immer in der zweiten reihe?

Mujeres Libres – Freie Frauen in zwei Epochen

Anarchistinnen in Spanien: Kampf um Anerkennung in den 1930ern und 1970ern

| Vera Bianchi

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Foto: http://www.ephemanar.net/mars04.html, Public domain, via Wikimedia Commons

Auch in der anarchistischen Bewegung organisierten sich immer wieder Aktivistinnen in gesonderten Frauengruppen, um der patriarchalen Bevormundung und Diskriminierung in gemischtgeschlechtlichen Strukturen entgegenzuwirken. Zu den bekanntesten Beispielen zählen die Mujeres Libres in Spanien, deren zweifache Geschichte und zentrale Ziele Vera Bianchi für die Graswurzelrevolution darstellt. (GWR-Red.)

Mujeres Libres, Freie Frauen, nannte sich eine Gruppe anarchistischer Aktivistinnen kurz vor und während der Spanischen Revolution und des Bürgerkriegs (1936–1939). Nach dem Ende der Franco-Diktatur 1975 gründeten sich in einigen Städten – Barcelona, Madrid, Sevilla, Valencia und Zaragoza – Mujeres-Libres-Gruppen, von denen sich zumindest die in Barcelona direkt auf die früheren Mujeres Libres berief. Der Kampf um Anerkennung innerhalb der männlich dominierten anarchistischen Bewegung ging weiter.

Mujeres Libres 1936

Als sich die Mujeres Libres im Frühjahr 1936, also kurz vor dem Beginn der Spanischen Revolution und des Bürgerkriegs, in Madrid gründeten, taten sie dies nicht, um die spanische anarchistische Bewegung von außen zu unterstützen – sondern um durch eine zeitlich begrenzte Organisation unter Frauen den Machismo und Paternalismus in der gemischtgeschlechtlichen anarchistischen Bewegung zu bekämpfen. Die Anarchistinnen, die sich in den Mujeres-Libres-Gruppen engagierten, waren zu einem großen Teil auch weiterhin in den drei gemischtgeschlechtlichen anarchistischen Organisationen aktiv; neben der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft CNT (Confederación Nacional del Trabajo, Nationale Konföderation der Arbeit, gegründet 1910) vor allem bei der Jugendorganisation Juventudes Libertarias (Federación Ibérica de Juventudes Libertarias, FIJL bzw. JJLL, 1932 gegründet), aber auch in der FAI (Federación Anarquista Ibérica, Iberische Anarchistische Föderation, 1927 gegründet).
Zum Ansatz der Mujeres Libres erklärte die Aktivistin Conchita Liaño Gil später: „Wir verstanden die Befreiung der Frau nicht als eine Beziehung des Kampfes oder der Konkurrenz mit dem Mann, sondern eher als eine sich ergänzende Beziehung; nicht als ein Wettkampf oder Kräftemessen“. (1) Sie sahen sich als einen Teil der anarchistischen Arbeiter*innenbewegung, die für die Abschaffung des Kapitalismus und für eine freie Gesellschaft für alle Menschen kämpfte, und im September 1937 legten die Mitglieder in der Satzung fest, dass die Mujeres Libres „als politische Organisation auftreten [werden], die sich mit den allgemeinen Zielen der CNT und der FAI identifiziert“. (2) Allerdings wurden einige der aktiven Anarchistinnen in ihrem Engagement durch patriarchales und sexistisches Verhalten anarchistischer Genossen eingeschränkt. Zwei Vorfälle von offenem Sexismus waren zum Beispiel der Ausspruch eines Anarchisten, Frauen gehörten nicht in die anarchistische Bewegung, sondern an den Herd, sowie die Weigerung anarchistischer Arbeiter, von einer Frau unterrichtet zu werden. (3)

Mujeres Libres 1976

Auch die Anarchistinnen, die nach dem Ende der Franco-Diktatur Mujeres-Libres-Gruppen gründeten, taten dies, weil sie in der CNT Frauen sowie Themen, die vor allem Frauen interessieren, zu wenig respektiert sahen. Den konkreten Namen der Gruppe fanden sie dann durch eine Publikation der Historikerin und Mujeres-Libres-Forscherin Mary Nash:
„Vor 1 1/2 bis 2 Jahren kam das Buch von Mary Nash über die Mujeres Libres heraus. Einige Genossinnen der CNT haben sich dafür interessiert, haben es gelesen und daraufhin die Mujeres Libres neugründen wollen. Ein wichtiger Punkt für die Entstehung war wohl auch, daß es innerhalb der CNT sehr viel Chauvinismus gibt und die CNT nicht geantwortet hat auf Bedürfnisse, die in dieser Richtung liefen. Wir haben also die Mary Nash gelesen und dann die Mujeres Libres gegründet.“ (4)

Diskrepanz zwischen gleichberechtigter Theorie und Praxis

Einerseits basiert der Anarchismus auf einer kompletten Gleichberechtigung der Geschlechter als Grundlage für eine herrschaftsfreie Gesellschaft, andererseits sah die Praxis der spanischen Anarchist*innen sowohl in den 1930ern als auch in den 1970ern patriarchal aus. Vorurteile und Stereotype wurden reproduziert, Frauen seien zuständig für die Kindererziehung, den Haushalt und alle Formen der Care-Arbeit, und über bestimmte Themen wurde nicht diskutiert, weil es nur Frauen beträfe. 1938 weigerten sich CNT, FAI und JJLL, die Mujeres Libres als offiziellen vierten Zweig der spanischen anarchistischen Bewegung anzuerkennen. (5)

Empowerment und direkte Aktion

In den gemischtgeschlechtlichen anarchistischen Organisationen durften Frauen sich zwar zu Wort melden, wurden aber weniger gehört oder ernst genommen. Dies führte dazu, dass viele Interessierte zwar zu einer Versammlung kamen, sich dort aber in der machistischen Atmosphäre nicht wohlfühlten und kein zweites Mal hingingen. (6)
Eine Form der direkten Aktion und des Empowerments stellte die Gründung einer autonomen Frauengruppe dar, in der die Frauen unter sich, in einer Art Schutzraum, ihre Ansichten, Bedürfnisse und Ideen äußern konnten. Eine weitere Form des Empowerments führten die Aktivistinnen der Barceloneser Mujeres Libres der „zweiten Epoche“ durch (so nannten sie sich in Unterscheidung zu den Kämpferinnen der 1930er-Jahre): Sie bereiteten sich vor gemischtgeschlechtlichen Treffen vor, traten dort zu mehreren auf und unterstützten sich gegenseitig, indem jede einen Teil der gemeinsam besprochenen Ideen vortrug. (7)

Wir verstanden die Befreiung der Frau nicht als eine Beziehung des Kampfes oder der Konkurrenz mit dem Mann, sondern eher als eine sich ergänzende Beziehung; nicht als ein Wettkampf oder Kräftemessen

Die Mujeres Libres der 1930er-Jahre propagierten eine doppelte Strategie: Sie setzten einerseits auf die individuelle Initiative der Arbeiterinnen, sich zu befreien, und andererseits auf den Rückhalt durch das Kollektiv. So wollten sie eine Massenorganisation werden, die die männliche Hegemonie in der anarchistischen Bewegung herausforderte und kollektiv gegen die Unterordnung von Frauen kämpfte, (8) „eine vor allem revolutionäre Frauengruppe, die sich in erster Linie damit befasste, der Frau praktische Hilfe, Bildung und Selbstverwirklichung anzubieten“. (9)

Bildung

Für das anarchistische Ziel einer herrschaftsfreien Gesellschaft für alle Menschen sahen die Mujeres Libres Bildung als sehr wichtig an. Spanische Arbeiterinnen gingen oft nur sechs Jahre in die Schule und begannen dann, als Ungelernte zu arbeiten. In Bildungs- und Diskussionskursen konnten sich die Frauen gegenseitig bilden und eine eigene Meinung entwickeln; so konnten sie einerseits in gemischtgeschlechtlichen Treffen der anarchistischen Bewegung mitreden und andererseits ihre ökonomische Lage verbessern, indem sie bessere Lohnarbeit fanden. Die Mujeres Libres beider Epochen publizierten eine Zeitschrift namens Mujeres Libres als eine Form des Austauschs, der Bildung und der Information über Aktivitäten anderer Gruppen.

Abbau von Hierarchien

Obwohl anarchistische Bewegungen theoretisch für die Gleichberechtigung aller Menschen eintreten, war und ist dies im praktischen Alltag oft nicht der Fall, und es existierten und existieren Hierarchien anhand diverser Diskriminierungsachsen, unter anderem anhand des Geschlechts. Durch Wissensvorsprung, männliche Netzwerke, Diskussionsformen und andere hierarchiefördernde Umstände kam es zu Machtgefällen auch in der spanischen anarchistischen Bewegung.
Dagegen stellten sich die Mujeres Libres als basisdemokratische Gruppe ohne Hierarchien – um durch die Gestaltung des eigenen Alltags, der Lebenswirklichkeit auch im politischen Engagement bereits hierarchiefrei leben zu können und durch diese Form der direkten Aktion auch andere Menschen anzuregen, ihren Alltag hierarchiefrei zu gestalten. In den Zeitschriften konnten alle Frauen etwas veröffentlichen, sowohl theoretische Überlegungen als auch Berichte aus dem praktischen Alltag oder Anregungen. Wahrscheinlich wurden auch die Diskussionen bei Treffen der Mujeres Libres hierarchiearm geführt.
Eine der Konsequenzen der Basisdemokratie und Hierarchiefreiheit der Mujeres Libres der 1930er nennt Mary Nash: Obwohl sich 20.000 Anarchistinnen darin organisierten, ist diese Gruppe kaum bekannt; vielleicht, weil aus ihr keine Berühmtheiten (wie bei den Kommunist*innen Dolores Ibárurri, die vielen Menschen als „La Pasionaria“ bekannt ist) hervorgingen – bedeutende Persönlichkeiten, die als Bezugspunkte für die Geschichtsschreibung genommen werden. (10)

Autonomie und praktische Hilfe

Die Mujeres Libres sowohl der 1930er- als auch der 1970er-Jahre waren autonome Frauengruppen, die zwar der anarchistischen Bewegung, vor allem der CNT, nahestanden, aber nicht deren interne Frauenorganisation waren. Sie kämpften einerseits dafür, innerhalb der gemischtgeschlechtlichen anarchistischen Bewegung ernst genommen zu werden, andererseits unterstützten sie ihre Mitstreiterinnen und interessierte Frauen in der Bewältigung des Alltags und bei konkreten Problemen durch praktische gegenseitige Hilfe.

(1) Conchita Liaño Gil, in: Bianchi, Vera (Hg.): Mujeres Libres – Libertäre Kämpferinnen. Übersetzt von Renée Steenbock und Vera Bianchi. Bodenburg 2019, S. 38.
(2) Satzung der Mujeres Libres, Kapitel 1, Artikel 2, in: Bianchi, Vera (Hg.): Mujeres Libres, S. 95.
(3) Ackelsberg, Martha A.: Free Women of Spain. Anarchism and the Struggle for the Emancipation of Women. Bloomington 1991, S. 64; Nash, Mary: Mujeres Libres. Die freien Frauen in Spanien 1936–1978. Ausgewählt und aus dem Spanischen übersetzt von Thomas Kleinspehn. Berlin 1979, S. 46/47.
(4) Lola, Mitglied der Mujeres Libres in Barcelona, in: ID (Informationsdienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten): Interview mit den Mujeres Libres in Barcelona, 12.7.1977. In: Buselmeier, Karin: Frauen in der Spanischen Revolution. In: Mamas Pfirsiche – Frauen und Literatur, Bd. 9/10. Münster, Herbst 1978; S.120–126, hier S. 124.
(5) Mehr dazu siehe: Bianchi, Vera: Feministinnen in der Revolution. Die Gruppe Mujeres Libres im Spanischen Bürgerkrieg. Münster 2. Auflage 2020, S. 86–90, und: Sara Berenguer, in: Bianchi, Vera (Hg.): Mujeres Libres, S. 167–171.
(6) Ackelsberg, Martha A.: Free Women, S. 95.
(7) Lola, in: ID, Interview mit den Mujeres Libres, hier S. 126.
(8) Nash, Mary: Rojas. Las Mujeres Republicanas en la Guerra Civil. Madrid 1999 (spanische Version von: Defying Male Civilization: Women in the Spanish Civil War. Denver, Colorado 1995), S. 137.
(9) María Rodríguez Gil, in: Bianchi, Vera (Hg.): Mujeres Libres, S. 117.
(10) Nash, Mary: Mujeres Libres, S. 13.

Vera Bianchi forscht seit über 20 Jahren zu den Mujeres Libres. Publikationen u. a.: Feministinnen in der Revolution. Die Gruppe Mujeres Libres im Spanischen Bürgerkrieg. Unrast, Münster, 2. Auflage 2020; Mujeres Libres – Libertäre Kämpferinnen. Hg.: Vera Bianchi, übersetzt von Renée Steenbock und Vera Bianchi. Edition AV, Bodenburg 2019. Facebook: https://www.facebook.com/MujeresLibres1936.

Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es hier.

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