Buchbesprechung

Eine Einladung, keine Party

Jacques Rancières anti-soziologische Erklärung von 1968

| Jens Kastner

Jacques Rancière: Das Ereignis 68 interpretieren. Passagen Verlag, Wien 2018, 56 Seiten, 8,10 Euro, ISBN 9783709203323

Letzten Samstag waren wir doch beim Geburtstag eingeladen. Aber wieso, entgegnet meine fünfjährige Tochter, da waren wir doch im Urlaub! Beides stimmt, und ich erkläre ihr, dass eine Einladung nicht bedeutet, auch anwesend gewesen sein zu müssen. Die Einladung lässt sich auch ausschlagen, ignorieren oder absagen. „Ouh!“ sagt sie nach kurzer Überlegung, und signalisiert mit dieser für ihre neuen Erkenntnisse typischen Äußerung das Verständnis dieser Differenz.

Es handelt sich um eine Erkenntnis und eine Differenz, die der Philosoph Jacques Rancière nicht wahrhaben will. In seinem kleinen Büchlein über das „Ereignis 68“ schreibt er über die „offene Besetzung“ (32) der Sorbonne im Pariser Mai. „Nicht-Studenten, Arbeiter und Nichtarbeitende aller Art sind eingeladen, an ihr teilzunehmen“ (32) beschreibt Rancière die Offenheit der Aktion im begeisterten Präsens. Dass die Einladung kaum angenommen wurde und die Sorbonne-Bewegung sehr studentisch blieb, muss ausgeblendet werden. Sicher, der Mai 1968 ist auch ohne streikende Arbeiter*innen nicht zu denken. Aber die kurzzeitige Allianz mit Studierenden war eine Ausnahme und weder selbstverständlich noch unproblematisch.

Für Rancière symbolisiert und verwirklicht der Mai 68 aber sehr viel: Es ist die Revolte, die alle Grenzen zwischen den Klassen und alle statistisch wie strategisch vorgesehenen Abläufe sozialer Entwicklungen durchkreuzt. Der Mai 68 ist nach Rancière die „Beseitigung der Vermittlung“ (27) und die Entstehung der „Politik als kollektive Erfindungskraft“ (33). Da passt es nicht ins Bild, dass der Anspruch sich nicht nur auf Dauer von der Wirklichkeit entfernt hat. Auch in der Situation selbst, während des Ereignisses für sich, blieb er nur rudimentär verwirklicht.

Eine Einladung ist keine Garantie dafür, dass die Eingeladenen auch anwesend sind. Das „Ouh!“ bleibt bei Rancière aus, und zwar aus programmatischen Gründen. Denn er fügt seine Interpretationsweise zu 1968 ein in seinen mittlerweile Jahrzehnte währenden Kampf gegen die Soziologie Pierre Bourdieus auf der einen und den Parteikommunismus in der Gestalt Louis Althussers auf der anderen Seite. Gegen seinen ehemaligen Lehrer Althusser hatte Rancière schon 1974 „Die Lektion Althussers“ (Dt. 2014) verfasst. Und in „Der Philosoph und seine Armen“ (Dt. 2010) von 1983 gibt es eine hundertseitige Abrechnung mit dem „Soziologenkönig“ Bourdieu. Beide, Bourdieu wie Althusser, sind nach Rancière Ordnungshüter des Bestehenden. Sie sind Theoretiker der Vermittlung (eben jener Vermittlung, die 68 angeblich ausgehebelt wurde): Die soziologische Sichtweise sieht gesellschaftliche Gruppen und identifiziert Subjekte in Bezug auf diese. Will man einer Gruppe entfliehen, bietet sich im Wesentlichen der Weg der Bildungsbiographie an.

Eine langwierige Vermittlung. Ein massenhaftes Aufbegehren bleibt unwahrscheinlich. Mit dieser Diagnose schreibe die Soziologie fest, was sie eigentlich zu beschreiben vorgebe, so Rancière. Ähnlich hat ihm nach der kommunistische Akademismus Althussers gewirkt: Das wissenschaftliche Wissen habe geschützt und gehütet werden müssen, um im richtigen – von der Partei vorgegebenen – Moment zur Anwendung zu gelangen. Auch dies war eine lange Vermittlungsarbeit, die nach Rancière mehr konserviert als revolutioniert hat. Eine Vermittlung, gegen die die Studierenden von 68 aufbegehrt hätten.

JAcques Rancière. Foto: wikipedia

Emphatisch zitiert Rancière ein 68er-Flugblatt, auf dem die „Abschaffung der Prüfungen und des Kapitalismus“ gefordert wird. (22) Eine Abkürzung, die die Umgestaltung von Bildungsverläufen und Bildungssystem umgeht, die Vermittlungen ausschlägt. Ein Handeln im Hier und Jetzt, das als ein libertärer Impuls durchaus sympathisch ist. Bei Rancière allerdings wird es zur Blaupause für alle echte linke, revolutionäre Politik.

Es ist die Politik der kollektiven Erfindungen mit ihren eigenen Zeitlichkeiten, „die losgelöst von der herrschenden Zeitlichkeit sind“ (34). Nur das zählt und nur von diesem politischen Standpunkt aus soll auch analysiert werden: So wird aus der einmal praktizierten Abkürzung die fortan verbindliche Notwendigkeit abgeleitet, Politik nicht in Etappen zu denken und Gesellschaft nicht mehr in Strukturen zu verstehen. Es geht nur und soll gehen um Ansammlungen von „Operatoren“ und ihre „Akte“ (25).

Rancières Kampfschrift richtet sich damit nicht bloß auf das Vergangene. Den Bruch mit der Zeitlichkeit sieht er auch in den Besetzungsbewegungen von 2011ff. Auch in diesen sozialen Bewegungen um Occupy Wall Street sei die „Fähigkeit jedes Beliebigen“(43) zum Ausdruck gekommen, das Leben in die eigene Hand zu nehmen. Immer ist alles möglich, sollen wir glauben, Dispositionen sind nur die Schranken, die SoziologInnen sich ausdenken. Am Ende des Textes heißt es dann, die Brüche hätten das Denken vom soziologischen Modell gelöst. Die Formen der „dauerhaften Einschreibung dieser emanzipierten Politik“ (46) müssten hingegen erst noch erfunden werden. Wer sich aber, wie Rancière, den Gelingensbedingungen von emanzipatorischer Politik nicht widmen will – also Strukturen ausblendet und Dispositionen leugnet – die/der wird auch über ihre Verstetigung nichts sagen können. Warum wurden weder Prüfungen noch Kapitalismus abgeschafft?

Und was 68 und die Soziologie betrifft: Bourdieus Analyse der 68er Bewegungen bleibt in „Homo academicus“ (1984, Dt. 1992) sicherlich viel zu sehr auf das Feld der Wissenschaften beschränkt. Aber gerade in diesem Buch hat er immerhin auch auf das Problem der Repräsentation hingewiesen, das Rancière nicht mehr sehen will. Der „Akt des Wortergreifens“, so Bourdieu, sei tendenziell „immer ein Ergreifen der Worte der anderen […] oder vielmehr: ihres Schweigens“. Das habe sich selbst 1968 gezeigt, „drastisch vor Augen geführt“, schreibt der Soziologe, „bei jenem Treffen zwischen Studenten und ‚Arbeitern‘, wo deren Schweigen von studentischen Wortführern in Szene gesetzt wurde.“ (300) Eine Einladung ist eben noch keine Party. Ouh!

Jens Kastner