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Neues Deutschland

Herrschaftsfreies Sammelbecken

Das langlebigste anarchistische Zeitschriftenprojekt Deutschlands feiert sein 40-jähriges Bestehen

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Was für ein Zungenbrecher: Graswurzelrevolution. Und es folgt in der Regel die Frage: Was ist das? – jedenfalls kein gärtnerischer Aufstand, sondern – wie das nd vor zehn Jahren schrieb: “Unter den kleinen eine der größten” Zeitschriften im linken Spektrum.

Im Sommer 1972 erschien die erste Ausgabe der Graswurzelrevolution (GWR) in Augsburg. Ab 1981 regelmäßig zehnmal im Jahr und seit 1995 im sog. Berliner Zeitungsformat mit einer recht kontinuierlichen Auflage von 3.500 bis 5.000 Exemplaren auch im Kioskverkauf. In der BRD war das Jahr 1972 ein großer politischer Umbruch. Die antiautoritäre Studenten-Bewegung löste sich auf in ein Dutzend kommunistischer Splittergruppen und der libertäre Zweig versuchte sich nach und nach wieder die Theorie anzueignen, und an die Stärke der 1920er Jahre anzuknüpfen.

Die Graswurzelbewegung konnte zu dem Zeitpunkt bereits auf viele Jahre politischer Arbeit in der Friedensbewegung zurückblicken, wo AktivistInnen seit Anfang der 1950er Jahre gegen die Wiederbewaffnung der BRD, die Ächtung von Atomwaffen usw. aktiv war. Mit Beginn der 1970er Jahre sollte der Sozialismus wieder mehr in den Vordergrund der pazifistischen Arbeit stehen, und mit den aufkommenden Neuen Sozialen Bewegungen und den Bürgerinitiativen brachten gewaltfreie AnarchistInnen ihre Erfahrungen der “Direkten Aktion” (Besetzungen, Blockaden usw.) mit, sowie ein Mindestmaß an Basisdemokratie für die Entscheidungsfindungen. Ein Sprachrohr der bis zu 80 Ortsgruppen wurde dringend erforderlich. Bis heute gilt die GWR als Sammelbecken gewalt- und herrschaftsfreier Menschen, die aus unterschiedlichen Gruppen aus Friedensbewegung, Anti-AKW-Bewegung bis zu anarcho-syndikalistischen GewerkschafterInnen kommen.

Seit 1988 wird die GWR von einem offenen HerausgerInnenkreis mit einem Koordinationsredakteur erstellt. Wohl in keiner anderen Redaktion werden eingehende Artikel so kritisch bewertet, wie hier. Die meisten Beiträge werden vorher zur Begutachtung an die rund 30 Mitglieder des HeraugeberInnenkreises verschickt. Die Möglichkeit des Vetos eines Einzelnen besteht,wird aber recht selten in Anspruch genommen, und wenn muß das Veto gut begründet werden und bedeutet lediglich die Verschiebung bis zum nächsten Gesamttreffen. Die finden ungefähr alle zwei Monate an wechselnden Orten statt. Neben diesem Prozedere gilt noch das Kriterium der Exclusivität der Artikel für die GWR. Dies alles macht den AutorInnen die Arbeit nicht einfacher. Zum Prinzip einer Herrschaftslosigkeit gehört es auch, dass mitunter AutorInnen unter Pseudonymen schreiben, damit sich Einzelne nicht allzusehr profilieren können. Kein Zuckerschlecken für JungjournalistInnen, die hier eine Karriere beginnen wollen.

Hierzu kommt oft die prekäre Lage des Projektes. Es gibt keine Honorare, geschweige dann Gelder für Recherche oder Bildjournalismus. Und der Spagat zwischen anspruchsvollen Texten und kostenloser Zuarbeit kann nur durch ein starkes Engagement gelingen. Und sicherlich ist es auch ein monatlicher Spagat zwischen einer Fülle tagespolitischer Themen, oder etwa mehr theoretischen Texten usw. Der Wunsch nach Unabhängigkeit hat seinen Preis.

Neben den Themen zu einem libertären Pazifismus sind mit den Jahren vor allem die Anti-AKW-Bewegung, Antirassismus und immer wieder Fragen zur Herrschaftsfreiheit dazu gekommen als Teil einer breiten Sozialen Bewegung. Die Erkenntnis, dass sozialistische Atomkraftwerke leider nicht sicherer waren bewies Tschernobyl 1986. Daran änderte letztlich auch der Mauerfall 1989 nichts. Der Sieg des Kapitalismus soll eben nur ein vorläufiger sein. Daran wird hier weiterhin gearbeitet.

Und selbst, wenn die GWR im Spektrum der linken, sozialistischen Bewegung nur einen Teil abdeckt, wird sie auch von 40 Jahren Idealismus getragen, der über Generationen reicht. Den Luxus sich eine gewisse Sturheit in der politischen Haltung leisten zu können macht gleichzeitig auch ihre Stärke aus. Auf die nächsten 40 Jahre – so oder so.

Jochen Knoblauch

erschienen in: Neues Deutschland, 8.9.2012