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Das revolutionärste Mitglied der Frankfurter Schule

Herbert Marcuses Leben und Werk als Graphic Novel

| Peter Oehler

Nick Thorkelson: Herbert Marcuse – Eine illustrierte Biografie,Unrast Verlag, Münster 2025, 118 Seiten, 18 Euro, ISBN: 978-3-89771-202-7

 

Nick Thorkelson skizziert das Leben und Werk des berühmten deutsch-amerikanischen Soziologen, Philosphen und Politikwissenschaftlers Herbert Marcuse. Acht wichtige Bücher Marcuses werden vorgestellt, am ausführlichsten davon „Triebstruktur und Gesellschaft“ und „Der eindimensionale Mensch“. Zudem zeigt der Comic einen Überblick über die neuere Zeitgeschichte ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Aus dem Vorwort zur deutschen Ausgabe von Peter-Erwin Jansen geht hervor, dass diese Graphic Novel im Kontext der Internationalen Herbert Marcuse Society entstanden ist und bereits bei deren Marcuse-Konferenz 2019 vorgestellt wurde.
Nach einer kurzen Einleitung beginnt die Story mit dem jungen, assimilierten Juden Herbert Marcuse (geboren 1898) im Berlin der Jahrhundertwende. Bereits in jungen Jahren bekommt er den Nationalismus, den Antisemitismus, den Klassenkampf, den Krieg und das Aufkommen des Nationalsozialismus mit. Er studiert Literatur und politische Philosophie. 1928 stößt er auf Martin Heidegger und wechselt deshalb von der Humboldt-Universität zu Berlin nach Freiburg. Marcuse: „Es kam uns so vor, als ermögliche Heidegger, eine große Kluft zu überwinden.“ (S. 18)
Erzählt wird auch die Geschichte der Frankfurter Schule, die durch die Gründung des Instituts für Sozialforschung 1924 entstand. Aufgrund der Machtübernahme der Nazis ging sie 1933 ins Exil nach Genf, wo Marcuse dazustieß. Bald migrierte die Frankfurter Schule nach New York, 1942 weiter nach Kalifornien. Da Marcuse nicht weiter von Adorno und Horkheimer am Institut für Sozialforschung beschäftigt wurde, arbeitete er, sowie weitere seiner Kollegen, daraufhin beim OSS, dem Nachrichtendienst des US-Kriegsministeriums (der Vorgänger des CIA). Nach dem Zweiten Weltkrieg besuchte Marcuse in seiner Uniform als OSS-Mitarbeiter Heidegger in seiner Berghütte in Deutschland, konnte ihn aber nicht von seinem nationalsozialistischen Irrweg abbringen.
Die Frankfurter Schule kehrte nach Frankfurt zurück. Marcuse blieb dagegen in den USA. Er war an verschiedenen Universitäten tätig und zog 1965 an die University California San Diego (UCSD). Seine wohl bekannteste Studentin war die Afroamerikanerin Angela Davis. Während der 1968er-Bewegung war er als Aktivist bei den StudentInnen. Sein 1964 zuerst auf Englisch erschienenes Buch „Der eindimensionale Mensch“ machte Marcuse zu einem Campus-Superstar. (S. 64)
Mit seiner Popularität im linken Milieu wurde er zum Ziel der Rechten: „Marcuse – Sie sind ein sehr dreckiger Kommunistenhund. Wir geben Ihnen 72 Stunden, um in den Vereinigten Staaten zu leben. 72 Stunden, Marcuse, dann werden wir Sie umbringen. – Ku Klux Klan.“ (S. 71) Auch der spätere US-Präsident Reagan mischte mit: „Der kalifornische Gouverneur Ronald Reagan verlangte (& erreichte letztlich auch) Marcuses Entlassung aus der philosophischen Fakultät der UCSD.“ (S. 70)
Wegen seines Engagements fiel Marcuse aber auch in Ungnade bei seinen Kollegen der Frankfurter Schule, es kam zum Streit mit Adorno und Horkheimer. Sie blieben lieber bei ihrer Kritischen Theorie und meinten zu ihm, dem „revolutionärsten Mitglied der Frankfurter Schule“ (S. 111): „Dieser unfruchtbare & brutale Aktionismus der Neuen Linken hat nichts mit Theorie zu tun.“ (S. 82)
Der Briefverkehr mit Adorno hielt an bis zu dessem frühen Tod 1969.
Nicht nur Angela Davis stellt in ihrem Vorwort die Aktualität von Marcuse und seinen Schriften heraus: „[D]enke ich, dass Marcuses Ideen heute so wertvoll sein können wie vor fünfzig Jahren.“ (S. vii) Sondern auch der Autor Thorkelson hebt sie immer wieder in seinem Comic hervor. Auf Seite 24 stellt er z. B. den Plutokraten Anfang der 1930er Jahre das Jahr 2016 („Make America Great Again“) gegenüber. Und: „Allerdings blieben ihre [der Frankfurter, also auch Marcuses, beim OSS] Empfehlungen für den Nachkriegsaufbau unbeachtet.“ Gegenüber „Merkel an Griechenland: Unterwerft euch oder sterbt.“ (S. 43) Sowie: „Der eindimensionale Mensch“ gegenüber „Die Menschheit wandert auf der Erde umher, dazu verdammt, von der Arbeit ihrer Daumen zu leben.“ (S. 64) Eine Anspielung auf unsere heutigen Smartphones!
Nicht zuletzt aufgrund dieser Aktualität ist die vorliegende Graphic Novel (als Einstimmung) sehr zu empfehlen. Aber auch all denjenigen, die sich einen Überblick bezüglich Marcuse und seinem Wirken in der jüngeren Zeitgeschichte der (studentischen) Bewegungen verschaffen wollen.