Das Schicksal ist ein Ungeheuer

Nachruf auf Bert Altena (11. Juli 1950 – 3. Oktober 2018)

| Martin Baxmeyer

Bert Altena. Foto: Dana Ploeger. Bildquelle: trouw.nl

Ich hatte diese kalte, böse Ahnung. Eine Ahnung, die nicht verschwinden wollte.

Es sah Bert gar nicht ähnlich, auf E-Mails nicht zu antworten. Wir waren nach seinem (durchaus freudigen) Ausscheiden aus dem Hochschuldienst an der Erasmus-Universität Rotterdam in losem Kontakt geblieben, hatten Aufsätze und Ideen hin- und hergeschickt, und ich hatte versucht, ihn einer organisatorischen Lappalie wegen zu erreichen. Zurück kam nur Schweigen. Gemeinsame Bekannte konnten mir nicht helfen: Auch sie hatten seit langem nichts von Bert gehört. Weder Gutes noch Schlechtes. Am Ende entschloss ich mich, mir keine Sorgen mehr zu machen, nicht ständig alles schwarz zu sehen, und legte mit letztgültiger Bestimmtheit fest, dass Bert Altena seinen Ruhestand gesund, fröhlich und arbeitsfreudig wie immer würde verbringen dürfen. Ich stopfte mir innerlich die Finger in die Ohren und hörte nicht länger auf die Stimme meines Herzens. Das war im Frühjahr 2019. In Wirklichkeit war längst niemand mehr da, der hätte antworten können. Bert Altena war nach schwerer Krankheit am 3. Oktober 2018 gestorben. Ich erfuhr es ein Jahr (!) später.

Über den wissenschaftlichen Rang Altenas gibt es auf der Welt keine zwei Meinungen. Er war einer der international anerkanntesten und renommiertesten Sozialhistoriker und Anarchismusforscher, die es gab. Sein gemeinsam mit Dick van Lente verfasstes Werk „Gesellschaftsgeschichte der Neuzeit 1750-1989“ (2003, seither mehrfach wiederaufgelegt), das auch in Deutschland beim UTB-Verlag erschien und bis heute in der Lehre Verwendung findet, ist ein Klassiker der Sozialgeschichtsschreibung. Die Sammelbände, die er gemeinsam mit Constance Bantman herausbrachte „New Perspectives on Anarchism. Labour and Syndicalism“ (2010) und „Reassessing the Transnational Turn. Scales of Analysis in Anarchist and Syndicalist Studies“ (2015) sind wesentliche Beiträge zur internationalen Anarchismusforschung, die die wissenschaftliche Entwicklung in diesem Feld beeinflusst haben. Wer freilich die wichtigsten Arbeiten aus Altenas Feder lesen will, muss Niederländisch können. Sein Hauptaugenmerk galt dem eigenen Land, er liebte seine Muttersprache, sprach aber auch hervorragend Englisch und Deutsch und erreichte in seinen Studien zur niederländischen Gesellschaftsgeschichte oft einen Grad an Genauigkeit und Detailkenntnis, der staunen macht. Mit leisem Grimm denke ich beim Durchblättern seiner Texte heute an all jene (vorrangig US-amerikanischen) Kollegen, die mit ein paar schwachen Übersetzungen ins Englische unterm Arm immer wieder meinen, ‚Globalgeschichten des Anarchismus‘ oder ähnliches auf den Markt schleudern zu müssen. Altenas Arbeiten sind ein Beweis dafür, dass niemand, der ernsthaft Wissenschaft betreiben will, auf nationalsprachige Forschungsergebnisse verzichten kann. Er war zum Beispiel ein herausragender Kenner von Leben und Werk des großen niederländischen Syndikalisten Ferdinand Domela Nieuwenhuis, hatte seit 1986 als Sekretär der Domela Nieuwenhuis Foundation gearbeitet, einen Teil von dessen privater Korrespondenz herausgebracht und war immer wieder in die Arena gestiegen, um sich mit Leuten herumzubalgen, die an Domelas Geschichte herumzuklittern versuchten. Ich erinnere mich noch gut daran, wie er mir einmal zur Ansicht, denn er brauchte meinen Rat wahrhaftig nicht, seine Erwiderung auf die launige Rezension eines niederländischen Parteikommunisten zugesandt hatte, der schlampig mit dem Faktenmaterial zu Domela Nieuwenhuis umgesprungen war. Bert zerriss den armen Kerl in aller Öffentlichkeit wie ein Blatt Papier.

Auch auf weniger sichtbare Weise hat Altena die Entwicklung seines Fachs beeinflusst: Von 1978 bis 1983 war er verantwortlicher Redakteur der vom Internationalen Institut für Sozialgeschichte (IISG) in Amsterdam herausgegebenen Zeitschrift „International Review of Social History“, und damit des wohl wichtigsten wissenschaftlichen Forums zur Sozialgeschichte weltweit. Er konnte wundervolle Geschichten über diverse Beiträge und ihre Verfasserinnen und Verfasser aus dieser Zeit erzählen. Etwa über jenen Engländer, der ihm einen ellenlangen Aufsatz über die frühe Arbeiterbewegung in Vietnam, Thailand und Korea anbot. Niemand im Team der „International Review“ mochte glauben, dass jemand aus Europa ernsthaft alle drei Sprachen beherrschen könne, schon gar nicht gut genug, um ein derartiges Thema wissenschaftlich zu bearbeiten. Bert bohrte höflich nach, und es stellte sich heraus, dass der bis dahin kaum bekannte Autor nicht nur die genannten Sprachen, sondern auch noch vier weitere aus dem asiatischen Raum fließend beherrschte. Bert griff sofort zu und veröffentlichte den Aufsatz. Für das IISG organisierte er außerdem immer wieder Panels zum Anarchismus für die „European Social Science History Conference“. Und hier war es auch, wo wir uns kennenlernten. Ich war damals ein Neuling auf internationalem Parkett, inhaltlich trotzdem gehörig auf Krawall gebürstet, und mit entsprechend zittrigen Knien nach Glasgow geflogen. Bert nahm mir jede Angst, führte mich in die Gruppe der Anarchismusforscherinnen und Anarchismusforscher ein, die aus aller Herren Länder herbeigekommen war, und sorgte, nachdem ich meine wissenschaftliche Bombe geworfen hatte, gemeinsam mit Constance Bantman dafür, dass mein Beitrag in der bestmöglichen Form veröffentlicht wurde. Glasgow wurde zum Beginn meiner internationalen Laufbahn als Anarchismusforscher, und, weit wichtiger noch, eines wunderbar herzlichen, kollegialen Verhältnisses zu Bert Altena. Ich sollte auch später noch feststellen, dass seine Sektionen (1) zum Besten und Produktivsten gehörten, was ich auf internationalen Tagungen erleben durfte. Stets waren sie wunderbar zielgerichtet, schlüssig strukturiert, großartig organisiert, und Berts wissenschaftlicher Rang sowie sein umwerfend freundlicher Umgang motivierten alle Gäste, ihr Bestes zu geben. Etwas, dass sich beileibe nicht von allen Tagungen behaupten lässt.

So tief ich mich aber auch vor seiner wissenschaftlichen Leistung verneige: Ich werde vor allem den Menschen Bert Altena vermissen. Diese wunderbar leuchtenden Augen in seinem freundlichen Mondgesicht, um das, solange ich ihn kannte, immer ein fusseliger, grauer Vollbart stand; diese unerschütterliche Freude an den Dingen des Lebens (von der Korrektur schlechter Hausarbeiten vielleicht einmal abgesehen…), die ihn, wie ich höre, selbst in seinen letzten Momenten nie verlassen hat; seine schier grenzenlose Freundlichkeit und ebenso große Freude am Erzählen; sein hintersinniger, verschmitzter Humor, und nicht zuletzt der wundervolle niederländische Singsang in seiner Stimme, den man sich bei allem, was ich wörtlich von ihm wiedergeben werde, immer dazudenken muss. Hinzu kam sein uneitles Verhältnis zu seinem Rang und Status. In dieser Hinsicht war er der niederländischste Niederländer, den ich je kennengelernt habe. Denn in unserem Nachbarland gelten grelle Pfauen, Einspreizer und Wichtigtuer mehrheitlich noch immer als das, was sie sind: Spinner, die Nerven kosten und einem die Zeit stehlen. Im Grunde tat Bert seine Arbeit aus dem besten Grund, aus dem ein Mensch überhaupt eine Arbeit tun kann: Weil es ihm und anderen Freude machte.

Ich habe viele wunderschöne Erinnerungen an unser Beisammensein, die ich im Herzen bewahre. Eine der schönsten ist vielleicht die an eine Begegnung in Valencia: Wir waren damals mit der gesamten Sektion aufgebrochen, um in Valencias Szeneviertel in einem recht außergewöhnlichen Restaurant zu speisen, an das sich unser junger Kollege Florian Eitel, ein großartiger Anarchismusforscher aus der Schweiz [vgl. Rezension zu „Anarchistische Uhrmacher in der Schweiz“ in GWR 442/Libertäre Buchseiten], der heute als Historiker am Museum Biehl arbeitet, noch aus seiner Studienzeit erinnerte. Nun ist es in Spanien unüblich, sich zu einer, wie es neudeutsch heißt, besonderen location aufzumachen, wenn man etwas essen oder trinken will. Man zieht einfach los, und die erste Bar, auf die man trifft, ist gerade gut genug. Dies ist auch der Grund dafür, warum sich an den Hauptstraßen spanischer Städte mehr Bars aneinanderreihen als Bäume im Wald stehen. Hinzu kommt, dass Großstadtspanierinnen und -spanier oft lauffaul sind. Und so erhob sich schon nach 50, 60 Metern ein jammervolles Wehklagen: „Wo wollt ihr denn noch hin, ihr Verrückten? Wir sind doch bestimmt schon an drei Bars vorbeigelaufen! Ich kann nicht mehr! Mir tun schon die Füße weh!“ Um keine internationalen Verwicklungen zu riskieren, einigten wir uns, in der nächsten Bar, auf die wir stoßen würden, Station zu machen, um uns mit Tapas und Bier zu stärken. Wer dann noch Kraft genug in sich fühlte, konnte gerne den Rest des Weges mitgehen. Tatsächlich trafen wir am Ende nahezu vollzählig am Ziel ein. Bert und ich landeten am Kopf eines langen Tisches, und innerhalb von Minuten stürzten wir uns in eine immer lautere, immer leidenschaftlichere und maßlos ausufernde Diskussion über den niederländischen Fußball. Ich werde nie den fassungslosen Ausdruck auf Florian Eitels Gesicht vergessen, als er erleben musste, wie sich zwei gestandene Anarchisten und Wissenschaftler strahlend, fuchtelnd und mit den Füßen herumtretend über Johan Cruyffs Torschusstricks austauschten und sich dabei zu immer größeren Höhen der Begeisterung aufschaukelten.

Mein persönlicher Höhepunkt jedoch kam, als Bert, der in Amsterdam studiert hatte, offenbarte, er sei damals gar nicht zu Cruyffs Ajax, das alle Rekorde brach, ins Stadion gegangen, sondern zu einem winzigen Vorortclub, bei dem selbst Einheimische erst einmal nachdenken mussten. „Die haben immer verloren“, erzählte er strahlend vor Glück: „Aber das waren ganz nette Leute!“

So war für mich Bert Altena: Ein Mensch, dem nette Gesellschaft und ein buntes, fröhliches Spektakel unendlich viel wichtiger waren als Fanatismus oder die ewige Besessenheit, zu gewinnen – und sei es nur stellvertretend. Er, der Sohn eines protestantischen Pfarrers, hatte sich von aller Religion losgesagt. Das aber machte ihn mitnichten zu einem intoleranten Dogmatiker der Gegenseite. Sogar einer seiner Doktorväter hatte eine tiefe theologische Prägung. Er stellte sich als überzeugter Anti-Militarist gegen jeden militärischen Einsatz und pochte regelmäßig bei Freunden und Kollegen an, ob sie nicht mittun wollten. Konnten die sich allerdings nicht dazu durchringen, begann er nicht, vor ihnen auszuspucken und die Straßenseite zu wechseln, wenn er sie wiedersah. So gnadenlos er als Wissenschaftler war, so tolerant war er den Menschen gegenüber. Dabei war er ohne allen Zweifel ein überzeugter Anarchist und in hundert Demos gestählter Aktivist, der an nahezu allen politischen Kämpfen der niederländischen Geschichte der letzten 50 Jahre auf die ein- oder andere Weise teilgenommen hatte.

Bert Altena war ein großer und einflussreicher Wissenschaftler, der sein Forschungsfeld geprägt hat. Vor allem aber war er ein wunderbarer Mensch. Ein Mensch, mit dem man gerne Zeit verbrachte. Sein Tod reißt eine Lücke, die kaum zu schließen sein wird. Das Schicksal ist ein Ungeheuer, das häufig gerade jenen einen ruhigen Lebensabend verweigert, die ihn am meisten verdient hätten. Ich wünschte, es hätte für dieses mal ein Einsehen gehabt und uns Bert Altena noch auf viele erfüllte Jahre hinaus gelassen. Es sollte nicht sein. Tot ziens, Genosse! Nicht nur mir wirst Du fürchterlich fehlen.

Martin Baxmeyer

Anmerkung:

  1. Mit „Sektionen“ bezeichnet man thematische Teilbereiche auf großen wissenschaftlichen Konferenzen. Die englische Bezeichnung lautet: „Panel“. Sie werden im Grunde wie eigene, kleine Konferenzen organisiert. Der Einfachheit halber werden im wissenschaftlichen Jargon aber auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer solcher Sektionen einfach als „Sektion“ bezeichnet, als eine Art von „corporate identity“, also: „Guck‘ mal, da drüben steht die Kommunismus-Sektion...“ o.ä.