiter. Denn hier wird eine Gemeinschaft vorgestellt, von der man nie etwas hörte. Es war einmal ... Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in den Niederlanden begeisterte Tolstojaner und Tolstojanerinnen, die sich. »Christen-Anarchisten« nannten. Sie waren gut vernetzt und kämpften — gemäß dem Motto ihres Idols — gewaltfrei gegen Militarismus und kapitalistische Ausbeutung, stritten nicht weniger vehement gegen Alkohol, Nikotin und Tierversuche. Sie waren Vegetarier und praktizierten die freie Ehe, ohne es sexuell zu übertreiben. Trotz oder wegen ihrer radikalen Ansichten waren sie dem Parteisozialismus suspekt. Ihre Vision einer besseren und gerechten Gesellschaft versuchten sie per Aktion bereits in der Gegenwart zu realisieren. So leisteten sie sozialkulturelle Stadtteilarbeit in Amsterdam und in ihren Siedlungen wie der Kolonie der Internationalen Bruderschaft. Mittels libertärer Pädagogik, die sie z. B. in der Humanitären Schule in Blaricum praktizierten, wollten auch sie quasi den »Neuen Menschen« erschaffen, der sich freilich gänzlich von dem im Sowjetkommunismus propagierten unterschied. Dennis de Lange stellt Protagonisten und Projekte vor, darunter Van Eeden und seine »Internationale Schule für Philbsophie« in Amersfoort. Lesern dieser Zeitung eher bekannt dürfte der Vorsitzende der Internationalen Transportarbeitergewerkschaft, Edo Fimmen, sein, der gegen Franco und Hitler und mit Willi Münzenberg in der Roten Hilfe kämpfte und 1942 im mexikanischen Exil starb. Ein interessantes Buch.

Adele Jung
neues deutschland, Beilage zur Leipziger Buchmesse, 23.3.2017

Tolstojanismus als soziale Bewegung in den Niederlanden

Der Journalist und Lehrer Dennis de Lange beschreibt und analysiert in "Die Revolution bist Du! Der Tolstojanismus als soziale Bewegung in den Niederlanden" das im Untertitel genannte Phänomen. Dabei nutzt der Autor sowohl die Bewegungsforschung wie die Geschichtswissenschaft als Methode und kommt zu interessanten Ergebnissen zu einem eher exotischen Thema.

Der russische Schriftsteller Leo Tolstoi wurde durch seine Romane "Anna Karenina" und "Krieg und Frieden" weltberühmt. Weniger bekannt ist indessen, dass er Anhänger eines christlichen Anarchismus war und für grundlegende gesellschaftliche Veränderungen eintrat. Diese sollten nicht durch den Gewaltakt einer Revolution, sondern durch die Entwicklung des Einzelnen erfolgen. Um die damit einhergehenden Auffassungen entstand die Frühform einer sozialen Bewegung, die für Alkoholabstinenz und Vegetariertum und gegen Militarismus und Staat votierte. Deren Kolonien und Siedlungen verstanden sich zwischen 1890 und 1930 als eine Gegen-Gesellschaft zum etablierten Miteinander.

Derartige Tolstojaner gab es auch in den Niederlanden. Darüber berichtet der Historiker und Lehrer Dennis de Lange, Redakteur der anarchistischen Zeitschrift "Buiten de Orde" (Jenseits der Ordnung), in seiner Studie "Die Revolution bist Du! Der Tolstojanismus als soziale Bewegung in den Niederlanden", die aus einer Masterarbeit an der Freien Universität Amsterdam hervorgegangen ist.

Dem Autor geht es darin um eine Kombination zweier Perspektiven, die der Bewegungsforschung wie der Geschichtswissenschaft. Demnach will er einerseits die Entwicklung des Tolstojanismus aufarbeiten, aber auch nach seinem Bewegungscharakter fragen. Dazu nutzt Lange im englischsprachigen Raum bekanntere Ansätze (McAdam/McCarthy/Zald), die ihm als Analyseraster für die Frage nach den Gründen für das Aufkommen wie den Niedergang dienen. Am Beginn stehen indessen Ausführungen zum gesellschaftlichen Kontext, wobei es um den Modernismus und die soziale Frage in den Niederlanden geht. Danach folgt eine Darstellung des dortigen Tolstojanismus: Sie beschreibt die einzelnen Hauptakteure und das organisatorisch-publizistische Umfeld. Besondere Aufmerksamkeit finden dabei die alternativen Praktiken, die im Alltag ohne Alkohol- und Fleischkonsum in gemeinschaftlicher Arbeit und mit neuen Erziehungsmethoden einhergingen. Auch die Auflösung des Siedlungsprojekts wird gesondert erörtert.

Auf die Auseinandersetzung mit dem Bewegungscharakter muss man indessen länger warten, denn der Autor kommt zu dieser Problemstellung erst in einem ausführlicheren Schlusswort. Dort nimmt er eine systematische Analyse vor, welche sowohl für die Entstehung wie den Niedergang nach Erklärungsfaktoren auf der Makro- wie der Mikroebene fragt. Bilanzierend heißt es: "Gerade die Kombination aus Christentum, Anarchismus, Antimilitarismus, Gemeinschaftlichem Grundbesitz und Reinem Leben, die den Tolstojanismus so einzigartig machte, war die Ursache dafür, dass es unmöglich war, die Bewegung zu vergrößern. Der Tolstojanismus blieb eine elitäre Angelegenheit und es gelang ihm niemals, eine Brücke zur Welt der ArbeiterInnen zu schlagen. Den Wert des Tolstojanismus müssen wir darum vor allem in der Verbreitung der einzelnen Aspekte des Tolstonajnismus sehen und in der Rolle, die die einzelnen AnhängerInnen bei der Gründung verschiedener humanitärer Organisationen ... gespielt haben und in dem Stempel, den sie diesen Organisationen aufdrückten" (S. 162).

Langes Studie konzentriert sich demnach auf eine frühe Bewegung, die indessen nur sehr eingeschränkt gesellschaftliche und politische Relevanz aufwies. Man hat es damit aber auch mit einer Arbeit über Alternativmodelle sozialen Miteinanders zu tun, welche in den 1970er Jahren in den westlichen Ländern eine Renaissance erfuhren, letztendlich aber auch bezogen auf Eigenständigkeit und Wirkung gescheitert sind. Insofern lassen sich aus dieser Fallstudie einige Erkenntnisse ableiten, welche für die Analyse solcher Bewegungen von inhaltlicher Relevanz sind. Bezogen auf Alternativschulen hatte etwa der britische Philosoph Bertrand Russell nur wenige Jahre nach Tolstoi ähnliche Projekte gegründet. In beiden Fällen kam externen Faktoren eine bedeutende Rolle für das letztendliche Scheitern zu. Aber auch aus Bewegungsforschungssicht ist das Buch von Lange interessant, macht er doch gegen Ende für die Analyse auf die Grenzen der Reichweite entsprechender Theorien aufmerksam. So exotisch demnach das Thema ist, so lehrreich kann das Werk sein.

Armin Pfahl-Traughber
erschienen auf: humanistischer pressedienst, 18. Okt 2016

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Auf den Spuren einer revolutionären Theorie und Bewegung

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