der rechte rand

Hanau und Männer-Crash

Über Rassisten, Monarchisten, Hayek-Netzwerker

| Andreas Kemper

Beiztraghanau
Fotos: Sandro Halank, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0 / CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0), The original uploader was DickClarkMises at English Wikipedia. / CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0), Lumpeseggl / CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0), Montage: Online-Red.

In der aktuellen Corona-Krise erscheint das Hanau-Attentat wie ein Ereignis aus einer anderen Zeit. Vor gut einem Monat, am 19.02.2020 erschoss ein Mann neun Menschen in zwei Shisha-Bars und anschließend seine Mutter und sich selber. Es handelte sich um einen rassistischen Mordanschlag – die neun Menschen, die vom Attentäter erschossen wurden, hatten einen Migrationshintergrund.

Zudem hatte der Täter Wahnvorstellungen. Seine Wahnvorstellungen und sein Rassismus vermischten sich, was unter anderem in einem der Abschlusssätze der Erklärung des Täters deutlich wird: „Dieser Krieg ist als Doppelschlag zu verstehen, gegen die Geheimorganisation und gegen die Degeneration unseres Volkes!“ Der Täter glaubte, er stehe im telepathischen Kontakt mit einer Geheimorganisation, die seine Wünsche erfülle. Das deutet auf individuelle psychische Probleme hin. Aber psychische Probleme alleine führen nicht zu Attentaten. In Münster fuhr vor wenigen Jahren ein Mann in die Außenanlage eines voll besetzten Restaurants, um wahllos Menschen zu töten. Er hatte kein politisches Motiv, er hatte psychische Probleme und er war männlich.

 

Mordender Männerwahn

Zur Ursache des Tötens – seien es psychische Probleme als Ursache für „Amokläufe“ an Schulen, seien es rassistisch oder islamistisch begründete Mordanschläge – kommt in fast allen Fälle immer eine weitere Ursache hinzu: alle Täter waren männlich. Ich würde an dieser Stelle nicht gerne von „toxischer Männlichkeit“ reden. Diese Bezeichnung stammt aus der eher antifeministisch oder zumindest Gewaltverhältnisse verklärenden „Wild Men“-Bewegung der 1990er Jahre. Nach deren Ideologie gäbe es eine „gesunde Männlichkeit“, die sich auf jungianische „Archetypen“ wie „der König“, „der Krieger“ usw. bezog. Das „Toxische“, das „Vergiftende, Verschlingende“ steht in der verklärenden mythopoetischen „Wild Men“-Bewegung nach C. G. Jung für den „Mutterarchetyp“, aus dem der Mann sich in seiner Entwicklung zu lösen habe. Der Begriff wurde Jahre später aufgenommen, um deutlich wissenschaftlicher das Gewaltverhalten von Männern im Knastsystem zu kennzeichnen. Doch das Problem der kollektivsymbolischen Verknüpfung von Weiblichkeit mit Toxis/Gift bleibt und ebenso die Trennung von „toxischer“ und „heiler“ Männlichkeit, die letztere aus dem Blickfeld nimmt. Das Problem ist die Männlichkeit an sich, die sich von Weiblichkeit und insbesondere vom „Muttern“, von Care-Arbeit, distanziert, der „männliche Habitus“ in der androzentrischen, patriarchalen Gesellschaft. Das Problem der Männlichkeit ist die Flucht aus der Materialität (von mater: Mutter) in die Virtualität (von virtú: männlich-gewaltsame Tüchtigkeit). „Virtualität“ ist eine Scheinwelt, die ihren Schein über körperliche Gewalt(-androhung) aufrecht erhält und sich auf ‚crash‘ statt ‚care‘ bezieht.

Das Attentat von Hanau ist also nicht auf die Wahnvorstellung über eine „gedankenlesende Geheimorganisation“ zurück zu führen, sondern auf den Männerwahn, Probleme mit Gewalt lösen zu können – und auf rassistischen Wahn, der der Gewalt eine Richtung und Pseudo-Legitimität gibt.

 

AfD-Bundesvorstand Kalbitz war in Hanau

Der erst jüngst in den Bundesvorstand der AfD wiedergewählte Vertreter des faschistischen „Flügels“, Andreas Kalbitz, hielt nur wenige Wochen vor dem Attentat in Hanau eine Rede. Seine Rede hielt er in einem Veranstaltungsraum, der zwischen den beiden Shisha-Bars lag, in denen der Attentäter neun Menschen erschoss. Eine der beiden Shisha-Bars war nur zwei Straßenzüge vom Ort der Rede entfernt. Es spricht sich im rechten Milieu herum, wenn einer der beiden Führer des faschistischen Flügels eine mittelgroße Stadt wie Hanau besucht. Eine Woche nach seinem Besuch in Hanau äußerte sich Kalbitz ganz unmissverständlich beim Flügel-Treffen in Binz. Dort beschimpfte er nach Aussage eines Artikels im ‚Freitag‘ vom 28.11.2019 die Gegendemonstrant*innen als „Degenerationsausschlag“ und fügte hinzu: „Aber so sind die wenigstens mal an der frischen Luft und hängen nicht in irgendeiner Shisha-Bar rum!“

Damit gab Kalbitz sowohl das Ziel des Kampfes vor – die Bekämpfung der Degeneration – als auch den Ort, wo sie zu finden sei: in den Shisha-Bars. Und dies sieben Tage nachdem er zwischen den beiden Shisha-Bars in Hanau, dem Ort, an dem der „Doppelschlag“ „gegen die Degeneration“ erfolgen sollte, einen rassistischen Vortrag hielt. War Kalbitz damit der unmittelbare Stichwortgeber für den Attentäter von Hanau? Es ist unerheblich. Kalbitz ist Teil des
faschistischen Flügels und dieser ist Teil einer größeren faschistischen Strömung.

 

VS: 5 Jahre zu spät

Der „Flügel“ um Kalbitz und Höcke wurde in den letzten Tagen endlich vom Bundesamt für Verfassungsschutz als „rechtsextremistisch“ eingestuft. Lange hat dies gedauert, denn Höcke und Kalbitz sind bereits im März 2013, also vor sieben Jahren, in die AfD eingetreten und haben beide relativ schnell Führungspositionen übernommen. Der Flügel wurde im Januar 2015 gegründet, also vor über fünf Jahren.

Vor fünf Jahren hatte ich bereits meine Expertise zum Faschismus Höckes vorgelegt und ihn als „Landolf Ladig“ enttarnt. In der Pressekonferenz des ‚Bundesamtes für Verfassungsschutz‘ wurde gefragt, ob Höcke denn nun Ladig sei. Die Antwort: „Unter dem Pseudonym Landolf Ladig wurden Texte 2011 / 2012 veröffentlicht, die nach unserer Plausibilisierung von niemand anderem stammen können als von Björn Höcke. […] Wir halten die Plausibilisierung für nicht anfechtbar.“ Als Beispiele wurden ein Leserbrief von Höcke von 2008 angeführt, der 2011 von Ladig zu einem Artikel ausgebaut wurde sowie die Wortwahl „aufpotenzierende Krisendynamiken“ von Ladig aus dem Jahr 2011, die Höcke Jahre später beim Kyffhäusertreffen des Flügels benutzte – und zwar nur er.

Angeführt wurden hier also die ersten beiden Indizien meiner Argumentationskette, aber leider wurde wieder einmal bei einer Pressekonferenz des Verfassungsschutzes darauf verzichtet, den quasi alleinigen Urheber dieser Plausibilisierung zu nennen. Bereits 2018 hatte ja der Thüringer Verfassungsschutz einen Artikel von mir aus der Graswurzelrevolution [GWR 431 – Red.] zum Buch von Björn Höcke während einer PK plagiiert, um die Beobachtung der AfD Thüringen zu begründen. Nun wurde vor allem wegen des Höcke-Buches der Flügel als „rechtsextrem“ und die AfD Thüringen als „Verdachtsfall“ geführt. Der „General-Anzeiger“ sieht in diesen Einstufungen nur einen „ersten Schritt“ und kommentiert: „Deshalb müssen im Hintergrund ganz andere Überlegungen reifen. Sie haben damit zu tun, dass der Verfassungsschutz genügend Belege für die Plausibilität gefunden hat, wonach jener ,Landolf Ladig‘, der für ein NPD-Blatt verfassungsfeindliche Texte verfasste, kein anderer als Björn Höcke ist. Wenn das Verfassungsgericht ein Verbot der NPD ablehnte, weil der Einfluss dieser Partei zu klein sei, um von einer Gefährdung der Partei sprechen zu können, so ist es die von Ladig-Höcke gesteuerte AfD allemal.“

 

Nochmal zur Hufeisentheorie

Dass meine Arbeit in den Pressekonferenzen des Verfassungsschutzes nicht gewürdigt wird, hat sehr wahrscheinlich seinen Grund in der Hufeisentheorie des Verfassungsschutzes mit der Topographie „Linksextremismus – Mitte – Rechtsextremismus“. Und in dieser Klassifikation gelte ich als Autor der Graswurzelrevolution wahrscheinlich ebenso als Feind der „freiheitlich-demokratischen Grundordnung“ wie Kalbitz oder Höcke. Und auf ‚so einen‘ kann man sich schlechterdings in Pressekonferenzen nicht beziehen. Diese Topographie hatte auch im Trauerspiel der Ministerpräsidentenwahl in Thüringen eine Hauptrolle, wozu ich mich hier nicht weiter äußern möchte.

Dieses Denkmuster von ‚Links (gefährlich) – Mitte (gut) – Rechts (gefährlich)‘ blendet kategorisch demokratiefeindliche Bestrebungen aus. So konnte der nationallibertäre Monarchist Hans-Herman Hoppe in einem Interview in der Jungen Freiheit auf die Frage, ob er wegen seiner demokratiefeindlichen Äußerungen nicht vom VS observiert werde, öffentlich sagen, er passe nicht in deren Klassifikationsschema.

 

Neoliberale Demokratiefeindlichkeit der AfD

Ich hatte bereits 2013 die AfD als demokratiefeindlich bezeichnet und zwar nicht aufgrund der heute sichtbaren faschistischen Bestrebungen, sondern aufgrund der neoliberalen Demokratiefeindlichkeit. Konrad Adam, Mitgründer und ehemaliges Bundesvorstandsmitglied der AfD, hatte bspw. 2006 in seiner Replik „Wer soll wählen?“ die Forderung des gleichnamigen Artikels „Entzieht den Nettostaatsempfängern das Wahlrecht“ verteidigt, und neben Adam gab es eine Reihe weiterer neoliberaler AfD-Funktionäre, die sich gegen die „Tyrannei“ der nicht-besitzenden Klasse ereiferten (so bspw. der ehem. wissenschaftliche Beirat der AfD, Prof. Roland Vaubel, unter Rückgriff auf Knut Wicksell (1896) in seinem Artikel „Der Schutz der Leistungseliten in der Demokratie“ (2007)). Relevant ist hier Friedrich August Hayek, der in seinem Hauptwerk forderte, denen das Wahlrecht zu entziehen, die Geld vom Staat erhalten. Aktuell tingelt Markus Krall durch verschiedene Hayek-Clubs und AfD-Ortsgruppen. Für die Hayek-Forderung nach Entzug des Wahlrechts für Sozialhilfebezieher*innen oder Beschäftigte in subventionierten Betrieben erhielt er bspw. bei der AfD Augsburg Szenenbeifall, und der AfD Vorsitzende von Sachsen, Jörg Urban, konnte sich ebenfalls für diese Forderung erwärmen – dies sei allerdings ein „dickes Brett“, das zu bohren sei, man werde das weiterdenken.

Krall wurde von August von Finck junior als Chef-Geschäftsführer von Degussa Goldhandel eingesetzt. Degussa Goldhandel hat auf mehreren Ebenen mit der AfD zu tun. Zum einen bezog sie u.a. von dieser Firma ihr Gold für den später verbotenen Goldverkauf. Der Chef-Ökonom von Degussa Goldhandel, Torsten Polleit, trat in der Gründungsphase der AfD in den „Münchener Wirtschaftsgesprächen“ mit der ersten Vorsitzenden der AfD, Dagmar Metzger, auf. Polleit und Krall stehen dem Magazin „eigentümlich frei“ („Freiheit statt Demokratie“) nahe, in dem sich dann auch ganzseitige Hochglanzwerbung für Degussa Goldhandel findet.

 

Rechtsterrorismus basiert auf Crash-Prophezeiungen

Krall ist, wie andere Nationallibertäre (Hans-Herman Hoppe), der Idee der Inthronisierung eines neuen deutschen Monarchen nicht abgeneigt. Ein „Wahl-Monarch“ könne für sehr, sehr lange Zeit gewählt werden und hätte ein Veto-Recht – wahrscheinlich bei Entscheidungen gegen die „Freiheit“ (Steuer-Erhöhungen für Reiche, Gleichstellung, Quotierung, etc.). Zunächst aber müsse es einen umfassenden Systemwechsel geben, um „den Sozialismus“ und „die Grünen aus dem System rauszukriegen“. Dies sei in der aktuellen Demokratie nicht möglich, diese sei vom „Kulturmarxismus“ „infiziert“, vom „Sozialismus der CDU“. Es brauche also eine „bürgerliche Revolution“ (so der Titel seines neuen Buches). Und Grundlage für die Revolution sei der „Crash“ des Wirtschaftssystems, der noch dieses Jahr zu erwarten sei. Krall baut eine „Atlas-Initiative“ auf, eine Bewegung, die den „Crash“ nutzen soll, um innerhalb von „100 Tagen“ die bürgerliche Revolution durchzuziehen.

Krall ist ideologisch kein Faschist. Er vertritt weitgehend andere Positionen als der faschistische Flügel. Aber Krall ist dennoch demokratie- und verfassungsfeindlich. Und seine Prophezeiungen vom „Crash“ und der „Revolution“, die uns von der „Infektion Kulturmarxismus“ befreien sollen, finden sich auch ganz ähnlich im Manifest des faschistischen Attentäters Breivik. Konkret finden sie sich bei einem anderen Gold-Fetischisten, oder – wie ich sie in meinem Buch „Rechte Euro-Rebellion“ nannte – „Hartgeld-Essentialisten“: Walter K. Eichelburg. Eichelburg betreibt die Seite „Hartgeld.com“ und prophezeit schon länger den Tag X, an dem mit islamischen Menschen in Europa ‚abgerechnet‘ werde. Auch Eichelburg ist Monarchist, er will einen Kaiser und hat bereits ein Schattenkabinett aufgestellt mit Markus Krall als kaiserlichem „Finanzminister“. Die Revolution in Folge des „Crashs“ müsse schnell gehen. Und daher müsse man sich darauf vorbereiten. Die rechtsterroristische „Prepper“-Gruppe der Sektion „Nordkreuz“ des „Hannibal-Netzwerkes“ in der Bundeswehr bezieht sich explizit auf die Papiere von Eichelburg.

Und wenn „Hanau“ der letzte faschistische Anschlag gewesen sein soll, dann müssen auch endlich die demokratiefeindlichen Umsturzphantasien der sogenannten „freiheitlichen“ Ideolog*innen der Hayek-Netzwerke in den Fokus der Zivilgesellschaft kommen. Im Namen der demokratischen Grundordnung, nicht nur der „freiheitlichen“, sondern auch der sozialen und basis-demokratischen Grundordnung.

Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Druckausgabe der GWR. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es hier.