Buchbesprechung

Eine Zeitreise

Das Fotobuch „Tage im Juli“ ist ein gelungener Beitrag zur Aufarbeitung der G20-Proteste

| Hanna Poddig

Daniel Nide, Helena Lea Manhartsberger, Jan Richard Heinicke, Leon Küchler, Malte Dörge und Taro Tatura: Tage im Juli. G 20 in Hamburg, Gudberg & Nerger Verlag, Hamburg 2018, 238 Seiten, 29,90 Euro, ISBN 978-3-945772-44-7

Der Fotoband „Tage im Juli“ entführt mich zurück in die Gipfeltage 2017 in Hamburg. Meine eigenen Erinnerungen werden wach. Die sechs Fotograf_innen, die ihre Werke beigesteuert haben, ermöglichen dank der chronologischen Sortierung eine Zeitreise, denn, ohne auch nur einen einzigen der Begleittexte zu lesen, kann ich anhand der Fotos die Ereignisse der Gipfeltage nachvollziehen, sie nachfühlen. Bunte Fahnen an Flughäfen, schwere Koffer und Anzugträger. Tausende Polizist_innen, Hubschrauber. Es ist die Leblosigkeit eben dieser Welt, die eindrucksvoll durch die komplett grau geschminkten und gekleideten Beteiligten der Aktion „1000 Gestalten“ dargestellt und am Ende jedenfalls symbolisch zugunsten des Bunten aufgebrochen wird.

Von den Versuchen der Polizei, Camps zu verhindern, führt die Reise weiter zu einem riesigen Rave und der Frauendemo. Es folgen die Angriffe der Polizei auf diverse Demonstrationen und Blockaden. Auch das Cornern, geplünderte Läden und die polizeilichen Sondereinheiten an der Schanze wurden bildlich eingefangen. Mit einer gelungenen Mischung aus charmanten Details und informativen bis schockierenden Übersichtsaufnahmen zeichnet das Buch damit ein realistisches Bild der Geschehnisse. Die Fotografien sind teils schwarz-weiß und teils bunt, manchmal doppelseitig und dann wieder dezent. Gelungen fangen sie Emotionen und Inhalte ein, mal mit ästhetischem Schwerpunkt, dann wieder dokumentarisch am Geschehen.

Den Abschluss bilden Interviews, die sehr unterschiedlichen Akteur_innen eine Stimme geben und somit aus diversen Perspektiven die Geschehnisse rückwirkend kommentieren und politisch einordnen. Vom Polizeipressesprecher über Politiker_innen von SPD und Grünen zur DGB-Jugend, vom Pressefotografen zu den Blockierenden von Block G20 zu Demonstrant_innen bei der Welcome-to-hell-Demo. Diese Interviews nötigen, gerade weil sie mit all ihren Widersprüchen unkommentiert nebeneinander stehen, die Lesenden zu einer eigenen Positionierung, was sie sehr wertvoll macht. Insgesamt ist dieses Buch ein gelungener Beitrag zur Erinnerung sowie Aufarbeitung und Dokumentation der Gipfelproteste.

Hanna Poddig

Dies ist ein Beitrag aus der monatlich erscheinenden Druckausgabe der GWR. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es hier