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Literatur & Realität

| GWR-Redaktion

Liebe Leser*innen,
Am 15. Juli trafen sich in Wrocław zwei Literaturnobelpreisträgerinnen: Swetlana Alexijewitsch und Olga Tokarczuk. Das Treffen trug den Titel „Protest“ vor dem Hintergrund der Demonstrationen gegen Lukaschenkos Regime in Belarus und der Massenproteste gegen die Verschärfung des Abtreibungsgesetzes in Polen. Außer über Literatur sprachen die beiden u. a. über die Rolle der Frauen in den beiden Ländern und die damit einhergehenden Herausforderungen. Die in Berlin lebende Alexijewitsch, die aktuell an einem Buch über die Bewegung der „weißen Tage von Minsk“ arbeitet, betonte die Bedeutung des gewaltfreien Widerstands, der von Frauen in Belarus als Protestform gewählt wurde. Sie ergänzte, dass wir im 21. Jahrhundert andere Widerstandsformen brauchen. Tokarczuk stimmte ihr zu: „Es gibt keine Demokratie ohne das Recht auf Protest; inzwischen habe ich den Eindruck, dass viele Formen des Protests überholt sind (…). (W)ir sollten die Frage beantworten, welche neuen Formen des Protests im 21. Jahrhundert erfunden werden können, was wir tun können, damit es kein Blutvergießen gibt, aber es effektiv ist, damit die Menschen nicht riskieren, ins Gefängnis zu gehen, damit sie nicht ihr ganzes Leben riskieren müssen“.
In Bezug auf die Covid-19-Pandemie führte Alexijewitsch aus: „Es ist notwendig, so schnell wie möglich die Philosophie der neuen Zeit zu definieren. (…) (W)ir müssen unser Gefühl, uns selbst in der Welt neu erschaffen. Plötzlich stellten wir fest, dass nicht wir groß sind, sondern eine Mikrobe, die mächtiger ist als jede Armee. Wir haben vor der Pandemie in einer solchen kulturellen Arroganz gelebt; dieses Bild der Welt vor der Pandemie ist bereits zerrüttet, zerstört. Dieses Gefühl hatte ich zum ersten Mal in Tschernobyl, als man nicht mehr in den Fluss konnte, keine Blume pflücken konnte, keinen Apfel pflücken konnte – scheinbar ist diese Welt noch dieselbe, und doch ist sie ganz anders.“

Realistische Dystopie?

Um ihr eigenes Leben und für eine nicht im Blut ertrinkende Welt kämpfen auch die Menschen in Afghanistan, das von den religiösen Fanatikern der Taliban übernommen wurde. In den kommenden Monaten werden Tausende von Menschen ihr Leben verlieren durch die Hinrichtungen und Säuberungen des neuen Taliban-Regimes. Hunderttausende versuchen, aus dem Land zu fliehen, der Rest wird dem Terror unterworfen. Wie immer werden Frauen den höchsten Preis bezahlen müssen: Versklavung, Unterwerfung, Bevormundung und Gewalt. Ein feuchter Traum mancher katholischer Fundamentalisten und Rechts-Konservativer aus Europa wird in Afghanistan zur Realität. Unwillkürlich fühlen wir uns an Margaret Atwoods dystopischen Roman The Handmaid’s Tale (Der Report der Magd) erinnert.

Rechtzeitige Warnung?

Man kann sagen, dass wir ohnehin schon in einer dystopischen Welt leben. Klimakrise und Kriege, befeuert vom neoliberalen Kapitalismus, zerstören das Leben von Millionen von Menschen. Haben die Kollapsolog*innen recht, wenn sie mögliche Szenarien für das düstere Ende ausmalen? Bleibt noch genug Zeit, um unsere libertäre Utopie zu verwirklichen? Wie könnte ein utopisches Zusammenleben im Einklang mit der Natur aussehen? Und schließlich: Warum brauchen wir überhaupt Utopien und Dystopien? Auf diese Fragen antworten in dieser Ausgabe der Graswurzelrevolution u. a. Kerstin Wilhelms, Elisabeth Voß, Jochen Knoblauch, Daniel Korth und Lou Marin. Der Schwerpunkt zu „Utopie und Dystopie“ wird in der Kolumne „Stichworte zum Anarchismus“ und in den Buchbesprechungen weitergeführt. Auch der Artikel von Lisa Knoke fügt sich hier ein, da sie die Zusammenhänge von Pandemie und Tierindustrie beschreibt.
Steff Brenner berichtet über seine Teilnahme an der Friedensdelegation #Delegation4Peace in der Autonomen Region Kurdistan. In seiner Reportage schreibt er über die Reise nach Irakisch-Kurdistan, die Eindrücke vor Ort sowie über die Repression, die die Delegationsteilnehmer*innen bei ihrer Rückkehr nach Deutschland erfahren haben. Auch hier treffen utopische Ansätze einer kommunalistischen Politik auf eine dystopisch anmutende repressive und von Militär geprägte Realität.

In dieser Ausgabe der Graswurzelrevolution findet ihr des Weiteren einen Artikel zur Situation in Chile von Stephan Ruderer, der vor Ort lebt. Die internationale Rubrik wird um die Artikel über die sozialen Bewegungen in Griechenland und Belarus ergänzt. Das erste Mal in der GWR veröffentlichen wir einen ausführlichen Artikel über Fußball (sic!). In seinem Text beschreibt Jacek Drozda die Bedeutung der EM 2020 angesichts der andauernden Covid-19-Pandemie aus kapitalismuskritischer Perspektive. In diesem Kontext setzt er sich auch mit der Geschichte des Fußballs als beliebter Sportart der Arbeiter*innenklasse auseinander. Die Zeitschrift Gǎi Dào, das Presseorgan der Anarchistischen Föderation, wird nach 10 Jahren eingestellt. In zwei Artikeln wird nicht nur an die Entstehung, Redaktionsarbeit und Herausforderungen erinnert, sondern auch die Bedeutung und Reichweite von Gǎi Dào für die anarchistische Szene reflektiert. Wir wünschen Euch viel Spaß beim Lesen!

Wir bedanken uns herzlich bei der bisherigen Redaktion für ihre hervorragende Arbeit in der Übergangsphase. Wir wünschen Daniel alles Gute und neue spannende Herausforderungen! Danke für deine unermüdliche Unterstützung, phantasievolle Bodenständigkeit, ansteckende Gelassenheit und deinen undogmatischen Sinn für Humor ;)

Monika und Silke für die
Redaktion der Graswurzelrevolution

P. S.:
An dieser Stelle wollen wir noch auf den 40. Jahrestag einer gewaltfreien Massenbewegung hinweisen, die versuchte, eine Utopie praktisch werden zu lassen: Ab Spätsommer 1981 verliehen Zehntausende Frauen rund um das Greenham Common Womenʼs Peace Camp ihrer Vision einer friedlichen Welt und eines solidarischen Miteinanders mit zahlreichen Protestmärschen gegen Krieg und Aufrüstung und mit Blockaden von Militäreinrichtungen Ausdruck. Damit inspirierten sie die gewaltfreie Bewegungen und Friedensinitiativen weltweit. Wir sagen an dieser Stelle: Happy Anniversary, Greenham Common Womenʼs Peace Camp!