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Augustin Souchys Russlandreise 1920 – graswurzelrevolution
Buchbesprechung

Augustin Souchys Russlandreise 1920

Erfahrungen und Konsequenzen mit dem Bolschewismus an der Macht

| N.O. Fear

Wolfgang Haug (Hg.): Augustin Souchy, Anarchosyndikalistische Kritik an den Bolschewiki, Verlag Edition AV, Lich 2018, 359 Seiten, 18 Euro, ISBN 978-3-868-411966

Der Anarchosyndikalist Augustin Souchy (1892-1984) war zeit seines Lebens Revolutionsreisender. Er war oft einer der ersten Anarchisten, die der internationalen Bewegung ein ungeschminktes und aus libertärer Perspektive betrachtetes Bild neuer Regimes überbrachte. Wir erinnern uns da besonders an seine Beschreibungen aus der Nachkriegszeit, etwa aus Jugoslawien oder Kuba.

Noch als Delegierter der anarchosyndikalistischen Freien Arbeiter Union (FAUD) fuhr er von April bis November 1920 ins revolutionäre Russland, wo die Bolschewiki im November 1918 die Staatsmacht ergriffen hatten, um am II. Kongress der Kommunistischen Internationale teilzunehmen. Doch nicht nur die Eindrücke Souchys rund um den Kongress beinhaltet das Buch. Souchy hat während dieser Zeit ausgedehnte Reisen unternommen: Er war in Petrograd und Moskau, besuchte die Wolgastädte und die Ukraine. Er sprach mit Anarchist*innen wie Emma Goldman, Kropotkin, Volin, Bertrand Russell, Alexander Berkman, aber auch unbekannten Arbeiter*innen in Fabriken oder Bauern auf dem Land. Er diskutierte auch mit bolschewistischen Parteiführern, Regierungsleuten, sogar mit Lenin – es war die Zeit, in der Lenin Anarchismus und Linkskommunismus als „Kinderkrankheit“ einstufte und Souchy dazu ausfragen wollte. Und mit Sinowjew, aus dessen Berichten zu Produktionsmängeln er gern zitierte, weil er sie als repräsentativer empfand als ideologisch deutliche, aber für ihn weniger objektive anarchistische Berichte, die ja seine Sicht sowieso bestätigten.

Der Kern des Buches (S. 103-285) ist Souchys ausführlicher Reisebericht „Wie lebt der Arbeiter und Bauer in Rußland und in der Ukraine“, der in Berlin im Januar 1921 im Verlag „Der Syndikalist“ erschien – noch als „Entwurf“ mit „stilistischen Mängeln“, wie er schrieb (S. 347), doch der allseitige Wunsch nach einem authentischen Bericht führte zur schnellen Veröffentlichung ohne Überarbeitung. Um diesen Kerntext herum gruppierte Herausgeber Wolfgang Haug seine eigene Einleitung, eine Einführung in die verschiedenen Phasen der Russischen Revolution von 1917 sowie die Veränderung der anarchosyndikalistischen Rezeption, von anfänglicher Verteidigung zu immer stärkerer und grundsätzlicherer Kritik.

Haug platzierte um den Bericht verschiedene Artikel und Reden Souchys, meist aus dem anarchosyndikalistischen Organ „Der Syndikalist“, aber auch aus anderen anarchistischen Quellen, u.a. seinen Bericht vom Zusammentreffen mit Lenin, vom Besuch bei Kropotkin usw. An den Bericht schließen Texte an, die versuchen, aus dieser Erfahrung Lehren und Konsequenzen zu ziehen. Besonders gefallen hat mir der letzte Teil der Texte aus späten Lebensjahren Souchys, die zeigen, dass ihn das Thema nie losgelassen hat und die Reise eine zentrale Erfahrung für ihn blieb. Haug, der mit Souchy im Alter befreundet war und ihn intensiv interviewt hat, veröffentlicht hier auch aus seinem Privatarchiv ein paar unveröffentlichte Manuskripte Souchys, wovon ich besonders den Text „Das rote Atom“ über die Flucht des sowjetischen und DDR-Atomphysikers Heinz Barwich spannend fand. Er war tatsächlich der Sohn des FAUD-Aktivisten und gewaltlosen Anarchisten Franz Barwich aus den Zwanzigerjahren. Heinz machte also Atomforschung für den Ostblock, verleugnete aber seine ideelle Herkunft nie und floh schließlich 1964 in den Westen (S. 341-344). So befinden sich in dem Band auch ein paar überraschende „Juwelen“.

Anfangs hatte Souchy in seinen Texten viel Verständnis für die externen Umstände des revolutionären Russland und auch für die Situation der Bolschewiki. Das Land war verwüstet, der Erste Weltkrieg hatte die Mentalitäten verroht, auf die Revolution folgten die internationale Wirtschaftsblockade, die Interventionen von Deutschen, Österreichern, Polen, Westmächten und weißen Generälen, der Bürgerkrieg. Da wusste auch Souchy, dass diese Umstände nicht gleich zu Gleichheit und Emanzipation führen konnten.

Er vergisst gerade deshalb nie, auf die anfängliche Wirkung des Friedens von Brest-Litowsk hinzuweisen, der von den Bauern willkommen geheißen wurde. Diese hatten dann sogar eine Unterscheidung zwischen den Bolschewiki und der „Kommunistischen Partei Russlands“ gemacht, die sich auf dem Lande lange hielt. Dabei machte die Bauernschaft ausschließlich die KPR für die Zwangsrequirierungen von Vieh und Ernte verantwortlich, die somit schnell gehasst wurde, während die Bolschewiki gleichzeitig noch verteidigt wurden. Dabei waren das dieselben Leute.

Als zentrales organisatorisches Problem der bolschewistischen Staatsmacht benennt Souchy dann den Zentralismus als An-sich-Reißen jeder spontanen, regionalen und individuellen Initiative von unten. Die Räte wurden von Parteikommunisten dominiert, die funktionierenden Kooperativen, gewachsene handwerkliche Produktionsgenossenschaften (Artels) und Konsumvereinigungen verstaatlicht. Anstatt der zur Fassade verkommenen Räte wurden oft die früheren Unternehmer wieder als Betriebsleiter, sogenannte „Spezialisten“ eingesetzt. Die städtische Konsumgüterindustrie litt unter Produktionseinbrüchen, konnte das Land nicht mehr mit Maschinen und gefertigten Waren versorgen. Dadurch verweigerten die Bauern und Bäuerinnen Ernte-Abgaben an Staat und Städte, wodurch die Bolschewiki durch ihre neue Rote Armee Zwangsrequirierungen durchführten.

Wieder und wieder beschreibt Souchy diesen Mechanismus, der zur Unpopularität und zur Ungerechtigkeit des bolschewistischen Systems führte. Technische Leiter in kriegswichtigen Betrieben oder Bürokratien bekamen mehr Geld; Korruption und Schieber-Systeme schossen ins Kraut. Schon 1920 gab es 35 (!) verschiedene Lohnstufen in der Sowjetunion, obwohl die Großbetriebe alle verstaatlicht waren – aber das Geld war nicht abgeschafft worden. Die Inflation blühte durch nicht gedecktes simples Notendrucken der Staatsbank. Auf dem „Schwarz“-Markt waren wichtige Waren so teuer, dass sie für die Arbeiter aus den Staatsbetrieben unerschwinglich blieben. Die Bolschewiki „lösten“ alle Probleme mit brutaler Repression.

Obwohl Souchy in einem Gebiet des Kriegs, des Bürgerkriegs und verrohter Mentalitäten recherchierte, bricht in den Berichten und vor allem in den Schlussfolgerungen und Lehren, die für die westeuropäische Arbeiterklasse zu ziehen waren, doch immer wieder auf sympathische Weise seine antimilitaristische, gewaltlos-anarchistische Grundhaltung durch: „In einem bewaffneten Kampf haben die Arbeiter nur in Russland gesiegt, während sie in Ungarn und Deutschland eine Niederlage erlitten. Wenn aber die Arbeiter mittels Waffengewalt sich die Staatsmacht erobern, dann müssen sie diese auch durch Waffengewalt halten. Dies führt dann unwillkürlich zu einer Unterdrückungsorganisation nicht nur gegen die Bourgeoisie, sondern auch gegen die Teile der Arbeiterklasse, die auf eigene Weise selbst ihr Ideal verwirklichen wollen“ (S. 59).

N.O. Fear