Wenn die Herrschaftsbeschreibung der Totalitarismustheorie für viele als gescheitert gilt, oder zumindest als nicht ausreichend betrachtet wird, dann wird auf deren Grundlage eine weitere Erforschung der Herrschaftsmechanismen bei den Übergängen von demokratischen zu autoritären und von dort zu diktatorischen Systemen unumgänglich. Marxistisch geschult analysierte Otto Rühle als eine der Voraussetzungen die ökonomischen Konzepte des Kapitalismus und beschrieb für die Sowjetunion als deren wirtschaftliche Grundlage den Staatskapitalismus. Im autokratischen System von Putins Russland dient der Staatskapitalismus bis heute als Grundlage.
Besieht man sich die gegenwärtigen Übergänge von liberal-demokratischen, kapitalistischen Gesellschaften zu autokratischen und die damit verbundene Annäherung der Autokraten weltweit, so zeigt sich einerseits die immer schon vorhandene unverblümte Ausbeutungsabsicht und die Gier nach den knapper werdenden Bodenschätzen, aber andererseits auch das große Interesse, die Macht über die neuen technologischen Fortschritte zu sichern. Damit einher entwickelte sich bei einigen Machern der Techindustrie die Überzeugung, dass CEOs die geeigneteren Staatenlenker wären, jedoch für ihre Entscheidungen als Grundlage zumindest ein autokratisches System benötigen. Eine Zukunftsabsicht, die Trump mit seinem Versprechen, dass seine MAGA-Wähler*innen nur noch einmal zur Wahl gehen müssten, vollmundig ankündigte.
Der Milliardär Peter Thiel, der u. a. den US-Vizepräsidenten J.D. Vance systematisch gefördert und wesentlich dazu beigetragen hat, ihn ins Amt zu lancieren, vertritt diese Haltung. Peter Thiel wurde am 11. Oktober 1967 in Frankfurt a.M. geboren und wuchs in Kalifornien auf. Er studierte an der Stanford University Philosophie und Jura. Im Oktober 2017 heiratete er den Finanzexperten Matt Danzweisen in Wien. Thiel hatte bereits Trumps erste Wahl zum US-Präsidenten 2016 unterstützt und befand sich in dessen Übergangsteam. Er bereitete die Machtübernahme vor und half auch bei der Besetzung der Regierungsposten. U. a. konnte er bei der zweiten Wahl einen seiner engen früheren Palantir Technologies Mitarbeiter, Trae Stephens, in Trumps Schnittstelle von Technologie und Verteidigung platzieren.
In seinem Buch „Zero to One“ gibt Thiel Ratschläge, wie man zu Monopolen kommen kann: Es müssen neue Produkte sein, es lohnt nicht alte Produkte zu verbessern, Wettbewerb verschwendet nur Ressourcen, auch die Globalisierung hat als Zieloptik ausgedient, es geht ausschließlich um technologischen Fortschritt. Dabei fordert er ein Denken abseits von konventionellen Denkansätzen, lobt die Automatisierung und KI für die Ausweitung und Schaffung von Monopolen durch das Entdecken von Nischenmärkten. In der Folge sieht er, wie CEOs mit diktatorischer Vollmacht die zentralistisch organisierten Gesellschaften lenken und wirtschaftlich Monopole schaffen, die sich dem Wettbewerb entziehen. Thiel definiert sich über die Ideen der Libertarian Party. Diese extrem rechte, neoliberale Partei wollte ursprünglich den Staat mithilfe des unkontrollierten freien Markts u. a. gemäß den Vorstellungen von Ayn Rand und Murray N. Rothbard zurückdrängen. Sie nahm systematisch rechtsradikales Gedankengut in das Programm auf.
Peter Thiel und Elon Musk verstehen sich als erklärte Anhänger Ayn Rands. Lange in den USA nur vereinzelt in lokalen Wahlkämpfen von Wyoming, Arkansas, Texas und Kansas erfolgreich, haben die Libertarians ihren Einfluss auf die Republikanische Partei deutlich steigern können. Die landesweit ca. 3 Prozent an Wählerstimmen hat sich Trump bewusst abgeholt. Die Kettensäge am Sozialstaat, die der „libertäre“ argentinische Präsident Javier Milei zum Symbol machte, wird nun in den USA von Elon Musk öffentlichkeitswirksam mitgeführt. In Thiels „libertären“ Ansichten soll jedoch nicht mehr der unkontrollierte freie Markt zum Regulativ werden, sondern die Monopole einiger weniger Unternehmen. Den Wettbewerb auf dem freien Markt sieht er als ineffektiv, die Monopol-Unternehmen sollen die Gesellschaft steuern.
Schon in den 1990er Jahren dachte Thiel an staatsunabhängige Gemeinschaften auf Plattformen im Ozean. 2009 machte er deutlich, dass er mit der Demokratie und dem Freiheitsgedanken nichts mehr zu tun haben und speziell das Frauenwahlrecht abschaffen wollte. Ideengeber für Thiel und J.D. Vance ist der „libertäre“ Curtis Yarvin, der mit Thiels Finanzmitteln die Denkfabrik Yarvins Plattform Urbit betreibt. Yarvin plädiert dafür, die Demokratie abzuschaffen, sie sei ineffizient und korrupt und könne keine langfristigen Probleme lösen. Er orientiert sich an der Monarchie, die heutzutage aber von Menschen angeführt werden sollte, die wie CEOs ihre Unternehmen führen. An der Macht sieht er eine Zusammenarbeit von Ideologen, Universitäten und Medien, die die Gesellschaft kontrollieren und abweichende Meinungen unterdrücken. Dabei stützt sich Yarvin in seiner Argumentation gern auf historische Vorbilder: Julius Cäsar und Augustus, weil sie die zentrale Macht einführten, Napoleon als Modell für einen Start-up-Monarchen, Franklin D. Roosevelt, weil er mit der Atomwaffenentwicklung Oppenheimers, dem Manhattan Project, Erfolg hatte, Abraham Lincoln, weil er ohne Zustimmung des Kongresses Truppen ausheben ließ und die Presse zensierte.
Die millionenschwere offene strategische Unterstützung ultrarechter Politiker, seine engen Verbindungen zu den CEOs der Techindustrie und seine Beteiligung an deren weltweit erfolgreichen Produkten lassen Thiels politische Absichten in der zweiten Regierungszeit Trumps mehr und mehr zur Realität werden. Konkret finanzierte er die Senatskampagnen von J.D. Vance in Ohio und Blake Masters in Arizona. Masters verlor jedoch 2022 die Wahl zum Senator. Dafür zählt der Senator von Missouri, Josh Hawley, zu Thiels politischen Aktivisten. Zwar hielt Thiel sich bei der Inauguration Trumps weiterhin im Hintergrund, aber die mit ihm verbundenen CEOs und J.D. Vance vertraten ihn nur allzu auffällig in der ersten Reihe.
Je mehr ich mich über Peter Thiel informierte, desto besser verstand ich Musks Luftsprünge und überschwängliche Freudebekundung mit dem faschistischen Gruß. Dass Freude sich so ausdrücken kann, verstehen wir in Deutschland sehr gut, war doch in der Nachkriegsgeneration als Ausdruck großer Freude oft der Satz zu hören: „Das ist mir ein innerer Reichsparteitag!“
Thiel beteiligte sich in der Frühphase an Facebook, mit dem Vermögen aus dem Verkauf konnte er PayPal mitbegründen. Seine Leistung bestand darin, dass er gesellschaftliche Bedarfe erkannte und in Neugründungen von Unternehmen umsetzte. Mit dem Wachstum von PayPal beteiligte er sich an weiteren innovativen, an den Bedarfen ausgerichteten oder neue Bedarfe kreierenden Unternehmen wie Elon Musks X.com.
Thiel stellte Topleute in sein PayPal Team ein, die anschließend im Silicon Valley in Kalifornien ein Netzwerk ehemaliger und aktiver PayPal Mitarbeiter schufen, die – als „PayPal Mafia“ – weitere erfolgreiche und einflussreiche Unternehmen, meist mit Thiels Beteiligung, gründeten, darunter LinkedIn, Tesla, YouTube, Airbnb, Spotfy, OpenAI, Vicarious und DeepMind. Thiel erwarb mit diesen Investitionen steigenden Einfluss auf die Techindustrie und im Anschluss auf die Republikanische Partei. Mit dem Start-up Vicarious beteiligt er sich an der Erforschung, wie KI menschenähnliches Denken annehmen kann.
Er selbst kaufte sich in diverse Unternehmen anteilsmäßig ein, so auch in die Firma Privateer Holdings, die sich auf den neuen legalen Cannabis-Markt spezialisiert hat. Publikumswirksam wird da mit den Erben von Bob Marley zusammengearbeitet und das neue Vermarktungsunternehmen wurde Marley Natural genannt. Mit Centrus Energy unterstützt er ein Start-up zur Produktion von hoch angereichertem Uran.
Thiels Erfahrungen mit diesen Unternehmen, die sich nicht mehr an dem von vielen Playern umkämpften Markt orientieren, sondern jeweils Monopole in bestimmten Bereichen schufen, führten zu der Gründung des Palantir and Founders Fund.
Was betreiben diese
Palantir Technologies?
Sie schaffen neue Plattformen wie die Palantir Gotham, die mit neuen Softwareentwicklungen Data-Analysen für den Sicherheitsapparat und die Regierungsbehörden erstellen, mit denen in den Bereichen Verteidigung, nationale Sicherheit, Finanzwesen und Pharmaindustrie Analysen erstellt und visualisiert werden, um Entscheidungsprozesse zu beeinflussen. Oder wie Palantir Foundry, mit denen Banken, Hedgefonds oder Finanzdienstleister den Markt analysieren können. Pharmaunternehmen wie Merck in Darmstadt nutzen das Programm seit 2017 für Forschungsdaten bei der Entwicklung neuer Medikamente, für die Herstellung und den Vertrieb. Merck tat noch etwas hinzu und entwickelte „Foundry DevTools“, mit denen die Produktivität der Entwickler gesteigert werden soll. 2018 organisierten Palantir und Merck ein Joint Venture, die Datenplattform Syntropy, mit der für die Krebsforschung biomedizinische Daten aus verschiedenen Quellen zusammengetragen werden. Dass die Krebsforschung beschleunigt wird, ist natürlich nichts Negatives. Aber was damit verbunden ist, macht nachdenklich: Syntropy verknüpft Daten aus Krankenhäusern, Forschungseinrichtungen, klinischen Studien und aus Patientenakten. Dabei sind molekulare, genetische und biomedizinische Daten von Interesse. Und Syntropy arbeitet mit der Evidium KI-Plattform zusammen. Diese Plattform wiederum ermöglicht aus bisher unstrukturierten Daten, wie persönliche Erzählungen von Patient*innen oder unzusammenhängenden medizinischen Berichten, strukturierte Formate zu erzeugen. Damit werden zahlreiche bisher nicht verwendbare Datenmengen erschlossen.
2021 wurde von beiden Akteuren mit Athinia das zweite JointVenture gegründet. Damit wird die Halbleiterindustrie unterstützt, z. B. in dem Lieferkettenprobleme, wie fehlende Chipmengen und Qualitätsverbesserungen, analysiert werden.
Was lässt sich mit dem
Founders Fund erreichen, den
Thiel 2005 gegründet hat?
Mit diesem Fond wird in Kryptowährungen und Start-ups investiert, wie z. B, in SpaceX, Meta (Facebook) und OpenAI, ein Unternehmen, das 2015 gegründet wurde und mit ChatGPT 2022 die künstliche Intelligenz weltweit zum Thema machte. Die genauen Besitzverhältnisse von OpenAI sind nicht bekannt. In der Investorengruppe dabei ist auch Microsoft, allerdings ohne Kontrollrechte. Thiel scheint keine aktive Funktion auszuüben. Er konzentriert sich auf das Unternehmen Palantir Technologies, in dem Überwachungstechnologien entwickelt werden. Die Palantirs Software ist geeignet, Massenüberwachungen durchzuführen, sie wird bereits bei Abschiebungen eingesetzt und erfasst speziell auch Minderheiten oder marginalisierte Gruppen. Thiels Konzentration auf die KI-Unternehmen hat das Ziel, die angestrebten Monopole zu schaffen. Da die KI-Systeme auf vorhandenen Daten basieren, verstärken sie durch ihre Algorithmen vorhandene Diskriminierungen. Damit ist die Entwicklung jedoch nicht abgeschlossen: Erste militärische Einsatzmöglichkeiten über eine zusätzliche Spracherkennung gegen überwachte Gruppen werden entwickelt, damit können Angriffspläne erstellt werden, es kann um die Störung „feindlicher“ Kommunikation oder um Drohnenaufklärung gehen.
Anne S. Respondek ist Historikerin mit Schwerpunkt auf sexuelle Gewalt im Krieg. Sie erforscht die Bordelle in den Konzentrationslagern und die Bordelle der Wehrmacht und SS. Momentan promoviert sie an der TU Dresden mit dem Dissertationsprojekt „Wehrmachtsbordelle im Osten Europas“.
Diese GWR-Artikelserie ist eine populärwissenschaftliche Zusammenfassung ihrer Bachelorarbeit „Arbeitskommando Sonderbau – Über die Häftlingsbordelle in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern“, die unter diesem Titel auch als Buch erschienen ist.
Ihre Masterarbeit über Wehrmachtsbordelle („Gerne will ich wieder ins Bordell gehen – Maria K.’s freiwillige Meldung in ein Wehrmachtsbordell)“ wurde ebenso als Buch veröffentlicht, erhältlich bei Marta Press.
Anne S. Respondek betreibt die Seite www.wehrmachtsbordelle.de, auf der viele ihrer Texte zum Themenkomplex Prostitution im Nationalsozialismus, KZ-Bordelle, Wehrmachtsbordelle, sexuelle Gewalt in Kriegen kostenlos aufrufbar sind.