kleine unterschiede

Starke Frauen in Rojava

| Robert Krieg

Bäckerei im Frauendorf in Jinwar - Foto: Mansour Karimian

Inmitten eines Krieges, der unzählige Leben gekostet und Millionen Menschen in die Flucht getrieben hat, gehen kurdische Frauen daran, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen und sich zu empowern. Damit fordern sie die Machtstrukturen im Nahen Osten heraus. Die Frauen in Rojava sind die treibenden Kräfte beim Aufbau einer basisdemokratischen und autonomen Selbstverwaltung, an der die Bevölkerung gleichberechtigt beteiligt ist. Frauen bestimmen auf allen Entscheidungsebenen paritätisch die Geschicke ihrer Gemeinschaft. Selbstbewusst treten sie im öffentlichen Raum auf. Beispielhaft leben sie vor, wie man trotz aller Widerstände einen Gegenentwurf zu den männerdominierten Herrschaftsverhältnissen im Nahen Osten realisieren kann. Sozial, ökonomisch und privat. Robert Kriegs neuer Film mit dem Arbeitstitel „Utopia Rojava“ über die Frauen im kurdischen Rojava in Syrien knüpft an seinen 2019 produzierten Dokumentarfilm „Experiment Rojava – Eine Gesellschaft im Aufbruch“ an und wird voraussichtlich ab Winter 2024 in den Kinos zu sehen sein. Als Vorgeschmack hat er für die GWR die folgende Fotoreportage geschrieben. (GWR-Red.)

In einer verkehrsüberfluteten, staubigen Straße mitten in Qamishlo, der inoffiziellen Hauptstadt von Nord- und Ostsyrien, liegt das Geschäft der Kunsthandwerkerin Jehan. In ihrer geräumigen Holzwerkstatt empfängt uns das Kreischen einer Kreissäge. Jehan schneidet gerade den Rahmen für ein Bild von Şahmaran zurecht. (1) Das Bild hat sie in ihrem kleinen, vollgestopften Atelier angefertigt, dessen Farbenfülle überwältigt, wenn man kurz zuvor den gelblich-braunen Film, der die ganze Stadt überzieht, hinter sich gelassen hat. An den Wänden hängen dicht an dicht bunte Stoffe, Tüll, Borden, Federn, Lederstücke und in den Regalen stapeln sich Farbtuben und kunsthandwerkliche Accessoires.

Jehan produziert Şahmaran in Serie. Konzentriert sitzt sie am Arbeitstisch über einer kleinen Holzplatte gebeugt, auf der sie aus verschiedenen Tuben Farbtupfer und -linien aufträgt. Nach und nach entsteht das sagenumwobene Geschöpf, das in der kurdischen Mythologie eine zentrale Rolle spielt und deren Bedeutung mündlich überliefert wurde, um ihre Geschichte an zukünftige Generationen weiterzugeben. (2)
Schon in der Schule erkannte man Jehans kunsthandwerkliches Talent, ihr Vater förderte sie nach Kräften. Während das Werkstück entsteht, beschreibt sie ihren Werdegang in die Selbständigkeit. Sie traut sich viel zu und probiert einfach aus. „Früher hatte ich nichts mit traditionellem Zeug zu tun. Nun gefällt es mir selbst, und ich ziehe mir mehr Informationen bei alten Frauen ein. In meinen Arbeiten kombiniere ich das Alte mit dem Modernen“, erzählt sie, während sie den Bilderrahmen mit Firnis einstreicht. Nach einer kleinen Pause blickt sie auf und fügt hinzu: „Bei der Arbeit vergesse ich die schlimme Situation, in der wir hier schon länger leben. Es ist wie eine Flucht daraus.“

Man sagt, die Arbeit in der Landwirtschaft sei für Frauen zu schwer. Wir wollen das Gegenteil beweisen.

Ein paar Straßenzüge weiter weist ein großes Wandbild auf eine Frauenkooperative hin, die auf traditionelle Weise Gemüse einkocht und ihre in Gläser eingemachten Produkte über Facebook vertreibt. Ihre Kund:innen sind Schulen, Kindergärten, Betriebe, aber auch einzelne Familien. Von der Straße aus sieht man hinter einer Mauer Rauch aus einem Hinterhof aufsteigen. Die Frauen haben ein Holzfeuer entzündet und dabei mit etwas Benzin nachgeholfen. Auf einem provisorischen Geviert aus Steinblöcken siedet das Wasser in einem bis an den Rand mit Auberginen gefüllten Kessel aus Aluminium. Theodora prüft, ob das Gemüse weich ist. Sie gibt ein Zeichen und Nawal wuchtet mit einer Kollegin den Kessel vom Feuer.

Gemeinsam schleppen sie ihn in den Innenhof des flachen Gebäudes, in dem die Kooperative untergebracht ist, und füllen das gekochte Gemüse in mit kaltem Wasser gefüllte Plastikwannen um. Die Frauen setzen sich auf niedrige Hocker um die Wannen herum, fischen die Auberginen heraus, schälen sie, schneiden sie auf und füllen die Schnittstelle mit etwas Salz.

Shama hat die Kooperative gegründet und erzählt uns Gründe ihres Bestehens. Sie stellen gut zu lagernde, gesunde Lebensmittel her und entlasten dadurch die Frauen in den Familien. Die Kooperative ermöglicht ihren Mitgliedern ein Einkommen und macht dadurch die beteiligten Frauen finanziell unabhängig. Dadurch verbessern sie die finanzielle Situation ihrer Familien und erwerben sich Respekt. Die Zusammensetzung der Kooperative spiegelt die Vielfalt der Gesellschaft wieder, die in den autonomen Gebieten (noch) herrscht und auch hier in Qamishlo das Stadtbild prägt. Shama ist Kurdin, sie hat ihre modische Sonnenbrille ins offene Haar gesteckt und beantwortet bereitwillig unsere Fragen. Theodora gehört der Assyrisch-Orthodoxen Kirche an, Nawal ist eine arabische Muslima. Die Frauen beschreiben die Vorteile der Kooperative in sozialer und kultureller Hinsicht. Sie ist ein Schutzraum, in dem sie Erfahrungen und Überzeugungen unter Frauen teilen können. Die Genderzugehörigkeit erleichtert dabei den Austausch. Dazu kommen das Zusammenwirken unterschiedlicher Kulturen und ethnischer Zugehörigkeiten, der gegenseitige Respekt und das Lernen voneinander. Theodora: „Es gibt keine Unterschiede zwischen Kurden, Arabern, Christen, Muslimen. Wir leben alle unter den gleichen Bedingungen und sind gleichermaßen erschöpft. Ich rufe die internationale Gemeinschaft auf, die Türkei bei ihren Angriffen auf die Zivilbevölkerung zu stoppen, alle leiden darunter, nicht nur wir Christen.“
Nawal ist die Jüngste und stammt aus einer traditionellen arabischen Familie: „Es bedeutet viel für mich, mit Frauen zusammenzuarbeiten. Ich lerne viel von ihnen.“ Theodora fügt hinzu, wie wichtig es für Nawal sei, dass hier nur Frauen arbeiten: „Sonst hätte es ihre Familie nicht erlaubt, bei uns mitzumachen“. Nawal lächelt schüchtern,ihr Blick bestätigt, was Theodora sagt.

Am späten Nachmittag lädt uns Jehan zu sich nach Hause ein, um uns mit ein paar Freundinnen bekannt zu machen. Wir sitzen im Hof des mehrstöckigen Wohngebäudes auf einem prächtigen, handgewebten Teppich und versuchen den allgegenwärtigen Lärm der Generatoren zu überhören, die ganze Straßenzüge mit Strom versorgen. Schnell dreht sich das Gespräch um die Dominanz der Männer und das Gerede der Nachbarn:innen, wenn sich Mädchen und Frauen nicht an traditionelle Regeln halten. Trotz Anstrengung der autonomen Selbstverwaltung stellt ein Teil der Bevölkerung immer noch die aktive gesellschaftliche Teilhabe der Frauen infrage.Der Einfluss patriarchalischer Herrschaft sitzt tief und lässt sich nicht innerhalb einer Generation aufheben.

Boza ist eine resolute Frau mittleren Alters, die ihre Überzeugungen mit knappen Gesten unterstreicht: „Die repressive Behandlung von Mädchen und jungen Frauen hat schwerwiegende psychologische Folgen. Das kann im schlimmsten Fall bis zum Suizid führen.“
Nisrin lächelt sarkastisch. „Warum haben meine Onkel einen derartig starken Einfluss auf mein Leben?“, fragt sie eher rhetorisch in der Runde. „Ohne das Vertrauen meiner Mutter, hätte ich keinen Schritt auf die Straße tun dürfen, obwohl auch sie sich vor dem schlechten Gerede der Nachbar:innen fürchtet.“
Boza lenkt das Gespräch auf ein Thema, das ihr besonders am Herzen liegt: Die finanzielle Unabhängigkeit, welche ihrer Ansicht nach der zentrale Hebel für die Selbstermächtigung der Frauen ist: „Ein Teil der Gesellschaft verfolgt überholte Konzepte. Sie lässt keine Bewegungsfreiheit und kein Recht auf Unabhängigkeit zu. Dabei sollten alle Frauen das Recht auf Arbeit haben. Wir brauchen die Arbeit für unser Selbstwertgefühl.“
Jehan ergänzt: „Wenn wir arbeiten, können wir die negative Energie rauslassen. Sonst ginge es uns noch schlechter.“

Wir verlassen Qamishlo und bewegen uns Richtung Südwesten. Uns ist geraten worden, nach Rakka auf einer neu gebauten Überlandstraße zu fahren. Dadurch meiden wir auf unserer Reise ein paar arabische Dörfer, in denen die islamistische Heilslehre immer noch Befürworter:innen findet und man Schläfer-Zellen des IS befürchten muss.

Rakka ist einerseits relativ sicher vor türkischen Luftangriffen. Andererseits spürt man auf Schritt und Tritt die Traumata, die die islamistische Gewaltherrschaft in den Köpfen und Herzen hinterlassen hat. Um so mehr beeindruckt mich die frische Energie, mit der die Frauen ihr Leben umkrempeln. Eine von ihnen ist Ghoufran. Sie hat eine Taekwondo-Schule für Jugendliche gegründet. Der traditionelle Hijab , den sie fest geknüpft um ihre Haare trägt, will nicht in die westliche Vorstellung einer Taekwondo-Trainerin passen. Ihre Kommandos und die Kampfschreie ihrer Schützlinge hallen durch die mit Matten ausgelegte Halle eines Gebäudes des großen Sportstadions im Stadtzentrum. Die Gruppe umfasst etwa zwanzig Kinder und Jugendliche zwischen sechs und sechzehn Jahren, darunter nur ein einziges Mädchen, etwa sechs Jahre alt. Sie folgen aufmerksam den Lockerungsübungen ihrer Lehrerin, die den Takt dazu mit Schlägen auf ein Polster vorgibt. Ghoufran, eine gläubige Muslima, war geflüchtet, als die Dschihadisten die Stadt eingenommen hatten: „Ich bin nach Rakka zurück, als die Situation wieder besser wurde. Es wurden Taekwondo-Lehrer*innen gesucht und ich hatte die Ausbildung dazu. Anfangs war es schwer, Kinder für das Training zusammen zu bekommen, aber mittlerweile bin ich erfolgreich. Leider ist es mir noch nicht gelungen, Mädchen in den Kurs zu bekommen, die älter als zwölf sind. Obwohl ich als Frau trainiere. Und Frauen sollten lernen, sich zu verteidigen!“.

Midia und Argin, Foto: Mansour Karimian

Vor der Stadt besuchen wir Frauen einer landwirtschaftlichen Kooperative. Ihre Felder liegen im Tal des Euphrat, der fruchtbarsten Region Rojavas. Die noch relativ gut mit Wasser versorgten Böden sind offiziell Teil des syrischen Staats. Die autonome Selbstverwaltung hat sie der Kooperative, einem Projekt der Frauenbewegung, als öffentliches Gut zur Verfügung gestellt. Es geht den beteiligten Frauen nicht um Profit, sondern um eine funktionierende Subsistenzwirtschaft. Die Bäuerin Um Mahmoud unterbricht ihr Jäten, um uns ihre Weltsicht zu erklären: „Es hat immer schon Klassen, Reichtum und Armut gegeben. Unser Reichtum ist diese Erde hier, sie ist unser Schatz. Wir pflanzen darauf, und Gott lässt es wachsen. Wenn du als Frau die Energie dazu hast, musst du arbeiten. Wir werden nicht emigrieren, denn dies ist unser Land. Das Land und die Menschen darauf haben den gleichen Wert für mich. Ich gebe meine Seele für dieses Stück Erde. Meine Heimat ist diese Erde. Sie ist unser Schatz.“ Um ihre Worte zu unterstreichen, hält Um Mahmoud einen dicken Erdklumpen in die Höhe. „Als der IS kam, habe ich alle Türen verschlossen und bin nicht mehr nach draußen gegangen. Ich wusste nicht mehr, was draußen vor sich geht. Jetzt kann ich wieder draußen sein, den Himmel sehen und am Leben teilhaben. Ich schwöre, vorher war ich nur im Haus. Als Frauen konnten wir nicht wagen, die Tür zu öffnen. Wir saßen in einem Gefängnis.“
Das kann die Mutter von Ghoufran bestätigen, die in einem ärmeren Viertel der Stadt wohnt: „Es war ein Horror. Man konnte nicht einmal atmen. Es herrschte totale Angst. Man musste sogar die Augen verschleiern, sonst wurde man geschlagen. Frauen allein auf der Straße wurden misshandelt. Wer rauchte, wurde misshandelt. Der IS stürmte die Wohnungen. Allein angetroffene Frauen wurden zwangsverheiratet. Wie ein Geheimdienst fragten sie Details der Familie ab. Wenn ein Mann angetroffen wurde, der kein Bruder oder Vater war, wurden wir Frauen als rechtlos betrachtet und vergewaltigt.“
Um Mahmoud stützt sich auf ihre Hacke ab und schaut uns eindringlich in die Augen:
„Nach dem Zusammenbruch des IS konnte ich wieder frei herum laufen und mich mit Menschen treffen. Wir werden unsere Heimat nicht verlassen und einfach abziehen. Wir können nicht im Ausland als Flüchtlinge leben. Einige, die das Land verlassen haben, kamen wieder zurück, weil sie es im Ausland nicht ausgehalten haben. “

Wir fahren zurück Richtung Norden. Das Frauendorf Jinwar liegt nicht weit von der türkischen Grenze entfernt und damit im Gefahrenbereich türkischer Luftangriffe. Das hat die Anzahl der Bewohnerinnen reduziert. Aber die Arbeit der landwirtschaftlichen Kooperative auf der 35 Dunam bzw. 9 ha großen Anbaufläche läuft weiter. In der Ferne zieht ein Trecker eine Staubfahne hinter sich her. Dalila erklärt uns die Bewirtschaftung der Felder. Sie hat in der Türkei Landwirtschaft studiert und wird so schnell nicht in ihre alte Heimat zurückkehren können. Heute steht die Ernte der restlichen Granatäpfel an. Auf dem Weg zur Plantage zeigt sie uns die abgeernteten Flächen, die für die Saat bereit sind: „Man sagt, die Arbeit in der Landwirtschaft sei für Frauen zu schwer. Wir wollen das Gegenteil beweisen. Wir kümmern uns selbst um alles, ob es um das Pflügen, Pflanzen oder Ernten geht. Wir hatten eine gute Baumwollsaison und haben diese vor zwei Tagen geerntet. Wir pflanzen und ernten Gemüse und Obst, wir kaufen nichts außerhalb.“

In der bäuerlich geprägten Kultur der Kurd:innen war es normal, dass die Frauen in der Landwirtschaft mitarbeiteten. Ursprünglich haben sie für das tägliche Auskommen an verantwortlicher Stelle mitgesorgt. Daran will das Projekt Jinwar anknüpfen. „In unserer Frauenkooperative wollen wir die Frauen unabhängig machen, ihnen ein Einkommen sichern und ihre Mentalität ändern. Sie müssen wieder lernen, an sich zu glauben und die Abhängigkeit von den Männern zu überwinden“ fasst Dalila die Ziele von Jinwar zusammen und erläutert das Geschäftsmodell: „Frauen verdienen in unserer Kooperative z. B. durch Herstellung von Käse ihr eigenes Geld, auch für ihre Kinder. Sie sind ökonomisch unabhängig und haben keine Männer für Anweisungen nötig. In der Kooperative arbeiten nur Frauen: junge, alte, Witwen. Alles Geld der Kooperative geht an die Frauen.“

Argin lenkt den Trecker spurgenau über das abgeerntete Weizenfeld. Mit der Egge bereitet sie die frische Aussaat von Linsen vor. Sie war an der Befreiung von Kobanê beteiligt und hat danach drei Jahre in einer Frauenmiliz gedient. Nach ihrem Ausscheiden musste sie sich etwas Neues suchen und hat es in Jinwar gefunden. Nach der Arbeit trifft sie sich auf einen Tee mit Ihrer Arbeitskollegin Midia, die gemeinsam mit anderen Frauen ein unabhängiges Leben als Frau führen möchte: „Ich will hier im Experiment sehen, was es heißt, nur mit Frauen zusammenzuleben. Frauen haben Power, physisch und mental. Man sollte uns Frauen nicht unterschätzen. Frauen können alle Arbeiten machen, das weiß ich aus eigener Erfahrung.“
Midia hat sehr jung geheiratet und musste ihre Ehe beenden, da ihr autoritärer Mann ihr ganzes Leben bestimmt hat. Argin fragt sie, wie sich eine Gemeinschaft ohne Männer für sie anfühlt. Midia ist da ganz klar: „Das ist ideal für mich, dass hier keine Männer sind. Ich ertrage keine männliche Dominanz mehr. Männer sind nicht die Basis für alles. Die Frauen sollen über ihr Leben selbst bestimmen. Ich habe nichts gegen Männer, aber die Basis einer Gesellschaft wird von Frauen und Männern gleichermaßen gestellt. Die Erfahrung hier im Frauendorf zeigt, dass wir als Frauen unser Leben selbständig organisieren können.“

Eine davon ist Delal. Sie ist zur Wache eingeteilt und sitzt am Eingang des Frauendorfes. Ihr Gesichtsausdruck wirkt melancholisch, ihr Blick scheint nach innen gerichtet. Als alleinerziehende Mutter lebt sie seit zwei Jahren mit ihren drei Töchtern in Jinwar. Wir lernen sie in den kommenden Tagen näher kennen. Schließlich ist sie bereit, uns ihre persönliche Geschichte zu erzählen.

Argin auf dem Trecker – Foto: Mansour Karimian

Die Yesidin war mit einem Vetter väterlicherseits verheiratet. Ihr Mann hatte sie verlassen, und sie musste gemäß der traditionellen Regeln mit seiner Familie zusammenleben. Sie ließ sich scheiden, und die Kinder wurden ihrem Vater zugesprochen. Dann erhielt sie einen Anruf, dass dieser sich nicht um die Kinder kümmere und diese auf der Straße lebten und verwahrlosten. Jinwar wird zu ihrer Rettung: „Wir leben hier jetzt wie in einer Familie. Niemand kann die Rolle des Vaters ersetzen. Aber besser ohne Vater als mit einem schlechten Vater.“ Während sie spricht, hören die drei Töchter scheinbar gleichgültig zu, aber ihnen ist die Anspannung anzumerken. Sie versuchen ihre Mutter mit Blicken zu trösten. „Mein Mann hat mich total kontrolliert. Ich sollte nur als Mutter zuhause sitzen. Dabei wollte ich draußen etwas erreichen. Einen Beruf als Lehrerin, als Anwältin oder mir eine Arbeit im Krankenhaus suchen. Alles wurde mir von meinem Mann verboten. Mein Leben gehört jetzt nach Jinwar. Meine Kinder sollen studieren und später ihr Wissen wieder hier im Dorf einbringen. Das Dorf war und ist unser Schutzraum. Das dürfen wir nie vergessen.“

Das Luftbild von Jinwar zeigt die Anlage des Dorfes: Sie ist dem Symbol der Syrischen Steppenraute nachempfunden, das in jedem Haus des Dorfes hängt und in der kurdischen Kultur weit verbreitet ist. Seine sedative und antidepressive Wirkung (3) steht stellvertretend für natürliche Heilverfahren und das weibliche Wissen darum, das bis in die matriarchalische Menschheitsepoche zurückverweist. Verbunden mit dem Projekt Jinwar als Ort weiblicher Selbstermächtigung mag man es als einen Verweis auf das Matriarchat als Menschheitsprojekt der Zukunft lesen.

(1) Als die kurdische Feministin, antimilitaristische Aktivistin und Schriftstellerin Pınar Selek im Alter von zwanzig Jahren in die Nähe von Urfa eingeladen wird, kommt sie zum ersten Mal mit der kurdischen Kultur in Berührung: „In einem Dorf habe ich einen Troubadour getroffen. Er hat mir das schönste Märchen meines Lebens erzählt, es hieß Şahmaran. Weil die kurdische Sprache offiziell verboten war, war sie auf den mündlichen Gebrauch beschränkt. Darum existieren die Troubadoure, die Dengbej noch immer.“
(Die Unverschämte, Gespräche mit Pinar Selek, 2023, Verlag Graswurzelrevolution, S. 62)

Şahmaran (persisch شاهماران, türkisch Şahmeran; auch Schahmaran und Shahmaran) ist eine mythische Figur in Anatolien (besonders bei Tarsus und Mardin), dem Iran, dem Irak und Kurdistan. Sie gilt als Göttin der Weisheit und Beschützerin von Geheimnissen. Der Name besteht aus den Bestandteilen aus dem persischen šāh („König“) und mârân (persisch „Schlangen“) und bedeutet König(in) der Schlangen. Şahmaran wird oft als ein Wesen, halb weise Frau, halb Schlange, dargestellt. Wenn Şahmaran stirbt, geht ihr Geist auf ihre Tochter über. (https://de.wikipedia.org/wiki/%C5%9Eahmaran)
Als eine heute noch praktizierte mündliche Überlieferung kann Dengbej angesehen werden. Dies ist ein kurdischer Erzählgesang, mit dem sich die Aufgabe verbindet, vorhandene Erzähltraditionen weiterzuführen, aber auch selbst neue Geschichten zu finden und diese durch den Gesang lebendig werden zu lassen. Die kurdische Kultur versteht sich in der Tradition als mündliche Kultur, wenn auch heute nicht mehr so stark wie früher. Mündliche Kulturen entwickeln im Umgang mit der Weitergabe von Kultur eine besondere Kreativität, bei der es darum geht, kulturelle Ereignisse wie Geburten, Hochzeiten, Kriege, Liebesgeschichten und jahreszeitliche Traditionen intersubjektiv über Dörfer und über die Generationen hinweg als mediale Erinnerung weiterzutragen. (https://de.wikipedia.org/wiki/Dengb%C3%AA)
(2) siehe unter (1)
(3) https://de.wikipedia.org/wiki/Steppenraute#Wirkung

Robert Krieg ist Filmemacher und promovierter Soziologe. Im Februar 2024 erschien in der GWR 486 sein Artikel „Tod eines Kameramanns. Mansour Karimian, am 24.12.2023 ermordet in Rojava“, https://www.graswurzel.net/gwr/2024/02/tod-eines-kameramanns/

Kontakt:
https://www.krieg-nolte.de/

Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es hier.

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