Liebe Leser*innen,
mit einem Vermögen von über 1.000 Milliarden US-Dollar, ist Elon Musk der erste Billionär der Weltgeschichte. Er behauptet, dass „Empathie die grundlegende Schwäche der Zivilisation“ sei. Dazu passt als Entgegnung ein Zitat von Hannah Arendt: „Der Tod der menschlichen Empathie ist eines der frühesten und deutlichsten Zeichen dafür, dass eine Kultur gerade in Barbarei verfällt.“
Wenn wir auf das Jahr 2025 zurückblicken, stellen wir fest, dass mit Hilfe von Musk, Thiel und anderen Tech-Milliardären die USA gerade in Barbarei verfallen. Seit dem Amtsantritt von Donald Trump im Januar 2025 werden die Vereinigten Staaten systematisch in eine faschistische Autokratie umgewandelt. Es drohen weitere Kriege, eine neue Epoche des Imperialismus, Raubkapitalismus, Lügen und Faschismus.
Auch in Deutschland fällt der Jahresrückblick bitter aus. Der Rechtsruck wurde mit der Wahl von Merz zum Kanzler nicht gebremst. Im Gegenteil. Merz, Dobrindt, Klöckner, Spahn, Söder und Co. bereiten mit ihrer gegen Geflüchtete, Migrant*innen und Arme gerichteten Politik den Boden für die extrem rechte AfD, die in Umfragen mittlerweile vor der CDU/CSU liegt.
Merz betreibt die Propaganda, die sich die AfD wünscht. Seine Regierung habe viel erreicht und die Zahlen der neuen Asylanträge von August 2024 auf August 2025 um 60 Prozent reduziert, betonte der CDU-Politiker und fügte hinzu: „Aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem und deswegen ist der Bundesinnenminister ja auch dabei, jetzt in sehr großem Umfang auch Rückführungen zu ermöglichen und durchzuführen.“ Merz befeuert mit seiner „Stadtbild“-Debatte den Rassismus und lenkt davon ab, dass die Abschiebepolitik seines Innenministers gegen Menschenrechte und EU-Recht verstößt.
Das gemeinsame Vorbild von Merz, Spahn, Alice Weidel und Co. ist in Sachen Anti-Migrat*innenpolitik offensichtlich Trump, der mit einer brutalen Politik zwei Millionen Menschen pro Jahr aus den USA deportieren will.
Das Befeuern der Klimakatastrophe durch eine klimafeindliche Politik, das ungebremste Artensterben, die Verschärfungen beim Bürgergeld, die Pläne zur Aufrüstung und Militarisierung,… bei all den Horrormeldungen, vergessen wir allzu schnell, dass es auch Mut machende Aktionen gibt.
In den USA haben sieben Millionen Menschen gegen das Trump-Regime demonstriert und der gewaltfreie, antiautoritäre Widerstand gegen den aufkeimenden US-Faschismus lebt, wie der von Helga Weber-Zucht übersetzte Artikel „Eine neue Phase des Widerstands“ (S. 3ff.) von Daniel Hunter zeigt.
In Gießen haben am 29. November 2025 rund 50.000 Menschen phantasievoll und entschlossen gegen die AfD-Jugend demonstriert. Trotz massiver Polizeigewalt konnten sie den Beginn des neofaschistischen Jugendtreffens durch Blockaden und Direkte Gewaltfreie Aktionen über zwei Stunden lang aufhalten (siehe Seite 5).
Erfolgreich war auch der Schulstreik gegen die drohende Wiedereinführung der Wehrpflicht, an dem sich am 5. Dezember in 90 Städten über 55.000 Schüler*innen beteiligt und der Repression getrotzt haben. Die Kampagne „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ hatte dazu aufgerufen, dem Unterricht fernzubleiben und stattdessen an den antimilitaristischen Demos teilzunehmen. GWR-Mitherausgeberin Silke hat Adri von der Heidelberger Schulstreik-Gruppe interviewt (S. 17) und der Provisorische anarchistische Antikriegsrat Berlin zeigt mit seinem Artikel „Die ‚Wehrpflicht‘ sabotieren – überall“, dass die Bundeswehr Fragen hat, auf die wir eine klare Antwort haben: „Nein!“
Die belarussische Menschenrechtsaktivistin Olga Karach berichtet auf Seite 17 über die Wilija-Neris, eines der letzten intakten Flussökosysteme im Baltikum, dem durch die schrittweise
Umwandlung in eine militärische Mobilitäts- und Evakuierungsroute die Zerstörung droht. Christoph Marischka skizziert mit „Bewegung im Wandel der ‚Zeitenwende‘“ (S. 1, 18) die seit 30 Jahren geleistete antimilitaristische Aufklärungsarbeit der Informationsstelle Militarisierung (IMI).
Feminismus
Lara Islinger zeigt unter dem Titel „Es ist einfacher, in Polen abzutreiben als in Deutschland“ (S. 13), wie feministische Aktivist*innen gegen das Abtreibungsverbot kämpfen und gleichzeitig die Versorgung mit sicheren Abtreibungen selbst in die Hand nehmen. Utta Isop setzt sich mit der Gewalt gegen Frauen und Mädchen auseinander und fordert: „Schluss mit Patriarchaten!“ (S. 14)
Gisela Notz stellt uns die in Europa kaum bekannte, argentinische Anarchafeministin Virginia Bolten (S. 15) vor.
Schwerpunkt Antifaschismus
Neben den oben bereits erwähnten Artikeln hat der antifaschistische GWR-505-Schwerpunkt weitere spannende Artikel zu bieten. Joseph Steinbeiß nimmt unter dem Titel „Die Fußangeln der Populärkultur“ (S. 1, 8) die Politik und KI-Produkte des rechtsextremen Milliardärs Peter Thiel unter die Lupe.

Die neofaschistische Bedrohung in Frankreich ist Thema des Interviews mit einem Aktivisten der französischen Antifa-Gruppe „La Horde“ (S. 6f.). Hanna Poddig fordert „Kein(en) Kuchen für Faschisten“ (S. 5) und Manuel Förderer zeigt „Kipppunkte“ (S. 8) auf. Andreas Speit hat gerade das Buch „Autoritäre Rebellion“ herausgebracht. Im Gespräch mit der GWR stellt er klar: „Wer Faschismus nur als Problem einzelner ‚böser Menschen‘ behandelt, verfehlt den Kern.“ Teil 2 des Interviews erscheint im Februar in der GWR 506.
Britta Rabe knüpft mit ihrem Artikel „Wo ist Hannas Arbeit?“ (S. 11) an Silkes GWR-504-Text über den „Budpest-Komplex“ an. Maurice Schuhmann stellt uns in seiner monatlichen Comic-Kolumne (S. 12) diesmal die antifaschistischen RASH-Fanzines aus Frankreich vor.
„Lieber Atheist sein als gar keinen Glauben haben“, findet Torsten Bewernitz. Mit seiner Entgegnung „Atheismus in Missionarsstellung“ (S. 19) bezieht er sich auf drei Beiträge der GWR 504 vom Dezember 2025, in denen es um das Verhältnis von Anarchismus und Religion ging. Eine spannende Diskussion, die gerne in den nächsten Ausgaben weitergeführt werden kann.
In der „Wunderkammer“ der GWR auf den Seiten 20 bis 24 findet Ihr u.a. einen Wiener Kongressbericht, eine neue „so süß wie Maschinenöl“-Glosse, Buchbesprechungen, Leser*innenbriefe und einen Spendenaufruf für die Graswurzelrevolution.
Persönliches
Heute hat mich eine Genossin gefragt, wie ich es angesichts der weltweiten Entwicklungen schaffe, den Mut nicht zu verlieren. Das ist eine gute Frage.
Ähnlich wie Albert Camus stelle ich mir Sisyphos als glücklichen Menschen vor, der immer wieder den Stein den Berg hinauf schiebt – für eine solidarische, gewaltfreie und herrschaftslose Gesellschaft – jenseits von Kapitalismus, Nationalismus, Patriarchat und Staat.
Als GWR-Redakteur habe ich das Privileg, jeden Monat eine tolle Zeitschrift mitzugestalten, die sich dem Wahnsinn trotzig in den Weg stellt. Wenn in der Redaktion dann begeisterte Leser*innen anrufen, ist der Tag gerettet. Und das kommt gar nicht so selten vor.
Die antikapitalistische Agentur reso.media
Mehr als nur einen Tag versüßt hat uns auch das Kollektiv reso-media. Die Genoss*innen haben uns Exemplare ihrer druckfrischen, 64seitigen Broschüre im Format 110 x 174 mm geschickt. Titel: „500 Ausgaben Graswurzelrevolution. Ausgesuchte Texte – Geschichte und Grundlagen des Graswurzelanarchismus.“
Zur Begründung schreiben sie: „Im Sommer 2025 ist die Ausgabe 500 der anarchistischen Zeitung ‚Graswurzelrevolution‘ erschienen. Dieses haben wir von reso.media zum Anlass genommen, die Zeitung als auch den Verlag ‚Graswurzelrevolution‘ mit dieser Broschüre zu würdigen und wertzuschätzen. Es sind Texte der ‚Graswurzelrevolution‘, die wir ausgesucht haben und die wir für wichtig erachten. reso.media fühlt sich der ‚Graswurzelrevolution‘ verbunden und möchte dazu beitragen, dieses wichtige anarchistische Projekt zu unterstützen.
Neben ausgesuchten Texten enthält diese Broschüre eine längere Einleitung von reso.media, in der formuliert wird, warum wir eine grundlegende anarchistische Gewaltkritik für wichtig erachten, nicht nur beispielsweise in antimilitaristischen Bewegungen.“
Großartig! Danke! Die Broschüre ist erhältlich bei Schwarze Socke Mailorder (1) und kann kostenlos als PDF (2) heruntergeladen werden. GWR-Neuabonnent*innen können sie ab sofort auch als GWR-Aboprämie (3) bekommen.
Ich wünsche Euch und uns ein besseres 2026, Anarchie und Glück,
Bernd Drücke
(GWR-Koordinationsredakteur)