gegen das vergessen

Staatsfanatismus und Massenwahn

Aspekte anarchistischer Faschismustheorie bei Rudolf Rocker

| Jens Kastner

Anarchist:innen 1912 in London: Ernst Simmerling, Rudolf Rocker, Lazer Sabelinsky, Loefler (hinten), Milly Witkop-Rocker, Milly Sabel (vorne): Foto: [1], Public domain, via Wikimedia Commons

Anarchismen sind antifaschistisch, davon ist selbstverständlich auszugehen. Denn ihre Theorie und Praxis zielt auf die Abschaffung von Herrschaft, als deren Form der Faschismus – in einer minimaldefinitorischen Annäherung – neben anderen gelten muss. Dennoch war der Faschismus kein zentrales Thema anarchistischer Theorie. Waren Gründerfiguren wie Michail Bakunin und Voltairine de Cleyre noch nicht mit dem Faschismus konfrontiert, wurde er auch in späteren Schriften selten zum Gegenstand gemacht. Eine Ausnahme stellt Rudolf Rockers 1937 erstmals veröffentlichtes Werk „Nationalismus und Kultur“ dar.

Für den deutschen Anarchisten Rudolf Rocker (1873–1958) war der Faschismus eine Form des modernen Nationalismus „mit seinem bis auf die Spitze getriebenen Staatsfanatismus“ (1).
Rocker setzt sich in seinem Hauptwerk an verschiedenen Stellen mit den zeitgenössischen Faschismen in Italien und Deutschland auseinander. Dabei stellt er zwar auch die ökonomische Dimension des Aufstiegs der Faschist*innen heraus und die Unterstützung, die ihnen durch die Großindustrie zuteil wurde. Das ganze Buch ist allerdings von einem Anti-Ökonomismus getragen. „Es gibt tausende Erscheinungen in der Geschichte“, schreibt Rocker, „die sich nicht aus rein wirtschaftlichen Gründen oder aus diesen allein erklären lassen“. Dazu gehört auch der Faschismus. Dessen Grundlagen sieht er in bestimmten philosophischen Traditionen, die auch auf die Aufklärung zurückgehen. Die Erfolge des Faschismus beschreibt er vor allem als Effekte seiner quasi-religiösen Erscheinungsformen.

Philosophie und Religion

Die ideellen Grundlagen des Faschismus sieht Rocker in der modernen Staatsidee, die ein umfassendes Kontrollregime über die Menschen begründe. „Der moderne Nationalismus, der im italienischen Faschismus und im deutschen Nationalsozialismus seinen vollendetsten Ausdruck gefunden hat“, schreibt Rocker, „ist der Todfeind jeder liberalen Denkweise“. Rocker meint hier mit „liberaler Denkweise“ nicht wirtschaftsliberale Einstellungen, die auf den Schutz des Privateigentums ausgerichtet sind, sondern ein Denken, das auf individuelle Freiheit abzielt. Die Möglichkeit zur freien Entfaltung sieht er durch die in der Philosophiegeschichte entwickelte und verteidigte Idee der modernen Nation bedroht. „Rousseau und Hegel sind – jeder in seiner Art – die beiden Torhüter der modernen Staatsreaktion, die sich später anschickte, im Faschismus die höchste Stufe ihrer Allmacht zu erklimmen“. In Jean-Jacques Rousseaus Vorstellung des Gemeinwillens sieht Rocker weniger eine demokratische Leitlinie konsensueller Einigung als vielmehr ein totalitäres Konzept, das im modernen Staat repräsentiert wird und ihn damit legitimiert. Jede andere kollektive Organisierung, etwa gewerkschaftliche, könne vor dem Hintergrund des Rousseauschen Konzepts als Angriff auf das im Staat konzentrierte Gemeinwohl interpretiert werden. So geschehen nicht nur im deutschen und italienischen Faschismus, sondern auch in der Sowjetunion.
Ähnlich totalitär wird der Staat laut Rocker in Hegels Konzeption als Träger des „objektiven Geistes“ und einziger Garant eines gelingenden Zusammenlebens. In dieser, etwa vom faschistischen Philosophen Giovanni Gentile (1875–1944) in den 1930er Jahren aufgegriffenen Vorstellung, wird laut Rocker „die Liebe zum Mitmenschen […] zermalmt an der Größe des Staates, dem die Menschen als Futter dienen müssen“. Der Staat wird von den Faschist*innen zu einer Art Religionsersatz gemacht, dem das individuelle Leben untergeordnet wird.
Die zunächst antireligiöse und vor allem antiklerikale Haltung von Faschisten wie Benito Mussolini wich demnach aus strategischen Gründen einer religionsähnlichen Politik mit Führerkult, weil langfristige Machtsicherung mit Repression und Pogromen allein nicht zu gewährleisten gewesen sei. Die Ausrichtung an autoritären Führerpersönlichkeiten teilen die heutigen extremen Rechten von Orbán bis Trump sicherlich mit den historischen Faschismen.

Dem Staatsfetischismus strukturell verwandt ist die Überhöhung der Wirtschaft als eine Art Naturgesetz gesellschaftlicher Entwicklungen, wie sie sich seit der Durchsetzung des Neoliberalismus wieder in der Rede von den „Sachzwängen“ niederschlägt. Rocker schreibt: „Wie der politische Faschismus dem Menschen heute die neue Heilsbotschaft beizubringen versucht, daß er nur insofern eine Lebensberechtigung beanspruchen könne, als er dem Staat als Betriebsstoff diene, so bemühte sich der moderne Wirtschaftsfaschismus, der Welt darzutun, daß die Wirtschaft nicht des Menschen wegen existiere, sondern daß der Mensch der Wirtschaft halber dar sei und lediglich dem Zweck diene, von dieser vernutzt zu werden. Wenn der Faschismus gerade in Deutschland die furchtbarsten und unmenschlichsten Formen angenommen hat, so ist dies nicht zum wenigsten darauf zurückzuführen, daß die barbarischen Gedankengänge deutscher Wirtschaftstheoretiker und fahrender Industrialisten ihm sozusagen seine Wege vorgedacht haben“.
Aber die vorgedachten Wege sind keineswegs geradlinig, also inhaltlich nicht unbedingt eindeutig festgelegt. Hier wäre für die gegenwärtigen Entwicklungen sicherlich zu differenzieren zwischen den staatsfixierten Rechten, die sich als dominante Strömungen in den rechtsextremistischen Parteien wie AfD, FPÖ und Vox finden auf der einen Seite, und den ultrarechten Neoliberalen auf der anderen Seite, die etwa in der US-amerikanischen Tea-Party-Bewegung und dem neuen argentinischen Präsidenten Javier Milei ihre Repräsentant*innen finden. Auch letztere nutzen den Staat, um ihren wirtschaftspolitischen Radikalismus und die konservativen Sozialpolitiken durchzusetzen, greifen ihn zugleich auf der Ebene des Diskurses aber ständig an. Das tut die staatsfanatische Rechte nicht. FPÖ-Chef Herbert Kickl inszeniert sich als zukünftiger „Volkskanzler“ und setzt sich damit direkt in die nationalsozialistische Tradition – auch Hitler nannte sich so –, die mit dem Staat bekanntlich kein Problem hatte.
Rocker macht bereits auf die inhaltliche Flexibilität des Faschismus aufmerksam, die, wie der Film- und Polittheoretiker Drehli Robnik in „Flexibler Faschismus“ (2) kürzlich geschildert hat, auch den gegenwärtigen Rechtsextremen eigen ist. Zwar sind Nationalismus, Antisemitismus und – von Rocker nicht berücksichtigte – antifeministische Tendenzen feste Bestandteile faschistischer Mobilisierung. Sie sollten daher auch nicht von der Linken aufgegriffen werden: Rocker kritisierte dementsprechend die KPD dafür, nationalistische Parolen mit dem Ziel zu benutzen, den Rechten den Wind aus den Segeln zu nehmen – eine Kritik, die sich ohne Weiteres auch auf viele heutige Versuche anwenden lässt, Nationalismus von links zu besetzen. Was der faschistischen Bewegung aber „ihr Gehalt gab“, war weniger die inhaltliche Konsistenz als vielmehr, so Rocker, „die Brutalität ihrer Methoden, ihr rücksichtsloses Draufgängertum, das schon deshalb keine andere Meinung achtete, weil es selber keine zu vertreten hatte“. Im Kampf um gesellschaftliche Machtpositionen hätten sich die Faschist*innen auch in einen „Kampf um Hegemonie“ begeben. In diesen Kämpfen um kulturelle Vorherrschaft sind sie zu Kompromissen bereit, um schließlich umso kompromissloser aufzutreten, sobald sie mächtig genug sind.

Minderheit und Masse

Die faschistischen Bewegungen beschreibt Rocker letztlich als Projekte einer relativ kleinen politischen Elite. „In der Wirklichkeit aber standen hinter dieser Bewegung nur die machtpolitischen Bestrebungen einer kleinen Minderheit, die es verstanden hat, eine außergewöhnlich günstige Lage für ihre Sonderzwecke auszunutzen“. Den Massen werde suggeriert, „das auserwählte Werkzeug einer höheren Macht“ zu sein und „einem heiligen Zwecke“ zu dienen, „der ihrem Leben erst Inhalt und Farbe gibt. In dieser Verwurzelung der faschistischen Bewegung in dem Anbetungsbedürfnis der Massen liegt ihre eigentliche Stärke. Denn auch der Faschismus ist nur eine primitive religiöse Massenbewegung im politischen Gewände“. So trug laut Rocker auch der Nationalsozialismus „alle Zeichen eines religiösen Massenwahns“.

Dass dieser Massenwahn auch antisemitisch ausgerichtet ist hatte Rocker bereits 1923 in einem Artikel für die Zeitschrift „Der Syndikalist“ beschrieben. Im anti-jüdischen Pogrom, das im selben Jahr im Berliner Scheunenviertel stattgefunden hatte, sah Rocker bereits die Vorzeichen dafür, „wohin der Weg geht, den die Koryphäen der nationalistischen Reaktion uns führen wollen, um ‚Deutschland vom Untergang zu retten‘ “ (3). Rocker hielt antisemitische Denkmuster und Gewalt allerdings nicht für mehrheitsfähig, die Massen des Volkes würden die „politische Hanswurstiade“ des Pogroms gar nicht ernst nehmen. Als Trä-ger*innen des aufkommenden Faschismus nennt Rocker in seinem Artikel vor allem bestimmte Milieus: „Verärgerte kleine Geschäftsleute, verschuldete Kleinbauern, unreife Jünglinge im Kaufmannsgewerbe mit der vorschriftsmäßigen ‚nationalen Gesinnung‘, ‚rassenreine‘ preußische Krautjunker und großmäulige Korpsstudenten, deren teutscher Idealismus jeden Tag mit dem nötigen Quantum von Bierhefe aufgefrischt werden musste – dies waren die berufenen Statisten in dem antisemitischen Spuk“. Auch in diesem Kontext warnt Rocker vor linken Anschlüssen und kritisiert die KPD-Politikerin Ruth Fischer für ihre antisemitischen Hetztiraden gegen die „Judenkapitalisten“. Schließlich nennt er den Antisemitismus ein „Verbrechen gegen den Geist des Sozialismus“ (4).
Die Charakterisierung des Faschismus als Massenwahn hat einerseits eine gewisse Plausibilität, lassen sich die Mobilisierungserfolge der extremen Rechte doch häufig nicht auf rationale Gründe zurückführen: Viele Wähler*innen der historischen Faschismen wie auch jene von Trump, Milei und Konsorten wurden und werden materiell nicht wirklich entlohnt für ihre Wahl. Dennoch funktioniert offenbar die Anrufung, Teil einer „höheren Macht“ zu sein, die die jeweilige Nation zu neuer Größe („great again“) machen würde. Andererseits gibt es aber auch viele Profiteur*innen, die die Einschätzung, der Faschismus beruhe vor allem auf dem „Machtwahn einer Minderheit“, problematisch macht. Denn sie konzipiert die Mehrheit, die der Minderheit gegenübersteht, immer als ausgenutzt und verführt und damit als tendenziell unschuldig. Dass viele Menschen aber auch von faschistischen Gesellschaftsformen profitieren, eigene Privilegien ausbauen können und auf Kosten anderer die (mindestens symbolischen) Vorteile ihrer zugeschriebenen („Volks“-)Zugehörigkeit genießen, davon ist bei Rocker nichts zu lesen. Zu den gegenwärtigen Debatten um Dominanzkultur und Privilegien hat diese historische, anarchistische Position wenig beizutragen. Das ist schließlich einer positiven Haltung dem „Volk“ gegenüber geschuldet, die Rocker mit vielen Linken teilt.
Rocker schwebte die „Entwicklung einer Weltföderation“ vor, die explizit auch „den sogenannten Kolonialvölkern die gleichen Rechte und Ansprüche auf ihr volles Menschentum sichern“ sollte. Die Weltföderation war schließlich, wie die meisten Projekte der Linken, auf die Vorstellung eines von rechten Einflüssen wenig kontaminierten „Volkes“ angewiesen.

(1) Seite 208. Alle Zitate, wenn nicht anders angegeben, aus: Rudolf Rocker: „Nationalismus und Kultur.“ [1937] Ohne Ortsangabe 1947, https://mirror.anarhija.net/anarchistischebibliothek.org/mirror/r/rr/rudolf-rocker-nationalismus-und-kultur.pdf
(2) Drehli Robnik: „Flexibler Faschismus. Siegfried Kracauers Analysen rechter Mobilisierungen damals und heute.“ Transcript Verlag, Bielefeld 2023.
(3) Rudolf Rocker: „Antisemitismus und Judenpogrome“ [1923]. In: „Der Syndikalist“, 5. Jg., Nr. 47, https://www.marxists.org/deutsch/referenz/rocker/1923/xx/antisemit.htm
(4) Vgl. dazu ausführlich Olaf Kistenmacher: „ ‚Gegen den Geist des Sozialismus’. Anarchistische und kommunistische Kritik der Judenfeindschaft in der KPD zur Zeit der Weimarer Republik.“ Ca Ira Verlag, Freiburg 2023.